Posted On 20. Dezember 2014 By In Jahreshighlights With 2542 Views

CM-Jahreshighlights 2014, Teil I (A–G)

culturmag_logo_quadratLiebe Leserinnen und Leser von CULTurMAG,

kurz vor den Feiertagen präsentieren wir Ihnen auch in diesem Jahr wieder den Megagiga-XXXXL-Extra-Large-Jahresrückblick in drei Teilen (zu Teil II und Teil III) – chaotisch, unterhaltsam, kenntnisreich – die Tops & Flops von LitMag, MusikMag & CrimeMag, wie unsere Autorinnen und Autoren das Jahr 2014 sahen: Bücher, Filme, Musik, TV, Kino, Alltag und Wahnsinn … ungeordnet & unabhängig.

CULTurMAG ist ab dem 14. Januar wieder für Sie da – feiern Sie schön, erholen Sie sich ein bisschen, rutschen Sie gut ins neue Jahr und bleiben Sie uns gewogen!

Herzlich, Ihre

Jan Karsten, Tina Manske, Thomas Wörtche und die gesamte CULTurMag-Crew

Vladimir AlexVladimir Alexeev

Ereignisse: Ein Turm ist gefallen. Der AfE-Turm, das einst höchste Gebäude in Frankfurt am Main. Hässlich, kafkaesk, gehasst und geliebt. Das mehr als 32-stöckige Haus beherbergte Institute der Gesellschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaften und andere gesellschaftskritische und Einrichtungen der Frankfurter Universität. Genauso sah es auch aus: voller jahrzehntealten Graffiti, belebt, muffig, beseelt, begeistert, begeisternd (dazu hier). Und dann – am 2.2.2014 wurde dieses Haus in Stücke zerschmettert. Explodiert. Implodiert. Gesprengt (ein Fotobericht).

So:

Lebewohl, du Elfenbeinturm du.

Literatur: Ein Ungetüm von einem Buch ist endlich erschienen – „Kurt Schwitters. Die Sammelkladden 1919–1923“, herausgegeben vom Schwitters-Archiv und Sprengel-Museum Hannover. Die monumentale Sammlung der Gastbücher, Kollagen, Artikeln, die der MERZ-Künstler so sorgsam zusammenheftete, klebte und wiederverwendete. Liest man die empörte Stimmen der gutbürgerlichen Besucher von Schwitters’ Ausstellungen, erkennt man bereits die Charakterstimmen aus Schwitters’ literarischen Werken wieder – so einfach entkommt man einem Avantgardisten nicht! So wird die Reihe von Schwitters’ „Catalogue raisonné“ fortgesetzt – wissenschaftlich fundiert, sorgsam kommentiert und genussvoll dargeboten. Das war für mich eigentlich das literarische Ereignis des Jahres 2014. Und falls es Sie interessiert, ich bin dabei, das Buch, die Inhalte, die Kommentare in meinem Promotionsblog „MerzDadaCo“ zu analysieren. Willkommen!

Transmedia: Die neuen – oder bereits die alten – narrativen Wege schlägt die Spieleindustrie ein. Nur um einige zu nennen: „The Stanley Parable“ (2013), ein metafiktionaler Irrgarten, in welchem Sie als Rezipient dem Narrator zu entkommen versuchen. Ist zwar ein Jahr älter, aber nichtsdestotrotz aktuell.

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„The Novelist“ (2013) behandelt auf eine elegante Art und Weise das Thema der Prokrastination – Sie als guter (oder auch schlechter) Geist beobachten das Alltagsleben eines Schriftstellers, der zwischen seinem Buch und seiner Familie oszilliert. Sie beobachten und greifen ein, um beispielweise den Schriftsteller von seinem außerliterarischen Alltag zu entlasten. Manchmal wünscht man sich auch so einen Geist. Aber nur manchmal.

The Vanishing of Ethan Carter“ – eine an „Twin Peaks“ anmutende Welt, voll wunderschöner Natur und blutiger Verbrechen. Genießen Sie die mit Hilfe des Fotogrammetrie-Verfahrens erschaffene fotorealistische Welt – zum Beispiel in diesem Einblick aus der Reihe „Other Place“:

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Apropos, „Other Place“ ist eine zeitgemäße Reaktion auf den transmedialen Übergang des Spiele-Genres aus dem Bereich der Unterhaltungsindustrie in die weite interdisziplinäre Kunstwelt. Der Autor dieser Video-Serie, Andy Kelly, besucht als Tourist die Dreidimensionalität der Computerspiele und dokumentiert deren Schönheit.

Musik: 

Film / TV:  Es hat mich umgehauen. So richtig erwischt. „The Leftovers“ (2014), eine neue Serie von HBO, verfilmt von Tom Perrotta nach seinem gleichnamigen Buch. Stellen Sie sich vor: Es ist Entrückung, und Sie sind nicht dabei. Wie die Restlichen 98% der Menschheit, die nicht auf eine wundersame Weise verschwunden sind. Nur zwei Prozent – und das sind ca. 140 Mio. Menschen – sind weg. Niemand weiß wohin. Was bleibt, ist die innere Leere, Kälte, verstummte Sehnsucht, gespielte Normalität, innere Desintegration. Eine kinematographische Meisterarbeit, die sowohl schauspielerisch als auch drehbuchmäßig und kameratechnisch zu überzeugen vermag. Eigentlich nichts Mysteriöses, denn es handelt sich um die Leftovers, die Hinterbliebenen. Die nicht wissen, wohin mit sich. Ein Dostojevski der TV-Serien. Hat bereits jede Menge negativer Kritik in den Staaten eingesammelt. Zu depressiv sei die Serie. Die Post-Apokalypse ist halt kein Ponyhof.

Außerdem: die 3. Staffel von „Twin Peaks“ kommt bald! Werden wir sehen.

Zu den CM-Beiträgen von Vladimir Alexeev.

Thomas AdcockThomas Adcock

Lovers at the Chameleon Club, Paris 1932” by Francine Prose
Inspired by a moody photograph of Violette Morris, a celebrated French athlete who betrayed her country to Hitler and the Nazis, is a saga of Paris at war—and chock full of intrigue, wild humor, and sexual treachery.

Panic in a Suitcase” by Yelena Akhtiorskaya
This is not the usual sentimental tale of wide-eyed immigrants finding their way. This is great comedy about a menagerie of Ukrainian emgrés in the most confusing American city—New York.

klein_This Changes EverythingBest nonfiction books of 2014:

This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate” by Naomi Klein
The important Canadian journalist Naomi Klein has written a most important polemic. Her thesis: government policies throughout the world, while perhaps well-meaning, prevent us from taking the necessary steps to save ourselves from intertwined crises—the accelerating environmental disaster, and a collapse of capitalism.

The Divide: American Injustice in the Age of the Wealth Gap” by Matt Taibbi
Matt Taibbi, the muckraking journalist for Rolling Stone magazine who famously tagged the Wall Street investment bank Goldman Sachs as the “vampire squid wrapped around the face of humanity,” explores the nexus of wealth inequality in the United States with mass imprisonment of African Americans and Latinos for petty crimes—while the swindling bankers who caused worldwide financial chaos in 2008-09 go free.

Zu den CM-Beiträgen von Thomas Adcock.

Bruno Arich-GerzBruno Arich-Gerz

Das Jahr 2014 war sicherlich das Jahr der Fußballtriumphe. Zumindest für mich persönlich. Je einen Aufstieg gab es zu feiern für meine herzensnächsten Vereine: Fortuna Köln geht hoch in Liga 3 und macht dabei vor, wie man die Bayern aus München nassmacht (wenn auch nur die Zweitvertretung). Darmstadt 98 schafft die die Relegation für die Zweite Liga nach einem komplett atemberaubenden Fußballspiel in Bielefeld. Und auch der 1. FC Köln schaut auf seiner Fahrstuhltournee zwischen Bundes- und 2. Liga gerade mal wieder im Oberhaus vorbei.

Das sollte vorausgeschickt werden, wenn es um das belletristische Jahr 2014 geht, wo die mir zugeflatterte Fußballspannungsliteratur nicht unbedingt das war, was man triumphal nennt. Sondern eher well-made, routiniert also und mit schönen Bögen, aber ohne die wirklich tiefe Kunst des Verquickens von der einen Freizeitbeschäftigung (Fußball) mit der anderen (Krimi). Ins Champions League-Finale schaffen es weder Lucie Flebbes „Tödlicher Kick“ (hier bei CM) über den VfL Bochum, noch Werner Geismars „Tödliches Endspiel“ über das role model der Vereine mit Verfilzungserscheinungen, den FC aus Kölle. Immerhin rotzfrecht sich Flebbes Heroine Lina schnoddrig genug durch das Unterwelt- und Rotlichtbochum, und immerhin hat Geismar eine so tolle staubtrockene Schreibe, wenn es um Brasilien als die Importnation für profifußballerischen Bundesliganachwuchs geht, dass ich beiden die Qualifikation für die nationale Pokalhauptrunde in der Sparte Krimiunterhaltungsroman gerne zugestehe.

Köln gibts schon, aber es ist ein TraumVon einer zweiten Herzensangelegenheit, dem neuen Pynchon in der deutschen Übersetzung, war ich nicht so angetan wie von der Lektüre des amerikanischen Originals. „Bleeding Edge“ (siehe hier) klamüsert sich doch sehr umständlich durch eine wetware- und digitale Welt zu einer Zeit, als Tim Berner-Lees superdemokratisches Medium Internet langsam der – natürlich von Anfang an absehbaren – Indienststellung durch den Spätkapitalismus anheimfiel. Auch das Milieu Manhattans vor 9/11 mag den amerikanischen Leser aus der Warte von heute ansprechen. Mir jedenfalls hat der Vorgänger aus der erzählten Zeit der 1970er, der Westküsten-Noir „Inherent Vice“ besser gefallen, weil dort die Pynchon-typischen Marken Paranoia und unklares dénouement weniger erwartet daherkommen als im verschwörungstheoriegesättigten New York nach den Anschlägen auf die Twin Towers.

Als Bereicherung empfand ich den sorgsam zusammengestellten Band „Köln gibt’s schon, aber es ist ein Traum“, der in Bildern, Dokumenten und Texten das nicht eben einfache Verhältnis des ersten deutschen Nachkriegsnobelpreisträgers aus der Sparte Literatur, Heinrich Böll, zu seiner Geburts- und langjährigen Wohnsitzstadt Köln präsentiert. Gerade den Kölner/innen unter uns CulturMagisten hat Böll – auch und wieder und gerade heute – jede Menge zu sagen, um nicht zu sagen: ins Stammbuch zu schreiben. Eine Wiederentdeckung, die sich lohnt.

Und nochmal die Kehre nach Darmstadt, wo der dritte Fußball- und Sportverein meiner ganz persönlichen Präferenz herkommt. Die Stadt ist gut betucht, leistet sich unter anderem einen Förderverein für den Erhalt und die Pflege ihres Wahrzeichens, des Hochzeitsturms, und schreibt seit 2013 den Turmschreiberwettbewerb aus. Premierengewinner des Awards war der Publizist phgruner, der namentlich verantwortlich zeichnet für einen gelungenen Text-und-Bild-Band im Kleinformat: „Tour du Mariage“ mit sieben Kurzgeschichten aus seiner stilsicheren, so wortspielerischen wie phantasmagorischen Feder. Auch das äußerst lesenswert.

Zu den CM-Beiträgen von Bruno Arich-Gerz.

thomas-backs-backsmediaThomas Backs

30 Jahre nach „1984“ fand ich eine erneute Lektüre dieser Dystopie von George Orwell sehr naheliegend, gerade in unserem Zeitalter der totalen Erinnerung. Mit der allgemeinen Vernetzung sind schließlich die Grundlagen für eine umfassende Überwachung gelegt, die im Jahr 1984 und erst recht zu Orwells Zeiten noch erdacht werden mussten. Nach den Enthüllungen von Edward Snowden & Co. ist dieses 1984 deutlich näher gerückt. Die Geschichte um Winston Smith, mit einer dauerhaften Kontrolle der Handelnden durch Mechanismen wie Gedankenpolizei und Staatsfernsehen, ist mittlerweile denkbar, erschreckend nachvollziehbar geworden. Es war in der Tat höchste Zeit, diesen Klassiker aus dem Jahr 1949 erneut zu lesen.

Orwell_1984Bei den Neuerscheinungen habe ich mich sehr über das neue Werk von Olga Grjasnowa gefreut, deren Debüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) mich im Sommer 2013 begeistert hatte. Der Nachfolger „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ bringt nun die Irrungen und Wirrungen einer Dreiecksgeschichte zwischen Leyla, Altay und Jounoun. Berlin, Baku und Moskau sind die Schauplätze. Hier treffen Menschen aus fremden Welten aufeinander, schließen neue Bündnisse. Grjasnowas Erzählungen gefallen mir, weil sie die Liebe in einer Zeit des Wandels beschreiben, in einem sehr direkten, schnörkellosen Stil. Als Handlungsraum mischen sich Osten und Westen, die Figuren überschreiten Grenzen, begeben sich auf Entdeckungsreisen. Olga Grjasnowa selbst ist noch sehr jung, steht im Grunde erst am Anfang. Ich glaube, da wird noch einiges kommen.

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Musikalisch benötige ich in diesen Zeiten vor allem positive Vibes, höre immer mehr Reggae, Hip Hop und Electronica. Ein absolutes Highlight war für mich der Auftritt von Bunny Wailer beim Ruhr Reggae Summer 2014, Ende Juli in Mülheim an der Ruhr. Es war der zweite Festivalabend, Jan Delay und die Beginner hatten in dieser lauen Sommernacht direkt vor der Show des großen Meisters ihr Revival auf der Bühne gefeiert. Ganz wunderbar.

Peru_MaravillosoMein Album des Jahres stammt gar nicht aus 2014, die traumhafte Kollektion „Peru Maravilloso“ wurde bereits im Vorjahr veröffentlicht. Hier sind 15 peruanische Tracks aus den 1960er- und 1970er-Jahren vereint, die liebevoll zusammengestellte Sammlung ist auf dem winzigen Label „Tiger’s Milk Records“ erschienen. Lateinamerikanischen Klänge, also Mambo, Salsa, Bossa und peruanischer Cumbia mischen sich hier oft und kunstvoll mit den Beatgitarren der „Swinging Sixties“ – musikalisch muss das eine sehr aufregende Epoche gewesen sein. Mit Martin Morales, Duncan Ballantyne und Andres Tapia haben drei Plattensammler und Labelbosse die Glanzlichter ihrer persönlichen Vinyl-Kollektionen vereint, das Resultat kommt mit einer Menge Lebensfreude und Leichtigkeit daher.

Aus dem Jahr 2014 möBoa_Bleach Housechte ich eine Top 3 nennen. Drei Longplayer, die auf ihre ganz eigene Art für die Remix-Kultur unserer Tage stehen. Luke Haines begibt sich mit „New York In The 70s“ auf eine Zeitreise an die US-amerikanische Ostküste der 1970er, verneigt sich dabei vor Künstlern wie Alan Vega, TV Personalities & Co, vor allem aber vor dem großen Lou Reed. Nicht als Einzelkämpfer, sondern gemeinsam mit anderen Künstlern wie David Vella, Toett und Oliver Klemm (Sankt Otten) ist Phillip Boa mit The Voodooclub unterwegs, „Bleach House“, das erste Album mit der neuen Sängerin Pris, glänzt durch starkes Songwriting, überragende Produktion & Arrangements, persönlich begeistern mich LP und Bonus-Album vor allem mit einer ganz wunderbaren Zitatsammlung aus der Musik- und Filmgeschichte.

Der Bogen spannt sich von „Midnight In Paris“ und „Deep Throat“ (Gola Profonda) in „Standing Blinded On The Rooftops“ über „Snake Plissken“ („Die Klapperschlange“), „Lawrence Of Arabia“ („Chronicles Of The Heartbroken“), „Der Exorzist“ („Her Majesty Is Itching Me“) bis „Blade Runner“ in „In My Diary“. Musikalisch gibt es Fetzen und Echos, besonders offensichtlich z.B. von Peter Hook und Johnny Marr, zum Ende heißt es mit „Molly’s Lips“ gar „Ministry treffen The Vaselines“ – in diesem „Bleach House“ steckt so einiges. Ein Meister in der Kunst des musikalischen Erneuerung ist auch Dan Snaith, der unter dem Namen Caribou nach „Swim“ (2010) mit „Our Love“ ein neues Album voller psychedelischer Electronica veröffentlicht, das vor allem Balsam für die Seele ist. Mit dabei: Jessy Lanza und – mit gleich vier Tracks – Owen Pallett. 3 Longplayer
aus 2014 = 3 x große Kunst.

Zu den CM-Beiträgen von Thomas Backs.

UlrichBaronUlrich Baron

Da ich mit Margaret Atwoods „Die Geschichte von Zeb“ (MaddAddam. Aus dem Englischen von Monika Schmalz) leichtsinnigerweise den dritten Teil ihrer MaddAddam zur Besprechung angeboten hatte, kam ich in die glückliche Verlegenheit, schnell noch die ersten beiden Bände nachholen zu dürfen. Bereut habe ich es nicht und empfehle, auch in „Oryx and Crake“ und „The Year of the Flood“ nachzulesen, wie Kanadas ewige Nobelpreisanwärterin das „California Dreamin“ der Hippy- und Hightech-Ära bis in eine Welt (fast) ohne Menschen hinein fortschreibt.

Unbedingt empfehlenswert ist auch Toni Morrisons „Heimkehr“ (Home. Aus dem Englischen von Thomas Piltz) in ein Amerika der Rassentrennung – ein Glanzstück eines magischen sozialen Realismus, der – auch sprachlich gewagt – märchen- und traumhafte Passagen in eine Heimkehrerstory einwebt, deren Held seine Schwester aus den Händen eines amerikanischen Dr. Mengele retten muss: „Maniac moonlight doing the work of absent stars“, heißt es am Anfang, als Frank aus einer Klapsmühle flieht.

Manchmal fantastisch und manisch geht es auch in Will Selfs „Regenschirm“ zu (Umbrella. Aus dem Englischen von Gregor Hens.). Selfs Held weckt Anfang der 1970er Jahre eine alte Psychiatriepatientin auf, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs an der damals grassierenden und bis heute rätselhaften Schlafkrankheit erkrankt war: „Ihr Gehirn … befindet sich außerhalb der Zeit“, heißt es über diese Frau. Und weil auch die Bücher von Atwood und Morrison Bezüge zu unserer Gegenwart haben, könnte man meinen, es gebe Zeiten, da wäre das der beste Ort für ein Hirn.

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Hatte ich bei Atwood unwillkürlich Songs von The Mamas and the Papas und Scott McKenzies „If you’re going to San Francisco“ im Ohr, so bekommt Selfs Held den „Apeman“ der Kinks nicht mehr aus seinem hinaus. Was aber wird aus solchen literarischen Tonspuren, wenn da bei künftigen Lesergenerationen nichts mehr anklingt?

Yrsa_Sigurdardottir_NebelmordEinen ganz anderen Sound vernimmt man in Erwin Strittmatters „Der Zustand meiner Welt. Aus den Tagebüchern 1974-1994“ (Herausgegeben von Almut Giesecke). Es sind Aufzeichnungen eines Schriftsteller und Pferdezüchters, der den Staat in den er hoch prämiert und geschätzt wurde, nur um einige Jahre überlebt hat. Ein Alterswerk, in dem es sowohl Tor- als auch Weisheit gibt – Sound of Silence: „Das Laub fällt leise, Blatt für Blatt, als hätt es die Sonne von den Ästen gestoßen“.

Dicht an der Gegenwart ist die Isländerin Yrsa Sigurdardottir mit ihrem Roman „Nebelmord“ („Lygi“. Aus dem Isländischen von Tina Flecken). Das ist ein Krimi, den man für eine Gespenstergeschichte halten könnte, weil darin verschiedene Erzählstränge so geschickt gegeneinander versetzt sind, dass es Wirkungen ohne fassbare Ursachen zu geben scheint. Das ist einfach raffiniert.

Zu den CM-Beiträgen von Ulrich Baron.

zoe_beck_porträtZoë Beck

Bei mir bestand das gelesene 2014 vornehmlich aus Recherchematerial, aber ein paar richtig tolle Kriminalromane habe ich dann doch geschafft zu lesen.

Ich bitte zu beachten, dass ich keine deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen mit auf die Liste genommen habe, weil ich finde: Lesen Sie immer deutschsprachige Neuerscheinungen, es gibt viele gute! Und lesen Sie außerdem noch diese zehn Empfehlungen aus dem Ausland:Howard_Linskey_Gangland

  1. James Lee Burke: Regengötter
  2. Liza Cody: Lady Bag (als eBook bei CulturBooks)
  3. Oliver Harris (hier bei CM): London Underground
  4. Dennis Lehane: In der Nacht (zur CM-Rezension)
  5. Howard Linskey: Gangland (bei CM)
  6. Dominique Manotti: Ausbruch (zur CM-Rezension)
  7. Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast
  8. Denise Mina: Das Vergessen
  9. David Peace: GB84 (hier bei CM)
  10. Ian Rankin: Schlafende Hunde

Meine weiteren Highlights:
TV-Serie: „True Detective“.
Kino: „Finding Vivian Maier“.
Buch: Neuauflage: Yves Marchand, Romain Meffre: „The Ruins of Detroit“, Steidl Verlag.
Theater: Hofesh Shechter Company, „Sun“.
Musik: Anna Calvi, „Strange Weather“.
Ausstellung:Pangaea“, Saatchi Gallery.

Zu den CM-Beiträgen von Zoë Beck.

Mara BraunMara Braun

Mein kultureller Favoriten-Schnelldurchlauf 2014:
Genossen habe ich: Sylvie Simmons: „I’m Your Man. Das Leben des Leonard Cohen“. Simmons ist kluge Chronistin, humorvolle Anekdotensammlerin und gütige Erzählerin. Lediglich gegen Ende beschlich mich bisweilen der Eindruck, der Autorin gingen die Mittel aus, um sich wiederholende Ereignisse (neue Platten, Zweifel, Frauen) immer wieder neu zu erzählen und sie strebte dem Ende ihrer Arbeit mit gewisser Ungeduld entgegen. Georges Simenon: Der Mörder“. Nur einer von mehreren Simenons des Jahres, aber 2014 mein liebster. Andreas Altmann: „Das zweite Meer“. Man kann Altmanns Gedichte nicht lesen, ohne dem eigenen Herzen dabei mutige Fragen zu stellen und anschließend atemlos auf die schlagende Antwort zu lauschen: großartigst. Jack Kerouac: „Lonesome Traveler“. Erstmals im englischen Original, natürlich im Urlaub. „And I realize that no matter where I am, whether in a little room full of thought, or in this endless universe of stars and mountains, it’s all in my mind. There’s no need for solitude. So love life for what it is, and form no preconceptions whatever in your mind.“ Amen.

Im your man Das Leben des Leonard Cohen von Sylvie SimmonsAktueller Kinotipp: „Einer nach dem anderen“. Tieftraurig und brüllend komisch, berührend, klug und bitterböse – absolut sehenswert. Konzerthighlights gab es auch, namentlich The Ape im Blue Shell Köln („I’ll crawl back to your sweet torture any time“, Mr. Perkins) und Tina Dico im Mainzer Schloss. Weitere Musikfreuden bescherte mir Ryan Adams’ selbstbetitelte Platte ebenso wie die von The Loudermilks und Lucinda Williams neue „Down Where The Spirit Meets The Bone“. Ältere Musik, die mich dieses Jahr besonders begleitete: „In einem fremden Land“ (Tilman Rossmy Quartett), „I’ll Never Get Out Of This World Alive“ (Steve Earle) und „The Boatman’s Call“ (Nick Cave & The Bad Seeds). In diesem Sinne, das Jahr geht, die Musik bleibt – frohes Fest und guten Rutsch.

Zu den CM-Beiträgen von Mara Braun.

Kerstin.CarlstedtKerstin Carlstedt

Hardcover des Jahres: „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie

Paperback des Jahres: „Straight White Male“ von John Niven

Kinderbuch des Jahres: „Klär mich auf“ von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl

Film des Jahres: „Winterschlaf“ von Nuri Bilge Ceylan

DVD des Jahres:  „Her“ von Spike Jonze

Serie des Jahres:  „True Detective“ von Cary Fukunaga

Zu den CM-Beiträgen von Kerstin Carlstedt.

Sandra Maria ChludzinskiSandra Maria Chludzinski

Eine Nation, ein Team, ein Traum. Wir sind Weltmeister! 2014 – das Jahr, in dem die deutsche Nationalelf Geschichte schrieb. Zugegebenermaßen hat mein Herz bei der Niederlage Brasiliens ein wenig geblutet. Spätestens nach dem 5:0 wäre ich am liebsten im Erdboden versunken – man bedenke beim Publicviewing war ich die Einzige in voller Brasilien-Montur. Da spendete der Treffer von Oscar in der 90. Minute auch keinen Trost mehr.

Während die ganze Welt nach Brasilien blickte, ging die Nahostberichterstattung in den Medien völlig unter. Ein abgekartetes Spiel behaupten böse Zungen. Ebenso die Ukraine-Krise geriet plötzlich in Vergessenheit. Da mag manch einer ein schlechtes Gewissen bekommen für den Gänsehautmoment, den uns Götze am 13. Juni bescherte.

Bärfuss_Lukas_Hundert_TageFernsehtechnisch riss mich dieses Jahr leider nichts vom Hocker. Das immer noch dominierende Trash-TV lässt meinen Fernseher verstauben. Beeindruckt hat mich hingegen „Angst essen Seele auf“ von Rainer Werner Fassbinder. In dem 1974 erschienenen Melodram gelingt es Fassbinder, das Thema des Rassismus auf eine imposante Art und Weise sowie äußerst prägnant zu illustrieren. Durch geschickte Inszenierung verbindet er die Probleme, welche der Altersunterschied, die Herkunft und die ungleichen Kulturen in einer Beziehung mit sich bringen. Meiner Meinung nach, vor allem in Betracht der Pegida-Demonstrationen in Dresden, ein stets relevantes und aktuelles Thema.

Literarisch kam dieses Jahr bei mir viel zu kurz. Zum persönlichen Lesevergnügen blieb mir nur wenig Zeit. Stattdessen musste ich mich im Rahmen eines Seminars durch die Kinder- und Jugendliteratur forsten und die Interkulturalität in der Literatur untersuchen. Wobei das Letztere sehr gut mit persönlichen Interessen zu verbinden ist. Meine Empfehlung „Hundert Tage“ von Lukas Bärfuss – ein Roman über den Völkermord in Ruanda.

Musikalisch könnte man 2014 als Jahr des Schlagers bezeichnen. Helene Fischer brachte den Schlager in die deutschen Wohnzimmer und Diskotheken. Ich persönlich war darüber ganz und gar nicht happy und bevorzuge weiterhin Pharrell Williams, der mit seinem Song alle zum Tanzen bringt. Mein Hit des Jahres ist „All About That Bass“ von der Newcomerin Meghan Trainor – gute Laune vorprogrammiert.

Zusammenfassend war 2014 definitiv das Jahr des Sports. Abgesehen von der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien wurden die sozialen Netzwerke mit Trainings- und Ernährungstipps überflutet. Die Fitnessstudios boomen und alle essen plötzlich low-carb. Ich bin gespannt, wie lange dieser Trend anhält.

Sandra Maria Chludzinski absolviert gerade ein Praktikum bei CM.

FeldmannJoachim Feldmann

„Ich bin Deutscher: aufgewachsen mit Grimms Märchen und Elvis Presley, Karl May und General Eisenhower, Wagner und James Dean. Woher soll ich meinen Realismus nehmen?“ Das fragt sich Botho Strauß in seinem Erinnerungsbändchen „Herkunft“, das mich auf eine Weise berührt hat, wie es kaum einem anderen Buch in diesem Jahr gelungen ist. Vielleicht war auch ein wenig Neid im Spiel auf einen Jungen, der immer genug Geld in der Tasche hatte, um sich Comics zu kaufen. Wahrscheinlich aber ist die behutsame, beinahe zärtliche Weise, mit der Strauß seinen Vater, einen trotz aller Skurrilität imposanten Herrn, porträtiert, für die nachhaltige Wirkung der Lektüre verantwortlich.

Strauss_978-3-446-24676-8_MR1.inddKarl May und Elvis Presley, James Dean und Richard Wagner: in leicht abgewandelter Form – man ersetze Presley durch Bob Dylan, Wagner durch Mozart und James Dean durch Dustin Hoffman – kann ich dieses kulturelle Sozialisationsprogramm auch für mich reklamieren. Wenn mich die Nostalgie überkommt, schaue ich mir alte Folgen von „Gunsmoke“ („Rauchende Colts“) auf Youtube an. Oder lese den Anfang von „Winnetou 1“, der mir als kleiner Junge ein Rätsel geblieben war: Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein …“

Als Freund des Westerns also war 2014 für mich ein sehr gutes Jahr, zeigten doch Romane wie Bruce Holberts verstörende Charakterstudie „Einsame Tiere“ oder Céline Minards Genrespiel „Mit heiler Haut“, dass der zentrale amerikanische Populärmythos noch längst nicht auserzählt ist.

Zu den CM-Beiträgen von Joachim Feldmann.

Zu Teil II des Jahresrückblicks.