Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

Karl Anders – Biografischer Schnelldurchlauf

Karl Anders, 1972 (Foto: privat)

Siehe auch in dieser Ausgabe:
Alf Mayer: Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen?
Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«
Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal
und vom März 2017: Alf Mayer über Karl Anders – „Krähen-Meister“: Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist … Ein Salut zum 20. Todestag

Karl Anders (24.1. 1907 – 27.2. 1997)

  • Aufgewachsen als Kurt Wilhelm Naumann in Köpenick. Besuch der Volksschule in Berlin
  • Ausbildungen zum Polstermöbelbauer und zum Gartentechniker, später Studium des Gartenbaus in Veithöchstheim
  • 1929-1931 Besuch eines Arbeiter-Abiturientenkurs an der Karl-Marx-Schule (Berlin-Neukölln), Abitur
  • 1929 Eintritt in die KPD, Generalsekretär der Weltjugendliga
  • 1929-1931 Mitglied des Vorstandes des Sozialistischen Studentenbundes
  • ab 1931 KPD-Parteisekretär der Abteilung Literatur und Propaganda in Berlin-Brandenburg
  • nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten für die KPD in der Illegalität tätig, Instrukteur des Zentralkomitees für Druck und Propaganda
  • Juni 1933 Verhaftung und Misshandlung während der „Köpenicker Blutwoche“ im SA-Heim Wendenschloss
  • 1934 Emigration in die Tschechoslowakei, bis 1936 Politischer Leiter der Agit-Prop-Arbeit der KPD in Prag
  • 1936-1937 Mitglied des Bundesvorstandes der Roten Hilfe Deutschlands
  • ab 1937 Mitglied des Salda-Komitees und Sekretär für die Slowakei in Bratislava
  • Anfang 1939 Beauftragter des Flüchtlingskomitees des Völkerbundes in Polen; nach Beginn des Zweiten Weltkrieges Flucht nach Großbritannien
  • 1939 tritt Anders nach dem Hitler-Stalin-Pakt aus der KPD aus. 
  • Juni bis Dezember 1940 als „feindlicher Ausländer“ in Großbritannien interniert, Isle of Man
  • ab 1940 Pseudonym Karl Anders
  • in London Anschluss an die Gruppe „Neu Beginnen“, Tätigkeit beim Radiosender »Sender der europäischen Revolution«
  • 1943-1945 Leiter der Redaktion für Arbeitersendungen bei der BBC
  • nach Kriegsende Rückkehr nach Deutschland als Berichterstatter der BBC über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse
  • bis 1949 Tätigkeit für britische Zeitungen und die BBC
  • ab 1946 eigene Verlegertätigkeiten in Deutschland
  • 1946 mit Rudolf Zitzmann und Willi Geusendam (alle drei: Verfolgte des Nazi-Regimes) Gründung des Nest-Verlages in Nürnberg, der später nach Frankfurt am Main umzieht, nach Ausstieg der Mitgesellschafter alleinige Leitung des Verlages bis 1960
  • 1948 Buch „Im Nürnberger Irrgarten“, für einzelne Kapitel war Anders zu den Nazi-Angeklagten in die Zellen gegangen und hatte mit ihnen diskutiert
  • 1949-1972 stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Sozialistischen Verleger, Buchhändler und Bibliothekare
  • 1954-1957 Mitgesellschafter (Verleger), Geschäftsführer und Verlagsleiter der Frankfurter Rundschau
    Sanierung des Verlags – auf ausdrücklichen Wunsch des SPD-nahen Kreditgebers BfG. Die von ihm ergriffenen strukturellen Maßnahmen sichern die Existenz der Zeitung bis ins Jahr 2000 hinein und machen den redaktionellen Freiraum möglich, auf den die Redaktion immer stolz war. In der Geschichtsschreibung der FR wird diese Unabhängigkeit immer nur Karl Gerold alleine zugeschrieben – das ist stark geklittert.
  • 1955 kauft die Frankfurter Rundschau 50 Prozent des Nest-Verlages, die anderen 50 Prozent gehen im Abfindungsprozess Anders-Gerold ebenfalls an die FR
  • 1960 Neuauflage im Nest-Verlag von Stimme aus dem Chaos. Eine Auswahl der Schriften von Victor Gollancz, der in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, 1950 im Nest-Verlag von Karl Anders erstmals erschienen. Die beiden waren Freunde, hatten sich in Anders‘ Exilzeit kennen- und schätzengelernt.
  • Als Sanierer, mal kurz, mal länger auch beim Lübecker Morgen, Coburger Tagblatt, Hannoversche Allgemeine, Stuttgarter Nachrichten u.a.), an denen die SPD mit »der Konz«, der Konzentrations GmbH beteiligt war
  • in den 1960er Jahren erneutes politisches Engagement
    1961 Berufung in die zentrale Wahlkampfleitung der SPD – Zentraler Wahlkampfleiter für Willy Brandt (die SPD gewann 4,4 Prozent hinzu)
  • 1971-1974 Mitglied der Grundwerte-Kommission der SPD, dann des Seniorenbeirates
  • 1965 Wahlkampfhilfe für Dom Mintoff, Labour Party, Malta – daraus entstand eine Freundschaft, auch der Töchter
  • 1966 Aufbau der Freedom Press der Labour Party in Malta, mit Druckmaschinen und Know-how, finanziert über »die Konz«
  • verdeckte Amtshilfe solcher Art auch für Opposition und Widerstand gegen die Militärjunta in Griechenland, teils mit Hilfe westlicher Geheimdienste – zu den Kondolenzschreiben anlässlich K.A.’s Tod gehörten auch welche britischer Geheimdienstleute
  • 1977: Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland – auf Vorschlag des hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner
  • 1983: Waldemar-von-Knoeringen-Preis der Georg-von-Vollmar-Akademie
  • am 27. Februar 1997 stirbt er einen Monat nach seinem 90sten Geburtstag.
  • September-Dezember 2007 Ausstellung »anders denken. Krähen-Krimis und Zeitprobleme: der Nest-Verlag von Karl Anders“ in Erfurt und Frankfurt
  • Cameo-Auftritt von Karl Anders in Andreas Pflügers Roman »Ritchie Girl«, der zum Teil bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen spielt und um die deutsche Schuldfrage kreist.

(Quellen: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen, eigene Gespräche und Recherchen – Alf Mayer war mit Karl Anders persönlich bekannt, führte viele Gespräche mit ihm)

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2007: Ausstellung über Karl Anders und den Nest-Verlag in der Frankfurter Universitätsbibliothek, im Literaturhaus und in Erfurt. Dazu ein üppig illustriertem Begleitbuch mit 400 Abbildungen:
Patrick Rössler: anders denken. Krähen-Krimis und Zeitprobleme: der Nest-Verlag von Karl Anders. Mit Beiträgen von Ann Anders, Herbert Ehrenberg, Alf Mayer und Sascha Münzel und einer Bibliografie der im Nest-Verlag erschienen Bücher. Sutton Verlag Erfurt 2007, 160 Seiten.

Karl Anders war auch Thema beim Kongress »Krimis machen 2« am 27. und 28. Juni 2017 in der Frankfurter National-Bibliothek.

Seine Bücher:

Karl Anders: Im Nürnberger Irrgarten. Nest-Verlag, Nürnberg 1948.

Karl Anders: Der Kriminalroman Versuch einer Einordnung. Nest-Verlag, Nürnberg 1952.

Karl Anders: Mord auf Befehl – Der Fall Staschynskij. Eine Dokumentation aus den Akten. Verlag Fritz Schlichtenmayer, Tübingen, 1963. 112 Seiten. Siehe auch hier und hier. 1965 als Murder to Order in London erschienen.

Karl Anders: Die ersten hundert Jahre. Zur Geschichte einer demokratischen Partei. Verlag J.W. Dietz Nachfolger, Hannover 1963. 326 Seiten. – SPD-Geschichte, mit vielen Lesetücken und Dokumenten.

Karl Anders: Stein für Stein. Die Leute von Bau-Steine-Erden und ihre Gewerkschaften. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1969. 326 Seiten.

Veröffentlichungen (sehr unvollständig):

Karl Anders: Die Anfänge. In: Bücher von heute sind die Taten von morgen. Eine Dokumentation über die Arbeit der Gruppe Sozialistischer Verleger, Buchhändler, Autoren und Bibliothekare, 1972.

Karl Anders: Der Bücher lesende Arbeiter – eine Fiktion? In: Frankfurter Hefte. Zeitschrift für Kultur und Politik, hg. von Walter Dirks und Eugen Kogon. Sonderheft Arbeitswelt. Heft 4, Aprill 1977.

Veröffentlichungen zu ihm:

Alexandra Schlingensiepen: Zeitzeugen des Widerstands. Demokratische Sozialisten gegen Hitler. Karl Anders, Wolf Graf von Baudission, Willy Brandt, Max Diamant, Josef Felder, Fritz Hallerstede, Richard Löwenthal, Susanne Miller, Käthe Strobel u. a. Über ein Symposium der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1983.

Alf Mayer: Mit der Zeit. Politik und Kriminalliteratur. Karl Anders und seine »Krähen-Bücher«. Porträt eines Pioniers. In: Martin Compart, Thomas Wörtche (Hg.): Jahrbuch der Kriminalliteratur 1989, Seite 113-144.  Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 1989.

Alf Mayer: Tausendfüssler. Vergessene Verlage (6): Nest-Verlag. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Frankfurt. 167. Jahrgang, 4/ 14. Januar 2000. Seite 21-24.

Alf Mayer über Karl Anders – »Krähen-Meister«. Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist …Ein Salut zum 20. Todestag, CulturMag März 2017.

Und jetzt:

Alf Mayer: Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen? Claus-Jürgen Göpferts Buch zu 80 Jahren Frankfurter Rundschau löscht erneut einen Widerstandskämpfer aus der eigenen Zeitungsgeschichte. CulturMag Juli 2025.

Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal. CulturMag Juli 2025.

Zeitdokument von 1952: Karl Anders über den modernen Kriminalroman. »Es ist an der Zeit, den Kampf mit der falschen Frontenstellung abzublasen«. Plädoyer an die Hochkultur-Wächter, den ambitionierten Kriminalroman nicht mehr als Schund abzutun, CulturMag 31. Dezember 2025.

Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«. Rohrkrepierer – Im eigenen Glashaus sollten die Fakten schon stimmen. Alf Mayer über Claus-Jürgen Göpferts »Zeitung im Kampf«. CulturMag Juli 2025.

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