All posts by Guenther Grosser

Posted On September 1, 2022By Guenther GrosserIn Crimemag, CrimeMag September 2022

Günther Grosser zur Lakonie von Ken Bruen

Ein Meister wie Buster Keaton Ein Blick auf Ken Bruens Stil, anlässlich „Aliens Bändigung“ Als Ken Bruen 1979 nach vier Monaten Hölle in einem brasilianischen Knast endlich entlassen wird, ist er am Ende. Jahre später wird er die grausame Erfahrung bei einem Interview in ein paar Sätze kondensieren: „Ich hatte alles an menschlichem Leiden, an Erniedrigung abbekommen, das man sich nur vorstellen kann. Ich bin dort dem Bösen in seiner reinsten Form begegnet – böse sein, bloß weil man böse sein kann.“ Er ist 38 und fängt zu schreiben an, reistRead More

Posted On Juli 1, 2022By Guenther GrosserIn Crimemag, CrimeMag Juli 2022

Kevin Barrys „Nachtfähre nach Tanger“

Ein Flammenwerfer von Erzähler Günther Grosser über den neuen Roman des Iren Kevin Barry Da sitzen sie, zwei alte Haudegen des Drogenschmuggels, am Hafen von Algeciras in Südspanien und warten auf die Fähre aus Tanger. Allerdings liegen die Drogenzeiten lange zurück, diesmal warten sie auf Dilly, die Tochter des einen, die sich davon gemacht hat, zu den Hippies, zu einem anderen, wilderen Leben, und jetzt räsonieren und schwadronieren die zwei Zausel aus Irland, aus Cork, in Kevin Barrys überschwänglich-melancholischem Roman „Nachtfähre nach Tanger“. „Altes Wetter hat ihnen das Gesicht, dieRead More
Ein fest Vergessener kehrt zurück Andrew Haswell Green war eine der schillerndsten Figuren in der langen Geschichte New Yorks, seit 1626 der Holländer Peter Minuit den Lenni Lenape die Halbinsel Manna-Hatta für 60 Gulden abkaufte und das Gebiet Neu-Amsterdam nannte, welches dann vierzig Jahre später im Krieg kampflos den Engländern überlassen wurde, die es in New York umbenannten. Als Green weitere 230 Jahre später als Commissioner der Schulbehörde seine lange Karriere beginnt, ist ganz Manhattan bereits mit einem rasterförmigen Straßennetz überzogen und New York zur Großstadt geworden. Green zeichnet inRead More
Den wahren Namen der Erzählerin von „Fallstudie“, dem neuen Roman des schottischen Prachterzählers Graeme Macrae Burnet, erfahren wir bis zum Ende nicht, wenn sie dann zu `Rebecca´ geworden sein wird. Sie ist der Überzeugung, dass der Selbstmord ihrer Schwester zu Lasten des Psycho-Gurus Collins Braithwaite geht und gibt sich zu Recherchezwecken bei mehreren Therapie-Sitzungen als ebenjene Rebecca aus. Braithwaite allerdings – und die Hälfte von „Fallstudie“ bildet die Biografie dieses Anti-Psychiatrie-Gurus – ist eine schillernde Figur, wie sie die damalige Zeit in so vielen Varianten hervorbrachte: Der weitaus größte TeilRead More
Hinaus aufs Land Bislang streiften wir in sieben Romanen mit ihr durch die Straßen Dublins, jetzt zieht die Irin Tana French uns in „Der Sucher“ hinaus auf´s Land. Bisher lavierte sie uns mit einer Art multiperspektivischer Methode durch komplexe Geschichten, bei denen jeweils ein anderes Mitglied der Dubliner Polizei an den Rand seiner Möglichkeiten geriet, jetzt blicken wir allein mit den Augen eines amerikanischen Ex-Cops auf einen scheinbar harmlosen Vermisstenfall. Zuletzt, in „Der dunkle Garten“ hatte sie uns bereits aus der Innenstadt in ein einzelnes Haus draußen am Rand DublinsRead More
Ein Faustschlag Literatur in Gottes Angesicht Die Mexikanerin Fernanda Melchor jagt den ewig fluchenden Trottel Polo durch den wilden Kurzroman „Paradais“. Polo, 16, muss als Gärtner schuften für die Reichen in der Luxusanlage Paradise nahe Veracruz – Paradais wird es ausgesprochen, weil es Englisch ist, hat ihm der Obergärtner erklärt, dieser Arsch – und abends lungert er mit dem fetten Franco, der in der Anlage wohnt, am Fluss rum und hört sich dessen saublöde Fickfantasien an, wie der die Nachbarin Señora Marián Maroño flachlegen wird „mit ihren roten Lippen undRead More

Posted On Juni 1, 2021By Guenther GrosserIn Crimemag

Jérôme Loubrys Thriller „Der Erlkönig“

Es wird alles immer schlimmer Es beginnt wie ein Horrorschocker mit toten Kindern am Strand und endet wie eine Psychologievorlesung mit verblüfften Studenten. Dazwischen liegen in dem vielschichtigem Thriller „Der Erlkönig“ des französischen  Schriftstellers Jérôme Loubry zähe Erkenntnisgänge nach dem Prinzip der russischen Matrjoschka-Puppen: Kaum hat man sich mit einer Lösung des blutigen Rätsels zufrieden gegeben, taucht am Horizont des Wissens die nächste auf.  1986: Auf einer abgeschiedenen Insel vor der normannischen Küste gerät die junge Journalistin Sandrine in eine Spukgeschichte: kauziges Personal, streunende Katzen, in der Jukebox der einzigen KneipeRead More
Leise, exzellent Dass und wie Geschichte und Geschichten der Gegenwart ihren blutigen Stempel aufdrücken, ist das älteste und mächtigste Thema der Literatur, und auch die US-amerikanische Schriftstellerin Laila Lalami hievt in ihrem Roman „Die Anderen“ unserer Zeit ein paar Brocken auf den geschundenen Rücken: nicht ganz verheilte Wunden des Irakkriegs, Querschläger aus dem Hasspotential von 9/11 und den uralten Rassismus.  Mitten in der Nacht wird Driss Guerraoui, Besitzer eines Diners, an einer Kleinstadt-Kreuzung in der kalifornischen Mojavewüste überfahren. Seine Tochter Nora, Komponistin mit noch schwach entwickelter Karriere, versucht die örtlicheRead More
Last Man Standing Der Abschlussberichts des Bundestags-Untersuchungsausschusses zum Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz kurz vor Weihnachten 2016 liegt noch nicht vor, da flattert mit „Der Solist“ bereits ein Thriller zum Fall Anis Amri auf die Krimistapel und das nicht von irgendwem, sondern von Jan Seghers alias Matthias Altenburg, der mit sechs – auch als ZDF-Serie verfilmten – Romanen um den Frankfurter Kommissar Marthaler bekannt wurde. Diese alten Polizei-Romane hatten eine schöne Leichtigkeit und erzählten breite, einnehmende Geschichten vom trägen Leben in und um Frankfurt am Main. Der neue ist enttäuschend, weilRead More
Als die Boys von der Wallstreet und anderen abstoßenden Orten Anfang der 1980er Jahre sich erste Gedanken dazu machten, wie sie an die Milliarden und Abermilliarden herankämen, die auf europäischen – hauptsächlich deutschen – Sparkonten herumlagen und bloß Zinsen kosteten, hatten sie schnell ein paar packende Ideen. Sie brauchten zwanzig Jahre, um durch gezielte Lobbyarbeit und „Lobbyarbeit“ die entsprechenden Politiker und Entscheider davon zu überzeugen, dass Sparen und Rente altbackener Quatsch sind und jeder erstens sein Erspartes investieren und zweitens für sich selber sorgen solle. Im gleichen Zeitraum hatten sieRead More

Posted On Februar 3, 2019By Guenther GrosserIn Crimemag, CrimeMag Februar 2019

Netflix-Serie „Murder Mountain“

Das Samaragd-Dreieck Günther Grosser über eine Netflix-Serie aus Humboldt Country Humboldt County ist ein Landkreis in Nordkalifornien, viermal so groß wie das Saarland, allerdings mit gerade einmal einem Zehntel der Einwohner, ein hügeliges Waldgebiet, fünf Autostunden von San Francisco, das wegen seiner billigen Bodenpreise und seiner Abgeschiedenheit seit den 1970er Jahren große Anziehungskraft auf die Counterculture der Bay Area ausübte. Hippiekommunen zogen von dort nach Norden und unternahmen den Versuch, alternative Lebensformen auf soliden Grund und Boden zu stellen, und viele hatten tatsächlich eine sehr lange Lebensdauer. Zum Ausstieg gehörtenRead More

Posted On Dezember 16, 2018By Guenther GrosserIn Crimemag, CrimeMag Dezember 2018

Günther Grosser: Bill Beverly „Dodgers“

Wo die neue Energie herkommen könnte Die Dodgers, das ist das Baseballteam von Los Angeles, ursprünglich aus New York, wo sie als die „Bums“ galten, die Schmuddelkinder aus Brooklyn, die sich immer zu behaupten hatten gegen die großen Yankees aus der Bronx und die Giants aus dem Norden, aus Washington Heights. 1958 zogen sie nach Westen, nach Los Angeles, die Giants nach San Francisco, das Geld war jetzt in Kalifornien zu machen. Man planierte ein halbes Mexikanerviertel für ihr neues Stadion, Ry Cooder hat ein brillantes Album darüber eingespielt, „ChavezRead More