
Preclaimer: Unsere Berichterstattung hat bereits dazu geführt, dass sich die Chefredaktion der Frankfurter Rundschau vom hier besprochenen Buch distanziert. Hier der Wortlaut:
Zum Buch von Claus-Jürgen Göpfert lesen Sie hier unsere zitierfähige Stellungnahme: Das Buch ist ein privates Projekt von Claus-Jürgen Göpfert. Es erscheint nicht im Verlag der FR oder ihrer Mediengruppe, die FR-Chefredaktion war daran in keiner Weise beteiligt. Das Buch ist also keine offizielle Jubiläumsschrift der FR.
Unsere Anwesenheit bei der Buchstellung im Haus am Dom diente dazu, bei Fragen des Publikums zur aktuellen Arbeit der FR Stellung beziehen zu können.
Herzliche Grüße
Karin Dalka und Michael Bayer
Chefredaktion Frankfurter Rundschau, 07.07. 2025
Coda, vorangestellt: Ausgestanden ist die Verdrängungs-Sache einer Zeitung, bei der doch »Haltung zählt!« (so der Titel der Jubiläum-Broschüre zum 75.), damit aber noch lange nicht. Die Frankfurter Rundschau selbst muss ihre Geschichtsschreibung revidieren, und erst recht die Karl-Gerold-Stiftung, die immer noch einen Herausgeber idolisiert, der ursächlich für die Ausradierung seines Mitverlegers, Co-Geschäftsführers und Verlagsleiters aus der Verlagsgeschichte verantwortlich war. Sein kolportierer Ukas, dass der Name Karl Anders im Hause der FR nicht mehr genannt werden dürfe, wird bis heute befolgt. Die Heutigen ahnen nur, falls sie es überhaupt wissen wollen, dass da jemand Wichtiges gewesen ist … aber keiner der großartigen Rundschau-Journalisten hat das seit den 1960ern mal selbst recherchiert. Deswegen tue ich das jetzt. Fortsetzung folgt. – AM.
Siehe auch in dieser Ausgabe:
Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«
Karl Anders – Biografischer Schnelldurchlauf
Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal
und vom März 2017: Alf Mayer über Karl Anders – „Krähen-Meister“: Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist … Ein Salut zum 20. Todestag
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Siehe außerdem dazu: Stürzt bei der FR auch noch der Säulenheilige? von Wolfgang Storz, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, auf Bruchstücke. Blog für konstruktive Radikalität.
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Claus-Jürgen Göpferts Buch zu 80 Jahren Frankfurter Rundschau löscht erneut einen Widerstandskämpfer aus der eigenen Zeitungsgeschichte
Die ganze Zeitungshistorie zu erzählen verspricht ein neues Buch über die Frankfurter Rundschau, die am 1. August 2025 ihren 80. Geburtstag feiert. Aber die Geschichtsschreibung des ehemaligen FR-Redakteurs Claus-Jürgen Göpfert radiert eine wichtige Person der Anfangsjahre einfach aus – einen Widerstandskämpfer, Publizisten und Verleger untadeliger Reputation. Das hat bei der FR schon seit Jahrzehnten Methode. Warum wird Karl Anders, Verleger, Verlagsleiter und Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau 1953 bis 1957, von der eigenen Zeitung systematisch totgeschwiegen? Dies von einem Blatt, für das stets »Haltung zählt« (so die Jubiläumsschrift zum Fünfundsiebzigsten) und von einem Verlag mit der schönen Selbstverpflichtung »Niemand und nichts darf vergessen werden!«. – Alf Mayer ist dem Skandalon nachgegangen.
Siehe hier in dieser Ausgabe nebenan meine Rezension Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«, sowie Karl Anders – Biografischer Schnelldurchlauf und auch Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal.

Samstag, 31. Mai 2025, 12–15 Uhr, Frankfurt, Katholische Akademie, Haus am Dom. Gut besetzter Saal, erwartungsvolle Stimmung. Auf dem Podium drei Polstersessel für Interviewgäste. Der ehemalige FR-Lokalredakteur Claus Jürgen Göpfert präsentiert stolz sein Buch »Zeitung im Kampf. 80 Jahre Frankfurter Rundschau oder: Niedergang des linksliberalen Journalismus?« (VSA Verlag, Hamburg). »Es ist an der Zeit. Es ist an der Zeit, die Geschichte der Frankfurter Rundschau zu erzählen. Denn am 1. August 2025 feiert die Zeitung ihren 80. Geburtstag«, hebt der von ihm vorgetragene Prolog des Buches an. »Noch nie zuvor ist die Geschichte der Frankfurter Rundschau so ausführlich zusammenhängend erzählt worden, dieses Buch betritt Neuland«, tönt die Fanfare.
Es folgen zwei Stunden Zeitzeugen, live, weitere Textauszüge und viel Weihrauch. Geschenkt. Natürlich darf eine Zeitung wie die Frankfurter Rundschau auf sich stolz sein, auch wenn sie von einst 1400 Beschäftigten auf unter 100 geschrumpft ist. Aber es geht hier vor allem um Geschichtsschreibung. Und da erlebe ich – mit Gänsehautgefühl am eigenen Leib – einen Orwell-Moment. Artikuliere das auch, als ich nach über zwei Stunden als erste Wortmeldung ans Mikrofon kann.
»Freiheit bedeutet die Freiheit, zu sagen, dass zwei und zwei vier ist. Gilt dies, ergibt sich alles Übrige von selbst«, weiß ich aus Orwells »1984«. Hier aber, beim Wahrheitsfest der Rundschau erlebe ich, wie aus zwei und zwei eine ungerade Zahl wird. Erlebe ich, was in Orwells Ozeanien galt: »Was die Partei für Wahrheit hält, ist die Wahrheit.« Und: »Unwissenheit ist Stärke.«
Ich hatte mir das Buch vorab besorgt, sogar zweimal gelesen. Es fehlt darin ein bestimmter Name – zum wiederholten Male aus der Geschichte der Rundschau gelöscht und getilgt wie Trotzki aus dem berühmt-berüchtigten Lenin-Foto von 1920.1 Jetzt mit dem Buch zum 80. Jubiläum wird das auch bei der FR endgültig ein Muster. Ein Delikt. »Damnatio memoriae« (lateinisch für «Verdammung des Andenkens«) nennt man seit den Römern die Tilgung einer Person durch die Nachwelt. Es ist die symbolische Negation eines Namens und die Klitterung der Geschichte, »ein Verfahren, das autoritäre und totalitäre Regime auf ihre Gegner anwenden«, so Wikipedia. Ich bin fassungslos, es live mitzuerleben, dass solche eine Geschichtsfälschung der Gründungslegende der linksliberalen Frankfurter Rundschau eingeschrieben ist – und bleibt. Und weiter zementiert wird. «Wenn man der Lüge nicht entgegentritt, verwandelt sie sich in Wahrheit», so George Orwell einst.
»Der, dessen Name nicht genannt werden darf« (wie Lord Voldemort bei Harry Potter) heißt Karl Anders. Er kam als ausgewiesener Publizistik-Profi und Journalist im Zuge der bis heute in der FR-Geschichte verschwiegenen SPD-Kredite für die Geschäftserweiterung und den Neubau des Rundschau-Hauses Ecke Große Eschenheimer/ Stiftstraße an Bord, war von 1953 bis 1957 Verlagsleiter und Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau, hatte einen Chauffeur2, bezog bis zum Lebensende eine FR-Pension3, bekam eine Villa in Dreieich überschrieben. Denn ohne ihn hätte diese Zeitung das Jahr 1960 nicht erlebt. Karl Anders regelte 1954 das finanzielle und organisatorische Chaos nach dem Tod des Mitherausgebers Arno Rudert. Der war 1949 zusammen mit Karl Gerold per Generallizenz Nr. 3 der US-Militärregierung zum Mit-Eigentümer der Zeitung geworden, die Beiden hatten sich auch die Chefredaktion geteilt. Jetzt wurde Karl Gerold zum alleinigen Chefredakteur und Herausgeber, blieb das bis zu seinem Tod 1973.
Aber, wie es so schön bei Göpfert auf Seite 49 unten heißt: Gerold hatte »vom Geschäft wenig Ahnung«. Außerdem hatte er Probleme, war cholerisch und nicht immer da.4 Zur verbürgten Rundschau-Folklore gehören Geschichten wie die: Junger Mann geht im Verlagsgebäude einen Gang lang, kommt ihm ein Älterer entgegen, brüllt ihn an: »Sie haben mich nicht gegrüßt! Sie sind entlassen!« Darauf der Jüngere: »Aber ich kenne Sie doch gar nicht. Sie können mich nicht entlassen, ich bin nur ein Besucher.« Oder: Wenn man im Paternoster im Rundschau-Haus Aufzug fuhr, konnte es sein, dass man oben entlassen und unten wieder eingestellt war.

Göpferts Buch könnte/ müsste auf Seite 49 unten eigentlich mit Karl Anders weitergehen. Der nämlich brachte damals den Laden in Ordnung. Er war dank seiner Verbindungen und Erfahrungen ein Sanierer erster Güte. Er besorgte das Geld für »die Heidelberger« Druckmaschinen, die dann der FR das lukrative Vierfarb-Geschäft ermöglichten.5 Er schloss mit Josef Neckermann den Vertrag für den Druck der Versandhaus-Kataloge, legte den Grundstein für die überaus erfolgreiche Drucksparte des Verlags, die dem Blatt über Jahrzehnte hinweg redaktionelle Freiheit ermöglichte – und Anfang der 1960er dann den Bau des Druckzentrums Neu-Isenburg, zeitweise die größte und modernste europäische Zeitungsdruckerei. All dies bedeutete weiteren redaktionellen Freiraum.
Chefredakteur Karl Gerold war 1952 im Streit aus der SPD ausgetreten, hatte sich mit »der Baracke« völlig überworfen. Man kann das als Ausdruck journalistischer Unabhängigkeit feiern, wie Göpfert. Als linke, großkapital- und aufrüstungskritische Zeitung aber gab es im Adenauer-Deutschland nicht viele freundlich gesonnene Kreditinstitute. (Man muss dazu wissen, dass die für Nazi-Unrecht restituierte SPD wie auch die Gewerkschaften nach dem Krieg finanzkräftige Medienbeteiligungen unterhielten.) Und anders als Gerold hatte der, dessen Name nicht genannt werden darf, beste Beziehungen zur SPD und zur Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), der Bank der Gewerkschaften. Er war mit wichtigen Akteuren gemeinsam im Widerstand und im Exil gewesen, hatte Reputation – als Genosse, als politischer Mensch, als Autor, als Publizist und als Verleger mit Erfahrung.
Karl N. Anders, als der er 1954–1957 gesperrt gedruckt und groß im Rundschau-Impressum stand, hieß eigentlich einst Kurt Wilhelm Naumann, stammte aus Köpenick in Berlin, ging am Tag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler als Agitprop-Leiter der KPD in den Untergrund, organisierte illegale Druckereien und den Druck von Flugblättern. Er erlebte die ›Köpenicker Blutwoche‹ im Juni 1933, wechselte seine Identität »öfter als meine Hemden«, wurde buchstäblich ein Anderer. Musste das Land verlassen, landete via Slowakei, Polen und Baltikum in England, schloss sich Waldemar von Knoeringen und anderen Emigranten in der sozialistischen Widerstandsgruppe »Neu beginnen!« an – ihre Analyse: die Nazis würden zwölf Jahre an der Macht bleiben -, machte Arbeitersendungen für den von den Briten finanzierten Feindsender »Europäische Revolution«, bis der 1943 eingestellt wurde, arbeitete dann für das deutsche Programm der BBC, knüpfte viele Kontakte. Etwa zu Eric Ambler, Victor Gollancz, den Brüdern Greene und natürlich vielen Emigranten. Mit Grahams Bruder Hugh und Allan Bullock fuhr er kurz nach der Kapitulation des Nazi-Reiches durch Deutschland, war einer der Allerersten, die zurückkehrten. Für das deutsche Programm der BBC berichtete er ein Jahr lang vom Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, war neben Hemingway, Martha Gellhorn, John Steinbeck, Erich Kästner, John Dos Passos, Ilja Ehrenburg und Robert Jungk im Fürther »Bleistiftschloss« der Familie Faber-Castell einquartiert.
Für ihn, der immer schon ein Leser gewesen war, war klar, dass ein neues Deutschland neue Bücher brauchte – und eine demokratische Literatur. Zwingend mit dabei: Kriminalromane! Er brachte Raymond Chandler, Dashiell Hammett und Eric Ambler als Erster auf Deutsch heraus. Dies in seinem zusammen mit den Nazi-Verfolgten Rudolf Zitzmann und Willi Geusendam gegründeten Nest-Verlag. Der war erfolgreich, bot ein bemerkenswertes politisches und re-educatives Programm, war ganz der Völkerverständigung gewidmet, der aktiven Vergangenheitsbewältigung und neuer sozialistischer Politik. Als wichtigstes Buch dieser Zeit gilt das im Nest-Verlag erschienene »Jenseits des Kapitalismus« von Paul Sering (i.e. Richard Löwenthal). 6 Siehe auch die Rede von Karl Anders auf seinen Freund Rix Löwenthal vom April 1988 hier nebenan in dieser Ausgabe.

Als siebtes Buch des Nest-Verlags7 erschien 1948 ein in der politischen Analyse bis heute zeitloses Buch: »Im Nürnberger Irrgarten«. Karl Anders fokussierte darin seine Berichterstattung von den Kriegsverbrecher-Prozessen auf zwölf Nazigrößen, versuchte das Innenleben und die Mechanismen des NS-Systems differenziert zu ergründen. Er ging mit den entsprechenden Kapiteln in die Gefängniszellen zu Speer, Papen, Schacht und dem Goebbels-Stellvertreter Fritzsche, brachte diese Gespräche über Schuld und Gewissen in die Texte ein. Auch das Problem der „Kollektivschuld“ (die er ebenso wie sein britischer Verlegerfreund Victor Gollancz verneinte), registrierte der politisch wache Journalist schon im Gerichtssaal: »Wenn man mit der Schuld nicht fertig wird, baut man die Zukunft Deutschlands auf ein Fundament der Lüge, der Selbstzufriedenheit, auf einen moralischen Morast, und das ist schlimmer, als sie auf Sand zu bauen … Wird es zur neuen Schuld des deutschen Volkes werden, aus der eigenen Vergangenheit nichts gelernt zu haben?«
Nie wieder hat jemand je im Impressum der Frankfurter Rundschau so groß neben Karl Gerold gestanden, dessen Jünger sie (fast) alle bei der Rundschau sind – die Chefredakteure sozusagen automatisch mit im Vorstand der Karl-Gerold-Stiftung. In ihren Veröffentlichungen kam der Name Karl Anders noch nie vor. Wen es dort nicht gibt, den hat es nie gegeben bei der Zeitung. Ganze Redakteurs-Generationen beten das nun schon nach.
Selbst eine Ausstellung über Karl Anders in der Frankfurter Universitätsbibliothek im Jahr 2007 samt üppig illustriertem Begleitbuch mit dem Titel »anders denken« blieb bei der Rundschau völlig unbeachtet und nicht-berichtet. Schon eine journalistische Meisterleistung.8 Karl Anders war auch Thema beim Kongress »Krimis machen 2« am 27. und 28. Juni 2017 in der Frankfurter National-Bibliothek.

»Karl Anders, der ist mir bei uns wirklich nie begegnet«, sagte mir im Haus am Dom Wolf Gunter Brügmann, qua etlicher Sonderpublikationen zu den Jubiläumsanlässen der FR so etwas wie der Haushistoriker. Und dann, zur Tochter des Ausgelöschten, direkt neben mir: »Sie glauben immer noch an die Omertà?« Dr. Ann Anders hatte sich zuletzt 2020/21 anlässlich der Broschüre »Haltung zählt – Anspruch und Geschichte der Frankfurter Rundschau« zum 75. Geburtstag der Zeitung bei einem größeren Adressatenkreis von FR-Leuten über die Auslöschung ihres Vaters in der Zeitungs-Historie beschwert. Seitdem aber geschah nichts. Gar nichts.
Auch dem Buchautor Claus-Jürgen Göpfert ist diese Mail-Aktion bekannt, als ehemaliger Lokalreporter kennt er die Anders-Tochter zudem aus ihrer Zeit als kulturpolitische Sprecherin und Stadtverordnete der Grünen im Römer. Für sein Buch interviewte er 30 Zeitzeugen. Mit Ann Anders hingegen sprach er nie. Fazit: Da will jemand etwas gar nicht wissen. Und auch wenn man heute bei der Rundschau schon gar nicht mehr weiß, warum man etwas nicht wissen oder erwähnen soll, hält man sich im »Commentariat« immer noch daran.
Recherche gehört zum journalistischen Handwerk sollte man denken. Von Karl Anders erfährt man im Internet auf Anhieb gleich bei mehreren Stellen. Die Wikipedia-Seite der Frankfurter Rundschau hingegen erwähnt den Namen Karl Anders NICHT. Auch der Wikipedia-Eintrag zum Säulenheiligen Karl Gerold verschweigt ihn. Auf der Wikipedia-Seite »German resistance members« finden wir den Namen Gerold nicht, wohl aber den von Karl Anders. Die Rundschau verschweigt in ihrer Geschichte einen aktiven Widerstandskämpfer, feiert hingegen in den Verlagslegenden mit jedem kleinen Indiz »ihren« Karl Gerold, der die Nazi-Zeit in der neutralen Schweiz überstand.
Karl Anders war es, der jede Menge interessanter Autoren zur Zeitung brachte, nicht nur Feuilleton-Chef Erich Lissner, darunter (der Platz dafür ist hier zu kurz) viele Exilschriftsteller, auf die Göpfert im Namen der FR in seinem Buch stolz ist. Schon pervers, dass selbst hier im Kapitel »Auf der Seite der Verdrängten« (Seite 56f.) der Name Anders fehlt.9 Auch der Friedenspreisträger des Jahres 1960, Victor Gollancz, geht auf dessen Konto, seine Völkerverständigungs-Bücher brachte Karl Anders auf Deutsch heraus oder vermittelte sie. Darunter, 1960 wieder aufgelegt, »Stimme aus dem Chaos« im inzwischen zu 100 Prozent zur Rundschau gehörenden Nest-Verlag.10 Dies alles bei Göpfert: Fehlanzeige.
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Ich muss nun offenlegen, dass ich Karl Anders gekannt habe. Gut sogar, und immer besser, da ich ihn über ein Jahrzehnt zu seiner Vergangenheit befragt und seine Lebensgeschichte Stück für Stück – aber keineswegs vollständig – zusammengesetzt habe. Ein erstes Porträt erschien 1989 in einem Jahrbuch, im Jahr 2000 dann ein weiteres im »Börsenblatt des deutschen Buchhandels« und später dann eines online (wenn Sie culturmag + karl + anders eingeben). Die Rundschau kam in seinen Erzählungen immer selbstverständlich vor, mit durchaus warmem Affekt. Die Freundschaft mit Werner Holzer, 1973–1991 Chefredakteur und zu Anders Zeiten Chef vom Dienst, bestand lebenslang; er war oft im Hause Anders zu Besuch, übersetzte sogar zwei Kriminalromane von Howard Browne für den Nest-Verlag. »Na ja, Gerold war halt in der Schweiz«, meinte Karl Anders bei mir, wenn es an die Widerstandsgeschichte ging.
Sein Nest-Verlag wurde von der FR 1955 zu 50 Prozent, später dann ganz übernommen. Die Rundschau-Zeit endete mit einem längeren Abfindungsprozess, Gerolds Jähzorn lässt grüßen. Karl Anders’ Rechtsanwalt dabei (und Freund seit der Internierung auf der Isle of Man) war Henry Ormond, ein bedeutender Nebenkläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Während seiner Freistellung und danach sanierte Karl Anders eine ganze Handvoll anderer Zeitungen (Lübecker Morgen, Coburger Tagblatt, Hannoversche Allgemeine, Stuttgarter Nachrichten u.a.), an denen die SPD mit »der Konz«, der Konzentrations GmbH beteiligt war. Deren Chef Fritz Heine, sein Kollege Herbert Allerdt, Oskar George von der BfG, wie auch SPD-Schatzmeister Alfred Nau, Büchergilde-Verleger Helmut Dressler oder Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes, gehörten zu seinen engsten Freunden.

1960/61 wurde Karl Anders zentraler Wahlkampfleiter für Willy Brandt (die SPD gewann 4,4 Prozent hinzu), er schrieb Bücher11 – darunter eine fulminante Geschichte der SPD – fungierte von 1971–73 als Mitglied der SPD Grundwerte-Kommission und gehörte später dem Seniorenrat der SPD an. Von 1949–72 war er Vorstandsmitglied des Verbandes sozialistischer Verleger, Buchhändler und Bibliothekare. Er gilt als eine der verdienstvollen Verleger-Persönlichkeiten aus den Gründerjahren der Bundesrepublik. – Und da sagt Chronikverfasser Göpfert mir im Haus am Dom, zu solch einem Buch gehöre einfach eine zu große Anzahl von Personen: «Da kann schon mal jemand hinunterfallen.«12
Das sehe ich Anders. Die Frankfurter Rundschau braucht endlich eine seriöse Geschichtsschreibung.
Claus-Jürgen Göpfert: Zeitung im Kampf. 80 Jahre Frankfurter Rundschau oder: Niedergang des linksliberalen Journalismus? VSA Verlag, Hamburg 2025. Hardcover, 332 Seiten, viele Abb., 16,80 Euro.
Anmerkungen
1 Vom »Verschwinden« der beiden Revolutionäre Leo Trotzki und Lew Kamenew von den Stufen eines Holzpodestes, auf dem Lenin gerade eine Rede hält, sind nahezu alle Details bekannt. Das Bild entstand am 5. Mai 1920, Fotograf war Grigori Petrowitsch Goldstein. Vor dem Bolschoi-Theater in Moskau hatten sich zehntausende Rotarmisten versammelt, die gleich in den polnisch-russischen Krieg ziehen sollten. Auf späteren Veröffentlichungen wurde das Bild retuschiert.
Siehe auch: Klaus Waschik: Wo ist Trotzki? Sowjetische Bildpolitik als Erinnerungskontrolle in den 1930er Jahren. In: Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder. Bildatlas 1900 bis 1949, Vandenhoeck & Ruprecht 2009. Auch als Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung 772, dort Band 1: 1900 bis 1949.
Oder: David King: The Commissar Vanishes. The Falsification of Photographs and Art in Stalin’s Russia, 1997. Deutsch als: Die Kommissare verschwinden: Die Fälschung von Fotografien und Kunstwerken in Stalins Sowjetunion. Dietz Verlag, Berlin 2015. Erweiterte Neuauflage 2017 als: Stalins Retuschen, Hamburger Edition.
2. »Der schöne Herr Benz«, wie ihn die Zeitungssekretärinnen nannten, erinnert sich Dr. Ann Anders, die Tochter. Als kleines Mädchen hatte sie immer viel Papier zum Malen, »die Korrekturbögen«, wenn sie im Büro auf ihren Vater warten musste.
3. Als Ann Anders für ihren am 27.02.1997 verstorbenen Vater eine Todesanzeige in die Frankfurter Rundschau setzen ließ – ein drei Zeilen langer Nachruf erschien erst auf ihr Drängen – und den vollen Betrag bezahlen sollte, erhielt sie umstandslos 50 Prozent Rabatt, als sie erwähnte, dass ihr Vater bei der Zeitung tätig gewesen war. Karl Anders wurde noch 1997 bei der FR in den Büchern geführt – während die Journalisten der Zeitung den Namen schon lange Zeit unterdrückt und dann vergessen hatten – und dies bis heute nie recherchiert oder aufgearbeitet haben.
4. An mindestens zwei Mal erinnert sich Ann Anders, als ihr Vater Gerold in eine Klinik in der Schweiz bringen musste. Außerdem lebte Gerolds Frau Elsy Lang, eine Pianistin, in Basel.
5. Ann Anders sind die lange Papierbahnen und Rollen »vom Andruck« präsent, die ihr der schöne Herr Benz nach Hause brachte, damit sie als Kind etwas fürs Malen und Basteln hatte. Von ihrem Vater musste sie lernen, was ein guter Farbandruck ist und was »Präzision« bedeutet, die man als Drucker dafür braucht.
6. Zu Richard Löwenthal siehe die Geburtstagsrede von Karl Anders zum 80., die eine Menge über «Freund Rix« und die gemeinsamen Feindsender-Aktivitäten im britischen Exil enthält. – Hier nebenan im CulturMag erstmals digital nachzulesen.
7. Zum Nest-Verlag siehe mein damals aus vielen direkten Gesprächen entstandenes erstes Porträt:
Alf Mayer: Mit der Zeit. Politik und Kriminalliteratur. Karl Anders und seine »Krähen-Bücher«. Porträt eines Pioniers. In: Martin Compart, Thomas Wörtche (Hg.): Jahrbuch der Kriminalliteratur 1989, Seite 113-144. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 1989.
Sowie: Alf Mayer: Tausendfüssler. Vergessene Verlage (6): Nest-Verlag. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Frankfurt. 167. Jahrgang, 4/ 14. Januar 2000. Seite 21-24.
8. Zum Nest-Verlag vor allem, mit 400 farbigen Abbildungen illustriert: Patrick Rössler: anders denken. Krähen-Krimis und Zeitprobleme: der Nest-Verlag von Karl Anders. Mit Beiträgen von Ann Anders, Herbert Ehrenberg, Alf Mayer und Sascha Münzel und einer Bibliografie der im Nest-Verlag erschienen Bücher. Sutton Verlag Erfurt 2007, 160 Seiten. Anlässlich einer Ausstellung in Frankfurt und Erfurt.
9. Von Fritz von Unruh etwa, den Göpfert alleine dem Feuilleton-Chef Erich Lissner zuschreibt, gibt es in Anders’ Nachlass das signierte Exemplar einer über die Nazi-Zeit geretteten Erstausgabe von Stürme (1922): «Für Karl Anders zur Erinnerung an den 14. August 1956 in herzlicher Sympathie, Fritz von Unruh«. Der Frankfurt-Besuch von Oskar Maria Graf galt explizit dem Verleger Karl Anders. Er hatte Grafs Reden, Gedanken und Zeitbetrachtungen An manchen Tagen bereits 1951 herausgebracht und viel für die literarische Rückkehr des Exil-New-Yorkers getan hatte. 1959 erschien Die Flucht ins Mittelmäßige im Nest-Verlag. Es wäre interessant, alleine nur die FR-Wochenend-Beilage »Zeit und Bild« aufzuarbeiten und welche Nest-Verlagsautoren dort bis 1960 aufgetaucht sind. John Diebold etwa mit Die automatische Fabrik, Paul Seabury Die Wilhelmstraße – Geschichte der deutschen Diplomatie, Sidney Hook Der Held in der Geschichte oder William Vogt Die Erde rächt sich.

10. Victor Gollancz erhielt 1960 während der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Das Gastgeschenk der Stadt, eine Vase der Porzellanmanufaktur Höchst, wollte er nicht nach Hause nehmen, schenkte sie seinem Freund Karl Anders. Siehe: Erinnernswert – Lorbeer für zwei Männer und eine alte Vase; sowie das Porträt: Matthias Bertsch: Zum 50. Todestag von Victor Gollancz: Der bedingungslose Menschenfreund, CulturMag März 2017.
Und auch: Alf Mayer über Karl Anders – »Krähen-Meister«. Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist …Ein Salut zum 20. Todestag, CulturMag März 2017.
Sowie Stimme aus dem Chaos. Eine Auswahl der Schriften von Victor Gollancz; das Buch erschien erstmals 1950 im Nest-Verlag von Karl Anders und wurde 1960 (als der Verlag bereits zu 100 Prozent der Frankfurter Rundschau gehörte) wieder aufgelegt. Herausgeber war Julius Braunthal, Staatswissenschaftler, Essayist, Journalist, 1951 Mitbegründer und bis 1956 Sekretär der »Sozialistischen Internationale«.
11. Karl Anders: Mord auf Befehl – Der Fall Staschynskij. Eine Dokumentation aus den Akten. Verlag Fritz Schlichtenmayer, Tübingen, 1963. 112 Seiten. Siehe auch hier und hier. //
Karl Anders: Die ersten hundert Jahre. Zur Geschichte einer demokratischen Partei. Verlag J.W. Dietz Nachfolger, Hannover 1963. 326 Seiten. // Karl Anders: Stein für Stein. Die Leute von Bau-Steine-Erden und ihre Gewerkschaften. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1969. 326 Seiten.
12. Auf Seite 54 im Buch etwa hätte der Klatschgeschichten nicht abgeneigte Göpfert, wenn ihm schon die politische Dimension einer Person wie Anders nicht geheuer oder geläufig ist, erwähnen können, dass eines der berühmten Fotos der an ihrem Fenster sonnenbadenden Rosemarie Nitribitt aus dem gegenüberliegenden Rundschau-Büro von Karl Anders geschossen wurde (weitere vom FR-Dach). Töchterchen Ann erlebte das Tuscheln der Sekretärinnen und die Aktion des Rundschau-Fotografen Kurt Weiner – und verstand dann ein paar Tage später gar nicht, wie eine »Lebedame« denn tot sein konnte… Aber bei Karl Anders und der Rundschau kann man das auch nicht verstehen.























