
Irren, Verirren, Verspiegeln
Welche Reiselektüre kommt mit in den Koffer? Diese Frage ließ sich vor dem Abflug nach Mallorca schnell beantworten. Vor gut einhundert Jahren verbrachte Jorge Luis Borges glückliche Tage auf der Baleareninsel. Also war es naheliegend, die vier Bände, die 1987 im Verlag Volk und Welt erschienen sind, aus dem Regal zu greifen und mitzunehmen.
Bei einer Last-Minute-Buchung kann nur kurzfristig entschieden werden, welches Gepäck man mitnimmt. Die Anreise war wahrlich strapaziös: Bahnverspätung, langes Warten, Kleinkind-Emesis im Flugzeug (direkt in der Sitzreihe vor uns), Ärger, weil der Koffer nicht anrollte. Transfer bei Starkregen zum Hotel. Immerhin lachte am nächsten Morgen die Sonne. Und am Vormittag wurde auch der Koffer nachgeliefert. Doch: Oh Schreck, die Borges-Bücher sind weg!
Wäre es im Zug nicht so voll gewesen, hätten wir sie noch ins Handgepäck umgepackt. Auf dem Flughafen wurde der Koffer unverzüglich aufgegeben und als beim Warten Langeweile aufkam, war es zu spät. Nun stellte sich heraus, dass die Borges-Lektüre gänzlich unmöglich ist, weil die Bücher gestohlen wurden. Oder hat sie der Zoll konfisziert? Ein trivialer Diebstahl ist kein großes Verbrechen. Flughafen-Servicekräfte entwenden doch keine Bücher? Doch der Verdacht ließ sich nicht entkräften. Ja, wir fanden solch einen Bücher-Diebstahl sogar erfreulich, denn das wäre ein Indiz für Wertschätzung von Literatur. Ganz ohne Lesestoff wären die Ferien vertane Zeit. Daher wurden zunächst weitere Informationen über den Aufenthalt des Autors auf der Insel recherchiert. Jorge Francisco Isidoro Luis Borges Acevedo kam erstmals im März 1919 nach Mallorca. Dort schrieb er seine ersten Gedichte. In einer lokalen Tageszeitung erschienen 1926 beispielsweise diese poetischen Zeilen von Borges:
„Mallorca ist ein Ort wie das Glück selbst,
geschaffen um glücklich zu sein,
geschaffen für ein glückliches Szenarium,
und ich, gleich zahlreicher Insulaner und Fremder,
habe fast nimmer die Dimension des Glücks so gefühlt,
das einer in sich tragen muss, um sich als würdiger Zuschauer
(ohne peinliche Berührung) von so einmaliger Schönheit zu erweisen.
Zweimal habe ich auf Mallorca gelebt, und meine Erinnerungen sind rein und gelassen:
lebhafte Gespräche mit meinen Freunden,
ein früh morgendlicher Fußmarsch von Valldemosa nach Palma,
ein rosiges Mädchen mit goldenem Teint, in das ich vielleicht verliebt war,
es ihr jedoch nie gestand,
einige lange Tage, an denen ich mich beim Zählen der Strände versuchte.
Nun halte ich beim Schreiben inne und gebe mich einfach der Erinnerung hin”.
Man erfährt auch, dass Borges sich damals mit Jacobo Sureda (1901–1935) angefreundet hat und der Literaturbewegung des Ultraismus angehörte, die ästhetische Innovation anstrebte. Er fand über Sureda Zugang zum Familiengut Ca’n Sureda in Valldemossa. In dieser steinernen Enklave konnte Borges u.a. Vergil lesen und Gedichte schreiben. Im Dialog mit seinem Freund erblühte eine Mischung aus Nostalgie, bissigem Humor und der Überzeugung, dass Literatur vor allem ein Abenteuer sein sollte. Schon im Dezember 1919 konnte Borges sein erstes Gedicht, „Hymne an das Meer“, in der Zeitschrift Grecia, veröffentlichen. In der Zeitschrift Baleares erschien später das Gedicht „Die Kathedrale“. Es geht darin um die aus Mares-Sandstein erbaute Kathedrale von Palma, die Borges sich als „ein steinernes Flugzeug vorstellte, das darum kämpft, seine tausend Anker zu sprengen“.

Auf Mallorca lernte der junge Argentinier das Schreiben und das Auslöschen; er begeisterte sich für Kunst und zerstörte auch Seifenblasen der Phantasie. Als Schüler von Rafael Cansinos-Assens wurde Borges kreativ und erprobte zugleich, sein eigener Zensor zu sein.

Im Alter von 84 Jahren besuchte Borges 1983 nochmals die Baleareninsel und schöpfte Wasser.
In der Dämmerung wird klar, dass literarische Träume, wie Ozeane unerschöpflich sind: Es gibt immer neue Wellen, immer einen weiteren Anfang, einen überraschenden Strudel, aus dem geistige Bewegungen hervorgehen.
Vermutlich kannte Borges damals schon Umberto Ecos Nachschrift zum „Namen der Rose“, die ebenfalls im Jahr 1983 erschienen ist. Darin erläuterte Eco: „Alle fragen mich immer, warum mein Jorge in seinem Namen an Borges erinnert und warum denn Borges so böse ist. Ich wollte einen Blinden als Hüter der Bibliothek (das hielt ich für eine gute erzählerische Idee), und Bibliothek plus Blinder ergibt eben zwangsläufig Borges, […]“.1
Wenn die Borges-Texte verschwunden sind, wäre es ja gewiss eine Idee ersatzweise den Eco-Roman zu lesen. Aber auch Der Name der Rose war freilich als Buchausgabe in Can Picafurt nicht verfügbar. Doch das WLAN vom Hotel ermöglichte es immerhin, dem Hörspiel von Richard Hey aus dem Jahr 1986 zu lauschen. So kam es zum Wechsel von Borges zu Eco; die Lektüre wurde durch das Zuhören ersetzt und die Figur des Jorge zog die Reflexionen in ein verspiegeltes Labyrinth.

Hohe Wellen verhinderten das Schwimmen im Mittelmeer. Aber in einem hoteleigenen 25-Meter-Becken konnte man gut und gern zwei bis drei Tausend Meter zurücklegen (ohne zu frieren). Das dauerte täglich ungefähr ein Stündchen. Die Polar-Uhr maß die Zeit und registrierte zugleich die zurückgelegten Kilometer. Der Kopf war frei und also beschäftigten die Jorge-Namensvettern beim Schwimmen die grauen Zellen.

Zunächst drängten sich Erwägungen vor, die eine gerechte Bewertung betrafen. Natürlich lädt die Figur des Jorge von Burgos in Umberto Ecos Roman Der Name der Rose mörderische Schuld auf sich. Aber ist dieser blinde Greis wirklich ein Mörder? Da Literatur (nicht nur bei Eco) durch Mehrdeutigkeit und semantische Raffinessen ihre spezifische Qualität gewinnt, sollten wohl Zweifel und alternative Lesarten legitim sein. Weltliche und geistliche Vorstellungen von Recht und Ordnung aus dem Jahr 1327 weichen selbstverständlich stark vom Rechtsempfinden in der Spätmoderne ab. Zur Verteidigung des Schuldigen lässt sich mancherlei vorbringen. Im Finale wird der Abt von Jorge – mehr oder weniger – aus Notwehr in die Todeskammer gesperrt. Der Mord an Severin von St. Emmeram wird nicht von ihm begangen, sondern von dem Bibliothekar Malachias von Hildesheim. Auch der Brand der Bibliothek (und übergreifend des Klosters) entsteht durch Affekthandlungen – man kann sogar Adson von Melk vorwerfen, dass er mit der Lampe unvorsichtig war.
Jorge von Burgos ist kein Brandstifter, aber er hatte erwiesenermaßen todbringende Vorkehrungen getroffen, um das Seelenheil seiner Mitbrüder zu sichern. Die Seelen sollten nicht durch Irrglauben oder Ketzerei der ewigen Verdammnis anheimfallen. Der Leib der Getöteten war nachrangig. Außerdem haben alle Opfer strenge Verbote übertreten und sich somit selbst in Lebensgefahr gebracht. Im Postskriptum zum Namen der Rose wird vom Autor die offene und polyseme Struktur seines Romans hervorgehoben. Das heißt auch, die Interpretation ist quasi unabschließbar und hängt von den Lesenden und Weiterdenkenden ab. Eco bringt sogar den Gedanken ins Spiel, dass „der Mörder der Leser ist“2.
Jedenfalls sind viele alternative Lesarten möglich; Zeichen und Wahrheiten können nie eindeutig sein. Demnach kann Jorge von Burgos nicht einfach als Mörder abgestempelt werden. Er erscheint als ein fanatischer Hüter der theozentrischen Ordnung und handelt nicht aus persönlicher Bosheit, sondern aus dem Glauben heraus. Seine Intention, Seelen vor ewiger Verdammnis zu erretten, ist fragwürdig, aber durchaus moralisch begründet. Jorges Haltung war im 14. Jahrhundert theologisch kohärent und keineswegs ‚mörderisch‘ im modernen Sinn. Seine Abneigung gegen Gelächter entsprach der Abwehr von Häresie. Insofern kann er felsenfest behaupten: „Ich habe niemanden ermordet. Alle sind gemäß ihrem Schicksal, aufgrund ihrer Sünde gestorben. Ich bin nur ein Werkzeug gewesen. Es war meine Pflicht, die Bibliothek zu beschützen“ (In der Hörbuchfassung 1:17:40 bis 1:17:53).
Jorge redet sich außerdem ein, dass die (aristotelische) Philosophie der Religion schadet:
„Jedes Werk des Aristoteles hat einen Teil der Weisheit zerstört, die in Jahrhunderten der Christenheit aufgehäuft worden ist“ (Hörbuchfassung 1:18:10 bis 1:27:10).
Im antiken Hellas gab es noch keine christlich-spirituellen Erleuchtungen. Jorge ärgert sich über die griechische Philosophie und insbesondere über das wiederentdeckte aristotelische Werk. Er ahnte, dass die vor greller Helle schützende himmlische Wolkendecke abzieht. Als Folge waren für ihn Verblendung und Hybris absehbar. Der Epochenbegriff ›Enlightenment‹ hatte erst im 20. Jahrhundert Konjunktur und ergänzte den Ausdruck ›Aufklärung‹, der um 1770 aufkam. Das Licht, das damit auf Gott und die Welt geworfen wurde, erhellte einerseits und überschattete andererseits. Jorge war also auch prophetisch. Wenn man bei großen Sprachmodellen im Internet nachfragt bekommt man folgende Auskunft:
„Eco betont […] explizit, dass er den Roman nicht geschrieben hat, um eine einzige Wahrheit oder Moral zu vermitteln, sondern als ›Maschine zur Erzeugung von Interpretationen‹ (eine Formulierung, die er mehrmals verwendet). […] Jorge entstand zunächst als Hommage an Jorge Luis Borges (blinder Bibliothekar, Labyrinth-Metapher) – Eco wollte ‚einen blinden Mann, der eine Bibliothek bewacht‘. Erst im Schreibprozess ‚übernahm‘ die Figur die Rolle des Antagonisten. […]
Jorge handelt aus innerer Logik (seiner fanatischen Verteidigung der absoluten Wahrheit und der Verhinderung des Lachens als ‚teuflischer‘ Störung der Ordnung), nicht aus simpler Bosheit. Eco betont, dass Jorge ‚ein diabolisches Ding tat, weil er seine Wahrheit so zügellos liebte, dass er alles wagte, um die Lüge zu ‚zerstören‘. […] Eco macht klar, dass der Detektivroman nur ein Gerüst ist – ‚sehr wenig wird entdeckt‘, und der Detektiv wird besiegt. William von Baskerville scheitert letztlich: Es gibt keine lineare Aufklärung, sondern nur eine Kette von Zufällen, Fehlinterpretationen und theologischen Konflikten. Der Brand entsteht durch eine Kette von Affekten und Unvorsichtigkeiten (nicht planmäßig von Jorge inszeniert), und die ‚Lösung‘ ist ironisch unvollständig. […]
Eco reflektiert die mittelalterliche Weltsicht (Theozentrismus, Seelenheil vor Leib, Häresie als schlimmstes Übel) und kontrastiert sie mit moderner Rationalität. Er verteidigt nicht Jorge, zeigt aber, dass dessen Handeln im Kontext von 1327 theologisch kohärent ist […]. Eco erklärt ausführlich, warum er ›Der Name der Rose‹ wählte: Die Rose ist ein Symbol mit so vielen Bedeutungen (Liebe, Maria, Vergänglichkeit usw.), dass sie ‚kaum noch eine Bedeutung hat‘. Das lateinische Schlusszitat ‚stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus‘ (‚die ursprüngliche Rose bleibt nur im Namen; nackte Namen besitzen wir‘) unterstreicht: Alles, was wir haben, sind Zeichen und Namen – keine feste Wahrheit. Das ist der Kern der semiotischen Skepsis, die den gesamten Roman durchzieht und Zweifel an jeder ‚eindeutigen‘ Schuld (auch an Jorge) legitim macht. […] Eco insistiert darauf, dass der Roman keine moralische Abrechnung mit Jorge liefert, sondern ein Spiel mit Zeichen, Interpretationen und historischen Weltsichten ist. Jorge ist kein simpler Schurke, sondern eine tragische, fanatische Figur, deren Logik im Mittelalter plausibel war.“
Man möchte sagen, dass Jorge von Burgos als ein hochrangiger Aristokrat (im Sinne von Nicolás Gómez Dávila) angesehen werden kann: „Der höchste Aristokrat ist nicht der Feudalherr in seinem Schloss, sondern der kontemplative Mönch in seiner Zelle.“
Freilich hat die KI ihre Einschätzung zu Jorge nicht aus der Pistole geschossen. Anfangs prüfte das Sprachmodell den Fall mit Bezug auf Paragraph 211 StGB (Tatbestand: Mord) und befand, dass er strafrechtlich voll verantwortlich ist. „Ein Gericht würde ihn kaum anders als einen Serienmörder beurteilen – nur mit bibliophilem Tatwerkzeug.“ Erst nach mehreren Nachfragen und Hinweisen wurde angemessen berücksichtigt, dass es sich um eine literarische Figur und ein fiktives Geschehen handelt. Man sollte also stets skeptisch bleiben. Kritische Nachfragen werden auch dann unverzichtbar sein, wenn solche Tools irgendwann beim Entscheidungsfindungsprozess der Filmförderung eingesetzt werden.
Nicht nur während des Schwimmens, sondern beispielsweise auch beim Wandern von Can Picafurt nach Son Serra de Marina gingen Gedanken durch den Kopf und kamen Ideen auf, die durch Literatur angestiftet waren.

Die so genannte ›Maschine zur Erzeugung von Interpretationen‹ fungierte quasi als ein Reaktor für humane Devianz. Der Mensch weicht von anderen Tieren nicht unbedingt durch Gehirngröße oder kluges Verhalten ab, sondern durch Tag-Träumerei und Selbstgespräche beziehungsweise durch die ausufernde Binnenkommunikation.3 Wir verlieren uns in sprachlichen Irrgärten, lassen im Cortex zehn Millionen Nervenzellen mit internen Signalen spielen während nur ein einziges Neuron auf Reize von außen reagiert. Dieses Neunzig-zu-Zehn-Verhältnis der humanen Hirnaktivität stellt gegenüber Tieren eine extreme Umkehrung dar, denn diese haben vorrangig (zu neunzig Prozent) damit zu tun, auf (Alarm-)Signale aus der Umgebung zu achten. Vielleicht gleichen die menschlichen Assoziationsexzesse den musikalischen Inversionen, bei denen ein spiegelndes Vertauschen der Tonhöhenbewegungsrichtung stattfindet? Aber Vergleiche hinken. Und man täuscht sich oft.
Verirrt haben wir uns bei der Wanderung nicht, aber es gab Abkürzungen, die sich als Umwege erwiesen. Viel loser Sand wurde unnötig betreten. Dafür war es den Augen vergönnt, sich an imposanten Sandsteinformationen zu weiden.

Dabei schweiften die Gedanken zum Mares-Sandstein der Kathedrale hinüber und weiter zum steinernen Drachen, der die chinesische gelbe Gefahr symbolisieren kann. Felix Wemheuer hat in seinem Artikel über autoritäre Marktwirtschaft und sozialistische Reformprojekte darauf aufmerksam gemacht, dass man in der Volksrepublik China „versuche, aus »losem Sand Stein zu formen«, sprich alle gesellschaftlichen Gruppen in das Projekt einzubinden“. Er konstatiert eine „autoritäre Zuspitzung unter Xi“ und ist der Meinung, dass es „auf den Gebieten Geisteswissenschaft, Campus-Leben, Zugang zu Archiven, intellektuellen Diskussionen, Kultur, Filmproduktionen, Reisefreiheit, Traditionen ethnischer Minderheiten oder Ausleben diverser geschlechtlicher Identitäten heute eine wesentlich stärkere Gängelung durch Parteikomitees und Behörden [gibt] als in der Hu-Jintao-Ära (2002-2012). Vieles, was 2012 noch möglich war, ist heute undenkbar“.4
Aber auch vieles was heute unwahrscheinlich ist, könnte sich wiederholen.
Beim Wandern erblickten wir nicht nur Möwen und Seidenreiher und Girlitze, sondern auch Spatzen. Das war Anlass für diese Internet-Anfrage: Ist es zutreffend, dass es in China eine Spatzenplage gab? Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Krach zu machen; der permanente Lärm sollte den Vögeln keine Verschnaufpause gönnen, bis sie tot vom Himmel fielen. Stimmt diese Legende?
Nicht nur ChatGPT, sondern auch das LLM aus China hat bestätigt, dass da was dran ist. Hier die Antwort von DeepSeek R1:
„Ja, diese Legende ist im Kern zutreffend und bezieht sich auf die historische ‚Vier-Schädlinge-Kampagne‘ (1958–1962) unter Mao Zedong im Rahmen des ‚Großen Sprungs nach vorn‘. Spatzen wurden damals als Schädlinge eingestuft, weil sie angeblich Getreideernten vernichteten. Die Bevölkerung wurde tatsächlich aufgefordert, durch Lärm (z. B. Töpfe schlagen, Schreie) die Vögel am Landen und Ausruhen zu hindern, bis sie vor Erschöpfung starben. Allerdings hatte diese Maßnahme verheerende ökologische Folgen: Da Spatzen auch Insekten fraßen, führte ihr massenhaftes Sterben zu einer Explosion der Insektenpopulation, die anschließend die Ernten noch stärker schädigte. Dies trug zur großen Hungersnot bei. Später wurde die Kampagne angepasst, und Spatzen wurden durch Wanzen als ‚vierter Schädling‘ ersetzt. Die Geschichte ist also keine reine Legende, sondern ein reales Ereignis mit tragischen Konsequenzen.“.
Irgendwie ist das Smiley-Ikon, das Deepseek zum Abschluss gesetzt hat, irritierend.
Was wird die Zukunft? Im Jahr 2027 soll der neue Film von David Wnendt ins Kino kommen. Dieser Science-Fiction-Film basiert auf dem Roman Athos 2643 von Nils Westerboer. Zum Cast gehören u.a. Maximilian Mundt, Emma Nova, Christian Friedel, Ulrich Matthes und Iris Berben. Über den 2022 erschienenen Roman berichtete Stefan Mesch auf Deutschlandradio Kultur:
„Der Name der Rose (1980) erzählt eine Sherlock-Holmes-Figur als Mönch: William von Baskerville klärt mit dem Novizen Adson (Watson!) Todesfälle in einem Kloster auf. Der Plot von Athos 2643 wirkt zunächst wie die Pastiche dieser Pastiche: Para-Rüd Kartheiser (allein der Name!) reist in die Bosporusregion des Neptuns und führt ein Streitgespräch mit der beleidigten KI des Geschirrspülers einer türkischen Bar. Dann bezieht Rüd eine Mönchszelle auf dem griechisch geprägten Minimond Athos, um einer Lebenserhaltungs-KI riskante Fragen zu stellen: Hätte die KI den Tod eines Mönchs verhindern können? Erzählt wird der poetische, flirrende Roman von Zack: ein KI-Hologramm, das Rüd dienen soll und mit dem Rüd am liebsten spricht, wenn Zack als verliebte junge Frau in knappen Kleidchen auftritt. Grusel, Zauber, Ironie und Erzählfreude des Buchs wachsen aus den großen philosophischen Fragen. […] Ein Buch, in dem jeder zweite Satz faszinierend irritiert.“
Ob es in der Verfilmung wirklich faszinierende (und irritierende) Bilder geben wird, bleibt abzuwarten. Ich habe mich ja schon vor zwei Jahren mit Cioran infiziert und hege da meine Zweifel:
„Jeden Tag benötige ich meine Portion Zweifel. Ich ernähre mich wortwörtlich davon. Nie war ein Skeptiker so organisch. […] Geben Sie mir Zweifel und noch mehr Zweifel! Sie sind besser als meine Nahrung, sie sind meine Droge. Ich kann nicht ohne sie auskommen. Ich bin lebenslang süchtig. Wenn ich also einen entdecke, egal welchen, stürze ich mich darauf, verschlinge ihn, verleibe ihn meinem Wesen ein. Denn meine Fähigkeit, Zweifel zu assimilieren, ist grenzenlos. Ich verdaue sie alle, sie sind mein Lebensunterhalt und -sinn. Ich kann mir mich ohne Zweifel nicht vorstellen. Geben Sie mir Zweifel, immer und fortwährend Zweifel“.5
Natürlich muss man auch anzweifeln, ob das so stimmt.
Zweifellos hat die kulturelle Evolution schon vor vielen tausenden Jahren eingesetzt. Grabstätten zeugen von ihrer Geburt. Der französische Kulturanthropologe René Girard postulierte: „There is no culture without a tomb and no tomb without a culture.“ Vermutlich hat also unsere Kultur damit begonnen, dass verstorbene Menschen von den Überlebenden bestattet wurden. Die Nekropole von Son Rea befinden sich an der kleinen Landzunge Punta des Fenicis („Spitze der Phönizier“).

Die Gräber sind leer. Das deutet nicht auf Auferstehung hin – aber man fragt, wer darin verweste. Ermordete? Mörder? Unfallopfer? Oder jene, die durch Krankheiten dahingerafft wurden.
Am Ostersonntag vor ungefähr 1.996 Jahren soll Jesus in Jerusalem aus seinem Grab auferstanden sein. Ob es solche Erweckung von den Toten gibt, ist Glaubenssache. Ein moralisches Problem ist jedoch mit der Frage verbunden, ob die vielen Leichen, die heutzutage anfallen, angemessen bestattet werden. Das betrifft insbesondere die zahllosen Kriegsopfer im Iran, im Gaza-Streifen, im Libanon, in der Ukraine, im Sudan, in Äthiopien, Burkina Faso, Nigeria, im Kongo, in Afghanistan und anderen Ländern. Endet menschliche Kultur, wenn keine würdevollen Bestattungen mehr möglich sind? Dass zusammengerottete Menschen in der Lage sind, kriegstüchtig zu werden, muss nicht bezweifelt werden. Aber im Hinblick auf die Friedfertigkeit von Menschen wachsen die Zweifel.
Angeblich haben keine anderen Lebewesen ein Bewusstsein davon, dass ihnen der Tod bevorsteht.
Gedanken, die Heideggers „Sein zum Tode“ betrafen, verwehte rasch der starke Wind, der von einem Tiefdruckgebiet herrührte, das die Meteorologen „Dana“ getauft haben.
Nach den letzten dreitausend Metern im Schwimmbecken konnte ich mich vor der Abreise nochmal im Wellness-Bereich aufwärmen. An der Glasscheibe der Sauna-Tür befanden sich (wenn ich mich nicht verzählt habe) Spuren von 71 Wassertropfen. Die Rückreise dauerte lange. Das Flugzeug hatte zwei Stunden Verspätung. Um die Wartezeit totzuschlagen, habe ich (mit Reminiszenzen an die Wasser-Hymne von Borges) versucht, für jeden angetrockneten Wasserfleck einen Namen bzw. eine Benennung zu finden. Hier die 71 zusammengeklaubten Worte:

Vor dem Vernunftschlaf und den Terror-Revolten
wehten Mythologien und Kosmogonien;
bevor man die Zeit in Tage teilte,
war das Meer, das unerschöpfliche, schon da.
Was ist Meer? Wer gleicht dem gewaltigen,
uraltem Wesen, das an irdischer Architektur nagt
und für Mehrfach-Meere steht,
für Abgrund und Pracht, für Zufall und Wind?
Jeder Meeresblick eine Premiere.
Elementare Mächte erwecken Erstaunen.
Schönheit von Mond und Feuer konkurriert
mit dem Meer und erweckt permanent Fragen.
Meistens bleiben alle Fragen offen. Zum guten Schluss hier jedoch zumindest eine eindeutige Antwort: Gab es bei dem spontanen Mallorca-Ausflug wirklich einen Bücher-Diebstahl?
Nach der Rückkehr, beim Eintreten in die gute Stube war der Fall gelöst: die Borges-Bände sind nicht gestohlen, gingen nicht verloren, sondern wurden schlicht vergessen.
Anmerkungen:
1 Eco, Umberto: Nachschrift zum ›Namen der Rose‹, Carl Hanser Verlag, München / Wien 1987, S. 36.
2 Eco, Umberto: Nachschrift zum ›Namen der Rose‹, a.a.O., S. 90.
3 In seinem Buch MENSCH UND WELT hat Wolfgang Welsch das ›Humanproprium‹ kompakt dargestellt: „Die Bahnen innerer Kommunikation überwiegen […] gegenüber denen äußerer Kommunikation in dem gigantischen Verhältnis von 107 zu 1. Auf eine einzige Außenverbindung kommen 107 (also 10 Millionen) Innenverbindungen! Unser Gehirn ist ganz überwiegend ein Apparat zur Selbstbezugnahme. Wir Menschen sind Innenkommunikations-Experten, sind Reflexions-Weltmeister. Darin liegt die große Besonderheit des menschlichen Gehirns.“ (Welsch, Wolfgang: Mensch und Welt. Philosophie in der evolutionären Perspektive, Verlag C.H, Beck, München 2012, S. 94).
4 Wemheuer, Felix: Großer Sprung in den Kapitalismus? In Neues Deutschland vom 13.03.2026.
5 Cioran, Emil M.: Cahiers 1957 – 1972, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001, S. 96
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Dr. Thomas Hertel, 1960 in Quedlinburg geboren; aufgewachsen in Magdeburg; belangloser Entwicklungsgang, belangloses Dasein als Kultur-Nomade; Wohnorte waren Magdeburg, Berlin, Leipzig und Stralsund; kein Spezialist, sondern stets offen für Paradigmenwechsel; vielleicht manchmal ein Opportunist; weder Optimist noch Pessimist; aufgeschlossen für Zufälle und allerlei Kapricen. Mit CulturMag-Co-Herausgeber Alf Mayer hatte er 2005 – 2007 manch muntere Diskussion, wenn der sich bei FBW in Wiesbaden als Direktor in den Diskurs über Filme einmischte.
Siehe auch von ihm bei uns:
Mann-O-Mann * Report aus Cannes
Filmkunst ist kein Pferderennen












