Räuber
– wenn liebgewordene Überzeugungen geraubt werden, bieten nicht nur Nietzsche, Benjamin und Arendt, sondern auch Namenlose oder sogar Engel alternative Einsichten. – Ein Essay von Thomas Hertel
Ist der Monat September geschichtsträchtig? Am 1. September 1939 hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Der Film Vaterland, der die Nachkriegszeit beleuchtet, kommt ab 3. September in die deutschen Kinos. Die Castorf-Inszenierung von Mephisto nach dem Roman von Klaus Mann soll am 17. September im Berliner Ensemble Premiere haben. Walter Benjamin kam am 26. September 1940 ums Leben. An dem Denkmal in der spanischen Grenzstadt Portbou in den Pyrenäen, das ihm zu Ehren errichtet wurde, ist dieser Text lesbar:
„Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“1
Wurde er auf seiner Flucht ermordet? Dieser Verdacht wird in dem Dokumentarfilm „Who killed Walter Benjamin?“ von David Mauas gehegt. Nach Auskünften von Hannah Arendt darf man wohl davon ausgehen, dass es Suizid war.2 Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass die tragischen Ereignisse damals eigentlich durch jene Verbrechen verursacht wurden, die nationalsozialistische Machthaber (und banal-böse Kollaborateure) begangen haben. Eine ähnliche Spannung wie bei kriminalistischen Ermittlungen kann (nicht nur in diesem Fall) bei kulturhistorischen Erkundungen aufkommen.

Wer beispielsweise der Spur des Angelus Novus folgt, stößt auf Merkwürdigkeiten. Kann man diesem Engel satanische Züge attestieren?3 Grit Straßenberger hat darauf aufmerksam gemacht, dass „Walter Benjamin seiner Freundin Hannah Arendt den ›Engel der Geschichte‹“ nicht nur anvertraut, sondern sogar geschenkt hat, „freilich nicht das Gemälde von Paul Klee, sondern das Manuskript zu den ›Geschichtsphilosophischen Thesen‹, in denen der ›Engel der Geschichte‹ die Hauptrolle spielt“.4
Es lässt sich außerdem ein Bogen zu Benjamins Freund Brecht schlagen, dessen künstlerische Arbeit von Arendt durchaus geschätzt wurde5 obwohl sie seine politischen Ansichten mitunter scharf kritisiert hat. Brecht arbeitete seit 1941 an einem Stück, das in gewisser Hinsicht mit Benjamins ›Engel der Geschichte‹ korrespondierte. Es trug den Arbeitstitel: Die Reisen des Glücksgotts‹. Den Inhalt skizzierte er am 16. November 1941 in seinem Arbeitsjournal:
„der gott derer, die glücklich zu sein wünschen, bereist den kontinent. hinter ihm her eine furche aus exzessen und totschlag. bald werden die Behörden aufmerksam auf ihn, den anstifter und mitwisser mancher verbrechen. er muss sich verborgen halten, wird illegal. schließlich denunziert, verhaftet, im prozeß überführt, soll er getötet werden. er erweist sich als unsterblich. lachend sitzt er gemütlich zurückgelehnt im elektrischen stuhl […] usw. völlig erschöpft ziehen die verstörten henker, richter, pfaffen usw. ab, während die menge […] von neuer Hoffnung erfüllt weggeht . . .“6
Brecht wollte mit Paul Dessau aus diesem Stoff eine Oper machen. „Nach Brechts plötzlichem Tod fragte dieser 1958 Heiner Müller, ob er aus dem Fragment ein Libretto machen könnte. Der sagte zwar zu, doch ein Libretto wurde nicht daraus, stattdessen ein Text, der das Erbe Benjamins und Brechts kritisch befragte“ 7– aus Brechts Glücksgott wurde der GLÜCKLOSE ENGEL.
Zu den rückwärtigen Winden aus grauenvoller Vergangenheit gesellt sich (bei Müller) der Druck von angestauter Zukunft. Der stürmische Fortschritt hat (nicht nur) den Engel mit dem Geröll der Machenschaften überschüttet und mit Wohlstandsmüll bedeckt. Das Zwischenwesen, das kein Gott und kein Mensch ist, erscheint in seiner Wartestellung als dämonische Figur. Heimliche messianische Hoffnung scheint noch nicht gänzlich verschwunden zu sein. Nach der „Versteinerung von Flug Blick Atem“ soll „das erneute Rauschen mächtiger Flügelschläge“ dereinst anzeigen, dass ein Ereignis (eine Art Erdbeben?) den Engel befreit und das historische Geschehen wieder in Bewegung bringt.
Wer auf den Start zum Lichterlauf wartet, kann eine Skulptur von Christof Traub betrachten. Dabei kann der Verdacht aufkommen, dass ein unglücklicher Engel in Tangermünde gestrandet ist. Welche Auswirkungen gehen von Zwischenwesen aus? Gibt es eventuell Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den verschiedenen Figuren?

ChatGPT-Vision 
Foto: eigene Aufnahme
Gottfried Benn (1886 – 1956) hatte die Auswirkungen von Nietzsches Denken und Dichten für seine Generation skizziert: „Eigentlich hat alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinanderdachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen: breittrat – alles das hatte sich bereits bei Nietzsche ausgesprochen und erschöpft, definitive Formulierung gefunden, alles Weitere war Exegese“.
Und Benn fügte hinzu: „für meine Generation war er das Erdbeben der Epoche und seit Luther das größte deutsche Sprachgenie“.8 Benjamin (1892 – 1940), Brecht (1898 – 1956) und ebenso Hannah Arendt (1906 – 1970) gehörten gleichfalls einer Generation an, die sich dem Einfluss von Nietzsche kaum entziehen konnte. Hinzu traten für die Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts kriegerische „Stahlgewitter“ und extreme (totalitaristische) Großwetterlagen.
Beim Nietzsche-Kongress, der vom 15. bis 18. Oktober 2026 in Naumburg stattfindet, sollen ›Genealogien, Affinitäten und Unterschiede zwischen Arendt und Nietzsche‹ diskutiert werden.

Mit Friedrich Nietzsche und Hannah Arendt befassen sich selbstverständlich nicht nur Philosophen und Historiker, sondern auch Künstler. Das kann anregend sein. Der Installationskünstler Thomas Hirschhorn hat beispielsweise gemeinsam mit dem Philosophen Marcus Steinweg sowohl eine Nietzsche-Map als auch eine Arendt-Map gestaltet.
Wer sich ein Bild zu Affinitäten und Differenzen von Nietzsche und Arendt machen möchte, kann nach diesem Muster (mit KI-Support) zunächst eine Schautafel erstellen. Gemäß dem o.g. Hinweis von Walter Benjamin sollte darin ein Geflecht dargestellt werden, in dem auch Namenlose bzw. Personen, die weitgehend unbekannt geblieben oder in Vergessenheit geraten sind, auftauchen.

Die Abbildung, die mit ChatGPT zur Veranschaulichung erstellt wurde, ist noch nicht richtig geglückt. Es sollte sich zeigen, dass über Benjamin und Brecht gewissermaßen ein Kreis geschlossen werden kann, der zu Hannah Arendt führt und von Hertha Gordon-Walcher, die eng mit Brecht befreundet war, ausgeht. Dabei sollten die Verbindungslinien besser wie bei einem Mycel strukturiert sein. Selbstverständlich müssten die Nietzsche-Zündfunken mindestens den Gordischen Knoten von Arendt erreichen. Und es sollten Spannungen zu Brecht, Benjamin, Bataille usw. aufgezeigt werden.
Können Funken beispielsweise auch von einigen Geschichtsthesen Benjamins ausgehen? „Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt […]“ (V.). Und: „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ›wie es denn eigentlich gewesen ist‹. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. […]“ (VI.). Wie kann man so etwas abbilden? Benjamin zog in seinen Notizen zu den Thesen ›Über den Begriff der Geschichte‹ übrigens auch einen Vergleich zur „Spektralanalyse“: „Wie der Physiker ultraviolett im Sonnenspektrum feststellt“, könnten Historikerinnen und Historiker „eine messianische Kraft in der Geschichte“ ermitteln.9
Er dachte auf eine Geschichtsschreibung hinaus, die auch Beiträge von Namenlosen berücksichtigt. Für diejenigen, die meistens in Vergessenheit geraten, hatte Bertolt Brecht ebenfalls Empathie. Er verfasste den berühmten Reim: „Denn die einen sind im Dunkeln / Und die anderen sind im Licht. / Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht“. Auch mit seinem Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters machte er (im Sinne von Benjamin) beispielsweise darauf aufmerksam, dass die großen Namen in den Geschichtsbüchern zu hinterfragen sind: „Wer baute das siebentorige Theben? / In den Büchern stehen die Namen von Königen. / Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? / […] / So viele Berichte. / So viele Fragen.“10
Zu jenen Personen, die sich keinen großen Namen gemacht haben (oder denen von Zeitgenossen und Nachfahren keine Prominenz zugeschrieben wurde), gehören beispielsweise Hertha Gordon-Walcher und Hermann Vogelstein. Sie kamen genauso wie Hannah Arendt (und Immanuel Kant) aus Königsberg.
Wer war Hertha Gordon-Walcher (1894 – 1990)?
Hertha Gordon stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Ihre Eltern sortierten Bernsteine und beherbergten Schlafgäste, um das Familieneinkommen aufzubessern. Eine höhere Schulbildung blieb Hertha versagt; sie konnte jedoch später in London eine Ausbildung zur Stenotopistin absolvieren. Russische Revolutionäre, die als Flüchtlinge zeitweilig bei den Gordons übernachteten, weckten das Interesse an Politik. Hertha engagierte sich im Spartakusbund, wurde eine enge Vertraute von Clara Zetkin, arbeitete als Sekretärin von Karl Radek und kämpfte ein Leben lang für eine solidarische Gesellschaftsordnung. Übrigens war sie gemeinsam mit ihrem Mann Jacob Walcher für Willy Brandt eine Mentorin. Die Walchers und Bertolt Brecht sind gut befreundet gewesen und opponierten gegen Stalinismus sowie die Fehlentwicklungen in der DDR.
Wer war Hermann Vogelstein (1870 – 1942)?
Aus dem Buch BITTERE BRUNNEN von Regina Scheer 11 erfährt man, dass sowohl Hannah Arendt als auch Hertha Gordon-Walcher vom Rabbiner Hermann Vogelstein unterrichtet wurden. Vogelstein galt damals als der führende liberale Rabbiner in Deutschland, wirkte bis 1920 in Königsberg, ging im selben Jahr nach Breslau, emigrierte 1938 nach England und später in die USA, wo er 1942 starb. Hannah Arendt (1906 – 1975) erinnerte sich mit Hochachtung an den Rabbiner als Lehrer und Wegbereiter. Dass das Verhältnis von Hannah Arendt zu Vogelstein sehr vertraulich, wenn nicht sogar intim gewesen ist, legt Grit Straßenberger nahe:
„Arendt wuchs in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus auf. Literatur, Philosophie und Musik gehörten zum Leben der Arendts ganz selbstverständlich dazu – ebenso selbstverständlich wie das Judentum. Beide Elternteile stammten aus alten jüdischen Familien. Sie gehörten zum aufgeklärten, säkularisierten jüdischen Bürgertum in Königsberg, hielten aber engen Kontakt zum Reformrabbiner Hermann Vogelstein. Hannah Arendt besuchte in der Grundschulzeit seinen Religionsunterricht und verliebte sich, so wird kolportiert, wohl auch ein wenig in den klugen und witzigen Rabbi.“ 12
Bemerkenswert ist, dass eben auch die junge Hertha Gordon just durch diesen Rabbiner geprägt wurde. Er gab ihr nicht nur Bücher von Tolstoi in die Hand, sondern auch weitergehende Lektüreempfehlungen. „Mit Hermann Vogelstein […] konnte sie über vieles reden, was eigentlich nichts mit dem Talmudstudium zu tun hatte, sogar über die Narodniki und die gescheiterte Revolution sprach sie mit ihm. […] Hertha liebte die nachmittäglichen Stunden in einem Hinterzimmer der Neuen Synagoge. […] Nach Hause lief Hertha dann immer ganz beglückt, als habe Dr. Vogelstein […] etwas in ihr angerührt, was sie mitnehmen wollte in ihr Leben, in die Zukunft, die sie sich in solchen Momenten schön vorstellte. […] Auch die biblischen Geschichten, die der Rabbiner Vogelstein erzählte, erweckten in ihr eine Sehnsucht nach Aufbruch“. 13
Ganz ähnlich scheint es Hannah Arendt ergangen zu sein. „Der frühe Tod des Vaters […] bewirkte in ihr das Bedürfnis nach ›Ersatzvätern‹, das ihr Leben prägte. Die erste Liebe dieser Kategorie gehörte Rabbi Vogelstein.“ Er „war nicht nur Hannahs Arendts Religionslehrer seit den frühesten Schuljahren, sondern auch der Mann, von dem die Neunjährige behauptete, sie würde ihn heiraten, wenn sie groß sei. Und als sie ihm mit 14 Jahren erklärte, sie glaube nicht mehr an Gott, fragte er gelassen, wer denn dies von ihr verlangt hätte“ 14.
Da liegt folgende Frage nahe: Hat etwa dieser Hermann Vogelstein die beiden begabten Schülerinnen nicht nur auf Immanuel Kant, sondern auch auf Nietzsche aufmerksam gemacht?
Ein Indiz hierfür findet sich im Zusammenhang mit Herthas älterer Schwester, Rosa Gordon. Sie wurde ebenfalls durch diesen gelehrten Rabbiner geprägt und hat später sogar ein Nietzsche-Buch verfasst. Hertha hatte es gelesen und kritisch kommentiert. Regina Scheer verweist auf eine Begegnung von Hertha und Rosa in der Emigration in den USA: die „Schwester war nett und geradezu überschwänglich, sie hatte tatsächlich ein Buch über Nietzsche geschrieben, mit dem Hertha nichts anfangen konnte. Verquastes Wortgeklingel, fand sie“ 15.
An dieser Stelle ist vielleicht eine Klarstellung angebracht. Das heißt, die Hinweise auf Vogelsteins Einfluss sollen relativiert werden. Ideen werden nämlich nicht schlechthin bei anderen Menschen eingepflanzt. Hannah Arendt hat den komplexen Prozess und die Grenzen der geistigen Anregung sehr anschaulich skizziert. In ihrem Denktagebuch notierte sie im September 1952: „Denken ist die einzige reine Tätigkeit, die wir kennen, weil der Gedanke, der immer ein Gedankenblitz ist […], niemals ein eigentliches Resultat dieses Tuns ist – wie das Getreide das Resultat von Säen, Mähen und Ernten. Die Gedanken, sofern sie resultathaft wiedergegeben werden können, sind nur die Folgen [oder in anderer Lesart: die Fetzen -TH], die unsere Erinnerung aus jener reinen Tätigkeit, die plötzlich sich aus sich selbst erhellt, herüberrettet“.16
Die Wahrheit, die beim Denken kurzzeitig aufblitzt, ist ein kommunikatives Ereignis. Je nach Perspektive können verschiedene Wahrheiten erkannt / erahnt (aber nur vage benannt) werden. So wie das Wetter ein komplexes Geschehen ist, wäre auch das Denken zu verstehen. Demnach war Rabbiner Vogelstein gewissermaßen ein klimatischer Vektor, der Geistesblitze begünstigte. Aber war er nicht auch ein Mensch, der seine Weisheit (sophia – also die auf reichhaltigen Erfahrungen gründende Erkenntnis) anderen nahebrachte? Es kommen wahrscheinlich mehrere dianoethische Tugenden infrage, die bei diesem komplexen Geschehen relevant sind.17
Hannah Arendt beschritt gewiss eigenständig ihren Weg, der zur Auseinandersetzung mit Nietzsche führte. Wann sich ihre Affinität zu dem sprachbegabten Philologen und Verehrer der antiken griechischen Kultur gebildet haben mag, ist nicht genau zu ermitteln. Offenbar „las bereits Arendts Vater Nietzsche und seine Werke standen in der Haus-Bibliothek“.18 Außerdem standen in dieser Bibliothek „die griechischen und lateinischen Klassiker, die“ Hannah Arendt „mit Begeisterung las“.19 Ihr wurde der „Beiname ›Pallas Athene‹“ zuerkannt; „die junge Nietzsche-Leserin, die die griechischen Klassiker ebenso las wie Karl Jaspers‘ ›Psychologie der Weltanschauungen‹“ 20 hatte überwiegend eine glückliche Kindheit. Allerdings wurde das Heranwachsen u.a. durch den Ersten Weltkrieg und den frühen Tod ihres Vaters überschattet.
Die Vermutung, dass es einen (idiosynkratischen) Brückenschlag von der Krankheit ihres 1913 verstorbenen Vaters zu Nietzsche geben könnte, erscheint zunächst absurd. Zwar wurde damals kolportiert, dass Nietzsche angeblich ebenfalls an Syphilis litt 21. Dieses Gerücht kam schon in den 1890-er Jahren auf und wurde im Zeitraum 1900 bis 1930 von vielen Biographen quasi als Tatsache angesehen. Erst seit den 1950-er Jahren wurde der Befund mehr und mehr angezweifelt. 22 Solche Bezugnahmen haben die junge Hannah Arendt wohl kaum beschäftigt. Oder doch? Ihre Biographin Elisabeth Young-Bruel hat eine „von Hannah Arendts nachhaltigsten Erinnerungen an die zwei Jahre, in denen ihr Vater zu Hause starb“ geschildert: Es waren „Jahre, in denen sie ›die ganze furchtbare Veränderung, die ihr armer Vater durch die Krankheit erleidet‹, miterleben mußte“; sie lag „nachts im Bett […] und hörte, wie ihre Mutter Klavier spielte, um Paul Arendt von seinen Schmerzen abzulenken. Später sprach Hannah Arendt manchmal mit engen Freunden darüber. Und gelegentlich erwähnte sie es unbeabsichtigt. Einmal fragte sie, gegen Ende ihres Lebens, einer ihrer Studenten im Verlauf eines Gesprächs über Nietzsches Bild der Krankheit, wie sich Nietzsche in den letzten zehn Jahren seines Lebens beschäftigt habe, als er wahrscheinlich an Syphilis starb. Ihre Antwort lautete, daß Nietzsches Schmerzen durch das Klavierspiel seiner Schwester gelindert worden seien.“ 23
Dennoch bleiben daraus abgeleitete Hypothesen fragwürdig. Vermutlich gab es unterschiedliche Anregungen, die das nachhaltige Nietzsche-Interesse von Hannah Arendt erweckt haben könnten. Ihr „›glühendes Interesse für Buchstaben und Bücher […]‹“ war auffällig 24. Die Nietzsche-Lektüre scheint ihr überaus wichtig gewesen zu sein, denn sie stellte sogar eine Voraussetzung für Freundschaftsbeziehungen dar: „Die intellektuell frühreife Arendt teilt im Alter von 15 Jahren dem späteren Altphilologen und Philosophen Felix Grayeff […] mit, […] sie könne nicht mit ihm befreundet sein, da er Nietzsche nicht gelesen habe“. 25
Harald Bluhm und Grit Straßenberger haben vermerkt, dass Dana Villa, Bonnie Honig und Oliver Marchart bei „Arendt einen individualistisch-aristokratischen Zug, den sie mit Nietzsche teilt“, aufgefallen ist. Sie schätzte „Nietzsches Vorliebe für die Taten großer Männer, die sich selbstbewusst und entscheidungsfreudig aus der ›nivellierten Masse‹ hervortun und den Mut haben, sich als herausragende Einzelne in der Öffentlichkeit mit ihren politischen Initiativen zu präsentieren“. 26
Es finden sich also zahlreiche (mittelbare und unmittelbare) Verbindungslinien von Arendt zu anderen Personen und zu Nietzsche. Auch durch Benjamin konnte sie Anregungen empfangen. Er zitierte als Vorsatz zu seiner XII. Geschichtsthese Nietzsche: „Wir brauchen Historie, aber wir brauchen sie anders als sie der verwöhnte Müßiggänger im Garten des Wissens braucht“.
Gewiss gab es immer wieder Zündfunken, die ganz direkt aus Arendts Nietzsche-Lektüre entsprangen.

(Diese Illustration ist probeweise mit ChatGPT fabriziert worden. Die Bildunterschrift stammt nicht von einem LLM, sondern von Hannah Arendt: Jeder Gedanke „ist immer der Funke, der dem Dialog der Einsamkeit entspringt […]. Er hat mit dem Denken so viel und so wenig gemein, wie das Reiben der Feuersteine mit dem Erblitzen des Funkens. Ein Gedanke kann nie ›bewiesen‹, er kann nur wie der Funke erzeugt werden.“ 27)
In das Tableau, das ein Beziehungsgepflecht zwischen Arendt und Nietzsche aufzeigt, aber auch Nebenlinien 28 darstellt, können nicht nur Hertha Gordon-Walcher und Hermann Vogelstein, sondern beispielsweise auch Julie Braun-Vogelstein, Rosa Gordon, Ernst Grumach, Anne Mendelssohn (Anne Weil), Leopoldine Weizmann (Leopoldine Schwalbach) und viele weitere Personen 29 eingeblendet werden. Wenn man das statische Schaubild überwinden möchte, wäre das vielleicht mit einer (surrealen) Vision möglich: Arendt flaniert durch Passagen. Zahlreiche Passanten strömen vorbei. Die meisten bleiben unscheinbar. Hin und wieder trifft die Frau in der Menge ein Blick, der denkerische Verwandtschaftsvermutungen (oder Verwandlungsoptionen) evoziert. Es ist nicht auszuschließen, dass ihr im pluralistischen und dynamischen Gedränge auch dieses Augenpaar begegnete:
Georges Bataille fand nicht nur einen sonderbaren Zugang zu Nietzsche 30; er stellte auch radikale Überlegungen zur Heterogenität an (bzw. entwickelte das Konzept einer ›Heterologie‹31) und ihm ist es zu verdanken, dass die Manuskripte des Passagen-Werkes32 gerettet wurden. Walter Benjamins Versuch, Fundstücke, Zitate, semantische Fäden aus eigenen Werken und von anderen Quellen im Passagen-Werk zusammenzubringen, führt zu ›Familienähnlichkeiten‹ (im Sinne von Wittgenstein). Ludwig Wittgenstein hatte in seinen Philosophischen Untersuchungen diesen Ausdruck so bestimmt: „67. Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als durch das Wort »Familienähnlichkeiten«; denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc. – Und ich werde sagen: die ›Spiele‹ bilden eine Familie.“ 33
Zweifellos lassen sich bei den Diskursen, in die Arendt und Nietzsche zu ihrer Zeit involviert gewesen sind, bemerkenswerte Familienähnlichkeiten auffinden. Dabei kann die Blitz-Metapher zur Geltung gebracht werden 34. Aber man hat auch die Möglichkeit, Patiencen auszulegen, um auf Einfälle zu warten und Denkräume zu öffnen. Jenseits akademischer Festungen werden die Karten manchmal durch Kunst neu gemischt. Spiele können wiederholt werden. Zuweilen ist es effektvoll, Brecht und Benjamin gewissermaßen als Trumpf auszuspielen. Die Gratisversion von ChatGPT hat dazu diese Karten kreiert:

Walter Benjamin kommt in gewisser Hinsicht die Sonderrolle des Jokers zu. Zwar gibt es einen (nicht-durchgängigen) Faden, der in Arendts Auseinandersetzung mit Nietzsche bis zur Antike (anders gesagt: bis zur ›Geburt der Tragödie‹) zurückführt, aber darauf wurden (mit Hilfe von Benjamin) wertvolle Perlen aufgefädelt. Was hiermit gemeint ist, hat Grit Straßenberger in ihrer Einschätzung deutlicher ausgesprochen. Sie betonte: Den „ursprungsphilosophischen Ansatz lernte Arendt bei Martin Heidegger in Marburg kennen. Aber es war Walter Benjamin und nicht Heidegger, dem sie die dichterisch-poetische Methode des Perlentauchens zuschrieb und sich zum Vorbild nahm“. 35
In ihrem Essay ›Walter Benjamin – III. Der Perlentaucher‹, der 1968 in der deutschen Zeitschrift für Europäisches Denken Merkur erschien 36, machte Hannah Arendt auf Benjamins Entdeckung aufmerksam, „daß an die Stelle der Tradierbarkeit der Vergangenheit ihre Zitierbarkeit getreten war, an die Stelle ihrer Autorität die gespenstische Kraft, sich stückweise in der Gegenwart anzusiedeln und ihr den falschen Frieden der gedankenlosen Selbstzufriedenheit zu rauben“.
Arendt zitiert direkt im Anschluss Benjamin: »Zitate in meiner Arbeit sind wie Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen.« 1969 notierte sie sich: „Was Denken mit Dichten verbindet, ist die Metapher. […] Die Rolle der Metapher: die Verbindung (so – wie) des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren, des Gewussten mit dem Unwissbaren usw.“37. Neben der Räuber-Metapher bieten sich zahlreiche weitere Vergleiche und Zitate (›Denkbruchstücke‹) an, um in Diskursen „mit »transzendenter Wucht«“ Wellen zu schlagen. Es gibt Vergleiche, in denen die Schönheit von Paradoxien (Aporien) durchschimmert.
Meisterlich wurde schon von Nietzsche der Räuber in Szene gesetzt: „Lange schlief Zarathustra […]. Endlich aber tat sein Auge sich auf […] und jauchzte: denn er sah eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen: ›Viele wegzulocken von der Herde — dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und Herde: Räuber will Zarathustra den Hirten heißen. Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten sage ich: aber sie nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens. Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werte, den Brecher, den Verbrecher — das aber ist der Schaffende. […] Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, die, welche neue Werte auf neue Tafeln schreiben.‹“38
Die Konzert-Metapher im Hinblick auf Nietzsche und Arendt von Seyla Benhabib wurde von Harald Bluhm und Grit Straßenberger aufgegriffen und weitergeführt. Sie erläutern: „mit Blick auf die Denkweise fällt aus heutiger Sicht klassisches Konzertgeschehen als Muster aus. Es bietet sich vielmehr an, auch wenn es etwas anachronistisch klingt, von open stage Free-Jazz auf einem Festival der besten Jazzer zu sprechen, bei dem verflossene Melodien, Motive und Kompositionen vergangener Meister aufgegriffen, zerlegt, neu arrangiert, gekonnt verfremdet und interpretiert werden“. 39
Diese Free-Jazz-Metapher ist nicht schlecht, aber man kann auch noch einen Vergleich zum traumhaften Erleben hinzufügen: Gottfried Benn setzte in seine Nietzsche-Rede aus dem Jahr 1950 eine rhetorische Wendung ein, die Nietzsches Leben als Traum auffasst. Er sagte: „Wenn ein Leben 50 Jahre beendet ist und das Werk 60 Jahre abgeschlossen vorliegt, darf man vielleicht zu der Methode übergehen, die Gestalt als Traum zu sehen […]“. 40 Man muss diese Methode gar nicht mutwillig anwenden. Wer sich lange genug mit Nietzsche und Arendt, mit Benjamin und Brecht usw. befasst, kann nicht ausschließen, dass sich womöglich ganz unwillkürlich ein Traum einstellt. In diesem Traum könnte die Vision auftauchen, dass Walter Benjamin am 26. September 1940 unter Morphium-Einfluss träumte und plötzlich in Klees Angelus Novus die Gestalt von Nietzsche erblickte.
Hannah Arendt kannte gewiss auch Benjamins „Deutung der Passagen als eines Kollektivtraums“.41 Irgendwann hatte sie selbst einen sonderbaren Traum, der allerdings beim Erwachen schon wieder vergessen war und nicht von ihr notiert werden konnte. Darin nahm der Engel der Geschichte das Aussehen eines Räubers an; er begann sogar zu sprechen. Das Idiom war zunächst unverständlich und rätselhaft. Immerhin ließ sich erahnen, was mit dem verqueren Vokabular zum Ausdruck gebracht werden sollte: Wenn Gott tot ist, „welten“ doch die Zwischenwesen weiter? Können (gefallene) Engel uns retten?
Selbst geniale Kriminalisten sind nicht in der Lage, den Beweis zu erbringen, dass Benjamin und Arendt nie solche Träume gehabt haben.

Ob im Monat September wirklich Alpträume bevorstehen oder Geschichtsgewitter ausbrechen, bleibt abzuwarten. Ob in der Mephisto-Inszenierung am BE Räuber auftauchen, die „dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen“, ist ungewiss. Aus einem Feature aus dem Archiv des Deutschlandfunks 42 erfährt man, dass am 24. Juli 1944 (trotz Bombenschäden) am Preußischen Staatstheater die Räuber Premiere hatten. Gründgens skandierte damals in der Rolle des Karl Moor Schillers Text in einer veränderten Version: „Freiheit, Freiheit!“ (statt „Tod oder Freiheit“). Ob unsichtbare Myzel-Fäden von Nietzsche über Benjamin und Arendt bis zum Räuberrad 43 reichen, lässt sich auch mit der Hermeneutik des Verdachts nicht ermitteln. Vielleicht soll man dazu (und generell zur Relation Arendt – Nietzsche) die KI befragen? Doch weder mit natürlicher noch mit künstlicher Intelligenz kommt man auf die eine richtige Antwort. Im Labyrinth der Künste geht es nicht um Problemlösungen, sondern um weiterführende Fragen und um artistische Imagination. Wer sich dorthin geflüchtet hat, kommt nicht wieder raus. Können sich Philosophen in dieses Labyrinth wagen und darin souverän navigieren? Verfügen sie über einen ›Ariadnefaden‹44?
Hannah Arendt hielt die Annahme für plausibel, dass der „Faden der Tradition gerissen sei und wir ihn nicht erneuern können“. 45 Wer weiß, vielleicht lassen sich die Fasern und Fetzen neu verweben – zu einem ›Patchwork der Widerstreite‹?
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Dr. Thomas Hertel (1960) hat sein Engagement für die Filmförderung zum 30. April dieses Jahres beendet und schwimmt nun in unbekannten Gewässern. Weiterhin gilt die Devise: „Sich irren und dennoch seinem Inneren weiter Glauben schenken müssen: – das ist der Mensch“ (Benn).
Siehe auch von ihm bei uns:
Ornament und Versprechen
Kreta: Verschwommen
Prag, Kafka, Kabbala und viel KI
Mit Jorge Luis Borges auf Mallorca
Filmkunst ist kein Pferderennen
Mann-O-Mann * Report aus Cannes
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Anmerkungen:
1 Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften, Bd. I/3, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974, S. 1241.
2 Vgl.: Straßenberger, Grit: Die Denkerin Hannah Arendt und ihr Jahrhundert, Verlag C.H. Beck, München 2026, S. 106. By the way: Eva Geulen hat sich (nach suggestiven Anmerkungen des Fragestellers) dazu hinreißen lassen, schwerwiegende Vorwürfe gegen Scholem und Adorno zu erheben: Sie sagte im Merkur-Gespräch mit Ekkehard Knörer und Christian Demand, „dass sie ihn in eine Existenznot gestürzt haben, die mittelbar mit dem Suizid an der spanischen Grenze auch zu tun hat“ – höre: https://youtu.be/TU5rQVYn8hw?t=731 (12:11 – 12:53).
3 Diese Figur kann quasi als (Alp-)Traumgestalt gesehen werden und öffnet Assoziationsräume, die durchaus verhängnisvolle Deutungen ermöglichen. Das hat Johann Konrad Eberlein am 20. Juli 1991 in der FAZ erläutert. Er zeigt nicht nur den Wandel bei Akzentuierungen an, die Benjamins Interpretationen des Klee-Bildes betreffen, sondern wagt sogar eine Spekulation zu Erlebnissen von Paul Klee, die in dessen Schaffensprozess eingeflossen sind:
„Klee zeichnete zwischen Januar und April 1920 einen redenden Mann mit aggressivem Gesichtsausdruck als aufsteigende Erscheinung, dessen messianischer Selbstanspruch durch das christologische Schema und den Titel ironisch verdeutlicht und so zurückgewiesen werden. Es ist nicht auszuschließen, daß er dazu durch das Auftreten Adolf Hitlers angeregt wurde. Hitler verkehrte in Schwabing, wo sein Stammlokal, die Osteria Bavaria, lag; er besuchte als Maler die Schwabinger Atelierfeste und zog jeden Abend redend durch die Kneipen.“
Und Eberlein konstatiert: „Die Figur des Bildes von Klee wird von Benjamin durchgängig als negativ, als bedrohlich bis hin zum Satanischen empfunden. Erst am Ende, 1940, ist das in der Beschreibung des Angelus Novus nur noch schwach zu spüren. Sein Pendant, der Engel der Geschichte, wird sogar zu einer Figur, deren Tun positiv bewertet werden kann.“
4 Vgl.: Straßenberger, Grit: Die Denkerin Hannah Arendt und ihr Jahrhundert, Verlag C.H. Beck, München 2026, S. 104 – 105.
5 Hannah Arendt hat sogar versucht, bei Heidegger Wertschätzung für Brecht zu erwirken. Siehe: Jäger, Lorenz: Heidegger. Ein Deutsches Leben, Rowohlt Berlin Verlag, 2021, S. 519 – 520. Also: Heidegger las ihr zuliebe Brecht.
6 Brecht, Bertolt, Arbeitsjournal 1938 – 1955; Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1977, S. 193. Vgl. auch hier. Jing Jing hat darauf hingewiesen, dass dieser chinesische Glücksgott Brecht „als ein neues Vorbild des Baals vorschwebte“ – siehe Jing Jing: Die Bedeutung Chinas für Bertolt Brecht, S. 142.
7 Dietrich Gerd: Kulturgeschichte der DDR, Band III 1977-1990, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, S. 2194-2195.
8 Nietzsche – nach 50 Jahren, in: Benn, Gottfried: Sämtliche Werke Band V, S. 198 – 199. / vgl. auch hier.
9 Bemerkenswert ist, dass unmittelbar darauf sein berühmter Hinweis auf die „Notbremse“ folgt: „Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des im Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“
10 Benjamin hatte wiederum auf die Namenlosen in der DreigroschenOper angespielt und seiner VII. These ›Über den Begriff der Geschichte‹ dieses Brecht-Zitat vorangestellt: „Bedenkt das Dunkel und die große Kälte / In dem Tale, das von Jammer schallt.“
11 Scheer, Regina: Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution, Penguin Verlag, München 2023.
12 Vgl. auch hier.
13 Scheer, Regina: Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution, Penguin Verlag, München 2023, S. 54-55.
14 Vgl. auch hier.
15 Scheer, Regina: Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution, Penguin Verlag, München 2023, S. 433 – vgl. auch hier.
16 Arendt, Hannah: Denktagebuch 1950 – 1973, Piper-Verlag, München / Berlin 2002, Band 1, S. 249. Die Annahme, dass Arendt zu dieser Metapher durch ein Heraklit-Fragment angeregt wurde, das sie aus Heideggers Hütte kannte, ist nicht abwegig: „In der kleinen Hütte soll als Türsturz in griechischen Lettern jener Spruch Heraklits gestanden haben, der auch Heideggers Philosophie auf den Punkt bringt: ›Alles steuert der Blitz‹. Einsicht in eine Sache zu gewinnen, ist vergleichbar und im Grunde so jäh und geheimnisvoll wie das Auftauchen des Blitzes. Das hat schon Nietzsche entdeckt, indem er meinte, eigentlich müsste man ›Es denkt‹ statt ›Ich denke‹ sagen, denn die Gedanken kommen, wenn sie wollen.“ – vgl.: DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe 26./27. 5. 2001, https://www.derstandard.at/story/592809/alles-steuert-der-blitz . Siehe auch Gadamers Aussage hier auf YouTube.
18 Bluhm, Harald / Straßenberger, Grit: Einleitung: Hannah Arendts Aneignungen von Nietzsches Philosophieren: Denkanstöße und Kritik. ZPTh – Zeitschrift für Politische Theorie, 16(1), S. 4 / siehe.: https://doi.org/10.3224/zpth.v16i1.01
19 Siehe: Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben Werk und Zeit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 43.
20 Meyer, Thomas: Hannah Arendt. Die Biografie, Piper Verlag, München 2023, S. 36.
21 Die Syphilis-Erkrankung des Vaters von Georges Bataille war für diesen ebenfalls ein einschneidendes Erlebnis.
22 Vgl. auch Gottfried Benns Ausführungen in seinem Vortrag „Nietzsche nach 50 Jahren (1950); in: Gesammelte Werke, Band V, S. 198 – 208 (insbesondere 202 – 203). Benn gelangt übrigens zu der Einsicht, dass die „angeblich luetische Erkrankung“ – bzw. „das Problem dieses Leidens für Nietzsches Erscheinung nicht wesentlich“ gewesen ist. Inzwischen wird angenommen, dass Nietzsche unter einem Gehirntumor litt – vgl auch hier.
23 Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben Werk und Zeit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 64 – 65. Das Stichwort „Klavier“ verführt zu weiteren Spekulationen: Womöglich stand das Buch von Paul Deussen: „Erinnerungen an Friedrich Nietzsche“ (erschienen 1901) sogar in der elterlichen Hausbibliothek. In diesem Buch findet sich „auch die Schilderung von Nietzsches unfreiwilligen Abstecher in ein Bordell in Köln. Nietzsche, damals Student in Bonn, bat seinen Fremdenführer, ihm ein Restaurant zu zeigen. Der aber führte ihn jedoch in ein verruchtes Etablissement. Nietzsche will die Peinlichkeit überspielt haben, in dem er sich ans Klavier setzte, kurz improvisierte und dann das Weite suchte. So zumindest berichtet es Paul Deussen in seinem Nietzsche-Buch. Und so kann man es fast wortgetreu in Thomas Manns Roman ›Doktor Faustus‹ (1947) lesen.“ – vgl. den Beitrag von Kai Agthe in Das Blättchen, 15. Jahrgang | Sonderausgabe | 22. Oktober 2012 – siehe auch hier.
24 Zitiert nach Grit Straßenberger, S. 28.
25 Blum, Harald / Straßenberger, Grit: Einleitung: Hannah Arendts Aneignungen von Nietzsches Philosophieren: Denkanstöße und Kritik. ZPTh – Zeitschrift für Politische Theorie, 16(1), S. 4 – 5 / siehe hier.
26 Vgl. Harald Bluhm / Grit Straßenberger: Hannah Arendts Aneignungen von Nietzsches Philosophieren, S. 9, siehe hier. Fragwürdig erscheinen ebenfalls Arendts Auffassungen über den ›Mob‹, obwohl ihre Betrachtungen zum Verhältnis von ›Elite und Mob‹ durchaus nicht unbegründet sind – vgl hier.
27 Arendt, Hannah: Denktagebuch 1950 – 1973, Piper-Verlag, München / Berlin 2002, Band 1, S. 231 – 232.
28 Warum Nebenlinien? Nicht weil sie (über Umwege) zu Nietzsche oder Arendt führen, vielmehr könnten damit (längst verschüttete) Energiepotentiale sichtbar werden, die Denkbewegungen (Annäherungen und Distanzierungen) ermöglicht hatten.
29 Eigentlich wäre sogar Karl Anders in den Nebenlinien-Kontext aufzunehmen. Arendts kurzzeitiger Ehemann, der Benjamin-Großcousin Günther Siegmund Stern (später bekannt unter dem Namen Günther Anders) ist wiederum noch eine andere Person. Beziehungen zwischen Karl Anders (eigentlich Kurt Wilhelm Naumann) und dem Umfeld von Gordon-Walcher oder Schwalbach sind nicht auszuschließen. Karl Anders ist unter die Namenlosen gefallen. Zum Glück gibt es neuerdings eine Wiederentdeckung und Würdigung – siehe hier.
30 Batailles Nietzsche-Lesarten sind erstaunlich (siehe: Bataille, Georges: Nietzsche und der Wille zur Chance. Atheologische Summe III, Matthes & Seitz Berlin, 2005). Er hat zudem das Böse dezidiert erkundet (vgl.: Bataille, Georges: Die Literatur und das Böse, Matthes & Seitz Berlin, 2011. Die Verhandlung, die Goedart Palm in seiner Rezension führt, schießt womöglich über das Ziel hinaus). Dennoch wird darin deutlich, dass es Affinitäten und Differenzen zwischen Arendt und Bataille gibt.
31 Das heißt, Bataille interessierte sich für das Ausgeschlossene, das Heterogene, das Kriminelle usw. – also für den „verfemten Teil“, der in einer gesellschaftlichen Homogenität negativ bestimmt ist und tendenziell eliminiert (zumindest kontrolliert und neutralisiert) werden soll. Batailles ›Heterologie‹ kann als produktive Folie die Grenzen des Pluralitätsbegriffs von Arendt kenntlich machen. Schlechterdings verbinden sich mit Heterogenität seit der Moderne zunehmend extreme Kontroversen.
32 „Walter Benjamin war ein großer Sammler von Fragmenten aller Art, von Bildern, Metaphern, Stadtansichten, Zitaten und Gedanken, die er auf eigenwillige Weise zusammenfügte.“ – siehe: Straßenberger, Grit: Die Denkerin Hannah Arendt und ihr Jahrhundert, Verlag C.H. Beck, München 2026, S. 100. Hannah Arendt verwies in ihren 1968 publizierten Essay über Benjamin darauf, dass dieser ›Perlentaucher‹ stolz war, wenn ‹das Geschriebene fast ausschließlich aus Zitaten besteht› und würdigte ‹die tollste Mosaiktechnik, die man sich denken kann›. (zitiert nach Straßenberger, S. 101). Vgl. auch hier.
33 Vgl. auch hier.
Den Unterschied zwischen Wittgensteins Fadengeflecht und einem faschistischen Bündel kann man darin erblicken, dass der Zusammenhalt der Fasern dadurch entsteht, dass sie verschieden sind und sich vielfach kreuzen. Demgegenüber hält ein faschistisches Bündel zusammen, weil dessen Stäbe äußerlich fest verschnürt und einer gemeinsamen Macht unterworfen sind. Wittgensteins Metapher läuft auf flexible Netzwerke und Vielfalt hinaus; dagegen kommt den Fasces eine Hierarchie der erzwungenen Einheit zu.
34 Auch Carlo Schmid, der mit Hannah Arendt 1965 das Radiogespräch ›Das Recht auf Revolution‹ führte, setzte im Rückblick auf seine Nietzsche-Lektüre die Blitz-Metapher ein: „Doch es war so schön, das eigene Denken von diesen Gedankenblitzen anleuchten zu lassen!“ (siehe: Schmid, Carlo: ERINNERUNGEN, Scherz Verlag, Bern München Wien 1979, S. 31).
35 Straßenberger, Grit: Die Denkerin Hannah Arendt und ihr Jahrhundert, Verlag C.H. Beck, München 2026, S. 107.
36 Siehe auch hier.
37 Arendt, Hannah: Denktagebuch 1950 – 1973, Piper-Verlag, München / Berlin 2002, Band 2, S. 728 – 729.
Kannte sie die Zuschreibung im Hinblick auf poetische Sprache von Heidegger? Er behauptet, dass die folgende Aussage von Goethe stammt: „Es gibt noch andere Verhältnisse als die gewöhnlichen. Goethe nennt diese anderen Verhältnisse: die tieferen. Und er sagt von der Sprache: Im gemeinen Leben kommen wir mit der Sprache notdürftig aus, weil wir nur oberflächliche Verhältnisse bezeichnen. Sobald von tieferen Verhältnissen die Rede ist, tritt sogleich eine andere Sprache ein – die poetische“ (vgl auch hier.)
38 Siehe hier.
39 Blum, Harald / Straßenberger, Grit: Einleitung: Hannah Arendts Aneignungen von Nietzsches Philosophieren: Denkanstöße und Kritik. ZPTh – Zeitschrift für Politische Theorie, 16(1), S. 14 – 15 / siehe hier.
40 NIETZSCHE – NACH 50 JAHREN, in: Benn, Gottfried: Sämtliche Werke Band V, S. 199.
41 Siehe: Jäger, Lorenz: Walter Benjamin Das Leben eines Unvollendeten, Rowohlt Berlin 2017, S. 193-194.
42 Hören Sie hier (ab Minute 45:12).
43 Siehe hier.
44 Vgl.: Foucault, Michel: Der Ariadnefaden ist gerissen, in: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Reclam Leipzig 1991, S. 406 – 410.
„Machen wir uns frei, um denken und lieben zu können, was sich im Universum seit Nietzsche mit Donnerrollen ankündigt: unbändige Differenzen und ursprungslose Wiederholungen, die unseren alten erloschenen Vulkan erschüttern […]. Endlich ist es möglich, die Differenzen des Heute zu denken, das heute als Differenz der Differenzen zu denken“ (S. 410).
45 Siehe zu Arendts Wissenschaftsverständnis: Morgenstern, Katrin: EINER WIRD IMMER BLEIBEN, UM DIE GESCHICHTE ZU ERZÄHLEN. DIE NARRATIVE VERFASSTHEIT VON HANNAH ARENDTS POLITISCHER PHILOSOPHIE. Regensburg 2018, S. 93 / PDF hier.


















