Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Oktober 2025, CrimeMag September 2025, News

Der »starke Mann« war gar nicht mehr kreditwürdig

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Warum der Widerstandskämpfer Karl Anders bei der »Frankfurter Rundschau« totgeschwiegen wird (Teil 7)

– Eine Recherche von Alf Mayer in mehreren Teilen.

Siehe auch:
Hier nebenan die Auflösung des Falls: (8) Auch du, Brutus: Wie es zur Entsorgung von Karl Anders kam. 1. August 1957 – Der Tag, an dem sich die »Frankfurter Rundschau« eine historische Last aufbürdete.
sowie
(7) Der Artikel, den Sie gerade lesen
(6) 80 Jahre ‹Frankfurter Rundschau› – und ein Riesenproblem
(5) Die »Rundschau« im Jahr 1955, fern wie der Mars
(4) Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«
(3) Alf Mayer: Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen?
(2) Karl Anders – Biografischer Schnelldurchlauf1)
(1) Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal
(0) Karl Anders – »Krähen-Meister«. Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist… Ein Salut zum 20. Todestag, CulturMag März 2017

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Leserbrief an die »Frankfurter Rundschau«, 15.09.2025:
Ihre Berichterstattung »Die FR feiert im Römer – ohne Pomp und Lobhudelei« zum Festakt »80 Jahre Frankfurter Rundschau“«vom 14.09. 2025 ist leider in einem elementaren Punkt nicht korrekt. Der in Ihrer Zeitung seit August 1957 totgeschwiegene Karl Anders war nicht nur »Verlagsleiter«. Er war Mit-Verleger, wurde 1954 von Karl Gerold 1954 als sein Partner in die Zeitung geholt. Karl Anders rettete die FR mit einem Kredit, den Gerold nie erhalten hätte. Warum wird das verschwiegen? Ich habe diese Fakten recherchiert, kann sie umfänglich belegen. Wie Sie wissen habe ich wg. der anhaltend unzureichend bis falschen Berichterstattung Ihrer Zeitung in Sachen Karl Anders Beschwerde beim Presserat eingereicht
.

Mit freundlichen Grüßen, Alf Mayer, Journalist – – Dieser Leserbrief wurde von der FR nie veröffentlicht. Es gab auch keine Antworte auf Nachfragen, AM.

Aktualisierung: Deutsche Presserat nahm die Beschwerde und sprach im Dezember 2025 der »Frankfurter Rundschau« eine einstimmige Missbilligung aus – wegen eklatantem Verstoß gegen den Pressekodex, Ziffer 2, die Pflicht zu sorgfältiger Recherche. Der Fall ist nun notorisch als Sorgfaltswidrige Darstellung in der Unternehmenschronik eines Zeitungsverlags (Aktenzeichen: 0968/25/1-BA).

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Beilage, September 2025

Unnachahmlich, unsere «Frankfurter Rundschau« in Sachen ihres totgeschwiegenen Widerstandskämpfers Karl Anders und der scheibchenweise Anerkennung seiner Wichtigkeit für dieses Presseorgan. Jetzt am 11. September (of all days) wurde sein Name zum ersten Mal seit August 1957 im »Rundschau«-Zusammenhang wieder öffentlich genannt: beim Römer-Empfang zum 80. Geburtstag der Zeitung. Im Bericht darüber schrieb Chefreporter Pitt von Bebenburg: »Auch Ann Anders ist da, die frühere Frankfurter Grünen-Politikerin und Tochter des ehemaligen FR-Verlagsleiters Karl Anders – dessen Rolle dank ihrer Hartnäckigkeit zum Jubiläum wiederentdeckt worden ist. Anders hatte die FR von 1953 bis 1957 gemeinsam mit Karl Gerold geleitet und war bisher in der Geschichtsschreibung aus unbekannten Gründen nicht erwähnt worden.“

In der zu diesem Empfang zusammengestellten Extra-Beilage »Frankfurter Rundschau 80 Jahre« lesen wir von Wolf Dieter Brügmann, ehemaliger Redakteur und jetzt im Ruhestand, dem Haus-Historiker der FR (»Keiner kennt die Geschichte der Zeitung so gut wie er«, heißt es dazu) folgende auf Seite 12 versteckte Sensation:

»Gerold musste sich von 1953 an seinen Einfluss im Verlag mit einem Mann teilen, über den in der FR-Geschichtsschreibung bisher nichts zu lesen war: Karl Anders. Die damalige FR-Generation hat diese Zeit mit Schweigen belegt. Warum? Darüber kann nur spekuliert werden

Halten wir fest, dass man bei der »Frankfurter Rundschau« (der Aufklärung verpflichtet, haben wir doch immer gedacht) anscheinend etwas/ jemanden mit Verschweigen belegen kann. Wow! Müsste das nicht untersucht werden? Vielleicht sogar von der eigenen Zeitung? Oder wischen wir es mit einem Achselzucken weg? Wir Jüngeren haben ja nichts gewusst. Klappe zu, Affe tot?

Halten wir zudem fest, dass der ehemalige Nachrichtenchef der FR anscheinend Spekulation als gängiges journalistisches Instrument ansieht. Von anderen Zeitungen und aus meiner Zeit bei der »Augsburger Allgemeinen« weiß ich, dass es etwas auf die Finger oder gar den Verweis aus der Tür gegeben hätte, wenn man als Journalist mit »Spekulieren« angekommen wäre. »Erst mal recherchieren!«, bekäme man da gesagt. Dass das möglich ist, sogar in diesem schwierigen, »mit Schweigen belegten« Fall, beweise ich hier. Alle Dokumente (auch die nebenan im Beitrag Auch du, Brutus: Wie es zur Entsorgung von Karl Anders kam) stammen aus öffentlich zugänglichen Archiven. Man muss nur hingehen und suchen.

Halten wir zusätzlich noch fest, »Hartnäckigkeit« alleine war es wohl nicht, die jetzt zur plötzlichen »Wiederentdeckung« geführt hat. (Am 1.8.2025 zum Beispiel, in der Jubiläumsausgabe zum 80. Geburtstag der FR wußte Pitt von Nebenburg noch nichts von der »wichtigen Rolle« dieses Karl Anders. Da repetierte er noch im Aufmacher »Seit 80 Jahren eine linksliberale Stimme« die altbekannte Rundschau-Hausversion der Wahrheit, nämlich: »Von 1954 an war Gerold alleiniger Verleger, Herausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und blieb das bis zu seinem Tod 1973. Sein Vermächtnis ist die Karl-Gerold-Stiftung, die bis heute zehn Prozent der Anteile an der Zeitung hält.« Tja, ist nur ein Wort, aber ein fundamental falsches … dieses »alleinig«. An diesem Wörtchen hängt die Hauslegende der »Frankfurter Rundschau«. Und die hängt nun, für alle sichtbar, schief.

Halten wir fest: Es waren auch meine Veröffentlichungen hier im Online-Magazin »CulturMag« und im Frankfurter »Strandgut«, die bei der»Wiederentdeckung« maßgeblich waren. Aber einzuräumen, dass anderswo mehr recherchiert wird als beim »Qualitätsblatt FR« (Eigenwerbung), das scheut sich Pitt von Bebenburg. Was die »unbekannten Gründe« angeht, warum Karl Anders bisher in der Geschichtsschreibung der »Rundschau« nicht erwähnt wird, hier nun hieb- und stichfest belegbare Nachhilfe für den Chefreporter und sein Blatt. (Und siehe auch nebenan in dieser Ausgabe den Brutus-Artikel, dort finden sich noch mehr Dokumente und Belege.)

Noch immer ist übrigens auch, Stand 18.09.2025 (wird aktualisiert, d. Red.), online in »80 Jahre Frankfurter Rundschau – eine Chronik« folgende Falschdarstellung zu lesen: »1954: Herausgeber Arno Rudert stirbt. Seine Witwe behält ein Viertel der Anteile am Druck- und Verlagshaus, wie das Unternehmen seit 1948 heißt. Gerold ist nun in einer Person alleiniger Herausgeber, Verleger und Chefredakteur.«

Das Rundschau-Haus, mitte der 1950er

Belegbare Tatsache aber ist: 1954 herrschte Chaos bei der »Frankfurter Rundschau«, sie befand sich wirtschaftlich am Abgrund: die Baukosten für das neue Rundschau-Haus an der Großen Eschenheimer waren überzogen, die Kreditlast erdrückend, der Kreditrahmen zu eng. Mitherausgeber Arno Rudert (mit dem Karl Gerold heftig über Kreuz lag) war am 27. März 1954 plötzlich verstorben. Die Witwe Rudert blockierte und prozessierte, wollte ihre Anteile am liebsten an ein anderes Zeitungshaus verkaufen. Dann meuterten auch noch der technische Leiter Max Racky und der kaufmännische Leiter Peter Schönfeld. Sie konfrontierten Karl Gerold mit einem Übernahmevorschlag, der ihn degradiert hätte. (Liegt mir vor.)

In der zehnseitigen Klageschrift vom 9. Oktober 1957 »Anders gegen Druck- und Verlagshaus« heißt es: »Arno Rudert starb am 27.3. 1954. Herr Gerold, der sich im wesentlichen um die Redaktionsangelegenheiten kümmerte und von den wirtschaftlichen Dingen wenig verstand, hatte noch zu Lebzeiten des Herrn Rudert unerfreuliche Auseinandersetzungen mit diesem, die sich nach Ruderts Tod mit der Witwe fortsetzten. Es kam zu einer Klage (…). Dazu kam, dass der Kreditbedarf der Beklagten ((das ist der Verlag der FR, d. Red.)), die seit Jahren unter Kapitalmangel gelitten hatte, immer dringlicher und kritischer wurde. Die damalige Kreditgeberin, eine Frankfurter Großbank, drängte auf Abdeckung der gegebenen Kredite und auf Einhaltung der übernommenen Rückzahlungs-Verpflichtungen. (…) Zum anderen musste ein tüchtiger und energischer Fachmann gefunden werden, der anstelle von Herrn Rudert die Geschäftsführung (…) übernahm und der zugleich das Vertrauen der neuen kreditgebenden Bank genoss. (…) Die Situation wurde immer schwieriger, Herr Gerold war ihr in keiner Weise gewachsen. Das Weiterbestehen der Frankfurter Rundschau war gefährdet. Der Bankkredit von 1,6 Millionen DM war zum 1.9.1954 gekündigt. Man wusste nicht, woher man das Geld nehmen sollte.«

Die Zeit drängte: »Die Situation wurde immer schwieriger, Herr Gerold war ihr in keiner Weise gewachsen … das Weiterbestehen der Frankfurter Rundschau war gefährdet…« – Auszug aus der Klageschrift. © Archiv AM
Quittungsbeleg für die Notariatsurkunde Gesellschaftervertrag Anders-Gerold, Abtretung von Herausgeberanteilen. © Akten, soweit sie ein Wasserzeichen tragen: Archiv der sozialen Demokratie/ Friedrich Ebert Stiftung, Bonn, mit freundlicher Genehmigung der Nachlassgeberin Dr. Ann Anders

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In dieser Situation holte Gerold – nachdem er es zuvor beim Verleger der »Nürnberger Nachrichten« versucht hatte – Karl Anders als neuen Partner ins Boot. Sie kannten sich seit 1949. »Ich bin auch mit einigen anderen ‹schwierigen› Menschen befreundet«, meinte Anders dazu. Gerold hatte ihn schon davor zur Zeitung holen wollen, er aber hatte abgelehnt, wollte das auf keinen Fall als Angestellter. Höchstens gleichberechtigt. Nun war es so weit. Wieder aus der Klageschrift:

»Am 17.7.1954 trat der Kläger sein Amt, mit kommissarischen Vollmachten des Herrn Gerold ausgestattet, an. Herr Gerold nahm einen längeren Urlaub. Die als neue Kreditgeberin eintretende Bank war nunmehr im Gegensatz zu vorher – ‹Herrn Gerold geben wir keinen Pfennig› – bereit, einen Kredit von 2 Millionen DM zu gewähren. Damit war die Beklagte gerettet. Herr Gerold trat einen Teil seines Geschäftsanteiles an den Kläger ab. Der Kläger wurde zum Gesellschafter. Außerdem sollte der Kläger auf Lebenszeit Geschäftsführer des Beklagten werden. Die entsprechenden Verträge wurde geschlossen…«

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Der langfristig auf zehn Jahre angelegte Kredit der BfG war explizit und samt Bürgschaftsurkunde mit dem Namen Karl Anders verbunden. Er war der Vertrauensmann der Bank im Unternehmen, noch durch die zwei Prozess-Instanzen am Ende war immer ein Anwalt der BfG mit involviert. (Und da spricht die Gerold-Stiftung jetzt am 14. August 2025 noch immer von ihm als einem »ehemaligen Mitarbeiter«.)

Weiter im amtlichen Dokument: »Mehr als zwei Jahre überließ Herr Gerold dem Kläger völlig die geschäftliche und technische Leitung des Betriebes, der rund 1 000 Personen beschäftigt und einen Jahresumsatz von 25 Millionen hat. Unter Aufbietung aller Kräfte verbesserte sich die Lage des Unternehmens in den letzten Jahren. Bedingt durch betriebliche Unzulänglichkeiten und die verschiedene Auffassung, wie sie zu beheben seien, kam es zu gelegentlichen Unstimmigkeiten zwischen den beiden Geschäftsführern, wie sie in jedem Betrieb vorkommen. Sonst war die Zusammenarbeit durchaus gut, was bei der schwierigen, zu Temperamentsausbrüchen neigenden Persönlichkeit des Herrn Gerold immerhin bemerkenswert ist.«

Neben der erfolgreichen Führung der Geschäfte zeitigte die Arbeit von Karl Anders der der »Rundschau« durchaus auch publizistische Spuren in der Zeitung. Sein Ansehen bei den Schriftstellern des Exils und seine verlegerischen Verbindungen in den angelsächsischen Raum trugen viele Früchte. Auch die Sonder-Beilage zum jetzt voll funktionierenden Rundschau-Haus trug deutlich seine Handschrift. Samt 24 Seiten als Sondernummer der Wochenendbeilage »Zeit im Bild«, sowie die damals sensationelle vierfarbige Tiefdruck-Beilage. Ebenso die 60seitige Ausgabe zu »Zehn Jahre Wiederaufbau in Frankfurt«. Siehe auch: Die »Rundschau« im Jahr 1955, fern wie der Mars und Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«.

Karl Anders war es und nicht Karl Gerold, der das Geschäftsmodell einer Geld verdienenden Druckerei organisierte und orchestrierte, was perspektivisch dann den Druckwerk-Neubau in Neu Isenburg und damit ökonomisch all die redaktionelle Unabhängigkeit ermöglichte, von der die FR noch bis fast ins neue Jahrtausend profitiert hat.

Fußnote:

Zur Abhängigkeit von der Druckerei: 1995 zum 50. der FR schreibt Horst Engel das Editorial, mit Signatur. Es wird gar nicht erklärt, wer er ist. Es hat den Anschein, dass er die Zeitung besitzt/ die Zeitung ist. Roderich Reifenrath folgt dann auf Seite 3. Karl Anders, aber das nebenbei, wird auf den 76 Seiten nicht erwähnt. Auch nicht im recht ausführlichen Druckmaschinen-Teil („Die Technik-Geschichte der ersten drei Jahrzehnte“) von Horst Sturm, damals Technischer Leiter des Werks Frankfurt und seit 1949 im Haus. Er hatte sicher die von Karl Anders veranlassten Druckmaschinen-Anschaffungen miterlebt; andererseits wird in seinem Text kein einziger Name erwähnt.

Stolz in der vierfarbigen Tiefdruck-Beilage von 1955 präsentiert: die neuen Maschinen der FR

»Ich kenne Herrn Anders seit vier Jahren und den Betrieb der Frankfurter Rundschau bereits aus der Zeit bevor Herr Anders dort eintrat. Ich habe einen Kriegskameraden bei der Frankfurter Rundschau. Dieser führte mich vor Jahren durch den Betrieb. Ich musste zu der damaligen Zeit mit Schrecken feststellen, wie schlecht ein Betrieb, noch dazu ein neugebauter, organisiert sein kann. Dass der Betrieb auf den heutigen Stand gebracht worden ist, ist wohl nur Herrn Anders zu verdanken. Darüber dürfte wohl kein Zweifel bestehen. (…) So wie ich die Dinge sehe, dürfte wohl einwandfrei feststehen, dass Herr Anders erst aus der Frankfurter Rundschau etwas gemacht hat… und dass es ein fachmännisch geführter Betrieb ist.«

Das attestiert im Gerichtsverfahren Anders gegen Gerold der Firmeninhaber und branchenweit als Fachmann anerkannte Karl Biehl, Chef einer Firma zur Entwicklung von Patenten für den Tiefdruck.

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Die beiden »Rundschau«-Verleger vertrauen sich drei Jahre so, dass Anders auch die Manuskripte von Gerold redigierte. Ein Beispiel, der Bericht über seine Russlandreise, hier:

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Und dann noch die Sache mit der Unabhängigkeit

In der (bisherigen) Geschichtsschreibung »Rundschau« ist diese Unabhängigkeit dem tapferen Ritter Gerold anscheind immer schon qua Attribut »Starker Mann« wie von selbst in den Schoss gefallen, verteidigt natürlich gegen allerlei Feinde, das ist Teil der großen Karl-Gerold-Saga. Karl-Herrmann Flach, ab 1964 stellvertretender Chefredakteur und ab 1970 geschäftsführender Redaktionsleiter wusste wenigstens: »Die Pressefreiheit von heute findet auf der Rückseite von Anzeigen Platz!« (Bei Ippen.Media, den heutigen Eignern der FR, weiß man das auch, die Jubiläums-Beilage hat – fast zu viele – Inserate.)

In der Beilage zum jetzt voll funktionierenden Rundschau-Haus (Große Eschenheimer 16-18) teilen sich die beiden Verleger die Titelseite. Gerold schreibt recht allgemein über »Unabhängig – aber nicht neutral«. Karl Anders hingegen führt aus:

»Und welchem Zwecke dient diese umfangreiche, wirtschaftliche, technische und kaufmännische Anstrengung? Der ‹Rundschau‹ – unserer Zeitung. Wir versuchen uns die wirtschaftliche Basis für unsere Unabhängigkeit zu erhalten, zu festigen und auszubauen. Die Pressefreiheit ist zur Zeit bei uns von außen her ernsthaft nicht in Gefahr, aber sie kann im Würgegriff innerbetrieblicher, finanzieller Schwierigkeiten erdrosselt werden.« (Vollständige Transkription der beiden Editorials wie auch des Inhaltskastens über den Betrieb bei uns hier: Die »Rundschau« im Jahr 1955, fern wie der Mars.

Eingangsbestätigung für die Bürgschaftsurkunde – die FR war damit gerettet.

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Zeitungshistorisch eine Sensation: der Kredit der Gewerkschafts- und SPD-Bank an die FR

Völlig unbekannt und samt des Wissens um Karl Anders in den Trümmern der Zeit (und der Ignoranz) verschüttet ist eine zeitungshistorisch äußerst bemerkenswerte Tatsache. Die SPD hat die »Frankfurter Rundschau« bereits Jahrzehnte früher schon einmal gerettet, nicht nur 2004 über die Medienholding DDVG.

Dies ist auch deshalb bemerkenswert, weil das von Zeitung und Gerold-Stiftung über Jahrzehnte geprägte und propagierte Bild von Karl Gerold als wesentliche Grundierung stets seine Ferne besonders zur SPD betont. Als würde sich die Unabhänigkeit des Blattes durch größtmögliche Distanz von SPD und Gewerkschaften und gelegentliches »bashing« derselben im Doublebind ebenso dokumentieren wie gründen. Mit der Welt der Ökonomie und der Sicht der Wirtschaftsführer hat es das Weltbild der »Frankfurter Rundschau« nicht so besonders. Die Wirklichkeit, auch im Jahr 1954, ist weit komplexer. Voller Ambiguität.

Es gibt eine mir vorliegende achtseitige Aktennotiz des FR-Hausanwalts Joachim Rieke von einer »Besprechung in Hamburg vom 5.7.1954, anwesend die Herren Darendorff, Wiederkehr, Anders, RA. Rieke«. Der Inhalt: erst einmal Ausräumung von allerlei Verstimmung wegen Gerolds untauglichen, ungeschickten und wichtige Personen verprellende Versuchen, an Kredit zu kommen. Zweitens: Befassung mit dem »Projekt Anders«, nämlich den mit Kredit und Bürgschaft auszustatten und ihn als Vertrauensmann der Bank als Geschäftsleiter der Zeitung einzusetzen. Der wichtigste Mann des Treffens, Gustav Dahrendorf (nur ein f), bekräftigt dabei seine, so das Dokument, »sachliche Erwägung, dass nur eine unabhängige Zeitung sich wirtschaftlich durchsetze. Die Probe habe er in Hamburg, wo ein ausgesprochenes CDU- und SPD-Blatt nicht leben und nicht sterben können.«

Tusch. Die böse, mediengeile SPD (eine zuverlässige Konservativen-Propagandafigur bis heute), die per »Konzentrations GmbH«, kurz »konz« genannt, die SPD-Presse beherrschte und sich, so die Fama, wie ein Krake in der Medienlandschaft der Nachkriegszeit breitmachte/ wahlweise dann nichts auf die Reihe brachte, weil eben »Funktionärs«-regiert (im Gegensatz zum Aktionär bei den anderen), diese SPD war gar nicht so böse und vor allem dumm. Sie wusste, dass nur wirtschaftliche Unabhängigkeit die redaktionelle Unabhängigkeit zu garantieren vermog. Gar nicht so weit weg vom FDP-Generalsekretär und »Rundschau«-Präger Karl-Herrmann Flach, fünf Absätze weiter oben.

Gustav Dahrendorf, der maßgeblich den Kredit der BfG genehmigte, war Vorsitzender des Vorstands des Zentralverbandes Deutsche Konsumgenossenschaften und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), der Bank der Gewerkschaften und der SPD. Sie – und nicht Karl Gerolds Kommentare – garantierten die Unabhängigkeit der »Rundschau« von 1954 an. Lebenslanger Freund des BfG-Vertrauensmanns Karl Anders, schon seit der Zeit des Exils und bis ins hohe Alter mit regelmäßigem Briefwechsel, ganze Konvolute, war übrigens Fritz Heine, Propagandachef der SPD und Geschäftsführer der »konz«. Jetzt müsste es in manchen Köpfen zu rattern beginnen …

Auch die Mitteilung über die Krediterteilung selbst (siehe Abb.), betont noch einmal explizit die Ermöglichung der Unabhängigkeit: »Wir hoffen, daß mit der Gewährung dieses Kredites Ihnen nunmehr die finanzielle Grundlage gegeben wird, die Ihr Unternehmen für eine gedeihliche Fortentwicklung benötigt und damit auch die Gewähr gegeben ist, Ihrem Unternehmen die Unabhängigkeit zu geben, damit Sie die Ihnen im Rahmen der deutschen Presse gestellten Aufgaben erfolgreich erfüllen können… Hochachtungsvoll, Bank für Gemeinwirtschaft, Frankfurt/ Main, Aktiengesellschaft, gez.: Deike, gez.: Reichardt«

Belege genug für die Kreditbeschaffung durch Karl Anders. Gerold kommt gar nicht vor.

Erneut am 3. September 1954 schreibt die BfG und »Betrifft: Krediteinräumung – Konto Nr. 70 262«:
»Sehr geehrte Herren!

Wir nehmen Bezug auf die verschiedentlich mit Ihren sehr geehrten Herren Anders und Sauerbrei gehabten Unterredungen und danken Ihnen bei dieser Gelegenheit für die uns an Hand von zahlen sowie auch mündlich gegebenen Aufschlüsse über Ihr Unternehmen.
In den geführten Vorbesprechungen wurde von Ihnen herausgestellt, dass Ihre Stellung als unabhängige Zeitung auf Grund der bisherigen Finanzgebarung (Anm.d. Red.: von Gerold und Rudert) als gefährdet anzusehen ist. Wenn wir uns zu der von Ihnen gewünschten Kredithergabe nunmehr entschliessen, so tun wir es aus der Erwägung heraus, Ihnen als einer der führenden Tageszeitungen in Hessen die Möglichkeit einer freien Meinungsäußerung zu geben. Dieser Punkt war neben sachlichen und finanztechnischen Erwägungen für uns zur Herausgabe der von Ihnen gewünschten Kredite maßgebend.
Wir stellen Ihnen nunmehr nach Maßgabe unserer ‹Allgemeinen Geschäftsbedingungen› einen B a r – Kredit in Höhe von
DM 2.000.000.– i.W.: Zwei Millionen D-Mark
davon:
DM 1.600.000.– Investitionskredit bis vorerst 31. Oktober 1958
DM 400.000.– Betriebsmittelkredit bis vorerst 30. September 1955
zur Verfügung.«

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Die »Rundschau« hat ihre verborgene Eigengeschichte all die Jahre nie recherchiert. Da gibt es noch ordentlich Trümmer wegzuräumen – und die bisher »aus unbekannten Gründen nicht erwähnt(en)« und lange unterdrückten Details ihrer Geschichtsschreibung mit einer auch als solchen kenntlich gemachten »redaktionellen Richtigstellung« den Lesern an prominenter Stelle nachzutragen. Schließlich hat diese Zeitung in der Sache Anders nie richtig recherchiert, ihre Leser über Jahrzehnte nicht richtig informiert, wichtige Details ungesagt gelassen und ein geschöntes Zerrbild ihrer eigenen Vergangenenheit gezeichnet.

Der auch von der FR und von Ippen.Media unterzeichnete Pressekodex sagt in Ziffer 2: »Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben.« Dieser Sorgfaltspflicht kommt die FR bis heute in Sachen Karl Anders nicht genügend nach. Ich habe deshalb beim Deutschen Presserat Beschwerde eingelegt.

Alf Mayer, September 2025

PS.: Nur eine Fußnote, die über Karl Anders zustande gekomene Verschränkung von »Frankfurter Rundschau«, seinem Nest-Verlag und dem Illustrator Carlo Demand – übrigens ein Großonkel des langjährigen Feuilleton-Redakteurs Wolfram Schütte:

Ebenfals aus der Wochenend-Beilage »Zeit im Bild«: Text und Illustrator von Karl Anders beschafft…

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