Geschrieben am 1. November 2026 von für Crimemag, CrimeMag November 2026

Thomas Hertel: Übergang

Die Freiwassersaison ist beendet. Vom Schwimmen kann man nun zum Laufen und Wandern übergehen. Am 3. Oktober stand zunächst der Kap-Arkona-Lauf auf der Agenda. Ungefähr bei Kilometer 6 fielen mir diese Verse von Bertolt Brecht ein:

Ja, renn nur nach dem Glück
doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.

Ende des Monats flogen die Gedanken zu dem (von der MDM geförderten) Film Übergang, der Mitte November in die Kinos kommt. Im Jahr 2023 hatte Thomas Heise mit diesem Filmprojekt begonnen. Sein Tod im Mai 2024 verhinderte die weitere Arbeit. Das Werk wurde von seinem langjährigen Kameramann Peter Badel (und anderen Freunden) vollendet. Die Premiere fand am 27. Oktober 2026 im Rahmen von DOK-Leipzig statt und es gab im Anschluss ein interessantes Gespräch auf der Bühne mit Peter Badel, Anja Simon, Luc-Carolin Ziemann (Moderation), Chris Wright und Heino Deckert.

(eigene Aufnahme, Foto: TH)

Diese Dokumentation wurde von der Jury mit der „Goldenen Taube“ ausgezeichnet. Der Film bietet aufschlussreiche Einblicke und es gibt vielsagende Texte. Im Briefwechsel von Heise mit einer Abiturientin, die sich auf der Suche nach „Wahrheit und Freiheit“ befindet und dazu das Feld der Kunst betreten will, sind beispielsweise bemerkenswerte Hinweise enthalten, welche im Film von Tom Schilling vorgelesen werden. Allerdings gehörte es (wie man beim Premieren-Q&A-Talk erfuhr) zu Thomas Heises Arbeitsweise, Texte nachträglich mehrfach zu überarbeiten, zu ergänzen, zu verallgemeinern – und so entstand eine im Film präsentierte Fassung, die die Adressatin noch gar nicht kennt:

„Was Kunst ist, wird sich herausstellen. Es sollte Ihnen jedenfalls erstmal egal sein. Seien Sie selbstständig. Verlassen Sie Ihr gewohntes Umfeld. Fangen Sie an zu arbeiten, wenn Sie sich für Film interessieren. Aber fragen Sie sich unbedingt, was genau dieses Interesse zurzeit ist. Fragen Sie sich, woher es kommt. Lernen Sie sich kennen. Warum soll der unendlichen Zahl von Bildern, die jeden Tag auf dieser Erde geknipst oder fotografiert werden, auch nur ein weiteres hinzugefügt werden, Ihres? Beginnen Sie damit, sich das zu erarbeiten. Arbeiten Sie allein. Studieren Sie jeden Gegenstand, ehe Sie sich ein Bild machen. Fotografieren Sie an Orten, die Sie nicht kennen. Gehen Sie niemals ohne Notizbuch aus. Notieren Sie, was Sie sehen, was Sie hören, die Sprache der Ämter, die Sätze des Alltags in den Straßen, den Kneipen – das Streiten, die Liebe. Nutzen Sie jeden Cent, den Sie haben oder sich beschaffen können, um zu lernen. Erwarten Sie niemals Sicherheit. […] Gehen Sie in Fabriken und Betriebe arbeiten – was auch immer. Fotografieren Sie nach der Arbeit die Erschöpfung, aber auch die Auftraggeber wie die Kunden. Gehen Sie in den Wochen danach in der Stadt durch die Nacht. Sehen Sie, was Sie sonst nicht zu sehen kriegen. Bleiben Sie geduldig. Sprechen Sie mit Menschen, die Sie nicht kennen. Fragen Sie sie nach ihrem Leben – damit Sie in Bewegung bleiben. Und wenn Sie Urlaub machen, gehen Sie dahin, wo niemand hin zu wollen scheint – Twer oder Sibio zum Beispiel, es kann auch Riesa sein. Was ich Ihnen rate, beschreibt auch vielleicht den Unterricht, den ich mache. Ich kann Ihnen im Moment nichts anderes raten, aber machen Sie, was ich Ihnen rate, mindestens ein Jahr – besser zwei. Bewerben Sie sich dann, wenn Sie sich sicher sind, etwas Wichtiges mitteilen müssen: eine Erfahrung, Erfahrungen, die Sie gemacht haben, ein Bild, ein Bild von der Welt?“ (ab Minute 56:36 – 01:00:27).

Die Ratschläge, die Thomas Heise jungen Talenten gibt, laufen darauf hinaus, zunächst eigene Erfahrungen zu machen und immer wieder im Wandel der Zeiten ein Bild von der Welt zu entwerfen, das irgendwie stimmt. An anderer Stelle sagt er, dass seine Filme sich quasi mit der Geschwindigkeit einer Sonnenfinsternis bewegen sollen. Was hat die damit verbundene Langsamkeit für Vorteile und was bewirkt die Abdunkelung? Man kann schlussfolgern, dass die Bilder dadurch genauer betrachtet werden können und nicht (ver-)blenden. Heise gehört einer Generation an, die das Pionier-Lied immer lebe die Sonne mit russischem Refrain singen musste. Sein Film Stau. Jetzt geht’s los brachte ihm viel Ärger ein, aber dadurch erlangte er Reputation und gelangte quasi auf die Sonnenseite des Erfolgs. Festivals zeigten seine Filme, Kritiker würdigten seine künstlerische Ausdrucksweise. In dem Film Stau findet sich ein Bild von der Welt: Jugendliche schießen auf eine Uhr. Diesem Auf-Uhren-Schießen kommt Symbolkraft zu.

In Walter Benjamins XV. These über den Begriff der Geschichte liest man: „Noch in der Juli-Revolution hatte sich ein Zwischenfall zugetragen […]. Als der Abend des ersten Kampftages gekommen war, ergab es sich, daß an mehreren Stellen von Paris unabhängig von einander und gleichzeitig nach den Turmuhren geschossen wurde. Ein Augenzeuge, der seine Divination vielleicht dem Reim zu verdanken hat, schrieb damals: Qui le croirait! on dit qu’irrites contre l’heure De nouveaux Josues, au pied de chaque tour, Tiraient sur les cadrans pour arrêter le jour.“ 1

Manche Tage, Stunden oder Sekunden möchte man anhalten, um besser zu erkennen, was in der Welt vor sich geht. Das Schießen auf Uhren kann als Rebellion gegen die herrschende Ordnung gedeutet werden. Laut Bibel hatte schon Josua den Wunsch, die Sonne am Himmel anhalten zu lassen, um die Zeit zum Stillstand zu bringen.2

In seinem Film Heimat ist ein Raum aus Zeit ließ Thomas Heise vergangene Zeiten aufleben. Man ahnt: aus der gestillten Zeit erwächst eher Heimat als aus der flüchtigen. Die DDR-Jugend 1990 hatte plötzlich ihre Heimat verloren. Schossen deshalb Einzelne auf Uhren? Übrigens gehörte Stau zu den ersten Filmen, die von der neu geschaffenen kulturellen Filmförderung in Sachsen-Anhalt unterstützt wurden. Hätte der damalige Kultusminister (wie geplant) an der Premiere im Kino 188 in Halle teilgenommen, wäre er von tausenden Glassplittern berieselt worden. Aufgebrachte „Zecken“ hatten nämlich während der Vorführung Steine in die Glasfassade des Kinos geworfen. Eine blutende Schnittwunde beim Amtsinhaber hätte selbstverständlich kriminalistische Ermittlungen nach sich gezogen. Dass Thomas Heise versuchte, an der Eingangstür mit den aufgebrachten Gegnern zu diskutieren, war mutig. Ist in unserer Gegenwart das sprichwörtliche Glashaus, in dem man nicht mit Steinen werfen soll, ein Bild der Welt, das die aktuelle Lage veranschaulichen kann?

Doch zurück zum Übergang. Im Januar 1956 notierte Hannah Arendt in ihrem Denktagebuch:

„Der Übergang vom Leben ins Sein ist der Tod. Mit dem Tod bezahlen wir, dass wir sein können. Im Tod stellt sich heraus, ob wir lebend gewesen sind; nur dann können wir auch tot sein. Totsein heisst: in der Welt bleiben ohne Leben, also unabhängig von den irdischen Bedingungen, unter denen unsere irdische Existenz überhaupt gegeben ist.“ 3

Bertolt Brecht sollte im August 1956 den „Übergang vom Leben ins Sein“ vollziehen. Ein Jahr zuvor im August 1955 begann Thomas Heise sein Leben, das im Mai 2024 endete. Aber auch er „wird in der Welt bleiben […] unabhängig von den irdischen Bedingungen“. Marcus Steinweg hatte neulich auf Facebook einen Text über SCHÖNFÄRBEREI gepostet:

„Kunst komme aus der Schieflage, sagt Heiner Müller. Nicht aus der Gewinner-, sondern der Verliererposition, das heißt desjenigen, der ein Problem hat. Ein wirkliches Problem, nicht eines, das der Zeitgeist ihm diktiert. Ein Problem, das die Existenz des Künstlers im Ganzen betrifft, aktiviert, aber auch verunsichert oder aus dem Tritt kommen lässt. […] Jedes Kunstwerk ist Produkt einer Auseinandersetzung mit dem Realen, wie Lacan es nennt, mit dem also, womit man nicht fertig wird. Eben deshalb ist Kunst weder idealistisch noch realistisch im einfachen Wortsinn. Sie bewegt sich jenseits dieser falschen Alternative. Indem sie das Wirkliche in seiner Inkommensurabilität konfrontiert, entzieht sie sich solchen Kategorien, die als Beruhigungsmittel fungieren. Deleuze schreibt: ›Kreatives Schaffen findet in Engpässen statt.‹ […] In den Engpässen hat das Subjekt die Chance, zu Erfahrungen zu gelangen, die es vom Kapitalisierungswunsch befreien. Es entdeckt dann die Freiheit, die ohne Besitz auskommt. Aus der Erfahrung solcher Freiheit kann Kunst entstehen, die ermutigend, erheiternd wirkt, ohne beschönigend zu wirken, ohne Schönfärberei.“

Schön schlau geschrieben. Der inzwischen gelöschte (inhaltlich verworfene?) Steinweg-Text warf immerhin die Frage auf, was man denn unter der Kategorie ›Schönheit‹ verstehen will. Noch immer halte ich den Versuch von Wolfgang Welsch für bedenkenswert, den inflationär verwendeten Ausdruck ›das Schöne‹ zu rehabilitieren. In seinem Aufsatz ZUR UNIVERSALEN SCHÄTZUNG DES SCHÖNEN4 wurden u. a. auch Befunde angeführt, die auf neuropsychologische Forschungen zurückgehen. Demnach lässt sich das Prädikat ›schön‹ mit „brain-happiness“ in Verbindung bringen. Im Diskurs der Neuroästhetik können (mindestens) drei Typen von Schönheit unterschieden werden: „Nun gilt freilich für jeden dieser drei Typen, daß Schönheit eigentlich brain-happiness ist. Struktur und Intensität dieser happiness sind jedoch charakteristisch unterschiedlich: lokal, wenn ein biologisches Programm aktiviert wird; kollateral, wenn unser kognitives Programm aktiviert wird; integral im Fall der übergroßen Schönheit“. Auch am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik wird dieses ästhetische Phänomen untersucht. Winfried Menninghaus hat die allgemeine Kategorie differenzierter betrachtet und Schönheit, Eleganz, Anmut und Sexiness miteinander verglichen.5

Sollte man eigentlich das Schminken als Schönfärberei benennen (denunzieren)?

(eigene Aufnahme, Foto: TH)

Im Jahr 1987 schuf Jens Flämig das Gemälde ES TANZT EIN NIETZSCHEMANN, welches sich als Dauerleihgabe im Nietzsche-Dokumentationszentrum in Naumburg befindet. (Der NIETZSCHEMANN hat grell geschminkte Lippen). Ist dieses Werk schön? Oder kommt das Prädikat lediglich der Musik zu, nach der diese Figur tanzt? Der Betrachter kann selbst jene Töne imaginieren, die mutmaßlich angeschlagen werden. Kein Kultur-Kommissar (Kunstkritiker oder Philosoph usw.) kann ihm einen Irrtum nachweisen. Im Freiraum der Kunst ist sogar die Vermutung zulässig, dass Martha Arendt ihrem Gatten Paul (zum Leidwesen der kleinen Hannah) die 24 Préludes op. 28 vorspielte, die Frédéric Chopin im Winter 1839 auf Mallorca vollendete.6

Genauso gut wäre es denkbar, dass Elisabeth Förster-Nietzsche im Sommer 1900 ihrem umnachteten Bruder jene Präludien zu Gehör brachte, die man schwer vergessen kann, wenn diese Musik „in einem Höhengelände“ erklingt „oder aus offenen Terrassentüren beispielsweise aus einem Sanatorium“ vernehmbar ist. Chopin selbst wurde beim Sterben von Musik begleitet. Wie klang das Veilchen-Lied, das Delphine Potocka „ihm in der letzten Stunde“ sang?7 War es das Lied, das Mozart im Sommer 1785 in Wien (nach einem Goethe-Gedicht) für Singstimme und Klavier schuf?8

Es ist eine kulturelle Mode, dass Erben oder nahe Verwandte drei bis vier Musikstücke auswählen, die dann bei der Trauerfeier gespielt werden. Warum kann nicht der Todgeweihte schon vorher festlegen, welche Musik ertönen soll, wenn die finale Sterbephase einsetzt? Zur Not könnten dies auch seine Angehörigen vornehmen. Oder würde diese Musiktherapie die Kosten im Gesundheitswesen zu sehr steigern, weil die GEMA abkassiert? Kann es einen gesunden Tod geben, wenn Musik ertönt? Welche Musik hat das Lebensende von Thomas Heise begleitet?

(Foto: Silvia Hertel, mit ChatGPT-Support)

Schwebte wirklich so eine seltsame Wolke mit Nietzsche-Antlitz am Himmel über Naumburg?

Zweifellos gab es beim 36. Internationalen Nietzsche-Kongress nicht nur kundige Keynote-Speakers, die das Nachdenken über Hannah Arendt und Friedrich Nietzsche voranbrachten, sondern auch rege Diskussionen mit dem Publikum. Deutlich wurde, dass die versammelten Fachleute zunächst ein enormes Lektürepensum zu bewältigen hatten, um in ihren Vorträgen den Nektar des Erkenntnisgewinns präsentieren zu können. Das gilt gleichermaßen für diejenigen, die kritische Nachfragen stellten. Keine LLM-Maschine kann Lektüre und Denkarbeit überflüssig machen, die für wissenschaftliche Debatten die Voraussetzungen bilden. Immer wieder und mit immer anderen Akzentuierungen kam beim Kongress ein Nietzsche-Zitat zur Sprache, das man auch auf dem Treppenweg zum Veranstaltungssaal lesen kann.

(eigene Aufnahme, Foto: TH)

„Das habe ich getan“, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.9

Die wenigen Worte bringen einen gewaltigen Verdacht hervor. Lässt das Gedächtnis die Wahrheit im Stich, wenn das Gewissen zu stark belastet wird?
Laternenlicht traf noch nachts in Naumburgs Gassen auf Gedankenfetzen zur Frage, weshalb selbst Gutmenschen sowohl zum „banalen Bösen“ wie auch zum „teuflischen Bösen“ fähig sind.

(Foto: Silvia Hertel ohne ChatGPT-Support)

Und beim Besuch der Ausstellung „Schwebezustand. Eine fotografische Zeitreise durch das Jahr 1990“ in der Weimarer ACC-Galerie kamen am Folgetag weitere Überlegungen zu tragisch-komischen Wiederholungen in der Menschheitsgeschichte auf.

(Bilder der Ausstellung)

In der Altweimarischen Bierstube ziert eine Volksweisheit den Giebel: GLÜCKLICH IST, WER NIE VERLOR IM KAMPF DES LEBENS DEN HUMOR. Glücklich sind die Deutschen zu Wendezeiten offenbar gewesen – und der Fotograf Volker Döring hatte sogar Humor. Er knipste am 14. März 1990 in Leipzig den Kanzler und seinen Wähler. In der ACC-Galerie10 kann man beim Betrachten des Fotos vom Wähler erkennen, dass die Euphorie damals geradezu vergoldet gewesen ist, denn die Deutschland-Fahne, die er trägt, war tatsächlich Schwarz-Rot-Gold.

Heutzutage wird eigentlich permanent gegen die Anordnung über die deutschen Flaggen11 verstoßen, denn die Fahnen sind meistens nur Schwarz-Rot-Gelb gefärbt. Komisch, dass sich darüber kein Nationalist aufregt.

Nietzsches tierische Figuren im Zarathustra haben ebenfalls Humor. Sie stimmen ein „Leier-Lied“ an: „Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins. Alles bricht, Alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins. Alles scheidet, Alles grüsst sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des Seins.“

Lässt sich solch ein Ring schönfärben, um ihn zu (er)tragen, um mit ihm zu ringen? Seit der Wiedereröffnung am 2. Oktober 2026 strömten bereits mehr als 15.000 Besucher in den Ostflügel des frisch sanierten Stadtschlosses von Weimar. Dort ist u. a. zu sehen, wie Laokoon im „Ring des Seins“ verschlungen ringt. Man kann zudem prunkvolle Räume und klassizistische Gemälde besichtigen. Eindrucksvoll ist schon im Eingangsbereich „eine riesige Wolke an der Wand“. Die Künstlerin Andrea Knobloch aus Düsseldorf „hat den Putz an unzähligen kleinen Stellen herausgebrochen, einzelne Schnipsel aus Blattgold bringen das Gebilde zum Flirren“.12 Ihr Werk trägt den Titel IM STURM und stellt eine Aschewolke dar, die durch einen Flügelschlag hervorgerufen sein mag, der auf Paul Klees Bild ANGELUS NOVUS (1920) sowie auf Walter Benjamins Text über den ENGEL DER GESCHICHTE (1940)13 zurückgeht. Vor dieser Blattgold-Wolkenwand kann man sich am Telefon informieren:

Foto: Silvia Hertel

Übrigens hat das Weimarer Nietzsche-Archiv in der Villa ›Silberblick‹ wegen Sanierung voraussichtlich noch bis zum Sommer 2027 geschlossen.14 Und ab 2. November 2026 beginnen Bauarbeiten beim Goethewohnhaus am Frauenplan.15 Zum Glück gibt es nicht nur in Weimar Gelegenheiten zur Weltkulturerbe-Erkundung. Auch Naumburg hat inzwischen den UNESCO-Ehrentitel erlangt. Dort findet man die schön gefärbte, schönste Uta im Naumburger Dom. Alle Stifterfiguren waren dort ursprünglich mit einer stark leuchtenden, polychromen Farbfassung versehen. Das heutige Aussehen dürfte der zweiten Farbfassung nahekommen, die im Jahr 1518 aufgetragen wurde.16

© wiki-commons

Im Jahr 1935 hat Walt Disney für seinen Animationsfilm Schneewittchen diese Schönheit als Vorbild herangezogen und sie zur Figur der bösen Stiefmutter gemacht.17 Wieso kommt mir plötzlich diese Strophe aus einem Benn-Gedicht in den Sinn? Das gehört doch hier gar nicht hin:

Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge −:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

Gut, dass es Glück genauso wie Wahrheit im Plural gibt. Aristoteles hat in der Nikomachischen Ethik deutlich gemacht, dass man verschiedene Sorten von Glück (Eudaimonie/εὐδαιμονία) unterscheiden kann und dass neben den ethischen auch die dianoetischen Tugenden anzustreben sind, um glücklich zu werden. In der Antike verkörperte u.a. eine Nike-Statue das Schönheitsideal und man schwärmte für Kalokagathia (καλοκἀγαθία), für das Schöne-Gute-Wahre.

Die antiken Zeiten sind längst verflossen. In einem nachgelassenen Fragment vom Frühjahr-Sommer 1888 schimpfte Nietzsche: „An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit zu sagen: das Gute und das Schöne sind Eins: fügt er gar noch hinzu ›auch das Wahre‹, so soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist häßlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehn.“ 18

Auf ihn konnte sich Marinetti in bestimmter Hinsicht berufen, wenn er im Futuristischen Manifest von 1909 verkündete: „Ein brüllendes Automobil ist schöner als die Nike von Samothrake.“

Hannah Arendt sah das etwas anders. Sie notierte sich im August 1957 mit Bezug auf Kant: „[ § 48] 166: Gegensatz zum Schönen nicht das Hässliche, sondern das Ekelhafte“. 19 Das „Bild von der Welt“, das (junge) Talente heutzutage mitteilen, könnte womöglich ziemlich ekelhaft sein – so „ein Kaugummi, der keinen Geschmack mehr hat“. 20

Zu DDR-Zeiten haben manche Kinder solche Kaugummis auf dem Schulhof sogar noch gegen kitschige Stampfersblumen (zum Beispiel mit einem Stiefmütterchen-Motiv fürs Poesiealbum) eingetauscht. C’est la vie: schon ein Haar in der Suppe kann Ekel erregen. [v]  Ein Sammelbild mit der bösen Stiefmutter gibt es nicht, aber die schöne Uta von Ballenstedt erschien sowohl in der DDR als auch in der BRD als Motiv auf Briefmarken:

Offenbar wird sie auch steckbrieflich gesucht:

Man darf davon ausgehen, dass schon längst von einer LLM-Maschine für den (amerikanischen) Buchmarkt einen Reader verfasst wurde. Der Plot (bzw. Prompt) dürfte ziemlich simpel sein:

Ein Sheriff (oder ein verlotterter Detektiv) macht sich auf die Suche. Der Held gerät in allerlei Abenteuer und Kalamitäten; seine kriminalistischen Bemühungen bleiben vergeblich. Verzweifelt betritt er am Ende einen Saloon und will sich betrinken. Nach dem ersten Glas Whisky erblickt der Held zufällig die gesuchte Person; nach dem zweiten Glas verliebt er sich in die böse Stiefmutter; nach dem dritten gemeinsamen Whisky ist klar: Er wird die Belohnung von 50.000 Dollar nicht bekommen; und wenn Uta nicht gestorben ist, dann spiegelt sie sich noch heute.      

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Dr. Thomas Hertel (1960) hat sein Engagement für die Filmförderung zum 30. April dieses Jahres beendet und schwimmt nun in unbekannten Gewässern. Weiterhin gilt die Devise: „Sich irren und dennoch seinem Inneren weiter Glauben schenken müssen: – das ist der Mensch“ (Benn).

Siehe auch von ihm bei uns:
Radeln auf Hiddensee
Räuber
Ornament und Versprechen
Kreta: Verschwommen
Prag, Kafka, Kabbala und viel KI
Mit Jorge Luis Borges auf Mallorca
Filmkunst ist kein Pferderennen
Mann-O-Mann * Report aus Cannes

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Anmerkungen:

[1] Vgl. die XV. These von Walter Benjamin in Über den Begriff der Geschichte. PDF hier. 

[2] Angeblich ging sein Wunsch sogar in Erfüllung: „Damals redete Josua mit dem HERRN an dem Tage, da der HERR die Amoriter vor den Israeliten dahingab, und er sprach in Gegenwart Israels: Sonne, steh still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen, bis sich das Volk an seinen Feinden gerächt hatte. Ist dies nicht geschrieben im Buch des Redlichen? So blieb die Sonne stehen mitten am Himmel und beeilte sich nicht unterzugehen fast einen ganzen Tag“ (vgl. hier).

[3] Siehe: Arendt, Hannah: Denktagebuch 1950 – 1973, München / Berlin 2022, Band 1, S. 553.   

[4] Siehe: Zur universalen Schätzung des Schönen. Wolfgang Welsch über die Permanenz der Schönheit, in: Die Architekt, 21/10/2015.

[5] Siehe: Forschungsbericht 2019: Schönheit, Eleganz, Anmut und Sexiness im Vergleich, Max-Planck-Gesellschaft, 2019.

[6] Diese Vision geht auf Hannah Arendt zurück; sie lag „nachts im Bett […] und hörte, wie ihre Mutter Klavier spielte, um Paul Arendt von seinen Schmerzen abzulenken. Später sprach Hannah Arendt manchmal mit engen Freunden darüber. Und gelegentlich erwähnte sie es unbeabsichtigt. Einmal fragte sie, gegen Ende ihres Lebens, einer ihrer Studenten im Verlauf eines Gesprächs über Nietzsches Bild der Krankheit, wie sich Nietzsche in den letzten zehn Jahren seines Lebens beschäftigt habe, als er wahrscheinlich an Syphilis starb. Ihre Antwort lautete, daß Nietzsches Schmerzen durch das Klavierspiel seiner Schwester gelindert worden seien.“  (Siehe: Thomas Hertel: Räuber, in CulturMag September 2026 und vgl. auch: Michael Atziger: George Sand über ihre Zeit mit Chopin, BR Klassik, 21.11.2016.)

[7] Hören Sie hier.

[8] Vgl.: KV 476. Das Veilchen. „Ein Veilchen auf der Wiese stand“ Lied für Singstimme und Clavier.

[9] Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse: § 68. Erste Veröff. 04/08/1886 –

[10] Ausstellung: Im Schwebezustand. Eine fotografische Zeitreise durch das Jahr 1990, kuratiert von der Robert-Havemann-Gesellschaft

[11] Siehe: Bundesgesetzblatt 1996: Anordnung über die deutschen Flaggen, vom 13. November 1996

[12] Siehe: mdrAktuell, 02.10.2026: Als offenes Forum: Weimars Stadtschloss wiedereröffnet.

[13] Vgl.: Astrid Nettling: Walter Benjamins Engel der Geschichte: „Ein Sturm weht vom Paradiese her“, DLF 10.02.2016

[14] Siehe: Klassik Stiftung Weimar: Nietzsche-Archiv. Instandsetzung der Gebäudehülle, aus 2026.

[15] Siehe Klassik Stiftung Weimar: Ensemble Goethe-Wohnhaus. Denkmalgerechte Instandsetzung und museale Neukonzeption

[16] Vgl.: Karl, Daniela: Die Polychromie der Naumburger Stifterfiguren. Kunsttechnologische Untersuchung der Farbfassungen des 13. und 16. Jahrhunderts. Regensburg 2015.

[17] Siehe: Welterbestätte Naumburger Dom: Wer ist die Schönste im ganzen Land?, www.naumburger-dom.de

[18] Vgl.: https://www.nietzschesource.org/#eKGWB/NF-1888,16[40]

[19] Arendt, Hannah: Denktagebuch 1950 – 1973, München  / Berlin 2022, Band 1, S. 582.   

[20] Das Zitat stammt von Lilith Stangenberg – siehe: Berliner Zeitung, Fragebogen. „Berlin ist für mich wie ein Kaugummi, der keinen Geschmack mehr hat“, vom 18.10.2026.

[21] Das ließe sich mit Winfried Menninghaus vertiefen – vgl.: Derselbe: Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999.

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