
Als Buch die reine Freude
Mai, 1989. Miles Davis empfängt in seinem Haus in Malibu den Fotografen Ralph Quinke und den Journalisten Marco Meier. Quinke und Meier arbeiten für DU, das damals sowas von angesagte Schweizer Kulturmagazin – stylish, klug, informiert, brillant und ein klein wenig elitär. Ein Interview, zumal für weiße Journalisten, mit MD ist, so sagt man, eine schwierige Angelegenheit. Entweder taucht der Meister trotz Verabredung gar nicht erst auf – oder er ist übellaunig und kann unangenehm werden. Im September soll seine Autobiographie, die er zusammen mit Quincy Troupe verfasst hat, bei Simon & Schuster erscheinen. Wobei „Autobiographie“ ein leichter Euphemismus ist, sagen wir lieber his life according to Miles Davis.

<

Und wenn´s sein muss, kann MD auch PR. Auf jeden Fall ist er an diesem Tag zum Reden aufgelegt und so entsteht eine feine Reportage – und eben viele Fotos, die in dem monothematischen Miles Davis-Heft von DU im August 1989 erscheinen werden. (Glücklicherweise habe ich mein Exemplar noch.) Jetzt aber versammelt der Scheidegger & Spiess Verlag Quinkes Fotos aus dieser Session, ergänzt durch ältere Aufnahmen, weil Quinke, dessen Fotos ich immer sehr bewundert habe, MD seit langem fotografisch begleitet hat. Dazu kommt noch ein informatives Werkstattgespräch mit Quinke, Meier und dem Herausgeber dieses Bands, Arne Reimer. Als Buch sorgfältig und fein aufgemacht, die reine Freude.
Und inhaltlich? Für Leute, die sich im MD-Universum auskennen, gibt´s keinen großen neuen Erkenntnisgewinn. Ja, MD konnte ein Stinkstiefel sein – hier zeigt er sich von seiner charmanten Seite, was auch daran liegen könnte, dass Quinke und Meier ihn auf seine Malerei ansprechen – MD war ein erstaunlich guter Maler, mit klarer, origineller Handschrift -, und weniger die üblichen Kritiker-Fragen stellen. Obwohl es auch bald darum geht: Ob man weiße und schwarze Musiker an ihrem Sound blind erkennen könne, etwa: Ja, sagt MD, deutlich. Wir wissen aber, dass MD sich immer Anfeindungen entgegengestellt hat, die ihm zum Vorwurf machten, mit weißen Musikern (Joe Zawinul, Keith Jarrett, Mike Stern, John Scofield, Bill Evans und vielen mehr) zusammen zu spielen. Wenn diese Leute in sein Konzept passten, war er farbenblind.


Überhaupt sein Konzept, oder besser seine Konzepte, denn schließlich hat er ein paar Mal die Musikgeschichte gedreht. Und er hatte auch keine Probleme, schwarze Musiker zu feuern (u.a. auch John Coltrane), wenn sie nicht „passten“. Was nicht heißt, dass Miles Davis keine Probleme mit dem alltäglichen und strukturellen Rassismus hatte, ganz im Gegenteil. Deswegen kommt er auch auf seine Zeiten in Frankreich zu sprechen, wo er als Mensch und Musiker eher akzeptiert wurde als in den USA. Und natürlich kommt er auch mit einer Anekdote über Juliette Greco – mit der er ein heißes Match hatte – rüber. Die habe immer über „Existentialismus“ mit ihm reden wollen. Und was das eigentlich sei?
Meier versucht zu erklären: „Der Mensch sei eigentlich nach dieser Philosophie ein Nichts, brutal in eine Welt geschleudert. Und er müsse sich da in einer Art dauernder Schöpfung immer neu entwerfen, neu setzen, um überhaupt eine Existenzberechtigung zu haben“. „Tönt ganz nach meiner Philosophie“, mein MD, „die haben mich wohl kopiert.“ Ein paar Seitenhiebe auf seinen Erzfeind, den musikalischen Neocon Wynton Marsalis dürfen dabei nicht fehlen, genauso wenig wie das Featuren von Leuten wie Jimi Hendrix (ich kann immer noch nicht verwinden, dass aus einem gemeinsamen Plattenprojekt nichts geworden ist), Prince, Sly Stone oder Marvin Gaye. Dann mäandert das Gespräch über Trompete, Klamotten, Autos (sein Ferrari Testarossa), seine Ex-Frau Cicely Tyson zu Rennpferden („Kind of Blue“ und „Prince“). Meier redet, Quinke fotografiert – und heraus kommt eine sehr relaxte Mischung aus Luxus, Kreativität, Innovation, Sensibilität und immer noch notfalls robuste Rebellion gegen jede Art von Status Quo. Die Fotos bilden dieses Bündel von Widersprüchen großartig ab. Pose und Schnappschuss, Arrangement und Improvisation, Kalkül und Spontanität.
Miles Davis wäre dieses Jahr einhundert Jahre alt geworden. Neue Erkenntnisse sind vermutlich nicht mehr zu erwarten, abgearbeitet hat man sich allerdings noch nicht an diesem Genie des 20. Jahrhunderts, dessen Einfluss, vorausgesetzt man hat Ohren zu hören, überall spürbar sind. Wenn Jubiläen also dazu gut sind, Erinnerungen nicht verschwinden zu lassen, sollen sie mir recht sein. Weil Erinnerungen eben nicht museale Aufgaben haben. Noch lieber wäre mir allerdings, die Speicher unseres kulturellen Gedächtnisses müssten nicht über Anlässe neu gefüllt werden, sondern könnten so etwas wie eine Dauerpräsenz haben. Dieser Band sollte dazu beitragen.
© 05.2026 Thomas Wörtche
Miles Davis – Three Days in Malibu. Photographs by Ralph Quinke. Hg. Von Arne Reimer. Texte von Marco Meier und Arne Reimer. Übersetzungen von Samuel Langer & David Grundy. Scheidegger & Spiess, Zürich 2026. Format 23 x 32.5 cm, 152 Seiten, 11 farbige und 78 s/w-Abbildungen, 68 Euro. – Verlagsinformationen hier.














