
Bekanntlich bleiben offene Fragen, wenn der Vorhang fällt. Die Permanenz der Krisen ist evolutionär. Nicht alles geht, aber selbst nach Feierabend setzt sich vieles fort. Verschärfte (antagonistische) Widersprüche sind keine Seltenheit; oft werden die Widerstreite (im Sinne von Lyotard) verkannt. Wahrscheinlich überschatten die aktuellen Berlinale-Kontroversen auch nachfolgende Diskurse?
Das Jahresthema beim Lichter Filmfest Frankfurt International lautet schlicht und einfach Kunst. (Das Zitat: „Kunst ist nicht Luxus, sondern Notwendigkeit“ von Lyonel Feininger wird als Denkanstoß mit auf den Weg gegeben.) In diesem Rahmen findet der 6. Kongress Zukunft Deutscher Film statt. Unter dem Motto „Film. Kunst. Jetzt.“ sollen dort drängende Fragen von Film, Kino und Gesellschaft debattiert werden. Auf vorhergehenden Kongressen hat man ausführlich verschiedene Probleme diskutiert, die das Fördersystem betreffen. Es ging u.a. um unzureichende finanzielle Ressourcen; die Regionaleffekte bei Länderförderungen wurden infrage gestellt; über Vor- und Nachteile im Vergleich von Intendantenmodell und Gremienprinzip wurde gestritten; das Interesse an einer (unbürokratischen) automatischen Verteilung von Fördergeldern wurde bekundet und auch Hinweise auf vorbildliche Steuermodelle aus anderen Staaten haben nicht gefehlt. Im Hinblick auf die Bestrebung, die Talentfilmförderung zu stärken, gibt es inzwischen konkrete Ergebnisse.
Doch die Reform der deutschen Filmförderung ist noch längst nicht vollendet und der Diskurs verläuft auch abseits von (wissenschaftlichen) Kongressen und Branchentreffs. Die Berliner Zeitung hat neulich darauf aufmerksam gemacht, dass der Sonnenallee-Regisseur Leander Haußmann seine Sicht auf die Lage in einem Podcast sehr freimütig ausgeplaudert hat. Er fände es sogar gut, wenn irgendein Milliardär mit Spendierhosen ein paar Millionen bereitstellt.
Vielleicht repräsentiert Paul Cassirer den Idealtyp des vermögenden Mäzens, den sich Haußmann wünscht. Die Cassirer-Familie hat (jenseits von staatlichen Strukturen) zu Beginn des 20. Jahrhunderts begabte Talente gefördert. Ohne diese großzügige Unterstützung hätte beispielsweise Heinrich Mann sein Buch „Der Untertan“ nicht verfassen können1. Privatleute mit einem Faible für Film sind jedoch leider kaum zu finden. Außerdem gibt es gute Gründe, vermögenden Philanthropen nicht blind zu vertrauen. Daher dürfte diese Vision ein unerfüllter Traum bleiben.
Also werden auch künftig öffentliche Mittel (Steuermittel und über Umwege ebenso Rundfunkgebühren) für Filmproduktionen dringend benötigt. Und die Auseinandersetzung über Verteilungsmodelle ist keineswegs obsolet. Ist das Intendantenmodell besser? Oder sollten Auswahlkommissionen die Entscheidung treffen? Sind Fachleute in solchen Fördergremien hinreichend vertreten?
Schon in der Antike, in der Gedankenwelt des Aristoteles gab es aufschlussreiche Differenzierungen. Es ist nämlich nicht unerheblich, ob eine einzelne Person entscheidet oder mehrere (per Los ausgewählte) Bürger oder ob gar die Mehrheit in die Entscheidungsfindung einbezogen ist. Das war auch maßgeblich für die idealtypischen Regierungsformen (›basileίa‹, ›aristokratίa‹ und ›politeίa‹ bzw. Demokratie). Aristoteles betonte, dass es bei diesen stets auch Verfallsformen gibt (tyránnis, oligarchίa und dēmokratίa / ochlokratίa). Erstaunlich ist übrigens, dass er letztlich davon ausging, dass sich eine „Mischung von Oligarchie und Demokratie“2 in der Praxis am besten bewährt. Alle Entscheidungsprozeduren haben ihre Vor- und Nachteile – und es geht um die Kombination der jeweiligen Vorteile bei möglichst großer Vermeidung von Nachteilen. Freilich war Politik in der Antike auf ein überschaubares Gemeinwesen bezogen und nicht auf die dynamische (hypermoderne) Massengesellschaft. Simple Analogieschlüsse wären also verfehlt.
Förderentscheidungen an Large Language Models delegieren?
Dennoch scheint es Ähnlichkeiten zu geben, über die in Bezug auf aktuelle Filmpolitik nachgedacht werden kann. Das Intendantenprinzip besagt, dass letztlich eine Einzelperson über die Förderung entscheidet. Bei den Gremien entscheiden erfahrene Fachleute. Und demokratische Mehrheitsentscheidungen von vielen Beteiligten findet man in gewissem Sinne beim Crowdfunding oder auch bei Publikumspreisen. Optimistische und gutwillige Beobachter gehen davon aus, dass es keine Verfallserscheinungen im deutschen Filmfördersystem gibt (oder dass eine zufällig auftretende Dekadenztendenz rasch korrigiert werden würde). Ganz neue Herausforderungen zeichnen sich ab. Es besteht beispielsweise die Möglichkeit, dass künftig Förderentscheidungen zunehmend an Large Language Models (LLM) delegiert werden. Zumindest lassen sich große Datenmengen, die im Fördergeschäft anfallen, mit KI effizient analysieren.
Noch lesen lebendige Menschen alle eingereichten Drehbücher und die von externen Sachverständigen erstellten Lektorate. Bei einbezogenen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften werden die Antragsdaten und Kalkulationsunterlagen von Fachleuten geprüft, nachgerechnet und bewertet. Arbeitsteilig werden im Vorfeld dann gut begründete Förderempfehlungen für die Person (Intendantenmodell) oder die Personen (Gremienmodell) erstellt, welche letztlich zu entscheiden hat/ haben. Zumindest Teilaufgaben können bereits jetzt von LLM gelöst werden.
Aber was ist, wenn irgendwann autonome Algorithmen für die Förderentscheidungen ausschlaggebend sind? Technisch fortgeschrittene Sprach- und Denkmodelle können zwar Phantasie, Kreativität, Humor und andere mentale Vermögen des Menschen schon beinahe perfekt imitieren. Das reicht für bestimmte Geschäftsmodelle in der Branche vielleicht sogar aus. Aber über ein veritables Urteilsvermögen im Hinblick auf Filmkunst, die beim Publikum so etwas wie „brain-happiness“ hervorrufen kann, verfügen solche technischen Geräte (hoffentlich) nie.
Noch sind solche Spekulationen Zukunftsmusik. Es gibt aber bereits jetzt kleine Stellschrauben, an denen sich leicht drehen ließe. Man könnte sich z. B. gut vorstellen, dass künftig bei vielen Förderungen eine „Mischung“ von Intendantenprinzip und Mehrheitsentscheidung in Gremien praktiziert wird. Das würde bedeuten, dass zwar in der Regel die Vergabekommissionen per Abstimmung entscheiden. Aber die jeweiligen Förderfürsten (GeschäftsführerInnen) sollten doch einen Joker ausspielen können. Anders gesagt: er oder sie sollte die Möglichkeit haben, ein wichtiges Filmprojekt, für das es keine Mehrheit im Gremium gegeben hat, quasi per Carte blanche doch noch zu fördern. Angesichts des gestiegenen Antragsvolumens wären vermutlich pro Fördersitzung sogar bis zu drei Joker sinnvoll.
Übrigens sind Regionaleffekte keineswegs nur eine Belastung. Sie haben beispielsweise dazu beigetragen, den Filmstandort in Mitteldeutschland zu etablieren und erfolgreich zu entwickeln. Diese Regelung ermöglichte eine länderübergreifende Kooperation von Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Es kam zu Synergien und unterschiedliche Interessen blieben gewahrt. Man könnte dennoch eine lange Liste der Ungereimtheiten aufstellen, die bei der Filmförderung diagnostizierbar sind. Längst überfällig wäre zum Beispiel eine textliche Neufassung der sogenannten Ausschlussklausel in manchen Förderrichtlinien. Noch immer sind nämlich Projekte eigentlich von der Förderung ausgeschlossen, wenn zu befürchten ist, dass sie (bei einzelnen Zuschauern) „das sittliche oder religiöse Gefühl verletzen“. E
s gibt trotzdem nicht wenige (künstlerisch wertvolle) Filme, die zwar emotional heikle Affekte hervorrufen (und konservative bzw. feinfühlige Menschen verletzen können), aber dennoch (ganz zu Recht) gefördert worden sind. Filmkunst muss solche Bedingungen auch gar nicht erfüllen, denn die Kunstfreiheit ist im Grundgesetz (durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1) garantiert. Bei der kulturellen Evolution lässt sich die permanente Umwertung der Werte eben nicht per Dekret abschalten.
Die hier kursorisch angeführten Aspekte dürften verdeutlichen, dass die Weiterentwicklung der Filmförderung ein komplexer und langwieriger Prozess ist. Auch ein kurzer historischer Rückblick kann aufschlussreich sein: Als Geburtsurkunde der Filmförderung in Deutschland gilt gemeinhin das OBERHAUSENER MANIFEST. Dieses Manifest wurde 1962 unter dem Titel „Papas Kino ist tot“ vorgestellt (und später vorwiegend mit dem Motto „Opas Kino ist tot“ kolportiert). Den Manifest-Verfassern von damals ging es um einen „Neuen Deutschen Film“. Kritisiert wurden die kommerziell orientierten Filme; es war speziell eine Revolte gegen die beliebten Heimatfilme der Nachkriegszeit – man könnte zugespitzt sagen: mit Hilfe von öffentlichen Fördergeldern sollten Kitsch und Kommerz bekämpft werden.
Aber das totgesagte Kino der Urgroßeltern überlebte nicht nur in der Rumpelkammer. Auch heutzutage erzielt z.B. die „Feuerzangenbowle“ bei TV-Ausstrahlungen hohe Einschaltquoten. Kritik am Kommerz ist weitgehend verstummt oder wird nur verhalten artikuliert. Immerhin machen neue Generationen ihre Ansprüche geltend und längst engagieren sich zunehmend auch die Töchter und Enkelinnen. Aber sie werden wohl kaum ein neues Manifest verfassen? Das Volumen des (internationalen) Filmerbes nimmt exponentiell zu und kann auch eine Last darstellen. Idealisten erinnern gern an Brechts schöne Formulierung: „Alle Künste tragen bei zur größten aller Künste, der Lebenskunst“3. Welche Beiträge können (alte und neue) Filme zur Bewältigung des Lebens in spätmodernen Zeiten leisten?
Unterhalb des Radars entstehen neue Herausforderungen. Der Förderfokus ist vornehmlich auf professionelle Filmproduktionen für den Kino- und TV-Markt gerichtet. Außerdem tummeln sich jedoch mehr und mehr Talente in den Untiefen der Massenkultur oder im unermesslichen Ozean des Internets. Begabte Amateure, die auf eigene Faust ihre Filme im Netz präsentieren, werden zur Konkurrenz für etablierte Filmschaffende, weil sie die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen und Zeit ausfüllen, die für anderwärtigen Medienkonsum nicht mehr frei ist. Auch nimmt bekanntlich der Marktanteil von Streamingdiensten kontinuierlich zu. Messbar ist die enorme quantitative Steigerung des Angebotes.
Offenbar folgt die Branche nur noch dem antiken Wahlspruch citius-altius-fortius (bzw. dem modifizierten olympischen Motto schneller-weiter-höher). Daher wäre nicht nur an Brecht, sondern ebenfalls an folgende Anmerkung von Ernst Jünger (in Bezug auf literarische Werke) zu erinnern: „Literatur [ist] kein Pferderennen, sie kennt keine Verlierer und Gewinner. Man muß sich auf diesem Gebiet vor jedem Vergleich hüten“4. Also, Filmkunst ist gewiss ebenfalls kein „Pferderennen“ und für Film (und dessen Schwesterkünste) kann eher die Vision als Orientierung dienen, die Lena Liberta (noch vor ihrer Auszeichnung mit dem Deutschen Drehbuchpreis 2026) in einem Beitrag für die Berliner Zeitung zum Ausdruck gebracht hat, als sie von einer „Lichtung“ sprach, „auf der unsere vielen unterschiedlichen Geschichten auftauchen, die wir endlich anderen auf unsere Weise erzählen müssen“.

Jeder Film (jedes Buch, jedes Kunstwerk) ist einzigartig und insofern unvergleichlich. Und (öffentliche) Fördermittel sollten eigentlich nur in solche Projekte investiert werden, die eigenwillige Erzählweisen, künstlerische Qualität, thematische Relevanz oder filmästhetische Innovationen erwarten lassen.
Eine Instanz der Erfolgskontrolle für solche Kriterien war früher die FBW. Die Prädikate Wertvoll oder gar Besonders Wertvoll waren zumindest ein Indiz für Filmkunst und gesellschaftliche Relevanz. Jetzt schaut man fast nur noch auf Zahlen (Einschaltquoten und Kinobesucher). Quantität überbietet Qualität. In den besten Zeiten der FBW war es einst gelungen, dem gerecht zu werden, was Georg von Lukács 1911 in seinem Werk über Wesen und Form des Essays zum Ausdruck gebracht hat. Seiner Ansicht nach sind essayistische Betrachtungen gut geeignet, um zu angemessenen Werturteilen über Kunst zu gelangen. Er sprach „von den Grundprinzipien, die die Formen von einander scheiden; von dem Stoff, aus dem alles gebaut ist, von dem Standpunkt, von der Weltanschauung, die allem die Einheit gibt.“ Und er verglich „die Schriften der Essayisten“ mit „ultravioletten Strahlen“.
Lukács ging es hauptsächlich darum, dass der Essay vom intellektuellen Vergnügen kündet, das sich bei der Auseinandersetzung mit Kunst einstellt und er verstand diese „Intellektualität, […] als sentimentales Erlebnis, als unmittelbare Wirklichkeit, als spontanes Daseinsprinzip; […] als motorische Kraft des Lebens“. Lukács zufolge ist und bleibt die „Existenzmöglichkeit des Essayisten […] bis in die tiefsten Wurzeln hinein problematisch“. Doch der Essayist „ist der große Wertbestimmer der Ästhetik, der immer Kommende, der noch nie Angelangte, der einzig zum Richten Berufene“. Wenn jene „ultravioletten Strahlen“, die Lukács vorschwebten, „schön wie nie“ (Becher) das Königreich der Kunst erhellen, darf das gewiss als Gewinn angesehen werden. Doch alle Versuche, die Gemengelage definitiv zu erkennen, dürften scheitern.
Zum Glück erproben Menschen (mit oder ohne LLM-Support) immer wieder ein neues Vokabular und suchen einen zeitgemäßen Jargon, der zuweilen anachronistische Dialekte mitschwingen lässt. Und vielleicht sollte Kunst eine Art Luxus bieten (im Sinne von lucēre, lux), dessen leuchtendes Glück sich alle leisten können. Freilich kämen dabei sämtliche Spektralfarben ins Spiel. Energie aus der hier imaginierten Artistik-Photosynthese wäre sicherlich gut fürs Klima.
Anmerkungen:
1 Siehe Bauschinger, Sigrid: Die Cassierers. Unternehmer, Kunsthändler, Philosophen. Biographie einer Familie, München 2015, S. 97-98.
2 Siehe Aristoteles (IV 8, 1293 b 33f.) – zitiert nach Welsch, Wolfgang: DER PHILOSOPH. DIE GEDANKENWELT DES ARISTOTELES, München, 2012, S. 325.
3 Siehe Bertolt Brecht, Werke Bd. 23, S. 290.
4 Siehe: Ernst Jünger im Gespräch mit Jean-Luis de Rambures, in: GESPRÄCHE IM WELTSTAAT, INTERVIEWS UND DIALOGE 1929 – 1997, hrsg. von Rainer Barbey und Thomas Petraschka, Stuttgart 2019, S. 127
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Dr. Thomas Hertel, 1960 in Quedlinburg geboren; aufgewachsen in Magdeburg; belangloser Entwicklungsgang, belangloses Dasein als Kultur-Nomade; Wohnorte waren Magdeburg, Berlin, Leipzig und Stralsund; kein Spezialist, sondern stets offen für Paradigmenwechsel; vielleicht manchmal ein Opportunist; weder Optimist noch Pessimist; aufgeschlossen für Zufälle und allerlei Kapricen. Mit CulturMag-Co-Herausgeber Alf Mayer hatte er 2005 – 2007 manch muntere Diskussion, wenn der sich bei FBW in Wiesbaden als Direktor in den Diskurs über Filme einmischte.
Siehe auch von ihm bei uns: Mann-O-Mann * Report aus Cannes












