Immer wieder sonntags – ohne Konzept Geheimrezepte des seriellen Erzählens – von Wolfgang Brylla Jochen Vogt in memoriam Echt, Deutschland hat ein Luxusproblem. Steigende Mietpreise und Lebenskosten? Höchste Arbeitslosenquote seit 2015? Wehrpflicht? Geschenkt, geschenkt, geschenkt. Hauptsache, man ändert die deutsche Nationalhymne – am besten noch, man tauscht die derzeitige gegen Brechts „Kinderhymne“. Nichts gegen Brecht – ein emotional aufgeladener, schöner lyrischer Text über Weltgemeinschaft, Weltfrieden und Völkergleichheit, der hervorragend in eine Zeit passt, die sich durch das Gegenteil davon kennzeichnet. Wieso aber komme ich überhaupt auf Ramelows Vorschlag in einemRead More
Unverschämt Ein neuer Roman von Zoran Drvenkar also. Sag Hallo zu „Asa“. Nach über 10 Jahren. Warten, warten, warten … Allein das schon: eine Unverschämtheit. Für die, die wissen, was dieser Autor kann, für uns Angefixte. Mehr als 10 Jahre – geht’s noch? Na gut, wenigstens hatte dann das vermaledeite Warten ein Ende, immerhin das. Aber dann hast Du das Ding durch, rasend schnell, ein, zwei Tage dauert das max – und schon fängt das ganze Spiel fängt von vorn an, frech, unverschämt! Neulich war ich auf der Insel. WieRead More
Trad-Washing Eine ganz hübsche Grundidee für seinen Kriminalroman-Erstling, „Mord im November“ hatte der britischen Autor Simon Mason da. Zwei Ermittler gleichen Rangs und gleichen Nachnamens müssen in Oxford einen komplizierten Mordfall aufklären. Der eine DI Wilkins heißt Ray, der andere DI Wilkins Ryan. Aber damit hat es sich schon mit den Parallelen. Ray Wilkins ist hochgebildet, Absolvent eines ehrwürdigen Colleges in Oxford, modisch und kulinarisch auf der Höhe des Zeitgeists, sieht blendend aus, ist charmant und schwarz. DI Ryan Wilkins schlurft mit Jogginghose und Basecap durch die Gegend, ist imRead More
Mädchen, die verschwinden Mädchen verschwinden mal wieder. In „So ist das nie passiert“ von Sarah Easter Collins ist es die jüngere Schwester von Willa, die eines Tages einfach verschwunden ist. In Emiko Jeans „The Return von Ellie Black“ gibt es zwei Mädchen: Ellie Black, die im Alter von 17 Jahren verschwindet und dann nach zwei Jahren wieder auftaucht. Und Lydia, die vor 20 Jahren vermisst wurde. Sie war die Schwester von Chelsey Calhoun, die mittlerweile erwachsen ist und als Polizistin in dem Fall von Ellies Verschwinden ermittelt. Schon bald entdecktRead More
Reverse Hanlon’s »Smiley« von Nick Harkaway ist eine ärgerliche Enttäuschung von Dirk Schmidt Hui, die Zeile klingt schwer nach Clickbait – vielleicht doch lieber abschwächen, vielleicht ein „bisweilen“ einfügen, oder ein „alles in allem“ oder „trotz gelungener Passagen und vieler Sequenzen, die sich sehen lassen können“? Und dann ist jede Enttäuschung immer auch eine persönliche und sofort landet man an einem Ort, an dem man nicht sein will. Ein Ort, an dem die wahren Fans mit den noch wahreren Fans darüber diskutieren, ob es nicht von vornherein ein Sakrileg ist,Read More
Das Land mit den schlechtesten Film-Ohrfeigen Alf Mayer über Dominik Grafs Buch »Spielen oder Sein. Über Filmschauspielerei« Dominik Graf: Sein oder Spielen. Über Filmschauspielerei. C.H. Beck Verlag, München 2025. Hardcover, 392 Seiten, mit 90 Abbildungen, 28 Euro. ** ** Schon die Umschlagfarbe ist Programm. Es ist die Farbe der italienischen »Gialli«, der in reißerischem Gelb gehaltenen Pulp-Romane, die besonders in den 1950er und 1960er Jahren in Italien Absatz fanden und als »Poliziotteschi« auch ins Filmgenre ausstrahlten: Filme mit Polizei-, Mafia- oder Gangsterbezug. Christian Keßler hat ihnen 2023 das Buch »BleigewitterRead More
»Ich schreibe, um ein anderer Mensch sein zu können« Interview mit Mercedes Rosende zu ihrer Romanfigur Ursula in einem neuen Roman – und zu Patricia Highsmith Mercedes Rosende: Ursula fängt Feuer (Nunca saldrás de aquí, 2023). Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2025. 304 Seiten, Englische Broschur, 19 Euro. (AM) Sie ist eine der ungewöhnlichsten Figuren der Kriminalliteratur: die übergewichtige, mit ihrem Körper, ihrem Leben und ihrer Vergangenheit nicht ganz zufriedene Fünfzigjährige namens Ursula López aus dem südamerikanischen Uruguay. Mercedes Rosende, die erst selbst mit fünfzig zur SchriftstellerinRead More
Spy reloaded – Louise Doughtys „Deckname Bird“ Im Englischen gibt es diesen schönen Ausdruck „Slow Burner“ für einen Kriminalroman, der sehr langsam spannend wird, den man aber dennoch nicht wirklich aus der Hand legen kann. „Deckname Bird“ von Louise Doughty ist ein very slow burner. Das zeigt sich schon am Anfang, in dem im Grunde genommen eine spektakuläre Szene geschildert wird, die aber mit so viel Ruhe und Kontrolle geschildert wird, das das Tempo und die Dramatik konsequent unterlaufen wird: Heather Berriman, genannt Bird“, arbeitet für eine Abteilung, die fürRead More