Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Oktober 2025, CrimeMag September 2025, News

Auch du, Brutus: Wie es zur Entsorgung von Karl Anders kam

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1. August 1957 – Der Tag, an dem sich die »Frankfurter Rundschau« eine historische Last aufbürdete

Warum der Widerstandskämpfer und Verleger Karl Anders von seinem Partner Karl Gerold bei der »Frankfurter Rundschau« entfernt wurde und dann über Jahrzehnte totgeschwiegen wird (8. und letzter Teil) – und warum Karl-Gerold-Stiftung und Zeitung eine Unabhängige Historikerkommission brauchen)

Eine Recherche von Alf Mayer

An dieser Stelle habe ich all jenen zu danken, die meinen Texten zur Verdrängung von Karl Anders und dem Gedächtnisverlust einer ganzen Zeitung bis hierher gefolgt sind. Dies alles war Hintergrund und Recherche-Weg, die Texte sind miteinander verschränkt. Siehe auch:

(7) Der »starke Mann« war gar nicht mehr kreditwürdig
(6) 80 Jahre ‹Frankfurter Rundschau› – und ein Riesenproblem
(5) Die »Rundschau« im Jahr 1955, fern wie der Mars
(4) Buch mit Leerstellen: »80 Jahre Frankfurter Rundschau«
(3) Alf Mayer: Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen?
(2) Karl Anders – Biografischer Schnelldurchlauf
(1) Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal
(0) Karl Anders – »Krähen-Meister«. Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist …Ein Salut zum 20. Todestag, CulturMag März 2017

Und, nächträglich hinzugekommen:
Georg Seeßlen und Alf Mayer: (Don’t) Print the Legend. Die Geschichtsleugnung bei der »Frankfurter Rundschau«, populärkulturell eingenordet, CulturMag November 2025
Der Deutsche Presserat missbilligt, wie die »Frankfurter Rundschau« ihre eigene Geschichte darstellt und sie bis heute nicht gründlich selbst recherchiert, CulturMag 31. Dezember 2025

Anfügen könnte ich noch eine Chronik der Verdrängung (etwa in all den FR-Jubiläums-Beilagen bis heute) und die Abwehr dieser Aufklärung bei »Frankfurter Rundschau« & Gerold-Stiftung, dokumentierbar von 2020 bis heute. Aber lassen wir das. Nun ist es Zeit, die wahre Geschichte dessen zu erzählen, wie es zur Entsorgung des Widerstandskämpfers Karl Anders in der hauseigenen Geschichtserzählung der auf ihre antifaschistische Haltung ach so stolzen »Frankfurter Rundschau« kam.

Eines noch vorab, ich habe mich dazu bereits mit Richard Meng, dem Vorsitzenden des Kuratoriums der Karl-Gerold-Stiftung, ein wenig austauschen können. Er hat, und das verstehe ich, erhebliche Bedenken, der Person Gerold allzu nahezutreten. In seinen Journalismus-Seminaren an der FU Berlin hat es immer strikt abgelehnt, in der journalistischen Beschreibung von Politikern deren private Dinge aufzurufen, soweit sie nicht direkt deren Politik beeinflusst haben. Wann aber hört bei einer soliden Geschichtsschreibung solch ein Persönlichkeitsschutz auf? Ab wann kann und muss der historischen Wahrheit der Vorzug gegeben werden?

Richard Meng selbst, einst stellvertretender FR-Chefredakteur, spricht es 2021 in einem FR-Interview anlässlich des von ihm zum 75jährigen FR-Jubiläum herausgegeben Bandes »Haltung zählt« recht deutlich aus: »Andererseits war Gerold ja eine Art Vulkan, Ausbruch immer möglich.« Der Schriftsteller Gerhard Zwerenz, von Gerold mit Hausverbot belegt, weil er sich für den von Gerold entlassenen Eckart Spoo einsetzte, immerhin Vorsitzender der dju (Deutsche Journalisten Union), beschrieb ihn im Nachruf so: »Er konnte jeden unter den Tisch saufen und in den zwischengeschalteten Perioden der Trockenheit als Inkarnation des menschlichen Jammers und der Melancholie auftreten. Er war gleichzeitig gut und böse, betrunken und nüchtern, auf Informationen versessen und jede Information verachtend wie Gott die Sünde.«

Zur verbürgten Rundschau-Folklore gehören Geschichten wie die: Junger Mann geht im Verlagsgebäude einen Gang lang, kommt ihm ein Älterer entgegen, brüllt ihn an: »Sie haben mich nicht gegrüßt! Sie sind entlassen!« Darauf der Jüngere: »Aber ich kenne Sie doch gar nicht. Sie können mich nicht entlassen, ich bin nur ein Besucher.« Oder, so der ehemalige Chefredakteur Roderich Reifenrath, wenn man im Paternoster im Rundschau-Haus Aufzug fuhr, konnte es sein, dass man oben entlassen und unten wieder eingestellt war. Bei meinen Recherchen fand ich ein Kündigungsschreiben »aus Selbstachtung« des »Rundschau«-Redakteurs Peter Fischer vom 17. November 1954. Er verlässt die Zeitung, weil Karl Gerold die Redaktion »zu einer Art gesitiger Kasernenhof degradiert« und die Redakteure »gelegentlich einem demütigenden Hinlege-Training unterzieht«; er würde nur auf Kriecher hören. »Wenn Gerold in die Konferenz kam, waren die Redakteure klein mit Hut«, beschrieb mir ein vertrauenswürdiges »Rundschau«-Urgestein das Redaktionsklima in den 1960ern und frühen 1970ern.

Karl Gerold ist seit über fünfzig Jahren tot, er hat meines Wissens keine Nachfahren. Und so leid es mir tut, seine cholerische Veranlagung und seine Alkoholkrankheit haben seine Tätigkeit als Verleger der »Frankfurter Rundschau« sehr wohl mitbestimmt. Auch das Ende der Partnerschaft mit Karl Anders. Und das war und ist alles andere als rühmlich.

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Die von mir in öffentlichen Archiven aufgefundenen Gerichtsakten – ergänzt mit Beweisanträgen beider Seiten, eidesstattlichen Aussagen, Memoranden, Notizen und Briefen – erzählen die Geschichte dieser bösen Intrige. Also der heute »unbekannten Gründe« (FR-Chefreporter Bebenburg, siehe neben an in Der »starke Mann« war gar nicht mehr kreditwürdig). Die Gerold-Stiftung sollte, wenn sie Größe hat, diese Materialien als Sonderband herausbringen. Es wäre ein Akt der Wiedergutmachung. Ein Stück nachkriegsdeutscher Zeitungsgeschichte. Ein wirklich fundierte Lösung wäre die Einsetzung einer Unabhängigen Historikerkommission und die Beauftragung eines federführenden Historikers, der die Geschichte der »Frankfurter Rundschau« neu recherchiert, bewertet und schreibt. Die Legende vom »Gründer« und »starken Mann« Karl Gerold jedenfalls braucht Revision.

Versteckt hat es Anflüge davon an – allerdings eher entlegenen Stellen – schon gegeben. »Programmatische Leitfigur war er für uns nicht«, konstatiert der ehemalige Chefredakteur Roderich Reifenrath im in Kleinstauflage erschienenen Jubiläums-Buch »Haltung zählt« zum 75. Jubiläum der Zeitung (dort Seite 48). »Wenn Gerold Kommentare schrieb, war das nicht ausgeprägt links oder pointiert liberal oder konservativ – da war oft von allem etwas dabei. Seine Texte waren meist meist kämpferisch, nicht abwägend analytisch.« Gleichzeitig aber ist nach wie vor an prominenter Chronik-Stelle Reifenraths schon zu mehreren FR-Jubiläen recycelter Leitartikel zu lesen: »Karl Gerold legte das Fundament der FR«. Dies ist bis heute unverbrüchliches Dogma der FR.

Das berühmte »Grundgesetz« der »Rundschau« übrigens, Inhalt des Dienstvertrags für jeden Redakteur und jede Redakteurin, stammt nicht von Gerold sondern vom Freidemokraten Karl-Herrmann Flach und dem langjährigen stellvertretenden Chefredakteur Hans-Herbert Gaebel. 

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Der »bessere« Antifaschist – und auch sonst ein Gegenpol

Und noch eine Präambel: Karl Anders, so solidarisch er seinem Partner und Freund Gerold gegenüber war, hat diesen, ob er es wollte oder nicht, gewiss auch mehrfach gedemütigt. Er bekam dessen Alkoholkrankheit ganz aus der Nähe mit, brachte ihn oft genug mit seinem Fahrer nach Hause. Und er fuhr ihn mindestens zweimal zur Entziehungskur in die Schweiz. Anders war als Mitverleger die Schutzadresse, zu der weibliche Angestellte und Journalistinnen des Verlags kamen, wenn Gerold sich ihnen gegenüber unangemessen verhalten hatte. Er führte ein Pendlerleben und einen aufwendigen Lebensstil, seine Frau lebte in Basel. Prokurist Sauerbrey stöhnte bei Gerold öfter über die Spesen und Entnahmen. Gerolds Gedichte lassen eine Affinität zum Nachtleben, zu allerlei Frauengestalten und zu Affären erkennen. Er war, sorry to say, in mehrfacher Hinsicht haltlos. Karl Anders hingegen war Familienvater, seine Tochter Ann verbrachte (wie so manche Kinder von Widerstandskämpfern) eine Kindheit, in der ihre Fragen ernstgenommen und Empathie eine tägliche Erfahrung war. Sie war auch oft im Rundschau-Haus, hatte immer genug Andruckbögen zum Malen.

Zeitzeuge Karl Anders ist hier mit dabei: Broschüre zu einem Symposium der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1983. Zu Karl Gerold gibt es nichts annähernd Gleiches.

Karl Anders, auch das muss hier benannt werden, war zudem der »bessere« Widerstandskämpfer. Seine Biografie liegt offen (siehe auch bei uns den Schnelldurchlauf). Bei Empfängen oder gemeinsamen Auftritten mit Gerold passierte es immer wieder, dass Karl Anders auf seine Vergangenheit angesprochen oder darauf Bezug genommen wurde. Etwa: »Ich habe Ihre Stimme im BBC-Radio gehört.« Karl Gerold hingegen wird in allen biografischen Artikeln nur mit Müh und Fadenschein in Richtung antifaschistischer Widerstand ausgestattet. Gerold, so sagte mir einmal ein kluger FR-Journalist, das sei doch »ausgerechnet der unter unseren Herausgebern, dessen Antifaschismus sich am schwierigsten beweisen lässt«. Auf ominöse Weise soll er in Basel gegen das Nazi-Regime gearbeitet haben, aber kein Flugblatt, kein Artikel, kein Text, kein Brief oder eine nachweisbare Verbindung mit der – tatsächlich vorhandenen, studentisch geprägten – antifaschistischen Szene in der Schweizer Grenzstadt gibt davon Zeugnis.

»Spektakuläre Flucht mit Fragezeichen« überschrieb der Konstanzer »Südkurier« am 12. August 2023 eine Recherche von Reinhard Valenta, der festhält: »Eigenartigerweise gibt es keinen einzigen Hinweis auf jene Fluchtgeschichte, die Gerold mehrfach erzählt hat. Er sei im November 1933 in Wehr verhaftet worden, auf dem Weg ins KZ Heuberg aus dem langsam fahrenden Zug gesprungen und im Rhein hinunter bis Möhlin geschwommen. Selbst Gerolds Biografin (…) setzt ein Fragezeichen hinter diese Erzählung. (…) Der Gedanke liegt nahe, dass der junge Karl Gerold durch die Stilisierung seiner Flucht an Gewicht (…) gewinnen wollte. (…) Das Ministerium des Innern in Karlsruhe stellte jedenfalls das Verfahren um die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit am 20. März 1935 ein. «Für die Aberkennung kommen nur bekannte führende Persönlichkeiten, welche nachweisbar in großem Umfange im Ausland öffentlich gegen Deutschland hetzen, in Frage. Dies trifft auf Karl Gerold nicht zu.» – Nun ja, »Gerold war halt in der Schweiz«, brummelte Karl Anders, wenn man ihn auf die Widerstandszeit seines Partners Gerold ansprach. Der Emigrant Anders erhielt erst 1958 die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Er hatte als Redakteur des Feindsenders »Europäische Revolution« und dann der BBC tatsächlich »nachweisbar in großem Umfange im Ausland öffentlich gegen Deutschland gehetzt«.

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Vier Wochen nach der Entfernung von Karl Anders aus der »Rundschau« gab es eine Betriebsversammlung, die – das Protokoll davon liegt mir vor – hämisch eingeleitet wurde, »Hauptpunkt ist die Person des Mr. Karl N. Anders, während des Krieges bei der BBC (sonders englisch betont) und britischer Staatsbürger«, und ein Unterwerfungsakt an Gerold war, der die hetzerische Diffamierung seines jäh verstossenen Freundes und Partners ungerührt geschehen ließ. Man könnte sagen: billigend in Kauf nahm. «Der Strich«, den Anders gesetzt habe, forderten die Betriebsräte Pitz und Eims, »muss wieder ausradiert werden, damit der alte Rundschau-Geist von damals wieder herrscht.» Und, welch ein Judaslohn: »In der Frage der Gratifikation konnten wir erreichen, dass nicht mehr eine halbe, sondern eine ganze Flasche Cognac gegeben wird.«

(Noch 1998 traf ich als CvD in der gewerkschaftseigenen Frankfurter Union-Druckerei auf die verbriefte Gewohnheit, dass es für alle am Umbruch einer Zeitschrift Beteiligten Anrecht auf je eine Stange Zigaretten und eine Flasche Schnaps nach Wahl gab. Ein alter Umbruch-Redakteur der IG Metall ließ sich dazu immer per Taxi in den Whisky-Shop im ‹Frankfurter Hof› fahren, wo er feinste schottische Destillate degustierte und sich dann »eine besonders edle bottle« gönnte. Ich war einmal dabei – ehe ich dieses Privileg beendete. Hat mir viele Freunde gemacht.)

Es darf daran erinnert werden, dass Gerolds Bannstrahl vor Anders bereits einen anderen klaren Antifaschisten getroffen hatte: den Kommunisten Emil Carlebach, dessen Platz im FR-Herausgeber-Gremium 1946 dann Karl Gerold einnahm. FR-Redakteuren war der Umgang während der Gerold-Zeit mit ihm untersagt, nicht einmal auf Veranstaltungen Carlebachs sollte man als FR-Redakteur gehen. Es dauerte bis ins Jahr 2020, ehe die Zeitung im Sinne einer Wiedergutmachung über Carlebach berichtete. (Über Karl Anders steht das, Stand jetzt März 2026 und trotz Presserats-Rüge vom Dezember, immer noch aus – d. Red.)

Die Klageschrift, erste Instanz. Der Streitwert erhöhte sich im Lauf des Verfahrens © Akten, soweit sie ein Wasserzeichen tragen: Archiv der sozialen Demokratie/ Friedrich Ebert Stiftung, mit freundlicher Genehmigung der Nachlassgeberin Dr. Ann Anders

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Hier nun endlich, was und wie es geschah

Im Juli 1957 kommt Karl Gerold mit neuem Selbstbewusstsein aus einer Entziehungskur zurück – keineswegs der ersten. Sein Verhalten gegenüber Karl Anders ist außergewöhnlich aggressiv. Befremdlich aggressiv. Bei einem Besuch des dpa-Chefredakteurs Fritz Sänger eskaliert das. In einem völlig nebensächlichen Gespräch über die anstehenden hessischen Landtagswahlen steigt bei Gerold »eine Aggressivität auf, die mich erschüttert hat«, so Karl Anders in einer Niederschrift der Ereignisse vom 1. August 1957. Der Schriftsatz seines Anwalts vom 14. März 1958 an das Landgericht Frankfurt, 6. Zivilkammer, führt unter der Überschrift »II. Tatsächliches Geschehen« aus:

»Die entscheidende Unterredung, die der Kläger (i.e. Karl Anders) verlangte, fand dann am 1.8.1957 etwa um 15.00 Uhr im Büro des Herrn Gerold statt. Bei dieser Unterredung war der Prokurist Sauerbrey von Anfang an zugegen. Der Kläger begann das Gespräch mit den Worten: »Karl, so geht es nicht weiter … Ich habe dir mehrfach erklärt, dass ich eine Situation Gerold-Rudert nicht mitmache. Warum sprichst du nicht offen aus, was ist? Dieser Zustand ist unerträglich. Wenn er sich nicht ändert, bin ich bereit, auszuscheiden, von mir aus Ende des Jahres. Lass uns mit Rieke (i.e. der Hausanwalt und Notar der FR) darüber sprechen.«

Herr Gerold sagte hierzu kein Wort, sondern griff in seine Gesäßtasche und holte einen Brief des Betriebsrates heraus, den er mit den Worten übergab: »Das wollte ich dir ersparen.« Nachdem der Kläger den Brief flüchtig durchgelesen hatte, lachte er und sagte: »Aber Karl, das stimmt doch alles nicht. Das ist doch in fünf Minuten zu widerlegen. Außerdem, wie kann sich der Betriebsrat anmaßen, meine Entlassung zu verlangen?«

Anders »gab der Befürchtung Ausdruck, dass es hier um eine bestellte Arbeit handele und erklärte mit aller Deutlichkeit, dass er sich weder vom Betriebsrat noch von Herrn Gerold aus dem Haus jagen lasse. Er verlangte, bevor er einen geplanten einwöchigen Urlaub am nächsten Tag antrete, eine Klärung der Vorwürfe und eine Aussprache in Gegenwart des Rechtsanwalts Rieke. Er warf ihm – Gerold – vor, dass er alles getan habe, um die Geschäftsleitung zu spalten.

Herr Gerold stellte sich dem gegenüber auf den Standpunkt, dass er eine weitere Zusammenarbeit mit dem Kläger für unmöglich halte, da »der Betrieb« gegen ihn sei. Man einigte sich schließlich dahin, dass der Kläger seinen Urlaub antreten, Herr Gerold mit Rechtsanwalt Rieke sprechen und dass in der Zwischenzeit nichts geschehen solle. – Beweis für den gesamten Vorgang: Prokurist Sauerbrey, zu laden bei der Beklagten, als Zeuge.«

Was für ein Tag: So ging es auseinander. Gedächtnisprotokoll von Karl Anders

Anders sollte also in Urlaub fahren, Gerold würde ihm das Material/ den Brief des Betriebsrats zur Klärung zur Verfügung stellen. Das aber geschieht nie. Die Klageschrift weiter: »Entgegen der Vereinbarung traf Herr Gerold jedoch Maßnahmen, um den Kläger durch einen anderen Geschäftsführer zu ersetzen. Am 14.8.1957 ließ er den Kläger durch Rechtsanwalt Rieke telefonisch auffordern, sein Amt als Geschäftsführer bis zum nächsten Tage, Donnerstag, den 15.8.1957, niederzulegen. Andernfalls werde über den Widerruf seiner Bestellung als Geschäftsführer in einer noch einzuberufenden Gesellschafterversammlung entschieden werden.«

Gerold bietet auch an, »etwas Schönes« über Anders zu schreiben, wenn er freiwillig ausscheide. Anders tut ihm den Gefallen nicht. Den nächsten Schritt muss Gerold muss bereits Tage vor dem Ultimatum in die Wege geleitet haben: Tatsachen schaffen! Über den Chef des FR-Wirtschaftsteils, Alfons Montag (der Karl Anders beerben wollte), lässt er beim Bonner Wirtschaftsdienst »Politik und Wirtschaft« am 16.8.1957 folgende Meldung lancieren: »Im Impressum der ‹Frankfurter Rundschau› wird seit einiger Zeit Geschäftsführer Karl N. Anders als ‹abwesend› genannt. Hintergrund: Dazu erklärt uns der Herausgeber und Hauptgesellschafter Gerold: Anders befindet sich z.Zt. in Urlaub. Betriebsrat lehnte weitere Zusammenarbeit mit ihm einstimmig ab. Gerold hat Anders vorgeschlagen, freiwillig auszuscheiden. Andernfalls erfolgt seine Abberufung durch Gesellschafterversammlung mit Stimmenmehrheit… Die geschäftl. Verhältnisse der ‹Frankfurter Rundschau›, einschl. aller Bankbeziehungen, werden durch Anders’ Ausscheiden in keiner Weise berührt.« Das nennt man fait accompli. Toller Abschied.

Die letzte Erwähnung in der FR. Seitdem war Karl Anders in dieser Zeitung gelöscht. Und niemand konnte sich dann mehr an ihn erinnern. Recherchieren wollte es bis heute aber auch kein einziger der »Rundschau«-Journalisten.

In der Ausgabe der »Frankfurter Rundschau« vom 22.8.1957 erscheint dann die an Lakonie nicht zu überbietende »amtliche Bekanntmachung des Amtsgerichts – Handelsregister – Frankfurt am Main vom 21.8.1957«: ›Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main G.mb.H. Karl N. Anders ist nicht mehr Geschäftsführer.‹«

Karl Anders klagt auf Weitererfüllung seines Vertrags. Es sei keinerlei Lösung des Vertragsverhältnisses erfolgt. Der Prozess dauert bis Ende 1960 an. Über zwei Instanzen wird mit Beweisanträgen, Rechtsgutachten und Zeugenaussagen darüber gestritten, ob die treuherzig-aufrichtige und vor allem der gemeinsamen Sache Zeitung dienliche Äußerung im Gespräch, »wenn sich der Zustand nicht ändert, bin ich bereit, auszuscheiden«, als Kündigung zu werten und zu sanktionieren ist. Juristen würden heute noch an dieser Paragrafenschlacht ihr Vergnügen finden.

Für die zweite Instanz verdoppelt das Frankfurter Oberlandesgericht dann den Streitwert. Die Gegenseite scheint nicht sonderlich überzeugend gewesen zu sein. Henry Ormond ist mittlerweile mit der Vorbereitung des Auschwitz-Prozesses beschäftigt, er gibt den Fall an den Anwalt Kurt Jdelberger ab. Und immer noch dabei und einbezogen: die Anwälte der BfG-Bank, für die Karl Anders der Vertrauensmann und Bürge des 2-Mio-DM-Kredits war und ist, mit dem 1954 die »Rundschau« vor dem Konkurs bewahrt wurde. (Siehe auch hier nebenan: Der »starke Mann« war gar nicht mehr kreditwürdig.)

Kündigung ohne Autor: Es gibt nichts Schriftliches, von keiner Seite

In einer juristischen Stellungnahme ans Gericht wird zusammengefasst: »Es fällt auf, dass die angebliche Kündigung von keiner der Personen, die an dem Gespräch vom 1.8.1957 beteiligt waren, schriftlich fixiert wurde. Es gibt keine Aktennotiz darüber, es gibt keine schriftliche Kündigungserklärung, es gibt keine schriftliche Kündigungsbestätigung. Es ist ein ganz starkes Indiz dafür, dass die Dinge sich eben nicht so abgespielt haben, wie die Beklagte sie darstellt, und dass eine wirksame und echte Kündigung weder gewollt war noch ausgesprochen wurde… Man kann doch dem Gericht nicht sagen wollen, dass, wenn der zweite Mann im Betrieb – einem Betrieb von tausend Personen –, der gleichberechtigte Geschäftsführer mit lebenslänglichem Vertrag mitten im Jahr sein Arbeitsverhältnis löst oder wenn eine Einigung über die Lösung dieses Arbeitsverhältnisses zustande kommt, eine solch wichtige Tatsache nicht in irgendeiner Weise ihren schriftlichen Ausdruck findet.«

Auch im Aktenkonvolut der 2. Instanz findet sich jener ominöse Betriebsratsbrief nicht, den Gerold damals aus der Tasche zog und der (soweit Anders sich erinnert) nur die Unterschrift von Kurt Retzlaff trug. Der und Gerold kennen sich schon aus der Schweiz, sind dann beide bei der »Rundschau« gelandet. Ein Schelm, wer hier Zusammenhänge spinnt… Und auch, wer sich über den Zeugen Sauerbrey wundert, der eher zu Gerolds Gunsten aussagt. Zufall, dass der ihm Prokura und eine zweite Chance gegeben hatte, trotz einer nicht unerheblichen Vorstrafe aus einem Bankenskandal der Weimarer Zeit?

In der eidesstattlichen Erklärung des stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden Rudolf »Rudi« Eims, Redakteur, vom 15.10.1958 sagt dieser aus: »Es trifft nicht zu, dass unser Brief vom 31. Juli 1957 als Schlusssatz die Forderung enthalten hätte, den Kläger als Geschäftsführer abzuberufen. Etwas Derartiges wäre im übrigens nach meiner Auffassung auch ganz unmöglich… Ich bin bereit, was ich hier ausgesagt habe, durch den Eid zu erhärten.«

Einen Betriebsrats-Brief, der eine solche Forderung enthalten hätte, kann die Gerold-Seite im ganzen Verfahren nicht beibringen. Es gibt ihn nicht. Es gab nie eine Forderung des Betriebsrats nach Entlassung des Karl Anders. Es war ein Taschenspielertrick Karl Gerolds. Eine Intrige, ein Pakt mit Teilen des Betriebsrats.

Der Gegenseite gelingt auch keine Erhärtung der Anwürfe, wegen Anders sei es zur Abwanderung von Personal gekommen. Im Gegenteil: In seiner Zeit als Geschäftsführer verlässt eine einzige Redakteurin die Zeitung. In den Monaten nach dem 1. August 1957 – und dem, immer noch habe ich kein passenden Wort für den Vorgang: Bruch, Treuebruch, Hinauswurf, Entfernung, Elimination? ­– kündigen dem nun bis zu seinem Tod 1973 alleinherrschenden «dreifaltigen« Karl Gerold:
der stellvertretende Chefredakteur Dr. Hans Henrich,
Eberhard, Leiter Lokalredaktion,
Chefreporter Peter Miska,
Dr. J. Kaim, Leiter der Kulturpolitik,
Alt, Verantwortlicher für Kulturpolitik,
der Verantwortliche für Sonderseiten, Thelen.
Sowie jenseits der Redaktion:
der technische Leiter Rudolf Scheller,
der Leiter des Tiefdrucks, Pohling,
der Leiter der Vertriebsabteilung, Kuri Felder,
und weitere Mitarbeiter.

Aufforderung, nun nach geschlossenem Vergleich die Räumungsklage zurückzunehmen.

Die Bandagen im Verfahren werden immer härter. Nicht nur strengt Gerold vor dem Vergleichstermin eine Räumungsklage der Dienstvilla gegen Karl Anders und seine Familie an1, er geht ihm auch an den Leumund. Gerolds Anwalt Zimmermann reicht 1958 einen Schriftsatz ein, der von abwertenden Charakterurteilen nur so strotzt. Diese Anwürfe fasst, Henry Ormond – Anwalt von Anders und im Auschwitzprozess dann der wichtigste Nebenkläger – so zusammen: »Der schwerwiegendste Vorwurf geht dahin: (Anders) sei arrogant, überheblich, zynisch, nicht wahrheitsliebend. Mit Sicherheit sage er das falsche Wort am falschen Platz. Durch seine Lust an der Intrige mache er sich jeden zum Feind, mit dem er in Berührung komme. Er habe keine klare Linie. Es gingen ihm die elementarsten Kenntnisse im Zeitungswesen ab.«

Fußnote 1: Ann Anders erinnert sich noch an den Tag, als ihr Vater nach Hause kam und sagte: Wir können hier wohnen bleiben!

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Eine Social-Media-Aktion, anno 1958

Da Karl Anders, wohl mit anderem Anstand als Gerold ausgestattet, »Rundschau«-Mitarbeiter nicht in Interessenskonflikte bringen und als Zeugen einspannen will, denken er und sein Anwalt Henry Ormond sich eine Leumundszeugen-Aktion aus, die es in sich hat. (Und dann später der Wut Gerolds auf Anders gewiss neues Feuer gibt.) Ormond schreibt 49 Persönlichkeiten an (46 antworten), mit denen sein Mandant beruflich und professionell zu tun hat. Er bittet sie um »eine objektive und sachliche Beurteilung der charakterlichen und fachlichen Eigenschaften« von Karl Anders und bittet jeden Einzelnen, sich zu den oben aufgeführten »gegnerischen Behauptungen zu äußern«. (Siehe den Musterbrief an Alois Fink vom Bayrischen Rundfunk; der an den Parlamentarier Carlo Schmidt, einen der Väter des Grundgesetzes, hat leider eine zur Abbildung nicht mehr taugliche Papierqualität: Durchschlagpapier).

Die Antworten wären Stoff für ein eigenes Buch, rekapitulierten sie doch ein Stück Nachkriegsgeschichte. Sie enthalten zum Teil Episoden aus Karl Anders‘ Leben, manche bis hin zu seinen Aktivitäten im Exil; aber eben auch Zeugnisse seiner Professionalität als Publizist, Journalist und Zeitungsverleger, der die »Rundschau« dauerhaft und nachhaltig in die Gewinnzone geführt hat. Das bescheinigt unter anderem der Druckerei-Fachmann Karl Maria Biehl aus Gauting bei München, Inhaber einiger Tiefdruckpatente. (Größerer Textauszug hier nebenan im Text »nicht mehr kreditwürdig«.) Und Willy Brandt mokiert sich: Anders‘ »intellektuelle Fähigkeiten können nicht ernsthaft Gegenstand eines Rechtsstreits sein«.

»Persilscheine« für den Antifaschisten – perfide Einlassung des Gerold-Anwalts. Und Anders käme ja wohl, wie die Briefe zeigen würden, gut anderswo unter. Brauche also keine Abfindung.

Die Gegenseite (i.e.der Moralapostel Karl Gerold via Anwalt) tut die Aktion hämisch und zynisch als »Persilscheine« ab; schon infam einem Emigranten gegenüber, der vor eben jenen Nazis, die dann Persilscheine ausgestellt bekamen, ins Ausland fliehen musste. Karl Anders hat sich zeitlebens nie als Opfer stilisiert, für ihn war Widerstand politisch notwendige und richtige Tat – eben Haltung. Subkutan, siehe auch das Kapitel »Der ‹bessere› Widerstandskämpfer«, geht es bei seiner buchstäblich zu nehmenden Verdrängung aus der FR-Geschichte auch um das Verhältnis der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft zu den Persönlichkeiten des Widerstands. Sie gehörten schlicht nicht richtig dazu, das wirkt noch in ihre Familien und Nachkommen hinein. Man muss noch 2025 die Mienen der FR-Redakteure bei der Buchvorstellung von Göpferts »80 Jahre Frankfurter Rundschau« (siehe meinen Text über den Orwell-Moment) gesehen haben, ‹Na, da macht sich halt die Tochter eines Widerständlers wichtig›. Es klingelt nichts in der Haltungs-Stube der »Rundschau«-Leute, wenn ein Widerstandskämpfer aus dem Zeitungsgedächtnis gelöscht ist und Evidenz für diesen nicht unerheblichen Vorgang auftaucht. Man tut es mit Achselzucken und windelweichen Formulierungen ab. Die Zeitung, für die er schuftete und kämpfte, im Dienste und Sinne der Demokratie, interessiert sich so gut wie nicht für ihn. So »politisch« ist die FR.

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So bleibt Karl Anders also auch heute noch auf sich gestellt. So wie damals, in seinen Erklärungsversuchen, wie es denn zu solch einer Brutus-Tat kommen konnte. Solch einem Treuebruch. Auf der persönlichen Ebene einem böswilligen Verlassen gleichzusetzen. Politisch noch gravierender.

»Es gab in der ganzen Zeit, bis zur letzten Stunde, nie das, was man einen großen Krach nennt, schreibt er in den Notizen für seinen Anwalt. »Es gab gewisse Auseinandersetzungen, die fast immer damit endeten, dass G. ein Glas Whisky nach dem anderen trank und mir versicherte, dass alles in bester Ordnung sei.«

Der Hausanwalt fragt sich: Wie will man die Gerichtsniederlage nun der Mitgesellschafterin Rudert erklären?

Gerolds Dolchstoß-Aktion übrigens, für die er sich – pervers genug, war er doch einst als Kommunistenfresser von den US-Presseoffizieren zur »Rundschau« geholt worden und so zu Zeitungslizenz und Reichtum gekommen – mit den kommunistisch orientierten Teilen des Betriebsrats verbündet, geschieht ohne Konsultation mit dem Hausanwalt des Druck- und Verlagshauses. Den hinzuziehen, hatte Karl Anders in den beiden letzten Gesprächen immer wieder dringend geraten. Die Gedächtnisprotokolle dieser beiden Treffen liegen mir vor. Und auch die Äußerung des FR-Anwalts Joachim Rieke, dass Gerold nun Frau Rudert zu erklären hat, dass sie Herrn Anders bis zum Lebensende aus ihren Anteilen weiter mitbezahlen muss.

Der Prozess endet für das Druck- und Verlagshaus in zweiter Instanz mit einer krachenden Niederlage. Das FR-Angebot belief sich auf drei Monatsgehälter. Der amtliche Vergleich spricht Karl Anders folgendes zu: Zehn Jahresgehälter. Tantiemen. Überschreibung der Dienstvilla. Lebenslängliche Pension. Kein Wunder, dass Gerold durch die Gänge schrie und tobte: »Dieser Name wird in diesem Haus nie wieder genannt!«

Aber, im Ernst: Kann solch ein tyrannischer Bann 65 Jahre später immer noch Bestand haben? In einem einem der Aufklärung verpflichteten Haus? Darf eine Zeitung ein wichtiges, wenn auch wenig ruhmreiches Stück ihrer eigenen Geschichte so einfach verschweigen? Vergessen? Verdrängen? Bemänteln? Verharmlosen? Wie funktioniert so etwas in einem Zeitungshaus mit Qualitätsanspruch?

Wenn Journalisten heute sagen, »Wir haben es nicht gewusst!«, so ist das doch eher ein Offenbarungseid und keine für die Zunft taugliche Entschuldigung.

Alf Mayer, September 2025

PS. Weil ich bereits Einwände höre, unter anderem aus dem FR-Umfeld, die Abfindung sei aber obszön hoch und es müsse sicher eine Schweigevereinbarung gegeben haben, zwei Ergänzungen. Nein, in den Gerichtsakten (OLG Frankfurt) und im Nachlass Karl Anders findet sich nicht der leiseste Pieps eines Hinweises auf solch eine Vereinbarung. Über deren Existenz zu «spekulieren» ist okay, aber nicht zielführend. Was würde sie ändern? Wäre Karl Anders dann Teil des Schweigekartells, also selbst an allem schuld – und die »Rundschau« entlastet? Opferumkehr at work, sage ich dazu.

Der im Vergleich dann zum Ausgleich zugesprochene volle Streitverwert des Verfahrens mag phantasieanregend sein und Dollarzeichen vor die Augen malen. Es war etwas mehr als eine halbe Million DM. Zehn Jahresgehälter á 40.000 DM, andere Manager sacken mehr ein, die Dienstvilla in Wirklichkeit ein (vom Verlag bereits abgeschriebenes) Einfamilienhaus mit Grundstück, die Pension 500 DM. Also halblang. Anders hatte einen Vertrag auf Lebenszeit und Gesellschafteranteile, juristisch war er, so sah es dann das Gericht, einem Vorstandsmitglied gleichgestellt. Also jenseits von Angestelltem.

Dass das Gericht die Streitgkeit mit einem Vergleich vollumfänglich zu Gunsten von Karl Anders beendete, hat schlicht mit der unmöglichen Rechtsposition und dem unsoliden Vorgehen der Gerold-Seite zu tun. Die von ihr behauptete Selbst-Kündigung konnte nie belegt werden, für die hilfsweise Abberufung (die dann tatsächlich erfolgte) gab es keine hinreichend belegbaren »wichtigen Gründe«, die der geltende Gesellschaftervertrag aber einfordert. Die Versuche, den Charakter und die berufliche Eignung herabzumindern, fanden nicht den Gefallen des Gerichts. Karl Gerold vollzog am 1. August 1957 eine emotionsgesteuerte Intrige, dies dem dringlichen Anraten von Karl Anders zum Trotz ganz ohne anwaltschaftliche Beratung. Das hatte dann seinen Preis.

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Epilog: Brief an Alfred Andersch, 14. Januar 1958

Lieber Fred,
gestern kam deine Stimme aus meinem Funkgerät… Ich habe Deinen Sansibar gelesen…

Seit langem habe ich mit einem gewissen Unbehagen festgestellt, dass auch für mich die Fahne nicht mehr aufgezogen ist, der ich folgen könnte und dass die Ideologien stinken. Wahrscheinlich würde ich meinen Standpunkt nicht so entschieden formulieren, wie du es tust… Ich habe auch seit mehr als drei Jahren keine anständige Zeile geschrieben. Als gehorsamer Diener der „Logik der Sache“ war ich Manager. Es wäre falsch zu sagen, dass es mir keinen Spaß gemacht hatte eine komplizierte Apparatur und mehr als 1000 Menschen in Bewegung zu halten.

Die Enttäuschung, als mein „Freund“ und Partner Karl Gerold mir den Stuhl vor die Tür setzte, war nicht nur eine bittere Erkenntnis, dass es ein völlig amoralisches Verhalten gibt, sondern auch das Bedauern nicht mehr Betrieb zu machen. Da man im Leben eigentlich nie gewinnt, sondern nur tauscht, habe ich in den drei Jahres vieles aufgegeben. Meine Freunde habe ich nicht gesehen, viele Bücher nicht gelesen und verdammt wenig Gespräche geführt.

Da ich jetzt im Hauptberuf Prozessgegner bin, und dieser Prozess sich einige Zeit hinziehen kann, arbeite ich mich langsam wieder an die Dinge heran, die mich wirklich interessieren. Vorläufig bin ich bewusst in ein Vakuum gegangen und habe auch nicht die geringste Ahnung was ich in der nächsten Zeit tun werde um Brot zu verdienen und meine Selbstachtung im Lot zu halten.

Für heute möchte ich dir nur ein Lebenszeichen geben und Dir dafür danken, dass Du mir mit Deinem Buch und mit einigen robusten Äußerungen, die ich gestern ((im Funk, d. Red.)) hörte, einen Anstoß gegeben hast mich mit einigen Fragen zu beschäftigen.

Mit guten Wünschen und Grüßen, von Haus zu Haus,
herzlichst
Dein Karl

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