Geschrieben am 12. November 2014 von für Musikmag

Stagetime I – Tina Dico live

Foto: Simon Wedege Petersen

Foto: Simon Wedege
Petersen, Wikimedia Commons

In den Labyrinthen menschlicher Emotionen

Tina Dico live in Mainz. Von Mara Braun.

An der Stirnseite des abgedunkelten Saals im Mainzer Schloss liegt die Bühne in grünblauem Licht. In dessen sanften Schimmer tritt ein wenig unbeholfen ein kleiner Junge, um jene, die sich trotz Novemberniesel an diesem Sonntagabend aus der Wärme ihrer Wohnungen gewagt haben, zu fragen, ob sie schon mal von den Färöer Inseln gehört haben? Sie sind die Heimat des Jungen, der in Wahrheit schon ein Mann von 37 Jahren ist und sich als Teitur vorstellt, bevor er dem Klavier seltsame Töne entlockt, mit denen er die klugen Songtexte begleitet, die brüchig aus seiner Kehle emporsteigen. Und wo man eben noch dem Gedanken nachjagte, dass in der Fußballstadt Mainz der Verweis auf vergangene Länderspiele bezüglich seiner Heimatinseln irgendwie naheliegend gewesen wäre, sind plötzlich alle Bewegungen des Denkens verschwunden, haben Platz gemacht für die Bewegungen des Herzens, in dessen Resonanzraum die Worte und Klänge des Musikers widerhallen.

Ein wenig fühlt sich dieser Abend schon bald an, als habe man sich in einem Märchenwald verlaufen. Auf dessen Lichtung tritt nach dem kleinen Hobbit Teitur die wunderschöne Elfe Tina Dico. Deren dick geflochtener, hellblonder Zopf liegt in einem sanften Bogen auf ihrem kornblumenblauen Kleid und scheint auch dann um keinen Zentimeter zu verrutschen, wenn die Dänin den Kopf zurückwirft und lacht, tanzt oder mit den Händen durch die Luft wirbelt – Dinge, die sie häufig tut im Verlauf ihres Konzerts. Wie seltsam passend das ist, die klare, ehrliche Fröhlichkeit der Musikerin zwischen den häufig tieftraurigen Songs. Wie wohl diese Harmonie der scheinbaren Gegensätzen tut, und wie sich manchmal eben doch alles fügt.

Dico wandert durch die Labyrinthe menschlicher Emotionen in ihren Liedern. Es war Nick Cave, der einmal gesagt hat, wahre Liebeslieder seien deshalb selten, weil die meisten Künstler sich nicht an die bleierne Trauer wagten, die ihnen ebenso innewohnen müsse wie das tanzende Glück, damit sie funktionieren, etwas zu sagen haben. Unter den ruhigen Händen der Dänin aber wird Song um Song Brustkorb für Brustkorb geöffnet, um bezaubernde Momente mit derselben zarten Selbstverständlichkeit ins gedimmte Licht zu befördern wie schmerzhafte Erfahrungen. Und immer ist eine große Wahrhaftigkeit dabei im Spiel, und nie gleitet die Musikerin ab in lästige Klischees oder lärmendes Pathos.

Tina Dico singt von der Kunst, sich einem Anderen hinzugeben („The Woman Downstairs“) und der Bedeutung gewachsener Freundschaften („Old Friends“) ebenso wie von den kleinen und großen Revolutionen, die heute häufiger fehlen denn tatsächlich stattfinden („No Time To Sleep“). Sie singt unterstützt von ihrer feinen Band und im Duett mit ihrem Mann, dem Musiker Helgi Jónsson. Alleine, auf einem kleinen Hocker inmitten der Bühnenlichtung, zu den Posaunenklängen, die Jónsson seinem Instrument entlockt, mal ruhig und träumerisch mit eindeutigen Folkanklängen, dann wieder überwiegen rockige Elemente, und um sie herum wechseln ihre Musiker von einem Instrument zum anderen, um jedem Song die passende Begleitung mitzugeben.

Ein Geschenk sei es, in diesem wundervollen Saal vor ausverkauftem Publikum zu singen, sagt Tina Dico und erklärt, es fühle sich nach einigen Konzerten in dieser Stadt bereits an, als ginge ihre Beziehung mit Mainz „way back“ – das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit. Orte, an denen sie sich aufhält und bewegt, spielen eine Rolle im Leben der Liedermacherin und finden Eingang in ihre Songs. Das wird nicht nur aus ihren Erzählungen deutlich, sondern spiegelt sich auch wider in ihren Texten, wie beim sehnsuchtsvollen Klassiker „Room With A View“ oder dem relativ neuen „Drifting“, entstanden auf Island, der „kleinen, dunklen Insel im Nordatlantik“, auf der sie mit ihrer Familie lebt. Und natürlich in der Liebeserklärung an ihre alte Heimat, „Copenhagen“, die, wie sie selbst sagt, jeder Stadt gelten könne, die ein Mensch im Herzen trägt.

„I’ve never seen you look this bright / just awaken from the beauty snooze you took last night. / Oh, this tingling feeling / to be the blood inside your veins / I’ve been leaving believing / I could find a better place. / And all this time you were right here.“ – Ist nicht genau das der besondere Zauber von Orten, dass sie uns immer bleiben, auch wenn wir ihnen für einige Zeit den Rücken zukehren? Und mit dem gemeinsam gewisperten „right here, right here“, das Dico behutsam dirigiert, teilt der Chor im Dunkel des Saals mit der Künstlerin im Licht der Bühne ein Geheimnis, das weit über diesen Abend hinaus geht.

An dessen Ende schließlich holt Dico bei der Zugabe auch Teitur noch einmal auf die Bühne, und gemeinsam stimmen die Musiker seinen Song „All My Mistakes“ an, in dem es heißt: „Because of faith, because of courage / because of forgiveness / all my mistakes have become masterpieces.“ Zauberhafte Momente lassen sich nicht beschwören und schon gar nicht erzwingen, aber manchmal perlen sie einen ganzen Abend lang um uns herum, damit wir sie einsammeln können und ihnen in den Tiefen unserer Hosentaschen nachfühlen, wenn wir wieder hinaustreten ins Novembergrau.

Mara Braun

Foto: Simon Wedege Petersen, Bildlizenz CC BY-SA 3.0. Creative Commons.

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