Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal

Karl Anders, Widerstandskämpfer, Exilant, Verleger, Verlagsleiter der Frankfurter Rundschau und Wahlkampfleiter von Willy Brandt – mit 80 Jahren. © privat

Siehe auch in dieser Ausgabe:
Alf Mayer: Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen?
Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«
Karl Anders – Biografischer Schnelldurchlauf
und vom März 2017: Alf Mayer über Karl Anders – „Krähen-Meister“: Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist … Ein Salut zum 20. Todestag

Meister der Analyse – Eine Wiederbegegnung

(AM) Hier ein Fund der Beschäftigung mit dem bei der Frankfurter Rundschau aus ihrer Geschichte retuschierten Karl Anders: seine 1988 gehaltene Rede auf Richard Löwenthal. Zwei Exilanten unter sich. Und weit mehr als das – nämlich ein informatives Zeitdokument außerordentlicher Güte. Zwei Leben im Widerstand.

Aus Kurt Naumann wurde im Untergrund Karl Anders, Löwenthal legte sich den Decknamen »Paul Sering« zu. Er hatte bei Alfred Weber und Karl Mannheim studiert und über Die Marxsche Theorie des Krisenzyklus promoviert. War nach der Machtübernahme der Nazis 1933 als führender Kopf maßgeblich am Aufbau der marxistischen Widerstandsgruppe »Neu beginnen« beteiligt, die dann vom englischen Exil aus sogar mit eigenem »Feindsender« wirkte. (Dazu von ihm selbst auch hier.) Ihre Analyse: Die Nazis würden zwölf Jahre an der Macht bleiben. Danach müsse es um einen demokratischen Wiederaufbau gehen.

In seinem nach der Stunde Null gegründeten Nest-Verlag (ab 1955 war die Frankfurter Rundschau daran zu 50 Prozent beteilgt) veröffentlichte Karl Anders 1947 Paul Serings Buch »Jenseits des Kapitalismus. Eine sozialistische Bestandsaufnahme«. Eine halbe Million Vorbestellungen und viel zu geringe Papierzuteilung gab es dafür im Frühsommer des Jahres 1948. Dann kam die Währungsreform. – In den 1960er Jahren erfuhr das Buch bei der sozialistischen Linken und der Studentenbewegung neue Beachtung. Siehe auch hier in dieser Ausgabe nebenan: Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen? Und: Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«

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»Nüchternes, praktisches Denken in der Stunde Null«

Rede von Karl Anders aus Anlaß des 80. Geburtstages von Prof. Dr. Richard Löwenthal, Mittwoch, 20 April 1988, Friedrich-Ebert-Stiftung  Bonn

Werte Anwesende und Freunde, lieber Rix,

immer glaubte ich, daß ich dich schon eine Ewigkeit  kenne. Aber ich habe nachgerechnet. Es sind erst 47Jahre her, seit wird uns das erste Mal persönlich begegnet sind. Von einem gewissen Sering hatte ich allerdings vor genau einem halben  Jahrhundert gehört und auch etwas von  ihm gelesen.

Die Umstände unserer ersten Begegnung waren ungewöhnlich, man könnte sagen, einmalig, keineswegs flüchtig und durchaus erzählenswert. Ort der Begegnung war ein größeres Landhaus mit Park und Tennisplatz. Kein Haus, in dem üblicherweise Emigranten wohnten. Es war mitten im Krieg, und was in diesem Haus vorging, war ebenso geheim wie paradox. Sozialdemokraten betrieben in eigener politischer Verantwortung einen Sender, der sich täglich mit den Worten meldete: „Hier spricht der Sender der Europäischen Revolution“ und das nicht nur mit Duldung, sondern auch auf Kosten der englischen Regierung.

Paradox war, daß der Sender der Regierungsabteilung Psychologische Kriegsführung unterstand, die für schwarze Propaganda zuständig war und schließlich etwa 40 schwarze Radiostationen kürzere oder längere Zeit betreute. Europäische Revolution war kein schwarzer Sender, nicht einmal ein grauer. Der Sender verkleidete und vermummte sich nicht, trat mit offenem Visier auf, bediente sich keiner Lüge und verriet nur seinen technischen Standort nicht, dafür umso eindeutiger und wahrheitsgemäß seinen politischen Standpunkt.

Ich weiß nicht, was sich die Regierungsvertreter  vorgestellt hatten, als sie Waldemar von Knoeringen und seine politischen Freunden die technischen Voraussetzungen zur Verfügung stellten, ihren eigenen Sender zu betreiben.

Es war das Jahr 1940, als England allein stand, Hitler Europa unterwarf und möglicherweise höheren Ortes die Hoffnung bestand, mit den Mitteln der Propaganda könne man den Arbeitswillen der deutschen Arbeiter lähmen. Die Betreiber des Senders lehnten ab, die deutschen Arbeiter zu Sabotageakten aufzufordern, und das aus wohlüberlegten politischen Grundsätzen, die sich in Jahren der Betreuung der ‚illegalen Partei‘ entwickelt hatten. Den im Lande Widerstandleistenden waren keine Anweisungen zu geben. Man wollte im Exil Sprecher der Illegalen sein, aber keine Befehlsstelle. Alles, was man tun konnte und wollte, war, Informationen und Analysen zu geben, damit die im Lande ihr Handeln selbst bestimmen konnten, ob und wann sie Kopf und Kragen riskierten.

Wir glaubten, wie die alten Aufklärer, daß der Mensch durch Einsicht fähig sei, das Richtige zu tun. Wir hielten uns an Bebels Wort: „Wir können nichts anderes tun als Aufklären, Licht in die Köpfe zu bringen“.

Die an den Sendungen geübte Kritik, der Sender betreibe keine wirksame Propaganda, sei vor allem sozialistischer Schulfunk oder Volkshochschule, war keineswegs bösartig. Wir dachten in anderen Kategorien als jene,  die nur die Zersetzung der Wehrkraft und der Arbeitsmoral im Dritten Reich mit propagandistischen Mitteln erreichen wollten. Es ging um jene im Lande, die am Tag danach die entscheidende politische Kraft sein konnten. Denen wollten wir Mut machen, wahrheitsgemäße Informationen zum eigenverantwortlichen Handeln geben.

Wir, wer waren das? Als ersten muß man Waldemar von Knoeringen nennen, der dafür gesorgt hat, daß es den Sender gab und der von der ersten Minute dabei war. Seine Autorität war unumstritten, obwohl jedes Mitglied im Team gleichberechtigt war und es keinen Chefredakteur gab. Rix war der Theoretiker, der Mann, der die analytischen Beiträge schrieb und dessen wunderbares Gedächtnis eine ganze Bibliothek ersetzte.

Wenn Schwieriges zu formulieren war, mußte es Rix tun. Maria Jahoda hatte mit Fritz Bauer die illegale österreichische sozialistische Partei geführt, war kenntnis- und ideenreich. Vor allem aus privaten Gründen blieb sie nach dem Kriege in England, wurde Professorin für Soziologie. Auf dem letzten Parteitag der SPD in München 1982 hielt sie, eingeladen, einen Vortrag über die Probleme der Arbeitslosen.

Fritz Eberhard kam vom ISK, als Freiherr vom Rauschenplat geboren, war er nach 1945 einer der Väter des Grundgesetzes, später Intendant des Rundfunks in Stuttgart und schließlich Professor für Zeitungswissenschaft in Berlin. Er unterfütterte die Beiträge, die Waldemar und ich lieferten, mit Fakten, die er mit großem Fleiß zusammentrug. Wir hatten auf tägliche Erfolgsmeldungen der Nazis zu reagieren und taten das mit immer neuen Variationen zu dem Thema: „Man kann sich auch zu Tode siegen“ und „Die Kraft reicht nicht aus“.

Für die Abteilung Herz und Gemüt waren wir, die Nicht-Doktoren zuständig. Wir waren tatsächlich ein Team, hockten am Tag bis spät in die Nacht zusammen, machten das tägliche Rundfunkprogramm, aber diskutierten die Probleme sehr intensiv, die sich im Verlauf des Krieges und danach stellen würden. Zum Beispiel beschäftigte uns der ganze Komplex Planung und Freiheit, die Chancen der europäischen Integration und der expansive Stalinismus. Es gab Meinungsverschiedenheiten. Nie gab es einen Krach. Wir waren – und die Ehefrauen als Sekretärinnen zählten dazu – eine erstaunliche Arbeitsgruppe, die außerdem konfliktlos zusammen wohnte. Und das, obwohl wir viele Monate lang aus privaten Gründen nie das Haus verließen.

Vielleicht war der Hauptgrund dafür, daß es jeder als im höchsten Maß befriedigend ansah, Hitler tagtäglich die Meinung sagen zu können und daß jeder das Gefühl hatte, Notwendiges und Nützliches zu tun. Außerdem konnte sich jeder auf den anderen verlassen, und wir ergänzten uns gegenseitig.

Ein ungewöhnliches Team. Drei von fünf zukünftige Professoren. 40% deutscher Uradel. Einer wurde Parteivorsitzender. Alle blieben, was sie damals waren: Sozialdemokraten.

Wir waren in guter Obhut. Richard Crossmann, Abgeordneter der Labour Party für Coventry, lebte mit seiner Frau mit uns im Haus, spielte vor allem eine wichtige Rolle in dem nahen Hauptquartier der Psychologischen Kriegsführung. Er wurde später Minister in den Regierungen der Labour Party. Er hatte in Oxford sehr früh akademische Anerkennung gefunden und galt als brillanter Kopf. Obwohl nicht mit allem einverstanden, was wir sagten, war er intelligent genug, zu begreifen, warum wir es sagten. Dazu kam, daß sich eine sehr enge und lebenslange Freundschaft zwischen ihm und Waldemar entwickelte. Auch mit den anderen war er freundschaftlich verbunden. Rix respektierte er. Wenn die beiden manchmal abends am Kamin diskutierten, hörten wir anderen schweigend und mit Vergnügen zu.

Im Jahre 1942 stand England nicht mehr allein gegen Hitler. Rußland war überfallen und Amerika Kriegsverbündeter geworden. Die militärische Niederlage Hitlers konnte nur noch eine Frage der Zeit sein. Wir dachten intensiver an den Tag danach. Rix zwei Beiträge über die Neuordnung der Welt, die vom Selbstbestimmungsrecht auszugehen habe, und das bedeutete, Freiheit für die britischen Kolonien. Statt des Britischen Empires müsse ein Britisches Commonwealth selbständiger Staaten entstehen, das zusammen mit Europa zur Dritten Kraft würde.

Wir fanden das, was Rix sagte, sehr vernünftig. Die englischen Stellen, die etwas verspätet die Übersetzungen der abgehörten Sendungen auf  ihren Schreibtisch bekamen, waren anderer Meinung. Dick Crossmann teilte uns mit, daß wir vor jeder Sendung unsere Manuskripte vorlegen müssen, also zukünftig eine Zensur stattfinden würde, Wir sagten: Nein, das ist gegen die Vereinbarung und gegen unsere Unabhängigkeit.

Eine vielschichtige komplizierte Situation wurde auf die Frage Zensur – Ja oder Nein – reduziert, und wir packten die Koffer.

Es ist unwahrscheinlich, daß unser Sender in der geänderten Kriegssituation noch lange unabhängig geblieben wäre. Rix hatte nur den Tropfen geliefert, der das Faß zum Überlaufen brachte. Keiner von uns machte Rix Vorwürfe. Wir waren sogar ein bißchen stolz auf ihn und daß das Schiff mit fliegenden Fahnen und intakten Prinzipien untergegangen war. An Stolz und Selbstbewußtsein mangelte es uns nicht. Als Vertreter des anderen, besseren Deutschlands und der ‚Illegalen Partei‘ der freiheitlichen Sozialisten war eine Demutshaltung gegenüber  den Mächtigen selbst in Ansätzen nicht vorhanden. Man könnte sagen, wir ignorierten unsere Ohnmacht. Wenn der Papst über keine Divisionen verfügte und deshalb nach Stalins Meinung machtpolitisch nicht existierte, dann waren wir so einflußreich wie Kirchenmäuse.

Natürlich hatten wir bereits viele Jahre das Prinzip Hoffnung strapaziert. Für den täglichen Gebrauch diente uns das weniger schmalbrüstige Prinzip Gewißheit, das politisch und philosophisch fragwürdig sein mag, aber in der Zeit permanenter Niederlagen Rettungsanker war. Wir waren ganz sicher, früher oder später schlägt unsere Stunde. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß ich je daran gezweifelt hätte, obwohl ich einige Male nicht sicher war, den nächsten Tag zu erleben.

Politische Gewißheit und persönliche Unsicherheit gingen Hand in Hand. Wir packten die Koffer, aber wohin die Reise ging, war ungwiß. Waldemar und ich hatten, nachdem Paris fiel, unsere persönlichen Erfahrungen in England gemacht, als wir 1940 mit über 40.000 Deutschgeborenen, Juden, Antinazis und wenige Nazis einige Monate hinter Stacheldraht saßen. Sicherheitsparanoiker in hohen Stellen hatten die Regierung veranlaßt, praktisch alle, die in Deutschland geboren waren, zu internieren. Der Sturm der Entrüstung in der englischen Öffentlichkeit, in den Medien, hatten die Tore der Internierungslager wieder etwas geöffnet, aber die Lager bestanden weiter. Wie würden die Sicherheitsbürokraten gegenüber den Befehlsverweigerern in einem Bereich hoher Sicherheitsstufe reagieren?

Meine Befürchtungen waren grundlos. Wir wurden in keiner Weise behelligt. Im Gegenteil. Ich bekam ein Angebot, im BBC eine eigene Sendung, die ‚Frühsendung für den deutschen Arbeiter‘ zu machen. Hugh Carlton Greene und Patrick Gordon Walker, der spätere Außenminister, empfingen mich mit offenen Armen. Sie sprachen voller Verachtung von der schwarzen Propaganda. Es waren nicht in erster Linie politische oder moralische Gründe, daß sie eine Propaganda ablehnten, die sich der Mittel der Lüge bediente, sondern weil sie unbritisch sei und gegen alle Prinzipien des guten Journalismus verstoße. Die erklärte Praxis der BBC, die Wahrheit zu sagen, stets glaubwürdig zu bleiben, war sicherlich der Hauptgrund, warum die BBC die ‚Herberge zur Heimat‘ für viele von uns wurde. Erwin Schöttle, Willi Eichler, Waldemar und andere waren meine Kollegen.

Rix ging einen anderen Weg, den wir anderen nicht zu gehen vermochten. Wir kannten 500 oder 5000 englische Worte, konnten uns in dieser Fremdsprache verständlich machen. Aber Rix war in ihr zuhause. Er ging zur Nachrichten-agentur Reuter, und später, als er für den Observer arbeitete und anspruchsvolle Leitartikel schrieb, gehörte er zur Elite der Fleetstreet-Journalisten.

Nach 1945 war dieses geschlagene Deutschland sprachlos. Deutsche Politik wurde in den Hauptstädten anderer Länder gemacht. Rix, kenntnisreicher als andere, beschrieb und interpretierte die deutsche Wirklichkeit für die angelsächsische Welt; und später im Observer, der großen einflußreichen Sonntagszeitung mit einer riesigen Auflage, analysierte der die Probleme  Deutschland und Europas. Auch die erste deutsche Regierung hatte zunächst kein Außenministerium. Außenpolitik war Sache der Siegermächte geblieben. Erst im Petersberger Abkommen wurden der deutschen Regierung außenpolitische Teilkompetenzen eingeräumt. Die Zeit von 1945 bis 1949, das waren Schicksalsjahre für das zerschlagene Deutschland.

Es ist nicht beweis- aber denkbar, daß eine Stimme der Vernunft im angelsächsischen Sprachraum nicht ohne Einfluß blieb. Beweisen kann ich, weil ich häufig dabei war, daß die Gespräche, die Rix mit deutschen Freunden über die Politik der Militärregierungen führte, zu deren Meinungsbildung wesentlich beitrugen.

Es war die Zeit, als Fragen der Demontage, der Industrie, der Werften, als die Lebensmittelversorgung, die Aufteilung der Zonen und die ersten Schritte auf dem Weg der Selbstverwaltung in den Parlamenten und von den Regierungen in anderen Ländern entschieden wurden. Für einige Zeit wohnte ich mit Rix wieder unter einem Dach eines beschlagnahmten Hauses in Frankfurt, in der Nähe des IG Farben-Komplexes, dem Sitz der Militärregierung, in der Stadt des bizonalen Wirtschaftsrates. Wir wohnten oben, die Löwenthals unten, und im gemeinsamen Wohnzimmer wurden die Besucher empfangen. Es war ein Haus der offenen Tür, und dank der Tatsache, daß wir PX-Karten hatten, konnten Freunde mit einem gedeckten Tisch oder einem anständigen Drink rechnen, wenn sie uns besuchten. Viele, die damals kamen, wurden lebenslange Freunde.

Das Haus war eine Börse für Information. Es wäre langatmig und bliebe ungenau, unsere damalige Tätigkeit zu beschreiben. Natürlich waren wir in erster Linie Journalisten der englischen Presse und des Rundfunks, aber gleichzeitig konnten wir Dienste und Hilfe für unsere Freunde leisten, die dabei waren, die SPD und die Gewerkschaften aufzubauen. Auch das großartige Buch ‚Jenseits des Kapitalismus‘ war im besten Sinne des Wortes eine Dienst- und Hilfsleistung.

Als Waldemar und ich, zurück in Deutschland, die ersten Gespräche mit Freunden führten, stellten wir fest, die schrecklichen 12 Jahre hatten zur völligen Isolierung von den weltweiten Diskussionen über Grundfragen und Probleme des Sozialismus geführt. Ein politisches Vakuum war entstanden, das überdeckt wurde von den aus bitteren Erfahrungen gewonnenen Erkenntnissen über das Unheil des Naziregimes.

Wir waren uns darüber im Klaren, nur Rix könne helfen. Er war der einzige, der das entstandene Vakuum füllen könne. Rix schrieb 1946, trotz seiner zeitraubenden Tätigkeit als englischer Journalist in London, das Buch, das der politischen Diskussion unter Parteigenossen Denkanstöße und Orientierung gab. Wir halfen dabei, das Manuskript schneller fertigzustellen, indem wir dem Autor ständig freundschaftliche, mahnende, aufmunternde, zornige und sogar unhöfliche  Briefe schrieben.

Ich hatte mir, als ich 1945/46 ein Jahr lang, als Berichterstatter der BBC beim Kriegsverbrecherprozess war, einen langfristig vorbereiteten Traum erfüllt und in Nürnberg einen Verlag gegründet, den Nest-Verlag. Das Buch von Paul Sering mit dem Untertitel ‚Ein Beitrag zur Sozialistischen Neuorientierung‘ erschien im Februar 1947 als sechstes Buch des Verlages. Dreißig Jahre später schrieb die FAZ, daß dieses Buch ‚Epoche gemacht hat‘.

Wer damals miterlebt hat, wie dieses Buch begeistert aufgenommen wurde, welche Auswirkungen es in den politischen Diskussionen hatte, wird dem Autor noch heute von ganzem Herzen dankbar sein. Diejenigen, die das Buch jetzt zum ersten Mal lesen, werden angetan sein von der Klarheit der Gedanken und der Genauigkeit der Sprache. Aber wieviel Phantasie ist notwendig, um sich daran zu erinnern, unter welchen Umständen das Buch entstand und herauskam.

1947, vor 41 Jahren, gab es das Doppelzonenabkommen zwischen amerikanischer und britischer Zone. Die Demontageliste  für West-Deutschland mit 918 Werken, davon 25% für die Sowjetunion, wurde unterzeichnet. Zwei Jahre später wurden 189 Werke von der Liste gestrichen.

Die Schwarzmarktpreise in Berlin waren:
                  20 amerikanische Zigaretten       150 RM
                    1 kg Kaffee                         1.100 RM
                    1 Ei                                         12 RM
                    1 Schachtel Streichhölzer             5 RM

Für einen Stundenlohn eines Arbeiters konnte man auf dem Schwarzmarkt noch nicht mal ein Ei kaufen.

Das Buch beginnt mit den folgenden Worten: „Diese Schrift wendet sich an zwei Arten von Lesern. Sie will den bewährten Kämpfern für die sozialistische Idee helfen, sich nach 12 Jahren der Unterdrückung, der materiellen und geistigen Isolierung in einer Welt zurechtzufinden, die sich inzwischen weiterentwickelt hat und sie vor völlig neue Probleme stellt. Und sie will den vielen, besonders auch der jungen Generation, die in der Vergangenheit nicht die Möglichkeit hatten, sich mit dem Gedankengut des demokratischen Sozialismus vertraut zu machen, ein erstes Bild davon zu geben, was Sozialisten zu den geschichtlichen Aufgaben unserer Zeit zu sagen haben.“

Das war nüchternes, praktisches Denken in der Stunde Null. Kein Wunschdenken, keine Dogmengläubigkeit, konkretes Denken. Und 30 Jahre später, in einer neuen Einleitung zur Neuauflage:

„Ein Ergebnis ist, daß die Entwicklungswege sich nicht aufgrund reiner Logik der sozialistischen Idee über längere Zeit voraussagen lassen, vielmehr ist es der im einzelnen unvorhersehbare Geschichtsverlauf, der jeweils die konkreten Probleme aufwirft, die eine Lösung in sozialistischer Richtung erfordern und – aufgrund ihrer auch für Nichtsozialisten fühlbaren Dringlichkeit – erlauben. Mit der Veränderung des Entwicklungsweges, mit den neuen Erfahrungen, verändert sich aber auch das Ziel selbst.“

Das Buch war damals der mutige Versuch, die Möglichkeiten eines Dritten Weges des europäischen Sozialismus zwischen den Blöcken und Systemen auszuloten. Dieser Weg wurde früh blockiert durch den Griff Stalins auf die östlichen Länder Europas, durch Provokationen, wie die Berliner Blockade und durch den Kalten Krieg. Eine neue Bedrohung entstand, der Ost-West-Konflikt, die atomare Aufrüstung, die Gefahr des Dritten Weltkrieges.

Das Buch selbst geriet in den Strudel der geschichtlichen Ereignisse. Die ersten 10.000 Exemplare im Februar 1947 und auch die zweite Auflage wenige Zeit später von 5.000 Exemplaren waren sofort vergriffen. Über eine halbe Million Vorbestellungen lagen bei Verlag, allein von den Gewerkschaften 300.000. Es kostete einige Mühe, den Amerikanern, die für die Zuteilung des knappen Papiers zuständig waren, klarzumachen, daß der Sering für Reeducation des deutschen Volkes sehr wichtig sei und daher höchste Priorität verlange. Die dritte Auflage mit nochmals 10.000 Exemplaren erschien zwei Monate nach dem 21. Juni 1948, dem Tag der Währungsreform, als der Kopfbetrag von 40 DM für andere Dinge als für Bücher ausgegeben wurde. Alle Vorbestellungen wurden storniert. ‚Jenseits des Kapitalismus‘ war zur Ware geworden, die auf dem Markt sich gegenüber Bratwürsten, Unterwäsche und Nierentischen nicht durchsetzen konnte.

Es dauerte viele, viele Jahre, bis die dritte Auflage unter die Leute kam. Das war ein Schock für die Beteiligten, machte nachdenklich und gehörte für mich zu einem Lernprozeß über die konkreten Möglichkeiten des Absatzes politischer Bücher und ihre Stellenwert in der politischen Bewußtseinsbildung.

Nachdem es eine deutsche Regierung gab, kündigte ich beim BBC. Rix und ich trafen uns seltener und konnten uns bei der Arbeit nicht mehr über die Schulter sehen. Wir hatten verschiedene Arbeits- oder Wirkungsstätten gefunden,  knackten sehr unterschiedliche harte Nüsse. Rix pendelte zwischen Berlin, England und Amerika, wurde schließlich Universitätsprofessor. Es ist in diesen Tagen viel von seinem hervorragenden wissenschaftlichen Werk die Rede. Ich möchte daran erinnern, das ist nicht alles.
Rix war Freund seiner Freunde und was für Freunde und diese Seite seiner Persönlichkeit scheint mir bedeutungsvoll zu sein.

Und noch etwas ganz Persönliches. Als Hanna, meine Frau, vor fünf Jahren starb, schrieb Rix mir einen sehr langen, brüderlichen, tröstlichen Brief. Beweis alter Freundschaft, aber auch Beweis dafür, daß Rix, wie Lessing es wünschte, mit dem Kopf fühlt und dem Herzen denkt.

Carlo Schmid, unser gemeinsamer sehr enger Freund, sagte auf dem Empfang zu seinem 80. Geburtstag einen Satz, den ich nicht vergessen habe:

„Die Partei“, sagte er, „ ist nicht meine geistige Heimat; die Partei ist meine Familie.“ Nun, es gibt in der Familie die weitläufigen Verwandten, aber auch Schwestern und Brüder.

Ist es nicht für uns, lieber Rix, das Besondere in unserem Leben gewesen, das Beglückende, daß wir nicht durch die Wanderdünen der Geschichte, wie Carlo zu sagen pflegte, als politische Waisenkinder geirrt sind? Wir hatten stets den Rückhalt, einen Ort der Geborgenheit in unserer Familie. Wie Lasalle die ‚Magenwärme der Bewegung‘ nannte, haben wir erfahren.

Man könnte jetzt öffentlich darüber nachdenken, wann wird eine Organisation auch zur Familie? Eines scheint mir sicher: Kein Mensch liebt die Ortskrankenkasse, obwohl sie notwendig und nützlich ist und nach dem Prinzip der Solidarität arbeitet. Es sind immer nur Menschen, nicht Organisationen und Programme, denen man aus ganzem Herzen zugetan ist, Menschen, die Organisationen und Programme verkörpern.

Es ist ein Thema wehmütiger Erinnerung, bei dem Alter und unsere persönlichen Erfahrungen eine zu große Rolle spielen. Enkel allein sind keine Familie, ebensowenig die Bewohner eines Altersheims.

Heute fehlen viele, die dir, lieber Rix, gerne die Hand drücken würden und die nicht mehr kommen können. Aber viele sind da, um Verbundenheit zu bezeugen. Das ist mehr als tröstlich.

Ich möchte nun, was in Berlin, dieser unserer Stadt, in der wir das Licht der Welt erblickten, als guter Rat gilt: „Wenn es zu feierlich oder sentimental wird, höre auf!“ Damit ich aber den Zweck der Übung zu deinem Achtzigsten nicht ganz verfehle, unüberhörbar und herzlich: MANY HAPPY RETURNS!

Bruder Rix, Dank für alles. Mach’s gut, alter Junge. Halte die Ohren steif.

(Dank für die Transkription an Vera Mayer.)

Höhmannstraße 8, in Berlin-Grunewald

Siehe auch: Gesine Schwan: Richard Löwenthal – unbedingter Demokrat im Zeitalter der Globalisierung, auf der Internetseite der Friedrich-Ebert-Stitung

Heinrich August Winkler: Ein Denker des Jahrhunderts der Extreme, Die Welt, 15. April 2008

Und von ihm selbst: Richard Löwenthal: PDF Die Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“ (= Beiträge zum Widerstand 1933 – 1945, Heft 20). Berlin 1985

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