Geschrieben am 1. September 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag September 2025, News

80 Jahre ‹Frankfurter Rundschau› – und ein Riesenproblem

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Warum der Widerstandskämpfer Karl Anders bei der »Frankfurter Rundschau« totgeschwiegen wird – und warum die Karl-Gerold-Stiftung eine Unabhängige Historikerkommission braucht (Fortsetzung)

– Von Alf Mayer.

Meinem journalistischen Lehrer Gernot Römer,
Chefredakteur Augsburger Allgemeine (1974-1994),
und meinen Mentoren
Harry Pross (1923-2010) und
Otl Aicher (1922-1991) gewidmet.
Sie würden es nicht anders tun.

Im Jahr 2025 müsste man eigentlich gerade bei einer linksliberalen Zeitung wissen, wie mit der eigenen Vergangenheit umzugehen ist. Hier zu vertuschen, zu retuschieren oder zu mauern kommt nicht gut. Wie oft haben wir so etwas in den Medien mitbekommen, der abschreckenden Beispiele sind genug. Ausgerechnet in einem der fragilsten Glashäuser der Republik aber, bei der »Frankfurter Rundschau«, hat man aus all dem nichts gelernt. In ihrem 80. Jubiläumsjahr hat diese Zeitung samt der nach einem Herausgeber benannten Karl-Gerold-Stiftung noch immer ein unbearbeitetes Geschichtsproblem. Und das massiv. Sie wissen noch gar nicht, wie groß die Bringschuld ist. Sie wollen es bis heute nicht so genau wissen. Sie recherchieren nicht, und sie fragen nicht nach. Sie sind in ihrem Dogma gefangen. Und in ihrer Arroganz.

Die »Rundschau« und die Stiftung haben ein Problem mit dem, was man sich als Gründungsmythos zurechtgezimmert hat. Sie haben ein Problem mit ihrem Säulenheiligen. Der heißt Karl Gerold, lebte 1906 bis 1973. Er ist seit über 50 Jahren tot, aber beherrscht noch immer die FR-Gehirne. Sie nennen ihn auch 2025 noch gerne »Die Dreifaltigkeit«; so gerade wieder in der offiziellen Chronik zum 80. Jubiläumstag am 1. August geschehen. Für eine linke Zeitung ist das eine ziemlich seltsame Begrifflichkeit, bei der es denn zu Weihwasser, Anbetung, blindem Glauben und zum Dogma nicht weit ist.

Solch ein Dogma ist laut Ludwig Feuerbach »nichts anderes als ein ausdrückliches Verbot, zu denken«, und auch Johann Gottlieb Fichte wusste: »Der Dogmatismus ist gänzlich unfähig, zu erklären, was er zu erklären hat, und dies entscheidet über seine Untauglichkeit.« Das bei der »Rundschau« seit Journalisten-Generationen zementierte Dogma lautet: Es kann nur Einen geben. Es darf nur Einen geben. Es hat es immer nur Einen gegeben. Nämlich den dreifaltigen Karl Gerold: Herausgeber, Verleger, Chefredakteur. Alle anderen waren nicht wichtig. So hat man sich bei dieser Zeitung das eigene Geschichtsbild hingebogen – und all die Jahrzehnte nicht einen Millimeter hinterfragt. Dies bei einer vorgeblich autoritäts-kritischen Zeitung. Und um diese Legende aufrechtzuerhalten, vergisst man sogar journalistische Kardinal-Tugenden. Nämlich Nachfrage, Zweifel, Neugier und Recherche. Vor allem Recherche. Ein Blick ins Impressum der 50er Jahre sollte da schon stutzig machen. Aber dazu müsste man sich an ein Mikrofilm-Lesegerät in der Universitätsbibliothek bemühen. Nun, ich habe es getan.

Buch mit Lücken und Scheuklappen

Glauben heißt nicht wissen – bei der »FR« glaubt man lieber, als zu recherchieren

Zwar hat sich inzwischen unter »Rundschau«-Leuten herumgesprochen, dass der allmächtige »Karl Gerold vom Geschäft wenig Ahnung« hatte (so jüngst Claus-Jürgen Göpfert in seinem schlampigen Buch über »80 Jahre Frankfurter Rundschau«; siehe bei uns: Buch mit Leerstellen). Wer aber dann stellte denn damals den publizistischen Betrieb so auf, dass die Redaktion sich fortan lange nicht um Geld und Leser scheren brauchte? Den »Rundschau«-Chronisten aller Couleur war das bislang keinerlei Überlegung wert. Bei der ach so klugen und vom Rest der Welt unabhängigen »Rundschau« fiel Geld anscheinend immer schon vom Himmel. Ökonomie, darum kümmern sich die anderen.

Der blinde Fleck in der Geschichtsschreibung der »FR« betrifft besonders die für die Zukunft dieser Zeitung entscheidenden Mittfünfziger Jahre. Symbolisiert durch Bau und Bezug des «Rundschau«-Hauses an der Großen Eschenheimer Straße 16-18, entworfen vom Architekten Wilhelm Berentzen, ein städtisches Wahrzeichen für fast 60 Jahre. Ausgelöscht darin ist jener Mann, dem die »Frankfurter Rundschau« damals mehr als die bloße Existenz zu verdanken hatte. Sein Name ist Karl Anders (1907 – 1997). Er war Widerstandskämpfer, Journalist, Verleger – und in stürmischer »Rundschau«-Zeit 1954-1957 de facto auch deren Chefredakteur, von Karl Gerold selbst als Mitverleger und Partner in die Zeitung geholt, sein gleichberechtigter Geschäftsführer und zugleich Verlagsleiter. (Schnelldurchlauf seiner Biografie bei uns hier.) Gleichwohl geruht die Gerold-Stiftung, ihn noch am 14.08.2025 als irgendeinen »ehemaligen Mitarbeiter« abzutun – Geschichtsschreibung á la »Frankfurter Rundschau«.

Der Kredit der BfG, der den Neubau an der Großen Eschenheimer wie auch die weitere Expansion sicherte, war explizit mit seinem Namen verbunden. Karl Gerold selbst informierte am 8. September 1954 – diese Information müsste auch bei der Stiftung einschlagen wie eine Bombe – die Witwe Rudert von folgendem Sachverhalt: »Die Bank für Gemeinwirtschaft legt Wert darauf, dass Herr Anders als Geschäftsführer des Unternehmens verankert wird. Sie wissen, dass ich bereit bin, ihm zu diesem Zweck nominell DM 45.000.– von meinem Geschäftsanteil abzutreten. Hierzu ist Ihre Zustimmung erforderlich.« Das entsprach 15 Prozent der Gesellschafteranteile.

Niemand sonst in der Geschichte der Zeitung stand je wieder so herausgehoben neben Gerold im Impressum:

»Verlagsleitung Karl  N.  A n d e r s«

Und dann noch als Geschäftsführer zuerst und vor Gerold genannt. Ich denke, so etwas nennt man eine Position. Keine Anstellung.

Das Initial N. stand dabei für Kurt Wilhelm Naumann, Karl Anders war ein Deckname im antifaschistischen Widerstand. »Ich habe meine Identitäten fast so schnell gewechselt wie meine Hemden und so oft anders geheißen, dass der Name geblieben ist«, sagte er mir in den Jahren vor seinem Tod, in denen ich mich ihm ausführlich unterhalten konnte und auch darüber schrieb.

Ein Schelm, wem auffällt, dass dieser Karl Anders nach Emil Carlebach (einer der acht FR-Herausgeber 1945-1947) der zweite wichtige Antifaschist in der Geschichte der »Rundschau« ist, den der durchaus auch als cholerischer Tyrann zu lesende »Gründervater« Gerold (was er historisch gar nicht war) verfolgt, verfemt und aus dem Gedächtnis der Zeitung verdrängt hat. Gerold, so sagte mir einmal ein kluger »FR«-Journalist, das sei doch »ausgerechnet der unter unseren Herausgebern, dessen Antifaschismus sich am schwierigsten beweisen lässt«. Die hässliche Wahrheit ist: Es war wohl auch eine gehörige Portion Missgunst, die 1957 zur Kündigung (juristisch richtig: Abberufung) von Karl Anders durch Gerold führte. Nach einem Prozess durch zwei Instanzen – mit weiteren Details, die auszubreiten hier noch kein Platz ist – und krachender Niederlage tobte Gerold dem Vernehmen nach durch die Gänge: »Dieser Name wird in diesem Haus nie wieder genannt!«

»Man nennt so etwas ›Damnatio Memoriae‹. Das ist ein Delikt.«, rief der Jurist Dr. Hans-Jürgen Hellwig aus, lange Jahre kulturpolitischer Sprecher der CDU im Frankfurter Rathaus, mit dem ich zu dem Fall beriet. Er ist hellauf empört, kann den, höflich gesagt, Gedächtnisverlust einer Zeitung gar nicht fassen. Wie viele nicht, die jetzt auf den Fall aufmerksam werden. Bei der »Rundschau« selbst wissen die Heutigen gar nicht mehr, warum man den Namen Karl Anders im Hause nicht nennen darf. Warum man ihn »vergessen« hat. Sie wissen nur, dass er nicht wichtig gewesen sein kann. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Exkurs in den Psychosozialen Großen Verhau bei der »FR«

So ist das beim Zusammenbruch einer Lebenslüge. Und noch schlimmer, wenn sie eine kollektive ist. »Wir haben es nicht gewusst!« ((Weil wir es nicht wissen wollten)), höre ich jetzt von »Rundschau«-Leuten. Für mich hat das, sorry to say, die Qualität der allgemein-deutschen Nachkriegs-Vergangenheitsbewältigung. Gratis-Placebos. Da nada. Ich finde es frappierend, dass in ebenjener Stadt, in der 1963 der Analytiker Alexander Mitscherlich seine Studie »Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft« publizierte, ausgerechnet eine sich antiautoritär gebende Zeitung einem derart manischen Führerkult anzuhängen begann, dass man für die heute davon Kontaminierten fast Mitleid haben könnte. Sich von diesem Kult zu lösen scheint haarsträubend schwierig, wenn nicht fast unmöglich. So sehr steckt die Haus-Ideologie vom »starken Mann« in Knochen und Gehirn. Und so wie man Vati mit allzuviel Nachfragen nicht wehtun wollte, selbst wenn er ein schlimmer Nazi war, so wird auch Gerold – 52 Jahre tot und keine Nachfahren – immer noch geschont. Deshalb Schocktherapie: Der hauseigene Blick der »Frankfurter Rundschau« auf ihre Geschichte und die Leistungen ihres »Gründers« entspricht durchaus, man muss es so brutal sagen, einem lächerlichen Axiom wie »Der Führer hat die Autobahn gebaut.«1

»Karl Gerold legte das Fundament der FR«, lautet die alle Jubeljahre tibetanisch repetierte Zirkulationslegende. Om – – – drei Mal ausgeatmet, ich habe alles Denken und Fragen an der Garderobe abgegeben. Es steht seit jeher so geschrieben. Also muss es wahr sein.2

Screenshot vom über Journalisten-Generationen repetierten, nie überprüften Gründungsmythos der »Frankfurter Rundschau«

Ausgerechnet Karl Gerold – eine hochproblematische, eher mitleidserregende Figur, Autor grauenhaft krachlederner Poesie (der Satiriker Eckhard Henscheid erfand daran angelehnt das Genre »Gerold-Gedichte«, Robert Gernhardt nahm einige davon zur Abschreckung in die Anthologie »Hell und schnell« auf3) und verbürgt ein Choleriker und Despot – zur Führer-, Gründer- und Vaterfigur zu machen, zur übergroßen Identitätsfigur dieser Zeitung, das, sorry to say, ruft nach Therapie und begleitetem Entzug. Und nach einer Unabhängigen Historikerkommission. – They live in fantasy (Earth, Wind & Fire ‧ 1977). Oh-ah-oh-ah-oh-oh.

Georg Seeßlen und ich haben in einem Beitrag für die »Jungle World« zu diesem Phänomen jetzt u.a. Folgendes geschrieben:

»Dass man eine solche Legende aufbaut und bewahrt, hat vielleicht auch damit zu tun, dass despotische ›Blattmacher‹ und ›Zeitungszaren‹ feste Bestandteile der populären Mythologie sind. Wer eine Zeitung macht, vom Citizen Kane bis zum J. Jonah Jameson bei ›Spiderman«, MUSS ein großer Mann sein; ein besonders sympathischer aber kann er nicht sein.

Man glaubt sie zu haben… aber der hauseigenen Vergangenheit gegenüber duckt man sich heute noch vor einem Schein-Riesen

Tatsächlich ist es durchaus erstaunlich, dass offensichtlich die mythischen Hüter der Demokratie selber nie demokratisch funktionieren können. Autokratisch geführte Medien samt Personenkult und Tyrannen-Attitüde sollen dafür sorgen, dass die Politik nicht aus dem demokratischen Ruder läuft. Und der Resonanzraum der populären Mythologie nimmt diese Legende vom ›großen Mann‹ als Garant der Freiheit und der Transparenz dankbar auf, der selber nur absoluter Herrscher in seinem Reich sein kann. Irgendwas stimmt da nicht. Und in den Krisenzeiten wird es sichtbar: Nach ihrer Funktion zerfällt auch die Mythologie der bürgerlich-demokratischen Presse, nicht obwohl, sondern gerade weil man offensichtlich mit allen Mitteln an ihr festhalten will. So hat die ›Frankfurter Rundschau‹ sich selbst ein Denkmal gesetzt und eine Geschichte zurecht gelegt, die es wert ist, ein ›Gründungsmythos‹ genannt zu werden, parallel zum ebenso fragwürdigen, aber immerhin längst hinterfragten Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland. Getilgt wird, was da nicht hinein passt.«

Zurück zur Karl-Gerold-Stiftung und zur frisierten Zeitungs-Wahrheit

Seit 20 Jahren versucht Dr. Ann Anders, Kulturpolitikerin, Verlagslektorin, Übersetzerin, ehemals kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Römer und die Tochter des Verfemten, bei den »Rundschau«-Verantwortlichen durchzudringen. Aber man hält sie für eine Wichtigtuerin und unterstellt ihr persönliche Motive. Dabei geht es schlicht um historische Wahrheit – und um ein Stück nicht unwichtige Zeitungsgeschichte.

Noch jetzt am 14. August 2025 wurde Ann Anders vom Vorstand der Gerold-Stiftung belehrt, »eine Hilfestellung zur Befriedigung Ihrer persönlichen Empfindlichkeiten bezüglich Würdigung Ihres sicherlich verdienstvollen Vaters als ehemaligen Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau« falle nicht unter den Stiftungszweck. Dies, obwohl auch der ehemalige FR-Chefredakteur Wolfgang Storz nach dem mehr als schlampigen Buch »80 Jahre Frankfurter Rundschau« (siehe meinen erfeulich oft geklickten Verriss Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«) bei eben dieser Stiftung dringlich eine seriöse Revision der hauseigenen Geschichtsschreibung angemahnt und angeregt hatte.

Man nannte ihn hausintern gerne »Die Dreifaltigkeit«, so noch 2025 von »Rundschau«-Leuten anbetend rezitiert – aber man muss seine Eignung als Vorbild an vielen Haaren herbeiziehen, pardon the pun. Ausgerechnet Karl Gerold zum Patron von Qualitätsjournalismus zu erheben ist ein tiefenpsychologisch bemerkenswerter Fall von Führerkult und Sektenbildung.

Den infamen Stiftungs-Satz von der Befriedigung darf man sich gerne nochmal auf der Zunge zergehen lassen. Nicht nur, dass die Herren wohl einem Sohn von Karl Anders ganz anders geschrieben hätten, das Insistieren auf historische Wahrheit wird hier als »Befriedigung persönlicher Empfindlichkeiten« abgetan und gehöre nicht zum Stiftungszweck. Das in Frage stehende Subjekt dabei wird von einer das linksliberale Erbe einer Zeitung hütenden Instanz gutsherrenhaft als »ehemaliger Mitarbeiter« tituliert, niedrigerer Kaste kann kaum jemand sein.

Unterschrieben hat diese Frechheit Geschäftsführer Franz Mayr. Der Qualitätsjournalist Richard Meng, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung, fand und findet diese Antwort in einer Mail an mich, auf die ich fast einen Monat warten musste, wohlgelaunt so treffend, dass es sich ja erübrige, überhaupt noch auf meine ihm höflich vorgetragenen Sachfragen und Hinweise zu antworten. Ach ja, und Akten oder ein Archiv gebe es bei der Gerold-Stiftung sowieso nicht mehr, erfahre ich über Bande. Ich hatte höflich um Archivzugang angefragt, bekam keine Antwort. Recherche aber bei Gerolds ja gar nicht möglich. Fall geklärt. Affe tot.

Ist er nicht. Gut nämlich, dass die Geschichtsschreibung der FR kostengünstig, weil für lau, an mich als self employed freien Journalisten ausgelagert ist (wie es sich im Pressehaus Ippen gehört). Auch der offizielle FR-Haushistoriker, der ehemalige Nachrichtenchef Wolf Gunter Brügmann, längst im Ruhestand, besorgt schließlich seit über 20 Jahren die Geschichtsartikel der »Frankfurter Rundschau« pünktlich alle fünf Jahre für – lau. Das weiß ich aus verlässlicher Quelle. Man darf also getrost zusammenfassen: Die Befassung mit ihrer eigenen Geschichtsschreibung ist der »Rundschau« samt ihrer Stiftung keinen Pfifferling wert.

Kein Wunder, dass »Geschichtsschreibung nach Rundschau-Art« dann so aussieht, wie sie sich gerade wieder ungeniert präsentiert. Setzen, sechs!

Am Freitag, 1. August 2025, zum 80. Geburtstag der »Frankfurter Rundschau«, erschien eine Jubiläumsausgabe mit fünf Sonderseiten. Darin zu Karl Anders – NICHTS. Kein einziges Wort. Auf erneute Nachfrage von Ann Anders wurden Platzgründe geltend gemacht. Und dass eine Erwähnung ihres Vaters die Leser nur verwirrt hätte.

Stattdessen erneut die Zementierung der Legende. Auch in der »Timeline«, der offiziellen Chronik des Blattes. Sie ist die kompakte Geschichtsschreibung der Zeitung. Jede Journalistengeneration schreibt hier von der anderen ab. Hier verfestigt sich das Geschichtsbild. Jetzt, am 1. August 2025 und nach all den Interventionen liest sich das immer noch so:

»1954: Herausgeber Arno Rudert stirbt. Seine Witwe behält ein Viertel der Anteile am Druck- und Verlagshaus, wie das Unternehmen seit 1948 heißt. Gerold ist nun in einer Person alleiniger Herausgeber, Verleger und Chefredakteur. Auf den Fluren des Hauses heißt er die ‹Dreifaltigkeit›.«

Zwar gibt es in dieser »Chronik« satte 31 Worte Platz für die von 1952-68 erschienene »Faschings-Rundschau« (»mit Pin-Ups«). Nicht aber eine einzige Zeile über Karl Anders. Die »FR« phantasiert sich lieber weiter ihr Bullerbü. Sie will die Wahrheit gar nicht kennen. Erst recht nicht schreiben.

Jetzt am 1. August 2025 erschienen, die offizielle Chronik der FR. Trotz vielfacher Interventionen (und wider inzwischen besseren Wissens) klammert man sich darin wieder an die zementierte – fundamental falsche – Geschichtsschreibung, wie sie seit Jahrzehnten als hauseigene Prawda gilt. Betrifft vor allem den Eintrag zu 1954: Gerold, die »Dreifaltigkeit« von Anfang an. Hahnebüchen.

Auch im Jubiläums Leitartikel »Seit 80 Jahren eine linksliberale Stimme« von Pitt von Bebenburg heißt es: »Von 1954 an war Gerold alleiniger Verleger, Herausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und blieb das bis zu seinem Tod 1973. Sein Vermächtnis ist die Karl-Gerold-Stiftung, die bis heute zehn Prozent der Anteile an der Zeitung hält.« Das ist nicht einmal formal korrekt, unterschägt die 15 Prozent Herausgeberanteil von Karl Anders und lässt erneut Entscheidendes aus.

Das neue »Rundschau-Haus«, 1955

Mir vorliegende Dokumente belegen unmissverständlich: Karl Gerold war 1954 noch weit von einer »Dreifaltigkeit« entfernt, er glänzte stattdessen öfter mit Abwesenheit (damals tagesgenau im Impressum vermerkt). Auch in den Wochen vor und nach der ganz oben abgebildeten Jubiläumsbeilage von 1955 übrigens zeigt das Impressum an: »Karl Gerold (abw.)«. Die Arbeit müssen die Heinzelmännchen gemacht haben, oder damals eben der Verfemte: Karl Anders.

Gerold, man muss es aussprechen, denn alles andere begünstigt nur weiter die Legendbildung, war nicht nur »hochexplosiv«, so der Schriftsteller Gerhard Zwerenz, also verbürgt cholerisch. Er war alkoholkrank und nicht immer dienstfähig, über die Jahre immer wieder zum Entzug in der Schweiz. Sogar Rudi Dutschke stolperte dort über ihn. (Wirklich. Ist verbürgt.)

Hier nun wie es wirklich war

Im Jahr 1954 stand die »Frankfurter Rundschau« in Gefahr, mit dem Tod des Mitherausgebers Arno Rudert, den Streitereien mit seiner Witwe, mit den Kostenüberschreitungen für den Neubau, wegen enormer Kreditprobleme und einer Palastrevolte des kaufmännischen und auch des technischen Leiters im Chaos zu versinken. Die Zeitung stand am Abgrund. Den Geschäftsbericht 1954 unterschrieb in Gerolds Abwesenheit damals jener ach so unwichtige »Mitarbeiter« Karl Anders. Gerold selbst hielt für 1954 fest: »Herr Anders wurde am 15. Juli als Berater und Bevollmächtigter von Herrn Gerold eingesetzt, am 3. September von den Gesellschaftern als gleichberechtigter Geschäftsführer bestellt.«

Diese Bank, das Finanzinstitut der SPD und der Gewerkschaften, hat 1954 die »Rundschau« mit einem großzügigen Zehn-Jahres-Kredit gerettet. Dies ausdrücklich, damit die Zeitung UNABHÄNGIG ihre Arbeit tun kann. Die Anzeige stammt aus dem Jahr 1955 und war in der 64-seitigen Frankfurt-Beilage der »FR« geschaltet, die klar die Handschrift von Karl Anders trägt. Jenem Mann, den die Zeitung aus ihrem Gedächtnis tilgte. (Wie geht das überhaupt bei Journalisten?) Der Kredit war ausdrücklich mit der Ernennung von Karl Anders zum Geschäftführer verbunden, dem Karl Gerold dann auch 15 % seiner Herausgeberanteile abtrat. Der »Mitarbeiter« Anders, so der Vorstand der Karl-Gerold-Stiftung noch am 15.08.2025, war also Geschäftsführer, Verlagsleiter und Mitherausgeber der »Frankfurter Rundschau«. Die Recherche-Genies der »FR« haben das nie selbst herausgefunden. Jetzt hilft CulturMag ihnen auf die Sprünge.

Die zur Einweihung des neuen »Rundschau-Hauses« erschienene 24-seitige Zeitungsbeilage trug ebenso wie 1955 die dicke Beilage zum zehnjährigen Kriegsende und dem wieder aufgebauten Frankfurt klar die publizistische Handschrift von Karl Anders, sogar dort hin bis zu den Anzeigen (Gewerkschaften und BfG groß und vor den Modehäusern). Die Editorial-Seite teilten sich Gerold und Anders brüderlich. Ein klarer und unmissverständlicher Beweis, dass 1954 ff. nicht nur Gerold bei der »Rundschau« wichtig und in Verantwortung war. (Siehe dazu auch nebenan in dieser Ausgabe: Die »Rundschau« im Jahr 1955, fern wie der Mars.)

Und eine weitere Bombe am Fundament der hauseigenen Geschichtslegende: Während nach außen hin bis heute das Bild vom SPD-fressenden, ach so unabhängigen Karl Gerold und der stets ach so unabhängigen »Rundschau« gepflegt wird, war es in Wirklichkeit die BfG, die Bank für Gemeinwirtschaft, also das Finanzinstitut der Gewerkschaften und der SPD, die der Zeitung 1954-folgende das Überleben sicherte und in einer äußerst kritischen Situation einen langfristig günstigen und konstruktiven Zehn-Jahres-Kredit gewährte und so zum Hauptkreditgeber bereits in den 1950er Jahren wurde. (Nicht erst in den 1970ern, wie in der bisherigen Geschichtsschreibung datiert.)

Der Vertrauensmann der Bank dabei, ganz ausdrücklich: Karl Anders. Noch in seinem sich bis 1961 hinziehenden Abfindungsprozess war immer ein Anwalt der BfG dabei. So wichtig war er dieser Bank.

Karl Anders genoss, zum Teil schon aus der Zeit in Widerstand und Exil das Vertrauen wichtigster SPD-Genossen: Alfred Nau, Willy Brandt und Fritz Heine zum Beispiel. Der letzte war ein lebenslanger Freund, ganz eng mit »der Konz« verwoben, der »Konzentration GmbH«, dem Dachunternehmen der Pressegesellschaften der SPD. Für deren Betriebsberatungs-Abteilung war Karl Anders auch noch nach dem Ausscheiden bei der »FR« als Gutachter und Verlagssanierer tätig und vom dort versammelten Fachwissen profitierte auch die »FR«. Karl Anders galt als Fachmann für Verlagsrettungen, er hatte eben nicht nur kaufmännische, sondern auch große publizistische Erfahrung.

Anders war es und nicht Karl Gerold, der das Geschäftsmodell einer Geld verdienenden Druckerei organisierte und orchestrierte, was perspektivisch dann die Ausgründung nach Neu Isenburg und damit all den finanziellen und redaktionellen Freiraum ermöglichte, von dem die Redaktion noch bis fast ins neue Jahrtausend profitierte. Seine Verdienste waren dabei aber nicht nur strategischer und wirtschaftlicher Art. Auch publizistisch profilierte sich die »Rundschau« durch seine exzellente Vernetzung und durch seinen Verlag.

Dass die »FR« bei den Schriftstellern des Exils Renommee genoss, hatte nicht nur mit Feuilletonchef Erich Lissner zu tun (der im inneren Exil gewesen war) sondern eben auch mit dem aktiven Widerstandkämpfer Anders, der unmittelbar nach Kriegsende Größen wie Oskar Maria Graf verlegte und als stellvertretender Vorsitzender des Verbands der Sozialistischen Verleger, Buchhändler und Bibliothekare hohes Ansehen bei den kritischen Geistern und Autoren der Nachkriegszeit genoss, und dazu noch obendrauf einen wachen Blick in die angelsächsische Sachbuchwelt bewahrte.

Noch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1960 an den Völkerverständiger Victor Gollancz ging auf sein Konto: Karl Anders hatte seinen Nest Verlag nach dem Vorbild seines britischen Freundes aus dem Exil modelliert, brachte dessen Bücher heraus. So bekam der Buchverlag der »FR«, der 1961 als Teil der Abfindungslösung dann komplett übernommen wurde, einen Friedenspreisträger ins Programm.

Die »FR« hat – hätte, muss man leider immer noch sagen– mit Karl Anders eine die Verlagsgeschichte sehr bereichernde Persönlichkeit vorzuweisen. Die »Rundschau« muss sich nur endlich zu ihm bekennen. Und sich bei ihren Leserinnen und Lesern für all die Irreführung und ihre notorische Recherche-Schwäche entschuldigen. Gute Zeitungen tun so etwas. Sie haben dafür einen Kodex.

Alf Mayer

Siehe auch bei uns:
Alf Mayer: Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen?
Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«
Karl Anders – Biografischer Schnelldurchlauf
Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal

Anmerkungen:
1. Siehe nebenan dazu auch Brechts »Fragen eines lesenden Arbeiters« und meinen Artikel Die »Rundschau« im Jahr 1955, fern wie der Mars.

2. Doch so langsam sickert die Wahrheit ein. Nur, wie gibt man die zu? Indem man bei mir abschreibt und fünf Jahre folgenlos gebliebene Mails von Ann Anders, die sich schon vor fünf Jahren anlässlich der Geschichtsklitterung zum 75. Zeitungsjubiläum ausführlich bei den FR-Granden beschwert hatte, nun endlich – nein, nicht nachgeht – geschönt rekapituliert. Wolf Gunter Brügmann jetzt in der bei Nacht und Nebel ins Internet geschobenen Ergänzung:

»Alf Mayer bilanziert in culturmag: Anders habe Ordnung in „das organisatorische und finanzielle Chaos“ nach dem Tod des Mitherausgebers Rudert gebracht, die Modernisierung der Druckerei organisiert und lukrative Druckaufträge besorgt. Damit habe er die Grundlage für die überaus erfolgreiche Drucksparte des Verlags geschaffen, die der FR über Jahrzehnte hinweg redaktionelle Freiheit ermöglicht habe. Zwei Beispiele: Er habe das Geld für die „Heidelberger“- Druckmaschinen besorgt, die der FR das profitable Vierfarbgeschäft ermöglicht habe. Mit Josef Neckermann habe er den Vertrag über den Druck des Versandhauskatalogs ausgehandelt, so Ann Anders.

Zwischen Gerold und Anders knirschte es nach ihrem Bekunden gewaltig. Nicht nur wegen wirtschaftlicher Entscheidungen, die dem „Schöngeist“ Gerold nicht gepasst hätten. Ein weiterer Grund für das Zerwürfnis sei gewesen, dass sich Gerold gegenüber Frauen unangemessen verhalten habe. Ihr Vater habe den alkoholkranken Gerold zu Entziehungskuren in die Schweiz fahren müssen.

Gerold hatte zeitlebens mit der Alkoholkrankheit zu kämpfen und wollte nicht, dass das öffentlich wird. Im Frühsommer 1968 kam es zu einer bizarren Begegnung Gerolds mit dem Studentenführer Rudi Dutschke in der Nähe eines Schweizer Sanatoriums, wo Dutschke sich von den Folgen des Attentats auf ihn erholte. Seine Frau Gretchen Dutschke berichtete später: „Da sahen wir einen Mann, der sich an einen Baum lehnte. Als wir an ihm vorbeigingen, trat er plötzlich auf die Straße und sagte: Ich weiß, wer Sie sind. Der Mann stellte sich vor: Ich bin Karl Gerold. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin nicht hier, um Sie aufzuspüren. Ich bin Patient im Sanatorium. Ich bin auch nicht daran interessiert, dass meine Anwesenheit hier bekannt wird.« – Hallelujah! Das mit dem alleinigen Fundament-Legen war also noch nicht mal ein fulltime-Job für Gerold? Sakra. Das mit der Vergangenheitsdarstellung muss man bei der »Rundschau« nochmal üben.

3. Ich habe mir den Spaß erlaubt, die KI um ein Gerold-Gedicht zu bitten; das funktioniert. Hier zwei echte, die Robert Gernhardt 2004 für seine Anthologie »Hell und schnell. 555 komische Gedichte auf 5 Jahrhunderten« für dort den sechsten Raum ausgewählt hat. Er heißt »Die Wunderkammer. Wunderliche und wunderbare Fundstücke aus deutschen Dichterstuben«. Hier also Karl Gerold, ganz bei sich, und ganz im Ernst:

Die Braune und der Weiße

Ich sah einst eine Braune gehn
mit schlankem Leib sah ich sie gehn
… mir zitterte das Herz voll Glut –
in ihrem Haar den Meerwind wehn
ich sah sie an, ichhatt den Mut;
doch hat sie durch mich durchgesehen:
den weißen Mann – ich sah sie gehn.

Erlebt in Charleston (Amerika)

Mannschaft statt Masse

Unsere Zeit ist eine Brandung
wogend in der Menschheit Meer,
neues Land winkt, doch Versandung
droht zugleich auch weit umher.

Worte hohl mit viel Getöse
sind des geistes Inflation,
nein, sie wollen nie das Böse,
doch sie schreien: mehr Ration!

Nehmen, nehmen, mehr behalten,
Gemeinbesitz, kein Risiko,
streicht durch ihrer Hirne Falten
keiner weiß woher, wieso!

Unsere Zeit ist eine Brandung
mit gefährlich Feld und Riff,
Masse bringt uns die Versandung,
Leitung lenkt der Zukunft Schiff!

Für Gustav Heinemann, 1970

Und zu Ostern 1969, in der FR abgedruckt:

Ich fahre lange auf dem Mittelmeer,
von dort kommt die Kultur Europens her,
ich bin vermischt mit allem, was da lebt,
das dort im Wind, wie in den Menschen schwebt,
von dort her kommt mir dieses in den Sinn:
entscheidend ist, daß ich ein Mensch
und menschlich bin.

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