
Unverschämt
Ein neuer Roman von Zoran Drvenkar also. Sag Hallo zu „Asa“. Nach über 10 Jahren. Warten, warten, warten … Allein das schon: eine Unverschämtheit. Für die, die wissen, was dieser Autor kann, für uns Angefixte. Mehr als 10 Jahre – geht’s noch? Na gut, wenigstens hatte dann das vermaledeite Warten ein Ende, immerhin das. Aber dann hast Du das Ding durch, rasend schnell, ein, zwei Tage dauert das max – und schon fängt das ganze Spiel fängt von vorn an, frech, unverschämt!
Neulich war ich auf der Insel. Wie jedes Jahr im Sommer. Lese-Urlaub. Diesmal: mit Zoran und Asa. Und, wie immer, mit der Begleiterin. Also: DER Begleiterin. Und schau da, die kleine Bucht auf der anderen Seite der Insel, kaum jemand kennt sie. Ein Liegestuhl, die Begleiterin hat sich eben entblättert, ich also einen Moment unaufmerksam – und schon hat sie sich Zoran und Asa geschnappt. „Ich les´ nur mal rein“. Ja, klar – ja Pustekuchen! Wieder warten. Zwei ganze Sonnentage lang war sie – von ihren Schwimmpausen abgesehen – weggetaucht. Nichts zu vernehmen, außer Aahs und Oohs und dem einen oder anderen Krass! Kraaasss!! Unverschämt, auch das. Zumal sie nicht bereit war, auch nur irgendwas zu verraten, irgendein Geheimnis zu offenbaren. Lies mal besser selbst – nu, würde ich ja schon gerne …
Die Begleiterin ist übrigens eine SEHR kritische Leserin, kannst Du Dir nicht ausmalen, wie oft sie ein Buch weglegt, weil „langweilig“; wäre ich wie sie, wäre ich Kritiker geworden. Oder so. Jedenfalls: Ihr Wort zählt schon was, genauso wie ihr Schweigen. “Kraaasss!!“ Gleichermaßen übrigens das Wort der, sagen wir, geschätzten Betreuerin: Sie ist seit x Jahren meine Redakteurin beim WDR, sie hat Hunderte Sendungen redigiert und abgenommen, an denen ich rumgewerkelt hatte. Die Betreuerin ist toll, aber, kleines Manko, mit dem Crime-Genre hat sie´s nun mal nicht so dicke. Um so erstaunlicher also, als sie mich bat, ihr Zoran und Asa mal rüberzuschicken – und nach zweieinhalb Tagen wie folgt reagierte: “Himmel, ist das Buch ein Hammer!“ Süß, aber schon auch ein bisschen unverschämt, nach all den Genre-Highligths, die ich ihr schon vergeblich unterzujubeln versucht hatte.
Himmel! Und: Krass! Das ist das, was man zu diesem Roman sagen kann, wenn es ganz kurz und knapp sein soll. Ich würde mich anschließen. Gern jeweils noch mit ein paar Ausrufezeichen hinten dran. Nun bin ich allerdings in der Bredouille. Denn Alf Mayer bat mich, diesen Text hier über Asa und Zoran zu schreiben – und dabei doch, wenn´s geht, die Begeisterung rein zu packen, die ich neulich anscheinend beim Radiogespräch auf WDR 5 dazu übern Sender gequatscht hatte. Keine Ahnung, ich weiß Montagsmorgens nichts von meinen Gefühlen. Nun gut, das war ja für ein ganz anderes Publikum.
Euch, verehrtes Krimi-Genre-Fan-und-Fachpublikum, das zu verraten, was da gesagt wurde, wäre schamlos. Also: unverschämt. Denn das Tolle – Himmel und krass!! – an diesem Roman speist sich sehr, sehr vollmundig nicht bloß aus dem Was? und dem Warum?, sondern auch und gerade das Wie? Spielt eine zentrale Rolle. Wie Zoran Drvenkar das macht, was er macht, ist – irgendwie auch eine Unverschämtheit. Weil es halt so kraaasss ist. Also: Kein Wort dazu an dieser Stelle, denn jedes Wort kann schon zu viel Spoiler sein für die Genießer:innen. Unverschämtheit? Weil Zoran Drvenkar mit „Asa“ ohne jede falsche Scham aus dem Vollen seiner kreativen Mittel schöpft. Ein unverschämt guter Roman. „Literatur aus dem 21. Jahrhundert“, hatte ich hier vor Jahren mal über einen anderen Roman von Zoran Drvenkar geschrieben. Dazu stehe ich. Wobei: könnte auch das 22. Jahrhundert sein.
Gestern war ich im Kino, mit der Begleiterin. “In die Sonne schauen“. So ein mächtiger, berückend-bedrückender, mitunter allerdings halt auch bleierner Film. Bleiern wie die Zeiten, in denen er gräbt und sucht und findet und zeigt. “Ich musste zwischendurch auch an Zoran und Asa denken“, sagte die Begleiterin anschließend. Ja, ging mir auch so. So verwandt, die beiden Stoffe, und doch so verschieden. Diesen Unterschied machen letztlich das Genre und der Erzähler aus, ein unverschämt guter, dieser Zoran Drvenkar. Ich hoffe mal, dass er Euch und mich mit seinem kommenden Projekt nicht so lange warten lässt, das wäre wirklich dreist. Wobei: Ich kann mir eigentlich gar nicht vorstellen, wie es nach diesem fundamentalen, glänzenden, berauschenden Roman noch ein Danach oder ein Weiter geben könnte. Hoffe, es ist nicht zu vermessen, trotzdem drauf zu setzen. Alles andere wäre allerdings halt auch eine Unverschämtheit.
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Anm. d. Red.: Ulrich Noller auf WDR 5 über dieses Buch. Und siehe auch das immer noch frische Interview von Ulrich Noller mit Zoran Drvenkar aus dem Jahr 2009 (!): „Was du auch tust, hol dir was vom Leben, denn dafür ist es da“.



















