
Mit Kafka und Kästner im Meer … und mehr
Still ruht das Mittelmeer. Morgensonne, Aurora atmet. Nachtkaltes Wasser. Ein einsamer Schwimmer zieht diagonal durchs Bild. Was geht ihm durch den Kopf? Die Zeit, die er im Wasser verbringt, lässt sich stoppen; seine Bewegungen können genau beobachtet werden. Smarte Sportuhren messen sogar die Herzfrequenz und zeichnen noch viele andere Daten auf. Doch das Hirngespinst, dass sich beim Gleiten durchs Wasser bildet, bleibt verborgen. Mit Empathie und Phantasie kann man versuchen, zu ergründen, was mental in dem Schwimmer vorgeht. Vielleicht befasst er sich gerade mit einer detektivischen Kombination? Es herrscht keinesfalls Mangel an Kreta-Krimis (vgl. etwa hier).
Auch dieser Schwimmer dürfte so einen Kriminalroman im Reisegepäck mitgeschleppt haben. Leserinnen und Leser schätzen es, wenn in den Krimis idyllische Orte auftauchen. Die Erholung vom Alltag soll mit Spannung angereichert werden. Unterschiedliche Plots sind in Mode. Zum Beispiel: in einer landschaftlich reizvollen Gegend mit viel Sonnenschein wirft ein Mordfall finstere Schatten. Oder: lokale Geheimnisse werden zufällig aufgedeckt, weil ein Tourist hinter die Kulissen schaut; das gibt Ärger. Oder: zwielichtige Gestalten entwenden antike Kulturschätze und versuchen, sie ins Ausland zu schmuggeln. Oder: Racheakte aufgrund von Kriegsverbrechen und Kollaboration werfen Fragen nach Recht und Gerechtigkeit auf.
Wer weiter recherchiert, stößt auf historische Studien.1 In dem Forschungsbeitrag von Harald Gilbert wird u.a. auch die literarische Arbeit von Erhart Kästner2 kritisch gewürdigt, die dieser als Soldat der Wehrmacht auf Kreta bewerkstelligte. Kästner kam auf dem Rückzug in Kriegsgefangenschaft und erhielt die Gelegenheit, sich mit Fragen von Schuld und Sühne auseinanderzusetzen. Über den Mitgefangenen Paul Reissert kam er der Bildenden Kunst näher. Ihn beeindruckte insbesondere eine Zeichnung von Paul Klee mit dem Titel „Wer ist schuld“3. Die maßgeblichen Federstriche sind (mit Grok-Support) hier veranschaulicht (hervorgehoben):

In seinen Texten arbeitete Kästner „mit durchaus ähnlichen Mitteln wie Klee, ›mit Erinnerungen, Assoziationen, Phantasie und Vorstellungswelten‹“4. Frank Schulz-Nieswandt hat einen Vergleich zwischen Patrick Leigh Fermor und Erhart Kästner angestellt und gelangte zu der Einschätzung, dass der britische Agent, der an der spektakulären Entführung von General Kreipe beteiligt war, in seiner Reiseerzählung sich deutlich von Kästner unterscheidet. Aber auch „bei Fermor finden sich (wenn auch schwache) onto-theologische Momente, etwa zum Wasser“.5 Schulz-Nieswandt verweist zudem auf Egon Vietta’s Zauberland Kreta (1952): „Vietta beschwört – wie Nebel und Kästner – in Abgrenzung zu den Wissenschaften eine andere Erfahrung“. Es geht um „ein Wunder, dass dem modernen neurotischen Menschen des Maschinenzeitalters […] wohl verschlossen bleibt“ (S. 268-269).
Das Kreta-Buch von Erhart Kästner hat Martin Heidegger ebenfalls gelesen. Er schrieb am 6.7. 1975 an Kästners Witwe: „Hölderlin nennt bisweilen die jetzt entflohenen Götter: die Geister. Im Kretabuch werden sie dichterisch gegenwärtig. Die Landschaften, die Ortschaften, die Aufenthalte und Wege ihrer Bewohner zeigen sie, meist ungenannt in ihrer gewesenen Anwesenheit.“6 Für Erhart Kästner hatte er zu Weihnachten 1963 notiert: „Was sagt uns Hölderlins Dichtung? Ihr Wort ist: das Heilige. Es sagt von der Flucht der Götter. Es sagt, daß die entflohenen Götter uns schonen. […] Hölderlins Dichtung ist, schicklich entsprechen. […] Denn kein menschliches Rechnen und Machen kann von sich aus und durch sich allein eine Wende des gegenwärtigen Weltzustandes bringen; […]. Hölderlins Dichtung ist für uns ein Schicksal. […] Dies will sagen: Eines ist in das Andere vereignet, aber so, daß es dabei gerade in seinem Eigenen bleibt: Götter und Menschen, Erde und Himmel“ (S. 59-60).
Die Lektüre vollzieht sich auf Kreta in träger Luft. Der Blick schweift zurück zum agilen Schwimmer.
Ihn begleiten womöglich Geister. Das heißt, nicht nur Gottheiten wie Zeus, sondern Figuren wie die phönizische Königstochter Europa spuken ebenso in seiner Gedankenwelt. Bekanntlich hatte sich Zeus in einen Stier verwandelt und ist mit Europa nach Kreta geschwommen. Wer verbirgt sich hinter dem Namen Zeus? Man darf davon ausgehen, dass die Gottheit griechische Seefahrer (Händler, Piraten) symbolisiert, welche auf dem Mittelmeer kreuzten. Wurde Europa brutal geraubt? War es eine (sexuelle oder intellektuelle) Verführung? War es eine Entführung oder eine Flucht?
Silvio Vietta legt in seiner Einführung in die europäische Kulturgeschichte nahe, dass wir es mit einer geistvollen Aneignung zu tun haben. Scheinbar begann die genuin europäische Kulturgeschichte damit, dass „das Beutegut Phöniziens symbolisch geschultert als phönizische Prinzessin Europa auf dem Rücken des griechischen Gottes Zeus“ nach Kreta gelangte.7
Dort wurden der Beute – also der phönizischen Lautsprache, die zunächst nur aus Konsonanten bestand, Vokale hinzugefügt. Gestützt auf Herodot hatte Wolfgang Röllig bei diesem Kulturtransfer auch dem Bruder der Prinzessin Europa nämlich dem Prinzen Kadmos eine Rolle zugeschrieben. Laut Röllig brachte er „ein wesentliches Kulturgut nach Griechenland – die Fähigkeit zu schreiben. Die Erzählung enthält, wenn auch nicht sehr präzis, eine wesentliche Überlieferung: Die Fertigkeit zu schreiben kam aus dem Orient, speziell aus Phönizien, und sie kam gewissermaßen nebenbei. Nicht das Ziel, die Schrift zu verbreiten, leitete Kadmos. Er suchte vielmehr seine Schwester – und wurde sogar später in Griechenland seßhaft […]. Was aber wissen wir heute über Frühformen des Alphabets, unseres Alphabets? Und wie verlief der Weg, den es nach Griechenland genommen hat? Es gilt heute als erwiesen, daß die Fähigkeit, Wörter in Laute zu zerlegen und diese – und zwar zunächst nur die Konsonanten – zu schreiben, um die Mitte des 2. Jts. v. Chr. in Syrien-Palästina entwickelt worden ist. […] An die Stelle einer reinen Konsonantenschrift, die die phönizische war und blieb, tritt jetzt eine Vollschrift. Die Vokale, die in der phönizischen Schrift unberücksichtigt bleiben, werden jetzt geschrieben. Es gab in der phönizischen Sprache einige Laute, die das Griechische nicht kannte. Die Zeichen für diese Laute benutzt der »Schriftfinder« dazu, die fehlenden Vokalzeichen zu schaffen. Dieser so einfache wie effektive Schritt zu einer Vollschrift ist schon im ausgehenden 8. Jh. v. Chr. vollzogen, als die uns bekannte schriftliche Überlieferung des Griechischen einsetzt. Es ist übrigens überraschend festzustellen, daß die frühesten griechischen Texte nicht etwa Wirtschaftsurkunden sind, auch nicht Bau- oder Weihinschriften, sondern daß poetische Epigramme niedergeschrieben worden sind“. (Siehe hier.)
Von Peter Weibel gibt es eine schöne Fortsetzung zu dieser Sprach-Archäologie: „Die Einführung des Vokalalphabets durch die Griechen hat es jedem Schriftkundigen ermöglicht, den Sinn eines Textes ohne die Hilfe anderer zu verstehen. Solange es nämlich nur ein Konsonanten-Alphabet gab, konnte jedes Wort je nach einsetzbaren Vokalen mehrere Bedeutungen haben und es bedurfte eines Schriftgelehrten, der über das Monopol der richtigen Bedeutung, der richtigen Interpretation, also der Wahrheit verfügte. Die Einführung des Vokalalphabets ist also der Beginn der Aufklärung des mündigen Bürgers, des Souveräns, der mithilfe seines eigenen Verstandes einen Text verstehen kann“. (Siehe hier.)
Der Schwimmer, dem langsam kalt wird, erinnert sich an einen anderen Hinweis von Silvio Vietta. Er machte zu Platons Ausführungen im PHAIDROS folgende Anmerkung:
„Platons Sokrates betrachtet Schrift und Malerei wie Automaten, die Leben simulieren […], ohne selbst zu leben. Die Schrift tut so, als ob sie das Wissen sei. Die Schrift als Entlastungssystem des Wissens untergräbt so selbst jenes Wissen, das zu sein sie beansprucht. Demgegenüber bleibt nach Platon die wahre Wissensvermittlung auf das dialogische Gespräch angewiesen, wenn es denn der wahren Philosophie darum geht, ein lebendiges Wissen zu erzeugen. Die schriftkritische Stelle in Platons ›Phaidros‹ weist hier nicht nur auf die Vorbehalte […] gegenüber der Schrift, sondern auch auf eine abgründige Dialektik der abendländischen Kultur hin: Je mehr Entlastungssysteme des Wissens eine Kultur konstruiert – die Schrift ist ja nur der Anfang einer Erfindungskette mechanischer Erinnerungsspeicher – desto mehr drängt diese Kultur damit auch die Lebendigkeit der zwischenmenschlichen Kommunikation zurück“ (S. 71).
Noch ehe die naheliegende Frage nach den Folgen von LLM in der Erfindungskette auch nur angedacht werden konnte, hatte der Schwimmer das Ufer erreicht.
Ist es eigentlich eine Ordnungswidrigkeit oder gar strafbar, wenn man (mit oder ohne LLM-Support) Kafka fletschert? Anders gefragt: Ist es eine Untat, wenn man dessen Schwimmer-Fragment nochmals durchkaut oder wiederkäut? Kafka war ein akrobatischer Schwimmer. Er führte „Wasserpantomime“ (wie es sein Freund Egon Erwin Kisch nannte) auf und wagte sich sogar nackt in die Stromschnellen der Moldau.8 Ende August 1920 hatte Kafka den Text „Der grosse Schwimmer!“ verfasst. Dieses „Schwimmer-Fragment gehört zu einer dichten Serie literarischer Versuche von insgesamt 51 losen Blättern, die heute zum ›Konvolut 1920‹ zusammengefasst sind“.9
Der paradoxe Akzent, den Kafka in seiner Skizze setzte, besteht darin, dass ein Olympiasieger bei einer Festveranstaltung, die ihm zu Ehren stattfindet, erklärt: „Eigentlich kann ich nämlich gar nicht schwimmen. Seitjeher wollte ich es lernen, aber es hat sich keine Gelegenheit dazu gefunden“. Was hat es mit diesem „verblüffenden literarischen Fragment“ auf sich? Hier ist der Text zu finden, den Kafka verfasste (und der ja eigentlich dem Feuer zugedacht war):
Wieso behauptet ein Olympiasieger, dass er „gar nicht schwimmen“ kann? Wie wäre die Schwimmer-Geschichte weitergegangen? Hätte Kafka noch eine finale Pointe hinzugefügt?
Man ist geneigt, sich vorzustellen, dass die paradoxe Situation in eine Steigerung der Absurditäten mündet: Vielleicht wird der vermeintliche Olympiasieger als Hochstapler verhaftet; vielleicht flüchtet der Nichtschwimmer und fliegt (wie Victor Olivia im Jahre 1891) von Prag zur Ostsee?
Aber vermutlich wollte Kafka poetisch darauf anspielen, dass er durch seinen Vater Hermann tiefgehende Kränkungen erfahren hatte. Seinen BRIEF AN DEN VATER hatte Franz 1919 verfasst und niemals abgeschickt. Auch darin gibt es Szenen, die Besuche in der Flussbadeanstalt an der Moldau in Erinnerung rufen. Im Schwimmer-Fragment bringt Kafka vermutlich Folgendes zum Ausdruck: Selbst dann, wenn ich einen Weltrekord erreiche und als Olympia-Sieger heimkehre, bleibe ich in den Augen meines Vaters ein Nicht-Schwimmer (ein Versager). Die Schwimmer-Figur empfindet daher eine Fremdheit im Vaterland und skizziert das Problem permanenter Missverständnisse: „Wie kam es nun aber, dass ich von meinem Vaterland zur Olympiade geschickt wurde? Das ist eben auch die Frage die mich beschäftigt. Zunächst muss ich feststellen, dass ich hier nicht in meinem Vaterland bin und trotz grosser Anstrengung kein Wort von dem verstehe was hier gesprochen wird“.
Eine spätere Notiz Kafkas kann als Erläuterung herangezogen werden: „Ich kann schwimmen wie die andern, nur habe ich ein besseres Gedächtnis als die andern, ich habe das einstige Nicht-schwimmen-können nicht vergessen. Da ich es aber nicht vergessen habe, hilft mir das Schwimmen-können nichts und ich kann doch nicht schwimmen“ (vgl. auch hier). Es gibt also den begründeten Verdacht, dass Kafkas Vater eine Mitschuld an diesem Nicht-vergessen-können trägt. Aber auch der dichtende Franz ist kein Unschuldslamm, denn er wendet sein poetisches Talent an. Schon für Platon waren Dichter suspekt. Ihre Devianz sollte aus dem idealen Staat herausgehalten werden. Das hat Platon freilich vornehm ausgedrückt: „Wenn also die nachahmende Dichtkunst zu uns in den Staat kommen will, werden wir sie ehrerbietig begrüßen als etwas Heiliges und Wunderbares und Angenehmes; sagen aber, dass es bei uns in dem Staate keinen Platz für sie gibt.“ (Platon, Politeia X, 607a–b).
Im Hinblick auf Wahrheit sind Poeten unglaubwürdig. Sie reichen nicht an die Philosophen heran. Daher gilt: „Den nachahmenden Dichter also werden wir mit Recht nicht aufnehmen in einen Staat, der gut regiert werden soll“ (Platon Politeia X, 605b). Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass Platon die Dichter kriminalisiert hat; aber trauen wollte er ihnen nicht. „Platons Vorwürfe gegen Homer und Hesiod sind paradigmatisch. Sie würden mit ihren Erzählungen in die Irre führen und die ‚Unwahrheit auch noch mit Häßlichkeit verbunden‘ den Lesern/Zuhörern zumuten. […] Dem zu begegnen, musste der Staat die Dichter ‚beaufsichtigen‘, dass in ihren Werken nur solche Götterbeschreibungen stünden, die ‚wahr‘ seien […]. Wer dem zuwider dichtet gehört in die Kategorie der ‚Lügendichter‘, der nur von sich behauptet, er würde die Wahrheit erdichten“10.
Kafka war durchaus mit einigen Gedanken von Friedrich Nietzsche vertraut, die Platons „Lügendichter“ rehabilitieren. Trotz widersprüchlicher Quellenlage (und konträr zum Dementi von Max Brod) gelangt Dirk Oschmann zu dem Befund, dass es „an Kafkas produktiver Aufnahme insbesondere von Nietzsches […] Schriften keinen Zweifel“ gibt. „In Kafkas Auseinandersetzung mit Nietzsche lassen sich zwei Phasen unterscheiden […]“ und bereits in der ersten Phase stand u.a. „der 1903 erstmals publizierte Aufsatz ›Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne‹ im Mittelpunkt und hier wiederum Reflexionen auf die Potentiale und Grenzen der Sprache“. Dabei geht es nicht um literarisch inszenierte Sprachskepsis, sondern um Sprachexperimente, „die bisweilen geradezu eine Lust an der sprachlichen Selbstermächtigung des Subjektes zelebrieren“11.
Sicherlich darf man davon ausgehen, dass Franz keinesfalls ein Erbsenzähler gewesen ist, der zeitgeschichtliche Fakten unreflektiert, veristisch oder phantasielos in seine Narration einfügte. Kafkas Schwimmer-Text entstand in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die damaligen politischen Umbrüche führten nicht nur in Prag zu Identitätskrisen. Durch die Gründung der Tschechoslowakei und den Vertrag von Saint-Germain, der am 16. Juli 1920 in Kraft trat, veränderten sich die Verhältnisse grundlegend. Das hatte Konsequenzen für Sprache und kulturelle Identitätsmuster.
„Franz Kafka verbrachte die meiste Zeit seines Lebens als bilingualer Jude im multilingualen Prag in der Zeit des deutsch-tschechischen Sprachenkampfes. Nationale Identität wurde in seiner Umgebung vielfach über Sprache bestimmt und zum Ausdruck gebracht, die Sprache wird symbolisch aufgeladen“.12
Auch das hatte Einfluss auf den Ausdruck ›Vaterland‹, der in dem Fragment Verwendung findet. Den sportpolitischen Hintergrund sollte man ebenfalls berücksichtigen: Deutschland und Österreich waren nach dem verlorenen Weltkrieg von den Olympischen Spielen im Jahr 1920 ausgeschlossen. Die neu gegründete Tschechoslowakei nahm schon teil und war auch mit vier Schwimmern (Václav Bucháček, Alois Hrášek, Emanuel Prüll und Eduard Stibor) vertreten, die jedoch keine Siege errangen. In Prag berichteten die Journalisten nur sehr zurückhaltend von diesem Sportereignis. Kafka war dennoch über die Ergebnisse beim Schwimmen informiert. Allerdings tilgte er bei der Niederschrift seines Schwimmer-Textes die konkreten Bezüge. Der Autor abstrahierte zum Beispiel davon, dass die Olympiade im Jahr 1920 in Antwerpen stattgefunden hat. Auch hatte er zunächst den 1500-Meter-Freistil-Wettkampf erwähnt und anschließend durchgestrichen. Kafka wusste (offenbar aus seiner Zeitungslektüre), dass der Sieger beim 1500-Meter-Freistilschwimmen Norman Ross hieß und die Distanz in 22:23 Minuten zurücklegte. Das war jedoch kein neuer Rekord. Wenn Franz seine Figur als Weltrekordinhaber deklariert, ist dies keine Lüge, sondern im Rahmen der künstlerischen Freiheit legitim. Kafkas Schwimmer ist ein Held, der nicht viel mit dem Olympia-Sieger von Antwerpen zu tun hat. Stattdessen lebt in dieser literarischen Gestalt die Persönlichkeit des Autors auf. Peter-André Alt meint, dass Kafkas „Entlarvungsfurcht“ aus Schülerzeiten durchscheint und verweist auf das Bedürfnis, sich von fremden Menschen, die ihm zujubeln, abzugrenzen. Daneben kann man aus der kurzen Geschichte ein diffuses Gefühl von Entfremdung, Heimatlosigkeit und Desorientierung herauslesen.13
Kafkas Sprache lässt erahnen, was in der Seele des Schwimmers (und ebenfalls des Schriftstellers) schlummert. Das muss nicht unbedingt nur Unbehagen sein (oder Vaterfrust). Auch Neugierde und Experimentierfreude können dazugehören. Vielleicht keimte bei Kafka nämlich dieser Gedanke: Jeder Mensch kann selbstverständlich (als Embryo im Fruchtwasser) in idealer Weise schwimmen; erst nach der Geburt verlernt man es. Wenige versuchen später, sich freizuschwimmen. Die mit dem Schwimmer-Fragment verbundene Bilderflut bleibt befremdlich und verlockt zur Spekulation. Wenn ein Schwimmer aus dem Wasser steigt, sieht er am mediterranen Strand manchmal grüne Scherben im Sonnenlicht leuchten.

Die Quarz-Stückchen sind nicht so schön wie Bernstein von der Ostsee. Aber den Augen gefällt auch Glas, das lange von Wellen auf Sand- und Kieselflächen bewegt und durch Salz veredelt wurde. Beim Strandstolpern entdeckt ein Landgänger gelegentlich sogar noch eine Flaschenpost am Ufer. Offenbar war aus der Pulle erst kürzlich getrunken worden. Der Kassiber war nachlässig verkorkt. Deshalb hatte Meerwasser die Schrift auf dem darin befindlichen Zettel verwischt. Dennoch ließ sich das poetische Epigramm halbwegs plausibel entziffern:

Zweimal, mehrmals,
immer wieder
in den gleichen Fluss,
der nie derselbe bleibt.
Schön gleitet dahin der Aqua-Artist.
Poseidons Nixen verschonen ihn nicht.
Mit Atemnot und leeren Lungen,
modern gedacht, gesagt, gesungen.
Leichtsinnige Worte, fein gesponnen,
elastisch, zart, befreundet mit der Welle
– geteilt, vermehrt die Eukaryoten-Zelle.
Das leiert leise ein platter Reim
und keiner holt den Sinn nicht ein.
Verwässerte Worte verwandeln ihre Bedeutung. Im Wirbel von Schwimmbewegungen strudelt Wasser. Das kann man beim Betrachten des Gemäldes Schwimmer von Willi Sitte sehen oder wenigstens erahnen.
Das Sitte-Gemälde fand als Motiv auf einer Sonder-Briefmarke der DDR zu den Olympischen Spielen in Moskau 1980 Verwendung. Der damalige Olympiasieger im Wettbewerb über 1500 Meter Freistil, Wladimir Salnikow, stellte mit der Zeit 14:58 Minuten (im Gegensatz zu Norman Ross in Kafkas Tagen mit 22:23) tatsächlich einen Weltrekord auf. Erstmals bewältigte ein Athlet die Distanz unter 15 Minuten. Was der Amerikaner (1920) und der Russe (1980) gedacht haben, während sie die Distanz von 1500 Metern zurücklegten, lässt sich nicht ermitteln. Dafür wird hier bekanntgegeben, was sich dieser Kreta-Schwimmer in Erinnerung rief, als er (ungefähr halb so schnell wie Salnikow) unweit des Hafens der antiken Siedlung Lyktos (Λύττος) seine morgendliche Schwimm-Runde (mit halblanger Strecke) drehte.

Seine Gedanken schweiften zunächst zu Pythagoras ab. Der Vorsokratiker hatte einst Leon den Fürsten von Phleius besucht. Leon befragte den Fremdling nach seinen Geschäften. Pythagoras gab sich als Philosoph aus. Um dem Fürsten klar zu machen, was das für ein Metier ist, erzählte er eine Analogie: Bei Olympia kämpfen die Athleten um Ruhm und Ehre. Daneben trifft man die zahlreichen Händler, die gute Geschäfte machen und etwas verdienen wollen. Aber unter den Zuschauern gibt es auch jene vornehmen Geister, denen es egal ist, wer gewinnt und wer verliert. Sie wollen auch keinen Profit machen oder Wetten abschließen. Stattdessen verfolgen sie die Wettkämpfe kontemplativ und haben ästhetisches Vergnügen. Bei diesen Beobachtern stellt sich manchmal ganz beiläufig ein Erkenntnisgewinn ein, der nicht zweckrational deformiert, sondern philosophisch veredelt ist. Diese Reminiszenz geht auf Überlieferungen von Cicero zurück, und man kann die genaue Darstellung bei Diogenes Laertius nachlesen14.
Noch ehe die Reflexionen zu den Fans, die heutzutage in Sportstadien anfeuern, singen und jubeln, weitergetrieben werden konnten, gab es unvermittelt einen (irrationalen?) Gedankensprung: Der Kreta-Reisende erinnerte sich an einen Besuch im Bauhaus Dessau. Das muss im Jahr 1999 (also noch vor der Jahrtausendwende) gewesen sein. Dort fand eine Veranstaltung mit dem Medientheoretiker Siegfried Zielinski statt. Der Professor aus Köln hatte (scherzhaft?) behauptet, dass Kunst ohne kriminelle Energie nicht entstehen kann; ohne eine Dosis Devianz geht es nicht. Manche Menschen sind der Auffassung, dass sie ohne Kunst kriminell geworden wären. Jean Genet – soll z. B. gesagt haben: „Das Schreiben hat mich davor bewahrt, ein vollständiger Verbrecher zu werden“. Allerdings ließ sich für dieses Zitat unterwegs auf Reisen kein belastbarer Beleg finden. Trotzdem verfestigte sich bei dem gedankenverlorenen Schwimmer ein Konnex von Kunst und Krimi. Außerdem schwante ihm bei einer weiteren Abkühlung im Wasser, dass große und kleine Delikte zunehmen werden. Es gibt jede Menge ungelöste soziale Konfliktlagen. Diagnosen zu damit verbundenen Problemen mögen stimmen oder nicht; es mangelt immer öfter an probaten therapeutischen Maßnahmen. Die Auseinandersetzungen verschärfen sich und Verstöße gegen Recht und Ordnung bleiben nicht aus. Seit alters her gilt eine Volksweisheit: „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen“. Ist diese Metapher mittlerweile obsolet? Wer zu den oberen Zehntausend gehört, kann vielleicht noch seinen „Deal“ machen. Aber für die Massen wird die Lage mehr und mehr prekär. Insbesondere auch auf dem Schlachtfeld der Ökonomie kommen nicht selten unlautere Mittel zum Einsatz, um (fragwürdige) Ziele zu erreichen.
Natürlich fehlen im Wasser die Voraussetzungen zur Aufbereitung und Auswertung von empirischen Daten oder zu tiefgründigen Analysen. Daher gehen die Reflexionen rasch zu Scherzen und sarkastischen Kommentaren über. Beispielsweise hat sich der Schwimmer vorgestellt, dass manche Versuche, das Problem des Fachkräftemangels zu lösen, deshalb scheitern, weil versucht wird, möglichst schnell Experten für Spezialaufgaben einzusetzen (abzuwerben, auszubilden). Stattdessen würden jedoch allseitig gebildete Persönlichkeiten gebraucht, die mit Hilfe von Maschinen (LLM und anderer Technik) kontinuierlich an den Aufgabenstellungen arbeiten (lernen), die sich permanent verändern. Dieses Setting wurde von ihm jedoch nicht weiter durchdacht. Schon nach einigen Schwimmzügen holte er Luft und lästerte darüber, dass das Fachwissen rasch veraltet oder dass Fachleute in der Praxis scheitern, weil sie den Vorgaben von Fachidioten folgen müssen. Es trifft zu, dass nicht nur Freiwasserschwimmer häufig denkfaul werden. Auch im Hallenbad wechseln die Themen von Bahn zu Bahn. Angedachtes versinkt oder wird verwässert.
Bei einer weiteren Schwimmrunde im Mittelmeer kam die (alberne) Frage auf, ob ein Mückenmörder mildernde Umstände bekommt. Zwar sind die Touristenunterkünfte weitgehend frei von Wanzen und Flöhen, aber den Ausruf von Erhart Kästner, den er bei seiner Kreta-Reise tat, kann man getrost wiederholen: „O Wanzen, o Flöhe! Ich grüße besonders auch euch, geschätzte Moskitos, die ihr das stillere Blutwerk eurer Genossen ergänzt“ (S. 86). Das summende Sturzflug-Geheul geht im Halbschlaf mächtig auf die Nerven. Es gleicht einem Kunststück, die Blutsauger im Fluge zu fangen; selten gelingt es, die Plagegeister auf diese Weise zu vernichten; meistens entkommen sie und freuen sich schon auf die nächste Nacht. Daher passt wohl ebenfalls das Grußwort ›Cherete‹. Kästner spricht vom „schönsten Gruße der Welt“ (S. 73). Wenn neben Kalimera auch Cherete (freue dich!) erklingt und bildblitzende Augen aufeinandertreffen, kann die sagenhafte Gastfreundschaft der kretischen Bergbauern erblühen. Aber auch Kriminelles geschieht. Für das Gebirge gilt (noch immer?): Blutrache ist „alt und gewohnt. Hier reichte die Justiz nicht hin, und keiner nimmt sie in Anspruch; sein Recht besorgt sich hier jeder allein und noch etwas dazu. List, Mut und verschlagene Kühnheit, Natursinn und Härte, ein Auge, dessen Schärfe sich manch einer kaum träumen läßt, Fanatismus und Grausamkeit, das sind ihre Waffen“ (S. 228).
Kästner war von einem Archäologen vorgewarnt. Erhart erwies sich als umgänglich und trinkfest. Mit Ruhe, Vorsicht und Glück erreichte er seine Wanderstationen ohne getrübte Erkenntniskraft (S. 76). Es zog ihn u.a. auch zur Höhle von Psychro (Ψυχρό). Dort verbarg Gaia (Rhea) ihren Säugling, den man später Zeus (zdeu̯s / Δίας / Días) nannte. Als Sohn von Kronos (Κρόνος) wäre er von seinem Vater gleich (nach der Geburt) verschlungen worden. Die Orphiker identifizierten Kronos mit der Gottheit Chronos (Χρόνος). Und in den Metamorphosen des Ovid kann man lesen: „Die Zeit verschlingt alles / tempus edax rerum“ (XV, 234–236). Zeus sollte jedoch vor dem Zahn der Zeit bewahrt bleiben. Kurz nach der Geburt wurde also das Kind der Zeit in Psychro versteckt. Aus dem Wortspiel geht eine These hervor: Was in die Seele (ψυχή psychē) aufgenommen ist, bleibt vor physischer Gewalt verschont. Kästner wusste (dank seiner Jean-Paul-Lektüre), dass das poetisch-seelische Vermögen es ermöglicht, sogar Orte zu kennen, die man „niemals im Leben sah als nur mit dem trunkenen Weitblick der Sehnsucht und Liebe“ (S. 85). Kannte Kästner den Geburtsort von Zeus? Und wo kam Zeus eigentlich zur Welt? In Lyktos (Λύκτος). Der Detektiv Hesiod hat das ermittelt: „In das fruchtbare Kreta nach Lyktos sollte sie gehen, wenn die Zeit ihr erfüllt sei, den jüngsten Sohn zu gebären, Zeus […]. Dort werde Gaia das Kind in die Arme nehmen, um es im weiten kretischen Land zu ernähren“.15
Da Erhart Kästner bei seinem Kreta-Aufenthalt noch nicht im Internet surfen konnte, ging er davon aus, dass Zeus laut Hesiod auf dem Berg Dikti (Δίκτη / auch Dikte) zur Welt kam. Geografisch genauer kann man den Geburtsort zuordnen, wenn dazu die antike Stadt Lyktos (bzw. Lyttos) angegeben wird, die an den Ausläufern des Dikti-Gebirges liegt. Lyktos ist nicht auf einem einzelnen markanten Gipfel erbaut worden, sondern befindet sich auf einem Höhenrücken am westlichen Rand der Lasithi-Hochebene. In antiken Quellen wird auch der Name „Aigaion-Gebirge“ im Zusammenhang mit dem Zeus-Mythos genannt. Dennoch kann man den wesentlichen Einsichten, die Erhart Kästner formuliert hat, zustimmen: „Es herrscht keine Klarheit, wo die Geburt des Zeus nun eigentlich geglaubt ward: am Dikte oder am Ida. Die alten Dichter sind sich selber darüber nicht einig […]. Die Auslegung, daß der Gott in der Diktegrotte geboren wurde, seine Kindheit aber sodann in der Grotte am Ida verbracht habe“ hat Kästner „erst hier auf Kreta gehört. […] Zeus steht auf den Schultern eines minoischen Gottes, den wir nicht kennen und dem er verschmolz […]. Das Geglaubte war voller Widersprüche und im ewigen Wandel begriffen. In jeder Landschaft wucherte eine andere Sage fort“ (S. 172 – 174).
Es ist also gut möglich, dass Zeus nicht in einer Grotte entbunden wurde, sondern umringt von üppig wachsender Vegetation das Licht der Welt erblickte. Kästner schreibt apodiktisch auch: „Für mich ist Zeus am Ida geboren“ (S. 174). Da es sich bei der Zeus-Grotte im Ida-Gebirge um die Höhle von Psychro (Ψυχρό) handelt, liegt es nahe, zu sagen: der Gott ist eine Einbildung in der Seele. Dazu passen Kästners Ausführungen gut. Für alle Weltreligionen darf wohl gelten: „Sowohl die christliche wie der Islam wie der Buddhismus haben das Wort und die heiligen Schriften“ immer wieder neu ausgelegt.
Unter anderen politischen Umständen wäre von Kästner gewiss auch das Judentum ausdrücklich erwähnt worden; im Jahr 1943 betont er, dass in der christlichen Religion „das Gültige immer von neuem beschlossen und kanonisiert“ wurde. Er warnt davor, die „Vorstellungen vom griechischen Götterglauben“ fälschlich an einer einzigen Version festzumachen und verweist auf verschiedene Varianten: „Zeus ist sowohl auf dem Berg Ithome in Messenien, als auf Kreta, als auf zwei, drei anderen Bergen geboren. […] So geht es weiter. Je tiefer man eindringt, desto vielfältiger und verwirrender wird das Ganze der griechischen Göttersage. […] Was wir da schaffen, gleicht einem Gebilde aus ehrwürdigen Scherben, die aber von verschiedenen kostbaren Vasen verschiedener Meister aus verschiedenen Zeiten stammen und die wir nun restaurierend zusammenfügen, so gut es gehen mag. Es gibt im Grunde aber nur, mehr oder weniger, das Gottesbild einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Landschaft. […] Es ist ein ewiges Fließen, es sind immerwährende Verwandlungen“. Zum Abschluss des Abschnitts erfindet Erhart Kästner diese Vision: „Die tausend Jahre griechischen Götterlebens gleichen einem Teppich, der nie fertig geworden ist. Wir sehen ihn immer nur im Webstuhl. Immer schlingen die Fäden sich fort, und immer erneuern sich die Bilder. Vollendung gliche dem Tod“ (S. 175 – 177).
Die Siedlung Lyktos befindet sich ungefähr 20 Kilometer vom Meer entfernt (vgl auch hier). Ihr Hafen war Chersonesos. Wer in diesem Areal schwimmt und hinabschaut, erblickt antike Restbestände (beispielsweise einen runden Säulensockel). Aber man sollte auch andere Küstenorte erkunden. Zum Beispiel: Malia. Dort gibt es am Delfin-Strand eine vorgelagerte Insel. Sie trägt den Namen Afentis Christos (Αφέντης Χριστός).

Beim Umrunden der Insel wurde natürlich über die Palastanlage aus minoischer Zeit reflektiert, die bei Malia (Μάλια, auch Mallia) stand (vgl. auch hier). In seinem Mallia-Kapitel hat Kästner bemerkt: „Es gibt nur das fruchtbare oder unfruchtbare Mißverstehen oder Halb- oder Fastverstehen, das alles Leben im Geiste ist – […]“ (S. 158 – 159).

Beim Landgang und Besuch der kleinen Insel-Kapelle, die namentlich mit der vierschiffigen Kirche Afendis Christos Metamorfosis auf dem Giouchtas (Juchtas) verwandt ist, kamen dann andere Gedanken auf: Moiren lassen sich nur erblicken, wenn die Augen geschlossen sind. Sie bestimmen für alle und alles das Los. Selbst Zeus vermochte das nicht außer Kraft zu setzen. Wie können Menschen und Götter mit den Töchtern des Schicksals zurechtkommen? Sollten sie es lieben? Täglich begibt sich der Schwimmer ins geliebte Wasser. Zuweilen erinnert er sich an eine Nietzsche-Bekundung: „Ich werde immer mehr lernen, das Nothwendige an den Dingen als das Schöne sehen: — so werde ich Einer von Denen sein, welche die Dinge schön machen. Amor fati : das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung!“ (Die fröhliche Wissenschaft, § 276).
Die Moiren und Nietzsches Amor fati konnten beim Rückweg zum Malia-Strand ironisch verschwommen werden. In der industriellen Moderne breitet sich Hässlichkeit aus. Das ist auch in Urlaubsparadiesen unübersehbar. Ein ›Wegsehen‹ ist an den kommerziell erschlossenen Orten kaum möglich. Ornamente und Reklameschilder kaschieren Bausünden. Verlogene Glücksversprechen wimmeln. Räume sind gegenständlich überlastet. Das Zeit-Regime verschärft sich. Die Vermüllung nimmt drastisch zu. Massentourismus verwüstet. Schund wird in Unmengen hergestellt und vertrieben. Eine gigantische Propaganda-Maschine verblendet und manipuliert die Prozesse des entfremdeten Lebens. Verluste nehmen zu, werden retuschiert und erscheinen selten in den frisierten Bilanzen. Schuld und Schulden sind hinter Euphemismen versteckt. Das ist nicht neu, erlangt allerdings im 21. Jahrhundert gesteigerte Wucht.
Karl Jaspers dachte einst über die so genannte „Achsenzeit“ nach und quasi auf eine synkretische Moderne hinaus – also eine Epoche, die antike Tiefenschichten und Errungenschaften der Vergangenheit bewahrt oder erneuert und reaktiviert. Alt und Neu sollen eine Symbiose eingehen. Wohin kann man sich zurückziehen, um solche Visionen weiter auszumalen? Unter Wasser und in abgelegenen Bergdörfern ist Hässlichkeit noch kein Problem. Vielleicht darf auch der Ort, wo Zeus zusammen mit Europa (und deren Bruder Kadmos?) das Alphabet verbesserte, als Refugium angesehen werden. Warum soll es ausgeschlossen sein, dass der mythische Stier seine phönizischen Schätzchen dahin brachte, wo er selbst zur Welt kam? Eine Exkursion zum Zeus-Geburtsort lohnt sich. Freilich darf man nicht der Wegbeschreibung von Google-Maps folgen. Man sollte die gestrichelte Linie meiden und unbedingt bis zum Feldweg vor der steilen Kehre weiterfahren und von dort loslaufen.

Es sei denn, die Füße sind mit Kästner-Schuhwerk gewappnet (S. 70 – 72). „Um keinen Preis der Welt“ hätte er seine Wanderschuhe eingetauscht. Denn ihr „belebtes Leder“ brachte alle Wege, „die Felsensteige oberhalb von Delphi, den Sandstrand von Naupila“, den Majoran-Geruch „am Hügel von Mykenai […], die quellklaren Bergbäche im Tal des Eurotas“ als sinnliches Erlebnis ins Bewusstsein. Wer in kurzen Hosen wandert, setzt sich einer Dornen-Akkupunktur aus und kann sich anschließend einbilden, dass Kratzer und Wunden Ehrenzeichen sind.

Mir bleiben von Lyktos überreife Mandeln, uralte Olivenbäume, Dornensträucher, Gras- und Lupinen-Büschel zum Festhalten, Disteln und wild duftende Kräuter in Erinnerung. Eidechsen, Libellen und ein Tausendfüßler tauchten auf; Bergziegen flüchteten, Zikaden sangen, Adler kreisten wachsam. Antike Trümmer erwiderten den Blick nicht so, dass man sein Leben ändern müsste, sondern ihre ruhende Würde war sanft und entzog dem Tode seinen Schrecken. Am Ort von Gaias Niederkunft zeugte üppige Vegetation von Schöpfungskraft.

Das Rot der Mohnblumen rundete die Sehenswürdigkeit zu einem traumhaften Geheimnis ab. Auf dem Gelände der Ausgrabungen sind überwiegend Relikte aus byzantinischer Zeit anzutreffen. Der Platz der sagenhaften Entbindung ist hingegen noch oberhalb im Gestrüpp zu vermuten. Selbst wenn Kriminalisten einen Spürhund einsetzen würden, ließe sich in der wilden Natur kein Beweismaterial finden. Aber Begeisterung kommt beim Durchqueren der Gegend auf; es ist gewissermaßen ein Rätsel-Rausch. Ganz nüchtern kann keiner ein Geheimnis lüften. Kästner hatte dem Wein oft zugesprochen und kam damals dem Heiligen näher als es heutigen Kreta-Besuchern vergönnt ist.
„Der Wein, der kretische Wein! Wie kann ich mich unterstehen, seiner erst jetzt zu gedenken, da ich solange schon mit Eifer und Sorgfalt mich mühe, ein Bildchen von Kreta zu pinseln! So will ich ihn eilends preisen zum Ende dieses Berichts“ (S. 96). Erhart bekam „zu allen Stunden des Tages“ viel vom Wein zu kosten. Aber ach, zum Abschluss meiner Ermittlungen wird es wohl doch noch kriminell. Ich habe mich selbst überführt und gestehe: Wein gab es beim Aufenthalt auf der Insel immer erst nach Sonnenuntergang.
Für Kästner wäre solche Zurückhaltung bestimmt ein Verbrechen gewesen. Zumindest wäre ich von ihm (in geselliger Runde zusammen mit seinen Kameraden und den Bergbauern) durch den Kakao gezogen worden, wenn ich schon ab dem zweiten Glase einen Wein á la Goethe verlangt hätte: „Wasser allein macht stumm, / das zeigen im Bach die Fische. / Wein allein macht dumm, /siehe die Herrn am Tische. / Da ich keins von beiden will sein, / trink ich Wasser mit Wein.“ Kurz gesagt: Bei den vielen Trinksprüchen wie „is igian, zur Gesundheit“ oder „kali patrida, glückliche Heimkehr ins Vaterland“ (S. 74) hätte ich gewiss mit Kästner und Konsorten nicht mithalten können. Ich bezweifle, dass dem Sekretär von Gerhart Hauptmann beim Wein-Bechern auf Kreta das Poem des Meisters aus dem Jahre 1914 in den Sinn gekommen ist.

Aber ach, Wein löst die Zunge. Und wer am Geburtsort weilte, weiß auch etwas über das Grab des Zeus zu sagen, ohne selbst den Aufstieg zum Berg Giouchtas (Γιούχτας) bewältigt zu haben. Im Übermut apollonischer Trunkenheit, hätte ich der Deutung von Kästners Freund Martin Raschke widersprochen. Der Gott (und sein Helfendes) ist nicht einfach so gestorben; er wurde ermordet! Es ist zu fragen: wer hat ihn, wie und warum umgebracht? Wir können als Zeugen jene züngelnden Eidechsen aufrufen, die einst Heinrich Heine geheimes Wissen anvertraut haben (vgl. auch hier).
Bei Lyktos haben mir die „Eidechsen mit ihren klugen Schwänzchen und spitzfündigen Äuglein […] wunderbare Dinge erzählt“: Wie kam der Gott Zeus ums Leben? Ganz einfach: Er hat sich totgelacht und es war der perfekte Mord. Ein einzelner Widersacher allein hätte die Tat nie vollbringen können, denn die Mordwaffe wäre ihm selbst zum Verhängnis geworden. Der Witz, der totsicher ein Todlachen bewirkt, ist nämlich so riskant, dass diejenigen, die ihn mörderisch erzählen, selbst höchstens ein einzelnes Wort aussprechen dürfen. Nein, auch schon ein Wort allein bringt den Sprecher in Todesgefahr. Deshalb mussten sehr viele Leute mitwirken.
Eine halbe Sprachgemeinschaft dürfte den Zeus auf dem Gewissen haben. Bei der Tat musste die Reihenfolge genau stimmen. Immer nacheinander; „Jeder nur ein Kreuz“; jeder nur einen Buchstaben. Die Konsonanten sind nicht so gefährlich wie die Vokale. Also waren die größten Verbrecher damit betraut, die Vokale auszusprechen – und die meisten von ihnen zogen sich dabei schwere Verletzungen zu. Mehrere Versuche endeten im Fiasko. Doch in einer lauen Nacht im Mai gelang der Coup. Zeus hörte zu und der Witz wurde mit seiner Pointe ganz auserzählt. Der Gott lachte und lachte und lachte; sein Atmen ging ganz in Lachen über; sein Wesen löste sich auf. Wer sehr, sehr viel griechischen Wein (unverdünnt) trinkt, bekommt eine Ahnung davon, worum es in dem Killer-Witz ging. Vielleicht war es ein Scherz über die Zeit (über Chronos, über den Vater)? Vielleicht war es ein gestümpertes Epigramm: ›Zeus, aus Gebirgsbewuchs hervorgekommen, in der Seele verborgen, mannichfach verwandelt, teilt das Schicksal aller Gottheit, aber bleibt auch bei bedecktem Himmel16 achtbar‹. Für die in Stein gemeißelte LLM-Übersetzung würde ich die Hand nicht ins Feuer legen.

Oder war es diese Joke-Transkription?
„Wenn ist das Nunstück git und Slotermeyer? Ja! … Beiherhund das Oder die Flipperwaldt gersput!“17
Vorsicht beim Ansehen! Für Lachkrämpfe oder andere gesundheitliche Folgen wird keine Haftung übernommen.
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Wer Thomas Mann (Hanns Zischler) als „Zeus im beigen Leinenanzug“ sehen will, der zugleich als Kronos seine eigenen Kinder frisst18, kann sich auf den Film Vaterland von Paweł Pawlikowski freuen. Der Film lief beim Festival in Cannes und kommt hoffentlich bald in die deutschen Kinos. Übrigens gibt es auch einen Comic über Manns Besuch in Frankfurt am Main und Weimar.19 Graphic Novels sind für die Annäherung an herausragende Persönlichkeiten offenbar bestens geeignet. Das hat bereits Ken Krimstein mit seinem Werk zu Hannah Arendt demonstriert – vgl.: Das Denken zeichnet. Alf Mayer zu einer Graphic Novel über Hannah Arendt, CrimeMag Dezember 2019.

Vom milden Mittelmeer verwöhnt, begab sich ein Schwimmer nach seinem Kreta-Ausflug zu Pfingsten auf der Insel Hiddensee ins Ostseewasser. Fehlende Wärme erlaubte nur wenige Schwimmzüge – kaum Gedankenschaum; Kältestarre im Kopf. Die Nachricht, dass Paweł Pawlikowski in Cannes für die beste Regie ausgezeichnet wurde, war noch frisch. Sie führte nach dem Sprung von der Buhne auf dem Rückweg zum Strand, aber nur zu einer kurzen Kästner-Reminiszenz. Erhart schrieb am 3. September 1936: „Schön auch der Alte in dieser Umgebung, man sieht ihn neu. Und über die Terrasse müßte ein Drama geschrieben werden! Sie ist wert, daß man auf ihr lebt! Heut haben wir zum ersten Mal vormittags darauf diktiert, ich erkor mir den Schlussstein der Umfassungsmauer als Hock- und Schreibplatz und war selig“20.
Wer könnte wohl ein (ungeschriebenes) Drama inszenieren, das sich auf der Hauptmann-Terrasse abspielt?

Auch der funktional ausgebaute Weinkeller eignet sich als Schauplatz. Vielleicht sogar für einen Krimi? Jetzt sind alle Flaschen geleert. Doch einst ermöglichte der Rebensaft dem bildungsgierigen Sekretär ein Training, das ihn befähigte, so manchen Umtrunk, der auf Kreta unausweichlich war, wacker zu überstehen. Der gelehrte Dichter leerte täglich drei Flaschen Wein, und sein Sekretär musste gleichfalls trinkfest sein.

Freilich dürften die Zusammenarbeit mit Hauptmann und die Gespräche, die der diktatorische Meister mit ihm und den zahlreichen Gästen führte, noch viel gewinnbringender gewesen sein. Weshalb? Deshalb: kulturelle Schatzbildung gelingt am besten im Dialog.
Dr. Thomas Hertel (1960) hat sein Engagement für die Filmförderung zum 30. April dieses Jahres beendet und schwimmt nun in unbekannten Gewässern. Weiterhin gilt die Devise: „Sich irren und dennoch seinem Inneren weiter Glauben schenken müssen: – das ist der Mensch“ (Benn).
Siehe auch von ihm bei uns:
Mann-O-Mann * Report aus Cannes
Filmkunst ist kein Pferderennen
Mit Jorge Luis Borges auf Mallorca
Prag, Kafka, Kabbala und viel KI
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Anmerkungen:
1 Siehe: Gilbert, Harald: Das besetzte Kreta 1941–45. (Peleus. Studien zur Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns, Bd. 63.) Mainz/Ruhpolding/ Wiesbaden, Franz Philipp Rutzen/Harrassowitz 2014.
2 Kästner, Erhart: Kreta. Aufzeichnungen aus dem Jahre 1943, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1977.
3 Vgl.: Erhart Kästner. Leben und Werk in Texten und Bildern, hrsg. von Anita Kästner und Reingart Kästner, Insel Verlag Frankfurt am Main 1980, S. 112 – 113.
4 Nauhaus, Julia M.: Erhart Kästners Phantasiekabinett. Variationen über Kunst und Künstler. Freiburg: Rombach 2003. S. 239. Zitiert nach Anton Philipp Knittel – siehe auch hier.
5 Vgl. Schulz-Nieswandt: Erhart Kästner (1904-1974). Griechenlandsehnsucht und Zivilisationskritik im Kontext der »konservativen Revolution«, transcript Verlag, Bielefeld 2017, S. 72
6 Siehe: Martin Heidegger / Erhart Kästner: Briefwechsel, 1953-1974. Hg.: Heinrich W. Petzet. Frankfurt am Main 1986, S. 130.
7 Vietta, Silvio: Europäische Kulturgeschichte: eine Einführung, Wilhelm-Fink- Verlag, Stuttgart 2007, S. 70.
8 Alt, Peter-André: FRANZ KAFKA. Der ewige Sohn. Eine Biographie, Verlag C.H. Beck, München 2005, S. 205-206
9 Stach, Reiner: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, S Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, S. 403.
10 Vgl. Renate Reschke und Franz, Michael: Wahrheit in der Kunst. Neue Überlegungen zu einem alten Thema, Berlin/Weimar. Aufbau Verlag 1984. Und: Franz, Michael: Wahrheit in der Kunst. Neue Überlegungen zu einem alten Thema, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1984, S. 16 – 59.
11 Siehe Dirk Oschmanns Beitrag im Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hrsg. von Manfred Engel und Bernd Auerochs, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart · Weimar 2010, S. 60.
12 Stach, Reiner: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, S Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, S. 403.
13 Vgl.: Bauer, Verena: Regionalismen in Franz Kafkas Deutsch.
14 Vgl.: Alt, Peter-André: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, München 2005, S. 73 – 84.
15 Vgl.: Welsch, Wolfgang: Der Philosoph. Die Gedankenwelt des Aristoteles, Wilhelm Fink Verlag, München 2012, S. 46 – 47.
16 Siehe auch: Lemmerer, Iris: Zwischen Kontinuität und Wandel: Die Bearbeitung der antiken Prometheusmythe bei Goethe und Shelley, Graz 2023, S. 32
17 Reinhard Gratzke (Hrsg.): Monty Python’s Flying Circus, Selected Sketches. Philip Reclam jun., Stuttgart 1995, S. 29. / siehe auch hier.
18 Siehe Jan Küverlers Rezension in Die Welt vom 15.05.2025
19 Vgl. den Comic von Julian Voloj, Friedhelm Marx und Magdalena Adomeit: THOMAS MANN 1949. Rückkehr in eine fremde Heimat, Knesebeck Verlag, München 2025. Aufschlussreich ist auch das Gespräch mit Julian Voloj, siehe hier.
20 Erhart Kästner. Leben und Werk in Texten und Bildern, Hrsg. von Anita Kästner und Reingart Kästner, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1980, S. 78.












