Geschrieben am 1. September 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag September 2025

Die »Rundschau« im Jahr 1955, fern wie der Mars

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Mit der Handschrift von Karl Anders: Die Verlagsbeilage von 1955 zum Bezug des »Rundschau-Hauses«

Eine Recherche von Alf Mayer

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
Triumphierten die Cäsaren?
…
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte.
So viele Fragen

(Bert Brecht: Fragen eines lesenden Arbeiters)

Karl Anders © Archiv Alf Mayer

Karl Anders stellte 1969 dieses Brecht-Gedicht seinem Gewerkschafts-Buch »Stein für Stein. Die Leute von Bau-Steine-Erden und ihre Gewerkschaften. 1869 bis 1969« voran.  Das entsprach der Haltung, die bei ihm sein ganzes Leben zählte: solidarisch, sozial- und gerechtigkeitsbewusst, am Kollektiven des Fortschritts interessiert, kein Egoist, nie selbst zu sehr im Vordergrund. Er war das Gegenteil von Karl Gerold. Und er wurde von ihm in der Geschichtsschreibung der »Frankfurter Rundschau« ausgelöscht. (Wann und wie hier zu späterer Zeit, es war ein Brutus-Akt, ganz und gar nicht nett, sondern schäbig.)

Die Pharaonen-Haltung Gerolds spiegelt sich hingegen noch heute, ganz subkutan, in den Formulierungen, mit der die heutige »Rundschau«-Generation (dank unseres öffentlichen Drucks) die Anwesenheit von Karl Anders an der Pyramidenspitze ihrer Zeitung zur Kenntnis zu nehmen beginnt. Bei Nacht und Nebel wurden jetzt am 28. August die ersten 600 Wörter über »Karl Anders als Gegenpart an der Spitze des Verlags« (sic!) in den Internetauftritt der FR gesetzt.

Karl Anders jedoch war gewiss nicht als »Gegenpart« zur »Rundschau« gekommen, sondern weil er Verantwortung übernahm, die Zeitung vom Abgrund zu reißen. Gerold stand hilflos und man muss es sagen – pathetisch, gelegentlich betrunken und selbstmitleidig – daneben. Er war nicht mehr kreditwürdig, hatte den Verlag an die Wand gefahren, hatte in falsche Druckmaschinen investiert, die Baukosten überzogen, war von der Organisation der zum Großbetrieb gewordenen Zeitung überfordert, sein eigenes Führungsteam meuterte gegen ihn. Das ist die harte Wahrheit – ich kann sie belegen. Anders als die ganzen FR-Generationen seit Gerolds Tod 1973 habe ich recherchiert (was jeder Journalist eigentlich in der Klippschule lernt) – und ich habe die Akten. More to come. Karl Gerold sieht darin nicht gut aus, so viel kann ich verraten. Man muss fast Mitleid haben, welche Figur sich die Zeitungs-Nachfahren zur Anbetung ausgesucht haben.

Die »Rundschau« und die Gerold-Stiftung haben sich für ihren Säulenheligen einen Bravo-Starschnitt zurecht gelegt, der nur am Rande mit der Wirklichkeit zu tun hat. Sieht man näher, trägt dieser Kaiser wenig Kleider. Der »Rundschau«-Titan war alles andere als ein Pharao oder Caesar. Eher ein Rumpelstilzchen, Zornausbrüche und peinliche Gedichte inklusive. Aber stets gut darin, sich den Lorbeer der Arbeit anderer ums Haupt zu flechten. Also zurück zu Brecht, zur Frage, wer die Arbeit tut – und wer die Baumeister der »Rundschau« waren. Karl-Herrmann Flach, gewiss. Werner Holzer. Und vor ihm Karl Anders.

Hier der beste Freund eines recherchierenden Journalisten: die Akte …

Für diesen verleugneten Widerstandskämpfer beginnt bei der FR gerade endlich so etwas wie »Glasnost«, vorsichtige Frostaufbrüche, alles noch rumplig und vorsichtshalber erst einmal ganz viel Konjunktiv: »habe«, „solle«, »demnach«, Hörensagen und bei mir geklaute Erkenntnisse. Nur eins weiß man aber immer noch genau, brandneues Zitat vom Haushistoriker: »Gerold musste sich von 1953 an seinen Einfluss im Verlag mit einem Mann teilen, über den in der FR-Geschichtsschreibung bisher nichts zu lesen war: Karl Anders. Die damalige FR-Generation hat diese Zeit mit Schweigen belegt.«

Als Quelle der kleinlaut-verklemmten Neu-Darstellung eines über 60 Jahre Verfemten werden benannt: Ann Anders und »der Journalist Alf Mayer, der viele Gespräche mit Karl Anders führte und jüngst im Digitalmagazin www.culturmag.de darüber berichtet hat«. Hat er, allerdings unter den Überschriften Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen?, Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«, Karl Anders – Biografischer Schnelldurchlauf und True Crime in Frankfurt. Geschichtsklitterung bei der Rundschau.

Dieser Zusammenhang/ wahre Hintergrund aber wird tunlichst ausgelassen und nicht erwähnt. So wie wie auch die Tatsache, dass bei dieser Zeitung 50 Jahre lang nicht ein einziger Journalist in der Lage war, das zu recherchieren, was ich als freier Journalist ohne Zeitungsapparat im Rücken in wenigen Wochen herausgefunden habe. Eine Niederlage des »Qualitätsjournalismus« (FR-Slogan) sondergleichen. Sie können froh sein, dass kein Karl Kraus mehr lebt und kein Hermann Gremliza. Welch eine Gurkentruppe, völlig verblendet in ihrer Ideologie vom starken Führer, über den man ja schon alles weiß. Pech nur, wenn der Leichen im Keller hat.

Ein Satz zum Goutieren, das UBW schlägt immer wieder zu: »… musste sich seinen Einfluss teilen…« Das zeigt die Perspektive der im Dogma der »Dreifaltigkeit«, gefangen Nachfahren, wie sie Karl Gerold immer noch gerne nennen. Jemand anderen gleichberechtig – das war KarlAnders neben Gerold – neben ihren Säulenheiligen Karl Gerold zu stellen, würde ihn kleiner machen; immerhin das ahnen sie. Aber als ob das damals das Wichtigste gewesen wäre, und solch eine Perspektive die einzig Mögliche. Es galt schlicht, mitanzupacken. Karl Anders war der Richtige dafür. Es war sein Ding. Es war seine Zeitung.

Karl Gerold selbst gibt den Ernst der Lage zu – in seinem Geschäftsbericht für 1954

Lassen wir Karl Gerold in seinem Geschäftsbericht selber sprechen: »Das Geschäftsjahr 1954 war mehr als schwierig. Alleine der Bau des neuen Hauses und die die Voranschläge überschreitenden Baukosten brachten eine äußerst angespannte Finanzlage mit sich… ((Es folgen Details über strangulierende alte Kredite)) … Weiterhin entstanden erhebliche Schwierigkeiten aus dem Aufbau dieses Betriebes… Man kann den ganzen Zustand als eine Improvisation bezeichnen, bei der etwa auftretende, nicht ganz unerhebliche Störungen, zu einer Katastrophe hätten führen können.

Diese Schwierigkeiten sind nicht verborgen geblieben. Die außerordentlich zögernde Zahlung an Lieferanten der Firma und dazu noch unbedachte Äußerungen aus dem Kreise der Geschäftsleitung führten zu der Verbreitung von Gerüchten über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Gesellschaft. Hinzu kamen die begründeten schweren Besorgnisse von Eingeweihten hinsichtlich der technischen Situation.

Die ganze Lage drängte also im Frühjahr 1954 ganz gebieterisch auf eine grundlegende Konsolidierung der wirtschaftlichen und technischen Verhältnisse. Die hierzu erforderlichen Maßnahmen wurden noch dadurch erschwert, daß der Mitgesellschafter, Herr Rudert, im März 1954 starb und sich die Klärung der Gesellschafterverhältnisse, für die bedauerlicherweise sogar die Anstrengung eines Prozess erforderlich wurde, noch monatelang hinzog.

In dieser außerordentlich gespannten Lage glaubten schließlich der bisherige kaufmännische Leiter und der bisherige technische Leiter die Forderung auf Beteiligung an der Gesellschaft und Pläne für eine Fusion mit einem anderen Unternehmen, bei deren Durchführung die beiden Herren für sich eine entscheidende Stellung vorgesehen hatten, stellen und durch eine vorzeitige Kündigung ihres Angestelltenverhältnisses erzwingen zu können. Diese ganze Situation führte notwendigerweise zu einer erheblichen Unruhe im Betrieb und einer Verschlechterung des Betriebsklimas und der Arbeitsleistung, sowie zu einer Tendenz der Abwanderung von Fachkräften.«

Welchen Einfluss, bitte, hätte es hier denn zu teilen gegeben? Aber das Unbewusste, die allzu starke Vaterbindung an Papa Gerold schreibt eben bei solchen Formulieren mit. Lesen Sie gerne noch einmal den oben zitierten Satz: : »Gerold musste sich von 1953 an seinen Einfluss im Verlag mit einem Mann teilen, über den in der FR-Geschichtsschreibung bisher nichts zu lesen war: Karl Anders.«

Wieder Gerold himself: »Herr Anders wurde am 15. Juli als Berater und Bevollmächtigter von Herrn Gerold eingesetzt, am 3. September von den Gesellschaftern als gleichberechtigter Geschäftsführer bestellt. Den Kredit der Süddeutschen Bank konnte die Geschäftsleitung im September ablösen. Die MIttel hierfür und zusätzlich noch einen laufenden Betriebsmittelkredit von 4000.000,– D-Mark erhielt sie von der Bank für Gemeinwirtschaft. In dem Kreditabkommen wird von der Bank ausdrücklich betont, daß Hauptzweck ihrer Kredithergabe die Sicherung der Unabhängigkeit der Zeitung sei. Der Kredit ist auf zehn Jahre fest zugesagt.«

Gerold selbst sagt, dass es die BfG ist, die der Zeitung die Unabhängigkeit garantiert

In einem weiteren Bericht verstärkt Gerold – der nach Außen stets so tat, als wäre die Unabhängigkeit der Zeitung sein eigenes titanisches Werk – die interne, bisher im Giftschrank der FRgehaltene Wahrheit noch mehr:

»Dieser Bericht kann nicht besser abgeschlossen werden als mit folgenden Schlussbemerkungen der Bank für Gemeinwirtschaft:

›Wir hoffen, dass mit Gewährung dieses Kredites Ihnen nunmehr die finanzielle Grundlage gegeben wird, die Ihr Unternehmen für die gedeihliche Fortentwicklung benötigt und damit auch die Gewähr gegeben ist, Ihrem Unternehmen die Unabhängigkeit zu geben, damit sie die Ihnen im Rahmen der deutschen Presse gestellten Aufgaben erfolgreich erfüllen können.‹«

An die Witwe Rudert schrieb Gerold: »Die Bank für Gemeinwirtschaft legt Wert darauf, dass Herr Anders als Geschäftsführer in dem Unternehmen verankert wird. Sie wissen, dass ich bereit bin, zu diesem Zweck nominell DM 45.000.- ((15 Prozent, AM)) von meinem Geschäftsanteil abzutreten. Hierzu ist Ihre Zustimmung erforderlich.«

Anzeige in der ebenfalls 1955 erschienen, komplett von Karl Anders konzipierten und redigierten 64-seitigen Frankfurt-Beilage der »Rundschau«. Diese Bank war es, die 1954 mit einem zehnjährigen Kredit der Zeitung die Unabhängigkeit sicherte – was Karl Gerold zeitlebens und die »FR« bis heute im Giftschrank versteckt hält. So viel historische Wahrheit darf bei dieser Zeitung (noch) nicht sein.

Besonders dem Qualitätsjournalismus sei die »Rundschau« verpflichtet, beschwören die FR-Chefredakteure immer wieder. Way to go, würde ich sagen. Messen Sie, mit recherchierten Zitaten ausgestattet, gerne noch einmal selbst die Distanz nach: »Gerold musste sich von 1953 an seinen Einfluss im Verlag mit einem Mann teilen, über den in der FR-Geschichtsschreibung bisher nichts zu lesen war: Karl Anders.«

Meine Hühner lachen. Alle. Gehen wir lieber erneut zur Arbeiterklasse. Zur Seite 1 der „Rundschau«-Verlagsbeilage vom ersten Quartal 1955. (Datum nenne ich bewusst nicht, die FR-»Notizenbengel«, wie Karl Kraus die faule Zunft nannte, soll sich gefälligst selbst durch die Archive wühlen.) Die 24 Seiten waren ein Statement, ein deutliches Schiffshorn-Signal in die Medienlandschaft Frankfurts, in die Stadtgesellschaft. Ein komplett neu aufgestellter Zeitungsverlag stellte sich vor. Stolz und ausführlich und bodenständig. Profis at work, auf allen Ebenen.

Jetzt wurde die Frankfurter Rundschau endgültig zur »Frankfurter Rundschau«. Jetzt war der Bezug des neuen Rundschau-Hauses an der Großen Eschenheimer, der sich von November 1953 bis Anfang 1955 hingezogen, endlich abgeschlossen. Jetzt lief der Betrieb. Und die Zeitung war neu aufgestellt. In jeder Hinsicht. Bis hinunter in den Packsaal. Werner Holzer, von Karl Anders eingestellt, wurde bald Chef vom Dienst – und später der Nachfolger von Karl Gerold als Chefredakteur. Auch als Anders dann von Gerold weggemobbt, sein Name von ihm mit der »damnatio memoriae« belegt war, dem Fluch des Vergessens, besuchte Holzer noch oft seinen alten Chef (und für ihn alten Chefredakteur), das aber heimlich, weil es verboten war, und erleichterte sich das Herz über neue Kapriolen des Despoten Gerold. Um 1958 herum – als bereits der Arbeitsprozess Anders vs. Druck- und Verlagshaus lief – übersetzte er für Karl Anders zwei Kriminalromane aus dem Englischen. Das aber nebenbei.

Die Beilage von 1955 trägt, wie bereits erwähnt, durchgängig die publizistische Handschrift von Karl Anders. Gerold muss sich die Titelseite teilen, hat außer Gratis-Geschwurbel über Unabhängigkeit eh nichts mitzuteilen (Transkript am Ende dieses Textes, der Fairness halber). Die Würdigung der Leistung und Arbeit anderer war eh nicht sein Ding. Da hatte er echt einen Autokraten-Defekt, auch wenn sich später seine Jüngern bemühten, ihm ein proletarisches Irgendwas aufzupolstern. Ebenfalls 1955, zum zehnjährigen Jubiläum der »Rundschau« schrieb dieser Pseudo-Pharao Gerold allen Ernstes in seinem Grußwort: »Nicht wichtig sind die Namen all der vielen Frauen und Männer, die im Verlauf der zehn Jahre daran mitgearbeitet haben und noch arbeiten. Wichtig ist einzig und allein der Faktor, daß dieses zehnjährige Zeitungskind als Institution des Volkes den Wiederaufbau unseres Vaterlandes in g e i s t i g e r F r e i h ei t symbolisiert.«

Haltung zählt: Der ganze Karl Anders bei der »Frankfurter Rundschau« in einem Bild, die Seiten 2 und 3 der Beilage von 1955 zum neubezogenen Rundschau-Haus. Links und rechts oben ein Blick in die Bild- und Textwerkstatt, Namen genannt und Gesichter gezeigt (das zieht sich durch die ganzen Seiten). Rechts unten stolz eine Anzeige des Druckmaschinen-Herstellers, dessen Maschinen die »Rundschau« drucken. Sie alle, die in dieser Beilage vorgestellt werden und aus ihrer Arbeit erzählen, zusammen bauen das siebentorige Theben, jeden Zeitungstag…

Karl Anders jedenfalls, wenn wir bei dem bescheuerten Einfluss-Bild bleiben wollen, machte 1955 seinen ganzen Einfluss dafür geltend, zusammen mit dem neuen Rundschau-Haus jetzt der Stadtgesellschaft die komplette Belegschaft der »Frankfurter Rundschau« vorzustellen. Quer durch die ganzen 24 Seiten der Beilage zieht sich eine Galerie von Beschäftigten, mit Gesichtern und Namen, liebevoll collagiert und montiert. Die Botschaft: Menschen machen diese Zeitung. (Und nicht der Pharao.) Die Beilage ist heute so etwas wie die Mutter aller Verlagsbeilagen der FR, sie stellt alle Ressorts und Arbeitsbereiche der Zeitung vor, erklärt und informiert, und das »menschelnd«. Zeitung zum Anfassen. Vergleichbares gab es nicht mehr, nur noch in verwässerter Form – und vorn spricht der Pharao. Wie weit die »Rundschau« seit dieser Beilage vor 70 Jahren auch haltungsmäßig immer mehr herunterkam, lässt sich in wie in Jahresringen in den Jubiläumsausgaben 60, 65, 70, 75 ff. ablesen.
Nieder.
Gang.

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Mitherausgeber (15 %) und Geschäftsführer Anders stellt seine Zeitung und das Verlagshaus vor

Hier die O-Töne 1955:

Von dem Drum und Dran – Von Karl N. Anders

Jede Zeitung hat ein eigenes Gesicht. Das ist merkwürdig. Wir kaufen Papier, Druckerschwärze und Nachrichten, und gewisse Leute, die Redakteure tun alles Weitere hinzu – und dreimal schwarzer Kater, unsere Rundschau ist fertig! Eigengesichtig, steter Stolz der Väter.

Diese Tatsache ist um so erstaunlicher, da unsere Maschinen noch andere Zeitungen setzen und drucken, an deren Gesicht wir nichts zu deuteln oder zu ändern haben. Sie sind uns fremd, obwohl wir uns darüber freuen, daß auch sie bei uns zu Hause sind.

Wenn einer bei uns arbeitet, dann sagt er, daß er bei der „Rundschau“  ist. Das ist nicht ganz korrekt. Auf unseren Steuerformularen steht: Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH. Das ist unsere Firma, aber das geht nur das Finanzamt, die vielen anderen Ämter, die Banken und die Lieferanten etwas an. Für alle Betriebsangehörigen ist es die „Rundschau“. So stark ist der Einfluß einer Hand voll Redakteure und so groß der Stolz auf unsere eigene Zeitung.

Anzeigenmater des neuen FR-Domizils; ein Statement

Es gab einmal eine Zeit, da war der Herausgeber und Verleger einer Zeitung gleichzeitig der Mann, der sie schrieb und druckte. Heute arbeitet ein moderner, großer Zeitungsbetrieb Tag und Nacht. Maschinen im Werte von vielen Millionen Mark lassen den Rhythmus eines großen industriellen Unternehmens in einem Teil unseres Hauses erdröhnen. Wer sich eine Vorstellung von den organisatorischen und technischen Problemen machen will, mit denen wir uns herumzuschlagen haben, der gehe von folgenden Zahlen aus:

Wir beschäftigen 915 Arbeiter und Angestellte in unserem Haus. Im Ganzen sind es 975 Beschäftigte, für die wir Löhne, Gehälter oder Provisionen zahlen. Wir verdrucken im Jahr 10.477 Tonnen Papier. Wenn man das ganze Zeitungspapier aufrollen würde, eine Rolle hinter der anderen, käme man mit dieser Menge 7,3mal um die Erde. Sehen Sie sich nur die Samstagsausgabe der „Rundschau“ an. Die Papiermenge entspricht dem Umfang eines stattlichen Buches.

Wir verdrucken im Jahr 268 Tonnen Farbe. Das würde zusammen mit dem Papier mehrere Eisenbahnzüge mit insgesamt 537 Güterwagen füllen. Wir geben die „Frankfurter Rundschau“  heraus und drucken außerdem zwei Tageszeitungen, davon eine in englischer Sprache. Außerdem sieben Wochenzeitungen, sieben Zeitschriften, die wöchentlich oder monatlich erscheinen und zum Teil Auflagen von über einer viertel Million haben. Wir drucken Prospekte und Kataloge in Millionenauflage, die zum Teil auch vierfarbig sind. Wir drucken Broschüren, Kalender und Bücher. Selbstverständlich auch Visitenkarten, Geschäftsanzeigen und Formulare.

Und welchem Zwecke dient diese umfangreiche, wirtschaftliche, technische und kaufmännische Anstrengung? Der „Rundschau“ – unserer Zeitung. Wir versuchen uns die wirtschaftliche Basis für unsere Unabhängigkeit zu erhalten, zu festigen und auszubauen. Die Pressefreiheit ist zur Zeit bei uns von außen her ernsthaft nicht in Gefahr, aber sie kann im Würgegriff innerbetrieblicher, finanzieller Schwierigkeiten erdrosselt werden. Wir wollen dort den Pfennig nicht dreimal umdrehen, wo es um den Wert objektiver Informationen geht, und uns auch den Mut zur eigenen Meinung nicht nehmen lassen. Vor allem wollen wir unseren Lesern eine gute Zeitung geben. Darum bemühen wir uns Tag und Nacht. Nicht mit zusammengebissenen Zähnen, als verkniffene Eiferer, sondern weil wir alle (mehr oder weniger) einen Heiden- und Mordsspaß dabei und daran haben.

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Im Dreispalter-Kasten daneben – nie wieder in der »Rundschau«-Geschichte gab es solch einen «demokratischen« Überblick auf einer Titelseite – hieß es:

DIE „RUNDSCHAU“ STELLT SICH VOR

Sie, lieber Leser, werde erstaunt sein, diese ‚Zeitung in der Zeitung‘ zu finden. Deshalb dürfen wir Ihnen an dieser Stelle sagen, warum wir diese Beilage bringen.

Immer wieder erreichen uns Briefe von Lesern, die wissen möchten, wie eine solche Zeitung überhaupt entsteht, und fast jeder zweite Besucher, der in das „Rundschau-Haus“ kommt und durch den Betrieb geführt wird, fragt uns danach, wie das eigentlich gemacht wird, dass die Nachrichten und Berichte immer gerade auf eine Seite passen. Mit dieser Beilage will die „Frankfurter Rundschau“ nun ihre Leser und Freunde einen Blick in die Werkstatt einer Tageszeitung tun lassen. Wenn Sie sich die Zeit nehmen, die folgenden Seiten in Ruhe zu lesen, so werden Sie Antwort auf viele Fragen finden.

Manche Ausdrücke, die wir Zeitungsleute normalerweise verwenden, sind vielleicht für Sie „böhmische Dörfer“. Das sollte ein Grund mehr für Sie sein, einen Blick auf die folgenden Seiten zu werfen, wo wir diese Dinge zu erklären versuchen. Und sollten Sie – was wir nicht hoffen – auch in dieser Beilage einen Druckfehler finden, so können wir Sie nur um ihr Verständnis bitten. Denn vor dem Druckfehlerteufel ist niemand gefeit.

Es dankt Ihnen für Ihr Interesse
Redaktion und Verlag „FRANKFURTER RUNDSCHAU“

AUS DEM INHALT:

Seite 2: Wo kommen nur die vielen Bilder her? Von Horst Egon Scholz

Seite 3: Das tägliche Wagnis des Reporters

Seite 5: Moralische Anstalt Zeitung
             Saubere Trennung von objektiver Nachricht und redaktioneller Meinung.
             Von Hans Henrich

Seite 6: Ein Netz zieht sich über Kontinente
             Eigene ‚Rundschau-Korrespondenten‘ berichten aus allen Ländern und Erdteilen.
             Von Hans-Herbert Gaebel

Seite 7: Die Bundesrepublik unter der Lupe

Seite 8: Die Zeitung bringt die Welt ins Haus
             Vom Ereignis zum gedruckten Bericht. Von Georg Herda und Horst Wolf

Seite 9: Brückenschlag vom Geldbeutel zur Wirtschaftspolitik. Von Alfons Montag

Seite 10: Reportagen liegen auf der Straße
               Man muß nur die Zeit haben, sie zu finden… Von Peter Miska

Seite 11: Hinter den Kulissen der Mode
               Wie im Oktober die Kollektionen für das Frühjahr entstehen. Von Helga Huth

Seite 12: Tagebuchblätter eines Reiseredakteurs

Seite 13: Der Sportredakteur am Sonntagnachmittag
                Indiskretionen von der Schwerarbeit, die die Sportredaktion leistet. Von Erich Wick

Seite 14: Lust und Leid des Feuilletons
               Von denen, die „unter’m Strich“ leben. Von Erich Lissner

Seite 15: Onkel Benjamin sollte einen Türken kaufen
               Die Geschichte einer Geschichte, die nicht abgedruckt wurde.

Seite 16: Frankfurt Tag für Tag. Von M. L. Eberhardt

Seite 17: Von den Schranken des Gerichts
               Menschen, Schicksale und Paragraphen. Von Rudolf Eims

Seite 18: Fahrer – Bote – Putzfrau
               Drei, ohne die es in der Zeitung nicht geht.

Seite 19: Vom Postillion zur modernen Zeitung.

Seite 20: Aus Buchstaben entsteht eine Zeitung…

Seite 21: … technische Geheimnisse gelüftet

Seite 22: Wie die Zeitung „an den Mann“ kommt
               Das Vertriebsnetz spannt sich vom ‚Rundschau‘-Haus in Frankfurt a.M. zu 170.000
               Lesern. Von Karl Macht

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Vergleichen Sie gerne die knappe Anders-Passage »Und welchem Zwecke dient diese umfangreiche, wirtschaftliche, technische und kaufmännische Anstrengung? Der „Rundschau“ – unserer Zeitung. Wir versuchen uns die wirtschaftliche Basis für unsere Unabhängigkeit zu erhalten, zu festigen und auszubauen« mit dem Editorial des Herausgebers Gerold auf der gleichen Titelseite der Beilage von 1955:

Unabhängig – aber nicht neutral – Von Karl Gerold

Im August 1955 wird die „Frankfurter Rundschau“ zehn Jahre alt sein. Sie ist im amerikanischen Besatzungsgebiet als erste Zeitung erschienen, die von Deutschen herausgegeben und redigiert wurde. Wenn man tatsächlich auf die Rundung der letzten zehn Jahre sieht, so könnte man versucht sein zu fragen: Was sind schon zehn Jahre? Überdenkt man jedoch die Zeitspanne von 1945 bis heute, überlegt man sich, was alles in diesen Jahren geschah und geschehen mußte,  so kommt man zu erstaunlichen Feststellungen. Allgemein gesehen: zu dem eindrucksvollen Aufbau in der Bundesrepublik: in unserem besonderen Falle aber zu einem Auf- und Ausbau dieser Zeitung, die ein vielfältiger Ausdruck des Zeitgeschehens ist und bleiben wird.

Was heißt dies aber, eine Zeitung aufzubauen? Sind es die Maschinen, auf denen Sie hergestellt wird. Ja. Ist es das Gebäude, das zu einem Teil Frankfurts geworden ist und in dem täglich die Zeitung gedruckt wird?  Ja. Ist es die Zusammenarbeit der Angestellten und Arbeiter in Verwaltung und Technik? Ja, tausendfach Ja!…

So viel das aber bedeutet, so ist es doch nicht alles. Das Entscheidende ist das zuerst einmal materiell nicht Greifbare: es ist der Mensch, der hinter der Arbeit steht! Es ist der Wunsch und der Wille, der alle beherrscht und auszeichnet, die die „Frankfurter Rundschau“ zu ihrem Inhalt ‚machen‘. Hunderttausende lesen täglich diese Zeitung. Allein schon deswegen – gäbe es bei dieser Betrachtung keine andere Überlegung – kommt für die ‚Zeitungsmacher‘ das Gefühl der Verbundenheit mit dem Leser hinzu, das gepaart ist mit dem Hang zur Verantwortlichkeit. Das heißt, Dinge auszusprechen, die nicht jedem behagen, nicht der Regierung, nicht jeder Behörde, nicht jeder Partei und dann und wann auch nicht jedem Leser oder Freund.

Daß man dies aber tut, daß man Kritik, Lob und Tadel sorgsam mische, daß man dem Allgemeinwohl diene wie dem Fortschritt, das zu durchzudenken und danach zu handeln, war und ist des Schweißes von Zeitungsleuten wert. Deshalb, und weil wir wissen, daß Regierungen, Parteien und Verbände aller Art ihre Eigengesetzlichkeiten haben, ihre Eigenständigkeit und die gelegentliche Vorstellung, immer und unter allen Umständen im ‚Rechte‘ zu sein, haben wir uns das Prinzip der Unabhängigkeit erkoren.

Wer aber glaubt, das genüge – der irrt sich. Wie oft wird Unabhängigkeit verwechselt mit Farblosigkeit und billiger Neutralität, hinter der sich nichts anderes als Blutleere verbirgt! Das aber soll niemand von der „Frankfurter Rundschau“ sagen können. Aus diesem Grunde gehört zu unserer Unabhängigkeit das Nichtneutralsein. Das Nichtneutralsein in allen jenen Fragen, die Wesen und Werden des kleinen wie des großen Mannes in unserem Volke berühren und bewegen; das Nichtneutralsein, wenn es, oft schwer erkennbar, um die Rechte des Staatsbürgers aller Stände geht; das Nichtneutralsein, wenn die Fragen der Gestaltung unserer Gemeinden und des gesamten Staatswesens aufgeworfen sind; das Nichtneutralsein überall dort, wo, wo die Gefahr auftaucht, daß die Prinzipien der Menschen- und Bürgerrechte heute wieder von den Schatten der Vergangenheit und den Gefahren der Zukunft umdüstert und angetastet werden. Deshalb unsere Devise: ‚Unabhängig – aber nicht neutral‘!

Sollte einmal die Geschichte der „Frankfurter Rundschau“ geschrieben werden, so kann sie unter dem Motto stehen: „Es war von Anbeginn an ein unablässiges Bemühen um Unabhängigkeit in einer Zeit, in der Parteien aller Art versuchten, öffentlichen Einfluß zu pachten. Und es war nicht nur ein Bemühen, sondern ein schwerer Kampf. Wie er ausgefochten wurde und daß er bis heute bestanden ist, davon legt die Entwicklung unserer Zeitung dokumentar Zeugnis ab. Es gab keine Partei, keinen Parteiführer und keine Regierung, mit denen wir uns nicht, wo wir die Notwendigkeit sahen, auseinandersetzten. Guten Mutes wage ich heute zu sagen, daß es so bleiben wird. Daß dies aber möglich ist, danken wir nicht zuletzt unseren Lesern. Sie sind es, die uns mit Ihrem Verständnis helfen, unser Weniges beizutragen, um hier und in einem wiedervereinigten Deutschland die Prinzipien der Individuellen Freiheit, der Menschlichkeit und der Toleranz zu verfechten und zu bewahren.“

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Die Grenzen der Zivilcourage von Karl Gerold, exemplarisch

Hanser, 1971 – Karl Gerold was not amused

Beenden wir diesen ersten Ausflug (more to come) mit einer gerne unterschlagenen Episode aus dem Wirken des »Rundschau«-Über-Pseudovaters Gerold. Zu seinen Feme-Opfern gehört auch Eckart Spoo, ein nicht unbedeutender und unbekannter Journalist, von 1962 bis 1997 Redakteur der FR, von 1970 bis 1986 Vorsitzender der Deutschen Journalisten-Union (dju), also der Presse-Gewerkschaft. Hier von ihm selbst beschrieben:

»Als Gerold 60 Jahre alt wurde, verfertigte ich als Geschenk der Redaktion ein Buch mit ausgewählten Texten von ihm. Es trug den Titel »Zivilcourage«, genau so, wie er seinen ersten Leitartikel überschrieben hatte. Er reagierte glücklich und stolz.

Bald aber zeigten sich Grenzen seiner Zivilcourage. Ich gab den Sammelband »Die Tabus der bundesdeutschen Presse« heraus, der aus einem Kongress der Deutschen Journalisten-Union, des Verbands deutscher Schriftsteller und der Humanistischen Union hervorgegangen war. Ein halbes Jahr nach Erscheinen – ich hatte es ihm sofort geschickt, und er hatte sich freundlich bedankt – nahm Gerold Anstoß an einer Fußnote zu dem Beitrag »Public relations statt objektiver Berichterstattung – Wirtschaftsteil nur für Börsianer?« des Westberliner Ökonomie-Professors Klaus Peter Kisker über die Ähnlichkeit der Wirtschaftsteile der überregionalen Tageszeitungen. Kisker hatte dort angemerkt, dass Wirtschaftsredakteure zwischen Blättern wie Die Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Handelsblatt und auch Frankfurter Rundschau mühelos hin und her wechselten.

Inzwischen war ich zum Bundesvorsitzenden der Deutschen Journalisten-Union gewählt worden. Das missfiel Gerold. Er bat mich zu einem Gespräch, das fünf Stunden dauerte. Offenbar fiel es ihm schwer, die Kündigung über die Lippen zu bringen. Er zeigte mir Urlaubsfotos und selbstgemalte Ölbilder, rezitierte selbstgeschriebene Gedichte, schlug mir vor, Willy Brandts Pressesprecher zu werden (»Conny Ahlers taugt doch nichts«), und verabschiedete mich mit dem knappen Satz: »Ich mach‘ die Rundschau, Du machst die Gewerkschaft.« Das Du war üblich im Verkehr von oben nach unten, nicht umgekehrt.

Der Fall wurde schnell publik. Hilfreich waren vor allem Berichte im Fernsehmagazin »Monitor« und in der Süddeutschen Zeitung. Neulich habe ich hier daran erinnert, wie Gerhard Zwerenz mich in dieser Auseinandersetzung unterstützte und deswegen von Gerold mit Hausverbot bestraft wurde. … Es wurde klar: Mein Rausschmiss aus der FR war Teil einer antigewerkschaftlichen Kampagne zur Abwehr jeglicher Versuche, die Medien zu demokratisieren…»

Alf Mayer

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