
Preclaimer: Unsere Berichterstattung hat bereits dazu geführt, dass sich die Chefredaktion der Frankfurter Rundschau vom hier besprochenen Buch distanziert. Hier der Wortlaut:
Zum Buch von Claus-Jürgen Göpfert lesen Sie hier unsere zitierfähige Stellungnahme: Das Buch ist ein privates Projekt von Claus-Jürgen Göpfert. Es erscheint nicht im Verlag der FR oder ihrer Mediengruppe, die FR-Chefredaktion war daran in keiner Weise beteiligt. Das Buch ist also keine offizielle Jubiläumsschrift der FR.
Unsere Anwesenheit bei der Buchstellung im Haus am Dom diente dazu, bei Fragen des Publikums zur aktuellen Arbeit der FR Stellung beziehen zu können.
Herzliche Grüße
Karin Dalka und Michael Bayer
Chefredaktion Frankfurter Rundschau, 07.07. 2025
Coda, vorangestellt: Ausgestanden ist die Verdrängungs-Sache einer Zeitung, bei der doch »Haltung zählt!« (so der Titel der Jubiläum-Broschüre zum 75.), damit aber noch lange nicht. Die Frankfurter Rundschau selbst muss ihre Geschichtsschreibung revidieren, und erst recht die Karl-Gerold-Stiftung, die immer noch einen Herausgeber idolisiert, der ursächlich für die Ausradierung seines Co-Geschäftsführers und Verlagsleiters aus der Verlagsgeschichte verantwortlich war. Sein kolportierer Ukas, dass der Name Karl Anders im Hause der FR nicht mehr genannt werden dürfe, wird bis heute befolgt. Die Heutigen ahnen nur, falls sie es überhaupt wissen wollen, dass da jemand Wichtiges gewesen ist … aber keiner der großartigen Rundschau-Journalisten hat das seit den 1960ern mal selbst recherchiert. Deswegen tue ich das jetzt. Fortsetzung folgt. – AM.
Siehe auch in dieser Ausgabe:
Alf Mayer: Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen?
Karl Anders – Biografischer Schnelldurchlauf
Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal
und vom März 2017: Alf Mayer über Karl Anders – „Krähen-Meister“: Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist … Ein Salut zum 20. Todestag
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Siehe außerdem dazu: Stürzt bei der FR auch noch der Säulenheilige? von Wolfgang Storz, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, auf Bruchstücke. Blog für konstruktive Radikalität.
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Rohrkrepierer – Im eigenen Glashaus sollten die Fakten schon stimmen
Alf Mayer über Claus-Jürgen Göpferts »Zeitung im Kampf«

Dies wird gewiss nicht die objektivste Rezension. Sie sollten sich zu diesem Buch also am besten eine eigene Meinung bilden. Siehe dazu auch hier nebenan in dieser Ausgabe: Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen? und Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal sowie Biografischer Schnelldurchlauf Karl Anders.
80 Jahre Frankfurter Rundschau sind kein kleines Thema, per se ist es sehr verdienstvoll, sich dieses wichtigen Stücks Pressegeschichte anzunehmen. Autor Claus-Jürgen Göpfert war 34 Jahre Redakteur dieser Zeitung, Lokalredakteur – was ich keinesfalls verachte. Im Unruhestand hat er sich als Frankfurt-Chronist etabliert, empfängt Zeitzeugen-Gäste in einer Kneipen-Talkshow, hat sich gar an eine Biographie des langjährigen Kulturdezernenten Hilmar »Kultur für alle« Hoffmann gewagt. Das fand ich ein wenig kühn, aber Mut vor Königsthronen zeichnet eben den Journalisten aus. Das Buch erwies sich dann als eher seicht, mit einem fatalen Hang zur Oberfläche, nach Art der »Tosca«-Arie »Wir aber plaudern hier als gute Freunde«.
So wird denn nun auch die Saga von der »Zeitung im Kampf«, so der Buchtitel, zu einem Reigen der Helden der Feder, fehlt nur noch der Disclaimer: »Bei den Dreharbeiten zu diesem Buch kam niemand zu Schaden.« Die wenigen Stellen, an denen Göpferts Buch neuralgische Punkte der Rundschau-Geschichte oder des FR-Personals berührt, ließen mich an jenen Leserbriefe schreibenden Oberleutnant bei Karl Kraus denken: »Jede tapfere Zeile zündet wie eine pünktlich krepierende Granate. Ich bitte um einen Hinweis, wo Neues von Ihnen zu finden ist. Der Dank wird nicht ausbleiben.« – Geschichtsschreibung, die niemandem weh tut und Legendenbildung begünstigt.
Hier Beispiele:
»Am 28. Februar 1973 starb Karl Gerold, der über Jahrzehnte Chefredakteur, Verleger und Mehrheitsgesellschafter der Zeitung gewesen war. Die autoritäre Führungsfigur hatte in dieser Zeit auch innere Richtungskämpfe innerhalb des Unternehmens und innerhalb der Redaktion überdeckt.« Ein bisschen viel Innen hier, aber so erfahren wir immerhin nebenbei, auf Seite 106, dass Gerold, die große Figur der Rundschau, autoritär führte. Aha! Beispiele werden uns erspart.
Und weiter, gleiche Passage: »›Es gab wirtschaftliche Versäumnisse schon zu Gerolds Zeiten‹, urteilt Christoph Albrecht Heider, der von 1981 bis 2011 für die FR-Redaktion gearbeitet hat und zeitweise die Sportredaktion, später den Pool der FR-Autorinnen und Autoren leitete.« Auch diese Versäumnisse werden uns in der Darstellung erspart.
Heider war bereits auf Seite 50 dräuend zitiert: »Er urteilt, dass der langjährige Herausgeber, Verleger und Chefredakteur Karl Gerold ›vom Geschäft wenig Ahnung‹ hatte.»
Daraufhin Schnitt. Und gleich im nächsten Kapitel baut sich die Rundschau trotzdem ein Haus – mit göttlicher Hilfe oder mit einem Lottogewinn? Wir erfahren es nicht. Fünf Seiten weiter heißt es wundersamer Weise, diesem Hause war wohl das Manna hold, »bald gab es genug Geld, um außerhalb des Frankfurter Stadtzentrums ein modernes Druckzentrum zu bauen… 1969 zog die gesamte FR-Druckerei vom Rundschau-Gebäude im Frankfurter Stadtzentrum dorthin um. In Neu-Isenburg verfügte die FR über eine der modernesten Rollenoffset-Betriebe in Europa. Diese Technik war die Grundlage für zahlreiche große Druckaufträge des Druck- und Verlagshauses Frankfurt, die bald das wirtschaftliche Rückgrat des Zeitungsunternehmens bildeten.«
Im nächsten Kapitel (Seite 56 – 50) steht die Rundschau treu, so die Überschrift, »An der Seite der Verdrängten«. Dem Feuilletonchef Erich Lissner – in der Nazi-Zeit laut Göpfert in der inneren Emigration und als Werbegrafiker tätig – alleine wird zugeschrieben, dass »das FR-Feuilleton in den 50er-Jahren viele deutsche Autorinnen und Autoren unterstützte, die von den Nationalsozialisten ins Exil vertrieben worden waren». Besonders genannt werden Oskar Maria Graf und Fritz von Unruh. Nach dreieinhalb Seiten aber hat Göpfert dieses Thema satt und wechselt, wir sind noch immer bei den Verdrängten und beim Exil, bizarrer Weise zum Wirtschaftsprüfer Gerhard Zehrt und zum Rundschau-Geschäftsführer Horst Engel (ab 1975), dann zum Showmaster Rainer Holbe, der als kaufmännischer Lehrling bei der FR immer Fleischwurst kaufen gehen musste. An der Seite der Verdrängten?

Dieses Kapitel ist symptomatisch für den Cocktail (nein, für den gäbe es Rezepte), sagen wir für das Mischgetränk, das bei solcher Hüpfdohlen-Plauderei ausgeschenkt wird. Zu tief oder genau hineinschauen ins Glas sollte man hier lieber nicht.
Tut man es doch, gähnt ein Abgrund. Der rückt mehr als nur den Autor dieses Buches in ein gar nicht schönes Licht. Claus-Jürgen Göpferts Buch zementiert, dass die Frankfurter Rundschau, bei der vor allem doch »Haltung zählt!« (so die Jubiläumsbroschüre zum 75.), ein riesengroßes Verschweige-Loch in ihrer eigenen Geschichtsschreibung aufweist. Ausgerechnet der Widerstandskämpfer und Publizist Karl Anders, 1954 bis 1957 als Verlagsleiter und Geschäftsführer im damaligen Impressum der FR unübersehbar aufgeführt, wird seit Jahrzehnten in und von der eigenen Zeitung totgeschwiegen. (Mehr dazu siehe nebenan in dieser Ausgabe.)
Noch bei der Buchpremiere von »Zeitung im Kampf« im Frankfurter »Haus am Dom« der Katholischen Akademie, meinte Göpfert, von mir öffentlich auf diese Fehlstelle angesprochen: Bei solch einer Personalfülle wie der Geschichte einer Zeitung müsse halt auch »jemand auf der Strecke bleiben« und könne »schon mal jemand herunterfallen«. Ein Verleger?, warf ich ein.
Karl Anders, ein wichtiger und angesehener Verleger und Publizist der unmittelbaren Nachkriegszeit, selbst Exilant, war von 1949 bis 1972 stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Sozialistischen Verleger, Buchhändler und Bibliothekare, hatte beste Kontakte zu vielen ins Exil gegangenen Schriftstellern, besonders zu Oskar Maria Graf, dessen «Flucht ins Mittelmäßige« er verlegte. Kein Wort davon bei Göpfert. (Mehr dazu nebenan.)
Und auch nicht die kleinste Erwähnung von Karl Anders bei Gerolds »wenig Ahnung vom Geschäft« auf Seite 50. Genau deshalb nämlich kam Anders damals zur Rundschau, ausbedungen von der BfG, der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft, eng mit der SPD verzahnt, deren »Konz« (»Konzentration GmbH«) viele Pressebeteiligungen hielt. Karl Anders mag nur wenige Jahre bei der FR gewirkt haben – herausgehoben im Impressum geführt wurde er von 1954 bis 1957 –, er und seine Verbindungen und der mit ihm verbundene BfG-Kredit aber halfen die Grundlage legen für die wirtschaftliche Existenz dieser Zeitung und den politischen Freiraum der Redaktion. Die von ihm organisierte Modernisierung der Druckerei und die von ihm besorgten lukrativen Druckaufträge ermöglichten dann auch ein Jahrzehnt später den Auf- und Ausbau des Druckzentrums Neu-Isenburg, das den Fortbestand der Zeitung bis ins neue Jahrtausend sicherte. Kein wichtiger Mann? Einer, der herunterfallen kann?
Göpfert lässt es sich zudem völlig entgehen, dass die SPD und die Frankfurter Rundschau schon 1953/54 ff., dann wieder in der 1960er mit der Finanzierung des Neu-Isenburger Druckzentrums und eben nicht erst 2004 mit dem Einstieg der ddvg (Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft) eine gemeinsame Geschichte haben.
Drei Mal Finanzhilfe von der SPD, aber das fällt unter den Tisch
Bei allem Fahnenhissen für die Unabhängigkeit der Zeitung muss konstatiert werden, dass die FR ohne die diskrete Mithilfe der SPD weder das Jahr 1955 oder 1965 oder gar 1980 oder 2005 erlebt hätte. Auch das ist ein großer weißer Fleck in der eigenen Geschichte. Wolfgang Storz, 2002 bis 2006 Chefredakteur der FR, mit dem ich mich über das Buch unterhalten konnte und der ebenfalls Leerstellen sieht, meinte dazu, der Ironie des eigenen Erlebens bewusst: »Man sagt ja, die Geschichte wiederholt sich als Farce.« Neu auch für ihn, um etwas Positives über Göpferts Buch zu sagen, darin die Information: »Das Grundstück der Rundschau in der Frankfurter Innenstadt war mit 14 (!) Hypotheken belastet… Der Gesamtumfang der Verbindlichkeiten, die auf dem Grundstück lasteten, betrug 57 Millionen Euro.«
Der Verkauf dieses Grundstückes, so der Plan, soweit er Wolfgang Storz und anderen bekannt war, sollte eigentlich ein Eckpfeiler der Finanzierung des ddvg-Engagements bei der FR sein. Es ging um etwa 60 Millionen Euro. Das Ende: Die Immobilie wurde für 57 Millionen Euro verkauft, das ganze Geld reichte jedoch gerade, um die Verbindlichkeiten zu tilgen. Der ddvg war das vor der Vertragsunterzeichnung offensichtlich nicht bewusst.
Dem Hinweis von Wolfgang Storz (und nicht Göpferts Buch) verdanke ich die Information, dass die ddvg vor ihrem Einstieg im Jahr 2004 das Beratungsunternehmen Schickler, Hamburg, beauftragte, Verlag und Redaktion auf Herz und Nieren zu prüfen, wirtschaftliche Lage inklusive. Zwei elementare Sachen freilich fanden die Schickler-Leute NICHT heraus:
1. Die exorbitante Hypothekenbelastung des Grundstücks.
2. Die tatsächliche Auflage der FR. Sie war faktisch viel geringer als offiziell angegeben, diese Diskrepanz blieb weithin unbemerkt. Das ddvg-Management selbst wusste erst nach der Unterschrift unter den Vertrag, wie niedrig die Auflage wirklich war.
»Beide Punkte sind allgemein-öffentlich so nicht bekannt«, konstatiert Wolfgang Storz heute.
Unter dem Strich fehlt Göpferts Buch ein ökonomisch und publizistikwirtschaftlich geschärfter Blick. Auch die Wirtschaftsredaktion der FR kommt kaum vor. Linksliberalität braucht keine Ökonomie? Oder einen Karl-Herrmann Flach, der unmissverständlich betonte: »Die Pressefreiheit in Deutschland findet auf der Rückseite von Anzeigen statt!«

Linksliberaler Journalismus – diskussionswürdig
Bei Göpfert schweben die Journalisten und ihre Zeitung über den Wassern. Mit dem ehemaligen FR-Chefredakteur Wolfgang Storz zum Beispiel ließe sich diskutieren:
Ist die FR an hausgemachten unternehmerischen Unfähigkeiten gescheitert oder daran, dass sie linksliberalen Journalismus betrieb, oder dass sie diesen schlecht betrieben hat?
Als These könnte man sicher festhalten: Die unternehmerische Unfähigkeit überwiegt. Dazu gehört auch, dass es einer Redaktion erlaubt wurde, ohne Blick und Rücksicht auf das Publikum, das hätte ständig wachsen müssen, ein Blatt nach eigenem Gusto zu machen.
Und das bedeutet unter anderem: Auf Verständlichkeit wurde nicht viel geachtet und Meinung war wichtiger als die solide Dienstleistung, konkret: seinem Publikum bedeutende verständliche gründliche Informationen und dazu Hintergrundanalysen zu bieten.
Eine Redaktion, die so eingestimmt ist, wo jeder/jede meist macht, was sie/er will, die vergisst dabei natürlich auf der Wegstrecke auch Leute, die ihr wichtig sein sollten, wie Karl-Herrmann Flach und Karl Anders.
Vielleicht gelingt ja – gerade weil das Göpfert-Buch misslungen ist – eine kleine Debatte über die Zukunft von linksliberalem Journalismus, auch über die FR-Geschichte hinaus.
Zuerst aber braucht die Frankfurter Rundschau selbst eine Geschichtsschreibung, die diesen Namen verdient. Adresse dafür ist die Karl-Gerold-Stiftung. Sie muss den Blick auf ihren Stifter und auf die eigene Zeitung dringend verändern.
Alf Mayer
P.S. Das Buch ist hervorragend illustriert, hat einen demokratisch schlanken Preis und einen optisch ansprechenden Auftritt. Dass mit Platz oder Bildern geknausert werden musste, ist nicht ersichtlich. Daran kann es nicht gelegen haben, dass Karl Anders nicht die kleinste Erwähnung findet.
Vielleicht wäre es – wie beim lokalen Komplementärband »Zeitung für Deutschland« über die FAZ – auch sinnvoll gewesen, die verantwortlichen Redakteure und handelnden Akteure der Zeitung (über immerhin acht Jahrzehnte) in einer Übersicht tabellarisch aufzuführen, der Orientierung wegen.

Anzuerkennen ist, wie Göpfert den Umgang mit einem anderen Verfemten der Rundschau, mit dem Kommunisten und Erstlizenz-Mitträger Emil Carlebach bewältigt. Während die Geschichtsschreibung der FR gerne den Eindruck erweckt und die Legende befeuert, die Zeitung habe mit Karl Gerold angefangen, war es nämlich so, dass die erste deutsche Tageszeitung, die von Deutschen in der amerikanischen Zone herausgegeben wurde, die Frankfurter Rundschau, einen von der amerikanischen Militärregierung eingesetzten siebenköpfigen Herausgeberstab hatte: Emil Carlebach, Hans Etzkorn, Wilhelm Karl Gerst, Otto Grossmann, Wilhelm Knothe, Paul Rodemann und Arno Rudert. Gedruckt wurde im Keller des einstigen Verlagsgebäudes der Frankfurter Zeitung, die erste Ausgabe erschien am 1. August 1945. Karl Gerold kam erst 1946 dazu. Der Kommunist Emil Carlebach wurde abberufen, noch Jahrzehnte später wurde FR-Redakteuren vom Umgang mit ihm abgeraten. Er war ein Geächteter. Das bringt Göpfert in Ordnung. Er verschweigt aber, dass es Quellen gibt, die sagen, der Hinauswurf des Kommunisten Carlebach sei eine Einstiegsbedingung Karl Gerolds gewesen. Carlebachs eigenes Buch »Zensur ohne Schere« zu diesem Fall ist lieferbar.












