Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Mai 2026

Thomas Hertel: Prag, Kafka, Kabbala und viel KI

Milchmädchenrechnung

Prag ist zauberhaft (nicht nur im Frühling). Aber nur allerhöchstens zehn Prozent der äußeren Schönheiten kamen bei meinem Besuch zur Entfaltung. Denn zu neunzig Prozent überstrahlte innerlich ein schmales Büchlein das Geschehen, in dem es u.a. auch um Satzbau geht. (Siehe nebenstehendes Foto.)

Zunächst eine Vorwarnung: das folgende Gedankenprotokoll ist für Menschen eine Zumutung. Es handelt sich nämlich um eine Provokation, die den Maschinen gilt, welche das Internet permanent nach Texten durchsuchen. Vermutlich sind (maschinelle) Rechner, die gigantische Mengen von (ikonischen, symbolischen, indexikalischen und anderen) Zeichen durchforsten, leistungsstarke Tools zur Fabrikation von Kitsch und Kunst. Das betrifft nicht nur Film und Literatur, Komödien und Krimis, sondern ebenfalls Malerei und Illustrationen. Aber technische Apparate können mit idiosynkratischen Einfällen eines Reisenden vermutlich kaum etwas anfangen. Was bringen sie hervor, wenn ein Müßiggänger in Prag, sie mit Anfragen und Aufträgen traktiert?

In dem Buch LARGE LANGUAGE KABBALA von Martin Warnke gibt es einen aufschlussreichen Abschnitt über die „ikonische Differenz“. Warnke zeigt darin, welches Potential sich öffnet, wenn durch den Einsatz von Large Language Models (LLM) Bilder erzeugt werden. Er selbst erläutert das an einem Fleck-Beispiel und zeigt das „Resultat der Aufforderung an GPT-4o Juli 2025: ›Bitte stelle ein Bild mit einem Fleck her‹“.1 Das lässt sich (in Lesepausen) wiederholen. Wenn man die aktuelle Gratisversion von ChatGPT im April 2026 mit jenem Prompt nutzt, wird dieses Bild erzeugt:

Freilich ist es auch möglich, mit Großen Sprachmodellen Bilder zu fabrizieren, welche auf poetischen Texten beruhen. Beispielsweise kann man Heiner Müllers BILDBESCHREIBUNG per Link als Prompt zur Verfügung stellen und darum bitten, daraus ein Gemälde zu erzeugen. Dann kommt dieses Ergebnis zustande:

(Das Bild wurde mit GROK erzeugt.)

Aber Warnkes Denkanstöße gehen selbstverständlich weit über das hinaus, was hier (aus Neugier) ausprobiert und zur Schau gestellt wurde. Warnke verweist darauf, dass es bei Entwicklung von sogenannter KÜNSTLICHER INTELLIGENZ einen bemerkenswerten Paradigmenwechsel gab. Gestützt auf mathematische und linguistische Theorien sind LLM in der Lage „Sprache ohne Weltbezug“ zu erzeugen. Die Apparaturen funktionieren rein statistisch als Wahrscheinlichkeitsmodelle für die grammatische Verknüpfung von Textbausteinen. Deshalb „verstehen“ sie nichts, sondern konzentrieren sich auf das Gewebe von Zeichenketten. Es gibt dabei eine interessante Analogie zur Kabbala: Bedeutung entsteht aus Text-Kombinationen selbst, nicht aus Realität. Solche KI-Diskurse können metaphorisch mit „magischem Denken“ in Verbindung gebracht werden. Warnke betont explizit, dass die Innovationen bei LLM nicht mehr (vorrangig) auf Neurophysiologie (oder auf simulierten neuronalen Prozessen) beruhen (wie es in der Frühphase der KI oder bei „neuronalen Netzen“ geschah), sondern auf linguistischen und mathematisch-statistischen Theorien.

Seine archäologischen Erkundungen zu den Ursprüngen der KI-Forschung gehen auf die Sprachtheorie von Zellig S. Harris ein. Außerdem werden hypothetische Überlegungen von Walter Benjamin berücksichtigt. Warnke führt ebenso Zitate von Gershom Scholem und Umberto Eco an, um den „Schlüsselcharakter der mystischen Exegese“ zu erläutern. Gestützt auf Untersuchungen von Andreas Kilcher werden zwei Arten der Hermeneutik unterschieden, bei denen „Sinn innerhalb oder außerhalb der Sprache“ zu lokalisieren ist. „Auf der einen Seite steht der veräußerlichende Prozeß der Zeichengebung, auf der anderen der verinnerlichende Prozeß der Sinnfreilegung“.2 LLM verstricken sich dabei in Widersprüche. Auch bei der Kabbala entstehen Sinn und Bedeutung durch die Auslegung von Texten selbst (ohne notwendigen Rückgriff auf eine vorgängige „Realität“). Wenn nun LLM Text aus Text generieren und auslegen, ist das schlechterdings eine „gottlose Kabbalistik“.

Bei metaphysisch obdachlosen Zeitgenossen kommen an dieser Stelle Zweifel auf. Und man fragt sich: Folgt etwa auf die Botschaft Gott ist tot das Echo: Totgesagte leben länger?

Selbst Umberto Eco, den Warnke mehrfach zitiert, spricht von Gott: „Wenn Gott die Welt durch Emission von sprachlichen Lauten oder alphabethischen Lettern geschaffen hat, dann sind diese semiotischen Elemente nicht Repräsentanten von etwas, demgegenüber sie präexistent waren, sondern Modellformen, an welchen sich die Elemente bilden, aus denen die Welt besteht“ (S. 89).     

Im neuen Testament findet sich bekanntlich die Bibelstelle: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1-18 ELB). Wenn man den Überlegungen von Heinz Schlaffer folgt, lässt sich ergänzen (und präzisieren), dass die Menschen anfangs ihre Worte an göttliche Wesen gerichtet haben. Schlaffer geht davon aus, dass Dichtung ursprünglich als eine sonderbare „Geistersprache“ entstanden ist. Das heißt, schon in grauer Vorzeit begannen Menschen „mit außermenschlichen Wesen – mit Geistern, Göttern, beseelten Dingen – in eine nutzbringende Verbindung zu treten“, um beispielsweise medizinische Heilwirkungen hervorzurufen oder den Jagderfolg zu beschwören.3

Dazu wurde eine sonderbare Laut- und Zeichensprache erfunden, die Schlaffer als Vorläufer der Lyrik betrachtet. Allerdings sind die Intentionen, die mit solchen sprachlichen Praktiken verbunden waren, durch die Aufklärung (weitgehend) obsolet geworden. Dennoch: „Die Freistellung von den einstigen Aufgaben verschafft der Lyrik neue ästhetische Möglichkeiten. Wohllaut, Witz, der Reichtum an Themen und die Vielfalt der Sprachexperimente nehmen zu“4.

Es kann auf diese Weise ein immenser Sinnüberschuss erzeugt und weiter bespielt werden. Laut Schlaffer schafft der Dichter „eine moderne Entsprechung zur archaischen Geistersprache“5.  In ähnlicher Weise könnte man sich das Verhältnis vorstellen, in dem hochmoderne („gottlose“) Sprachmaschinen und sakrale Kabbala zueinander stehen. Aber die systemimmanent auftretenden „Halluzinationen“ und „gottlosen“ Verfehlungen der LLM lassen sich wohl nicht durch religiöse Mystik beseitigen. Es wäre zu prüfen, ob sie durch Poesie, Kunst und schöpferische Phantasie dialektisch aufhebbar sind. Das beseitig die Zweifel und die Fragwürdigkeit nicht. Immerhin kann erprobt werden, was „ästhetische Möglichkeiten“ sowie künstlerische Interventionen im Zusammenspiel mit KI zum „Reichtum an Themen“ und zur „Vielfalt der Sprachexperimente“ beitragen.

Kabbala-Krimis existieren bereits. Gewiss werden (wurden) auch schon zahlreiche Kriminalromane verfasst, in denen LLM zum Einsatz kommen, um einen (komplizierten) Fall zu lösen. Auch sind Geschichten denkbar, in denen erzählt wird, wie technische Fehler dazu führen, dass ein Unschuldiger dran glauben muss. Im realitätsentlasteten Spielraum der Kunst ist KI hoffentlich unschädlich. Es wäre sogar gut möglich, dass bei Anwendungen, die im ästhetischen Rahmen erfolgen, die unerwünschten Halluzinationen fruchtbare Akzente setzen. Sie könnten zum Beispiel Anregungen für bislang unbekannte Varianten des magischen Realismus erbringen. Man kann zurecht einwenden, dass solche Spekulationen überzogen sind. Da wir uns derzeit noch in einer Frühphase der KI-Entwicklung befinden, ist Zurückhaltung angebracht.

Ob die Aufklärung im 21. Jahrhundert tatsächlich mit Hilfe von LLM in eine bessere Phase eintritt, ist ungewiss. Der Menschheit wird ihre kognitive Dissonanz sicherlich erhalten bleiben. Die quantitative Vermehrung von Informationen garantiert keine höhere Qualität beim Wissen. Mit langwierigen evolutionären Vorgängen ist zu rechnen. Der Buchdruck war bekanntlich eine Voraussetzung für den Diskurs der Aufklärung, der die ENTZAUBERUNG DER WELT beschleunigte. Bereits 1440 hatte Johannes Gutenberg das leistungsstarke Druckverfahren erfunden, welches eine Lektüre-Konjunktur mit sich brachte. Bis zum Beginn der Aufklärung dauerte es danach noch gut 200 Jahre (+/- x). Erste Impulse zur „Erfindung“ der LLM sind (laut Warnke) in den 1970-er Jahren von Zellig Sabbetai Harris vermittelt worden. In den folgenden 50 Jahren kamen zahlreiche technologische Innovationen hinzu. Auf Fortschritte (und Verluste), die es in den nächsten 20 Jahren geben wird, darf man gespannt sein. Werden jene KI-Mängel abgestellt, die Warnke aufgezeigt hat? Kann der fehlende Weltbezug kompensiert werden? Wird vielleicht der „universelle Verblendungszusammenhang“ (Adorno) durch Schatten abgeschwächt, die von magischen LLM-Gegenlichtern geworfen werden? Setzt sich das widerspruchsreiche Wechselspiel zwischen Aufklärung und Romantik fort, das Jürgen Kaube kürzlich in einem DLF-Essay skizziert hat?

Können wir mit Hilfe von LLM wenigstens 10 Prozent davon erschließen? Richard Rorty hat die pragmatische Empfehlung gegeben, „mit verschiedenen Beschreibungen des selben Ereignisses zu jonglieren, ohne zu fragen, welche von ihnen die richtige sei – Neubeschreibungen als Werkzeuge anzusehen, nicht als Anspruch, das Wesentliche entdeckt zu haben“.6

An Sinngebung herrscht beim Jonglieren wahrlich kein Mangel. Auch die Umwertung der Werte läuft auf Hochtouren. Dennoch macht sich Nihilismus breit und es droht die Sprachverwirrung des legendären Turmbaus zu Babel. Freilich findet sich in der Welt noch sehr viel Sprachgut, das gar nicht verschriftlicht wurde. Es entzieht sich ebenfalls der Digitalisierung. Somit steht dieses semantische Material für (kabbalistische) Prozesse der LLM nicht zur Verfügung. Andererseits muss man davon ausgehen, dass viele Texte zunehmend nur noch von maschinellen Sprachmodellen einer Lektüre unterzogen werden. Menschen können lediglich eine eng begrenzte Textmenge lesen. Trotz des Überangebots an Daten sind wachsende kulturelle Defizite zu beklagen. Die Irrtümer nehmen zu.

Mit solchen Lektürefrüchten im Hinterkopf besuchte ich am letzten April-Sonntag die Prager Oper. Dort wurde die Metamorphosen-Inszenierung vom Regie-Duo SKUTR (Martin Kukučka und Lukáš Trpišovský) dargeboten. Warnkes Geschichte der Sprachmodelle geriet in Vergessenheit. Ich überließ mich der Musik und insbesondere den gesungenen Vokalen.

Unwillkürlich schweiften die Gedanken ab. Aber plötzlich fiel mir ein, dass auch im LLM-Kabbala-Buch mehrfach von Vokalen die Rede ist. Vokale haben viel mit Prosodie und Metamorphosen zu tun. Warnke hatte geschrieben: „Der sinnschwangerne Text muss in der kabbalistischen Hermeneutik buchstäblich genommen werden […]. Die Notationspraxis der Tora spielt hierbei eine entscheidende Rolle, weil sie wegen der Eigenart des Hebräischen den Text von vornherein unterbestimmt kodiert, schließlich werden nur Konsonanten und nicht auch die Vokale der gesprochenen Sprache geschrieben. Es gibt also die Schriftsprache der Tora, die nur aus Konsonanten besteht und erst durch Hinzufügung der Vokale in eine sprechbare Sprache mit einer eindeutigen Semantik verwandelt wird. Wo welche Vokale eingeschoben werden, ist also nicht nur eine Frage der Konvention, sondern eröffnet den Raum für deutende Willkür“.7

Das reichert er mit der Erklärung von Chaim Joseph David Azulai an: „Wenn der Mensch Toraworte spricht, so erzeugt er ständig geistige Potenzen und neue Lichter, die wie Arzneien aus täglich neuen Zusammensetzungen der Elemente und Konsonanten hervorgehen“.

Wiederum lässt sich auch Scholem zitieren: „Die einzelnen Buchstaben oder ihre Verbindung brauchen als solche keinen ›Sinn‹ zu haben; im Gegenteil, das ist ihr Vorteil, daß sie uns oft nichts zu bedeuten scheinen […]“ – und  Warnke konstatiert: „Text ohne Syntax oder Semantik; Sprache ohne Verstehen: Sinn, der erst in der ekstatischen Versenkung aus der Schrift hervorquillt. Mit ihren Eigenschaften weist die Kabbala voraus auf die Sprachstrukturen, wie wir sie in den Large Language Models vorfinden […]“9.

Seit dem 16. Jahrhundert gehört Prag zu den wichtigsten Orten für Mystik in Europa. Unter Kaiser Rudolf II. entwickelte sich die Stadt zum Hort für Alchemisten und Sprachgelehrte. Da ist es kaum verwunderlich, dass sich auch Kafka in der „magischen Stadt“ mit der Kabbala befasst hat. Gern wäre ich diesen Spuren gefolgt, doch der Ausflug in den Prager Frühling war kurz (und aufschlussreiche Bücher zu Kafkas Spracherkundungen waren nicht zur Hand). Griffbereit lauerte allerdings schon während der Anreise im Zug eine andere Schrift (das Heft 3 der Zeitschrift SINN UND FORM aus dem Jahr 2009) im Rucksack. Und so begann ich darin zu blättern.

Im dort erstmals publizierten Briefwechsel von Ernst Jünger mit Gershom Scholem findet man ein Schreiben vom 21. Juni 1976: „Lieber Herr Scholem, gestern sah ich Sie im Bildschirm; die Sendung hatte sich wegen eines Fußballspiels verzögert bis tief in die Nacht. Sie berührten ein Problem, das mich von Kind auf beunruhigt hat – ich meine: die Unvollkommenheit der Welt. Ich sehe, daß die Kabbala es, wenngleich nicht gelöst, so doch einleuchtend begründet hat, jedenfalls Besser als durch die Vertreibung aus dem Paradies“ (S. 298). Bei dem erwähnten TV-Beitrag handelt es sich um den Film Gershom Scholem. Lebensgeschichte als Zeitgeschichte von Jörg Drews, der am 20. Juni 1976 in der ARD gesendet wurde (und beim Fußballspiel hat Deutschland gegen die Tschechoslowakei verloren).

Im Hotelzimmer konnte ich zu später Stunde Scholems Konterfei im Notebookbildschirm aufrufen.

Er erläuterte einige Aspekte der Kabbala und betonte: „Kabbala heißt auf Hebräisch: ›Überlieferung‹, respektive: ›Empfangen von Überlieferung‹. Überhaupt hat sie an sich gar keinen mystischen Sinn; kann auch ganz gewöhnlich gebraucht werden (ich habe eine Überlieferung empfangen über Das und Das).

Aber im Lauf der Entwicklung hat es im Mittelalter (um Zwölfhundert etwa) den Sinn angenommen von Überlieferungen über göttliche Dinge, über geheime Dinge, über tiefe Dinge.“10

Und weiter: „Kabbala ist kein System […], sondern ein Gesamtbegriff, der sehr verschiedene Entwicklungen umfasst, verschiedene Denkformen […], in denen Juden versucht haben, ihr Selbstverständnis (wie man heute sagen würde) zu formulieren. Und, wie ich sagte, in symbolischer Weise wesentlich zu formulieren […]. Historisch ist Kabbala der Deckname (und Gesamtbegriff) für alle diese Dinge“. Was die Kabbalisten ausgezeichnet hat ist „die Symbolische Auffassung der Welt“. Es geht um die Auffassung „eines symbolischen Körpers, in dem etwas Unaussprechbares sichtbar wird“. Diese „symbolische Auffassung der Welt, die die Kabbalisten mit sehr, sehr vielen Mystikern teilen, ist für“ Scholems „Gefühl, einer der wesentlichen Aspekte der Kabbala“. Er verweist nachdrücklich auf Isaak Luria.

Von diesem Denker wurde eine „Vorstellung entwickelt, die die alte Kabbala nur sehr schemenhaft gekannt hat.“ Darin geht es um die „Selbstbeschränkung Gottes in der Schöpfung. Das heißt: eine streng theistische Idee, ein neues Symbol. Damit überhaupt eine Welt existiert, die nicht Gott ist, muss sich Gott“ kontrahiert haben. Er interpretierte Kabbala neu und entwickelte eine lurianische Lichtmystik. Dazu gehört u.a., dass Gott „eine Selbstbeschränkung seines Wesens vorgenommen“ hat und damit die (geistige) Möglichkeit eröffnete, „das überhaupt Sein existiert, das nicht Gott ist“. Das heißt: Gott hat sich „sozusagen auf sich selber zurückgezogen“, „um uns Platz zu machen“. Diese Vorstellung ›Tzimtzum‹ (hebräisch צמצום) „ist eines der grundlegendsten Symbole der späteren Kabbalisten“. Damit hängt nach seiner Überzeugung „die Erfahrung der spanischen Juden von der Grausamkeit des Exils“ zusammen. Bemerkenswert ist außerdem, dass es (laut Lurian) zu einem Unfall im Schöpfungsgeschehen kam (תֹּהוּ וָבֹהוּ tōhū wā-ḇōhū). Das Licht (hebräisch אור or) wird zu gewaltig, die Gefäße brechen, ein Schwirat ha-Kelim (hebräisch שבירת הכלים) ist zu beklagen, die Schöpfung gerät dadurch in Unordnung.

Scholem erklärt: Solche Vorstellungen gehen alle „von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus und sind alle Kabbala“. Die lurianische Lichtmystik, die das Tohuwabohu mit einem Unfall im Schöpfungsgeschehen einleuchtend begründet, könnte jenes Problem symbolisch betreffen, das Jünger als „die Unvollkommenheit der Welt“ bezeichnet hat. In seinem letzten überlieferten Scholem-Brief ließ Jünger den Kabbalisten wissen: „Die Weltlage ist düster; vielleicht kommen wir ohne Wunder nicht aus“ (S. 302). Es mag nur eine wunderliche Hypothese sein, aber beim Namen des Kabbalisten Lurian schwingt ein sonderbarer Klang mit. Wenn man die Buchstaben vertauscht und ein („magisches“) ›m‹ hinzunimmt, lässt sich das Wort ›Luminar‹ bilden. Mit diesem Ausdruck bezeichnete Jünger in seinem Roman Eumeswil einen magischen Apparat, und er notierte sich am 8. Dezember 1977: „Zu ›Eumeswil‹. Es kann nicht schaden, wenn der Magische Apparat nur angedeutet, nicht im Detail geschildert wird. Sonst fiele er, was überhaupt die Gefahr der magischen Praxis ist, zur bloßen Technik ab“.11

Im Roman wird diese technische Errungenschaft exemplarisch beschrieben: „In den Katakomben wurde nicht nur eine Enzyklopädie von unfaßlichen Ausmaßen geschaffen, sie wurde auch aktiviert. Geschichte wird nicht nur beschrieben, sondern auch gespielt … Hier müssen sowohl Wissende als Künstler am Werk gewesen sein, selbst hellsehende Geister, die in den Kristall blickten.“12

Wie könnte eigentlich so ein Luminar-Tool aussehen? Wenn man Jüngers vage Andeutungen zum Luminar als Prompt verwendet, gestaltet die KI-Apparatur diese Illustration:

(Das Bild wurde mit GROK und ChatGPT erstellt.)

Jünger interessierte sich übrigens nicht nur für die Kabbala, sondern auch für Vokale. In seinem Text Lob der Vokale ging er auch auf den Farb-Code ein, den sich Arthur Rimbaud für Vokale ausgedacht hatte. Er verwies jedoch zugleich auf „die tiefe Verschiedenheit zwischen zwei Sprachen“ und sah sich „eher geneigt dem A und dem O die beiden Lichtfarben Rot und Gelb zuzuordnen, während I und U den dunkleren Erdfarben nahestehen“13.  

Mit einem Luminar-LLM kann Rimbauds magischer Traum heutzutage visualisiert werden. Der Prompt, der sich auf jenen Text stützt, den Rimbaud hinterlassen hat, ergab diese Visualisierung:

(Das Bild wurde mit ChatGPT erzeugt.)

„Ich träumte Kreuzzüge, Entdeckungsreisen, über die es keine Berichte gibt, Republiken ohne Geschichte, erstickte Religionskriege, umgestürzte Sitten, Wanderungen der Völker und Kontinente: ich glaubte an allen Zauber.

Ich erfand die Farbe der Vokale! – A schwarz, E weiß, I rot, O blau, U grün. – Ich bestimmte Form und Bewegung eines jeden Konsonanten, und mit Hilfe unwillkürlicher Verse schmeichelte ich mir, eine poetische Sprache zu erfinden, die früher oder später allen Sinnen zugänglich sein würde. Die Übersetzung behielt ich einstweilen für mich“.14

Ich staunte jetzt über das seltsame Ei, welches in der vorhergehenden Luminar-Illustration oben links schwebt. Zunächst wirkt dieses Symbol wie ein verhunztes, zusätzliches Ornament, das nur stört. Aber gerade durch diese grün-rot-schwarze Ei-Irritation fällt auf, dass die Vokale U (grün), I (rot) und A (schwarz) auch im Namen Lurian und ebenfalls in Jüngers Neologismus Luminar vorkommen. Mit dieser zufälligen Petitesse in der Illustration wird die Vermutung erweckt, dass der Autor in seinem Roman Eumeswil mit dem Luminar (wissentlich oder unwissentlich) dem Kabbalisten Lurian eine Referenz erwiesen hat.

Grundsätzlich darf man wohl davon ausgehen, dass KI-Bilder dem Inhalt nicht gerecht werden, den sie illustrieren sollen. Ein Mehrwert ergibt sich höchstens durch Zufall (durch kontingente Koinzidenz). Es stellt sich dennoch die Frage, ob es bei LLM neben der Linguistik-Strömung auch einen Iconic Turn (oder einen visuellen Strudel) gibt (geben wird). Solche Tendenzen sind freilich genauso problematisch wie die erzeugten Inhalte. Das führt zu einem Hinweis von Marshall McLuhan, den Warnke ebenfalls aufgegriffen hat und der hier illustriert wurde:

(Das Bild wurde mit ChatGPT erzeugt.)

Von dem Medientheoretiker Marshall McLuhan wurde behauptet, dass der Inhalt eines Mediums „mit dem saftigen Stück Fleisch vergleichbar“ ist, „das der Einbrecher mit sich führt, um die Aufmerksamkeit des Wachhundes abzulenken“. Da liegt die Frage nahe, welche Kino-Filme einen Inhalt haben, der mit einem „Stück Fleisch“ vergleichbar ist, das nicht nur saftig, sondern noch dazu vergiftet ist? Die Antwort, die eine kabbalistische Sprachmaschine hierauf gegeben hat, benannte Psycho (1960) von Alfred Hitchcock. Der Krimi-Plot wird als das „saftige Stück Fleisch“ eingesetzt. Toxisch wirkt dann die berühmte Duschszene. Das Kinopublikum ist zunächst und zumeist ganz auf die inhaltlichen Fragen fixiert, die aus der Film-Erzählung hervorgehen; filmästhetische oder formale „Schachzüge“ werden nur im Unterbewusstsein wahrgenommen. Schade, dass man bei dem verstorbenen Medientheoretiker nicht nachfragen kann. Oder doch? Mir fällt die „Séance mit Marshall McLuhan“ ein, die Baruch Gottlieb bei einer „.move-ON-Konferenz“ der Werkleitz Gesellschaft im Jahr 2015 zelebriert hat (siehe hier). Das wäre vielleicht ein schönes Beispiel für ein (ironisch imprägniertes) Geistergespräch in spätmodernen Zeiten.

Prag macht müde. Schlaf. Traumbilder: Hamlet-Schweigen. Kerzen flackern. Das Gremium, das eine Séance veranstaltet, will herausfinden, was Klaus Mann von dem Film Vaterland (Fatherland / 1949) von Paweł Pawlikowski hält. Die MDM-geförderte Produktion läuft jetzt tatsächlich im Wettbewerb in Cannes. (Vgl. auch den CulturMag-Beitrag vom Januar 2026: Mann-O-Mann * Report aus Cannes.)

Im Traum ist es nicht etwa der MDM-Vergabeausschuss, sondern eine Festival-Jury (unter Leitung von Iris Knobloch), die gespannt auf eine Antwort wartet. Endlich sind Worte zu vernehmen. Alle Anwesenden verstehen etwas anderes. Aber höchstwahrscheinlich hatte der Geist von Klaus verlauten lassen: „Je ne sais pas – fragt meinen Vater, den ‚Zauberer‘ oder die Erika“. Überliefert wurde jedoch eine andere Auskunft. Das Gespenst soll angeblich gesagt haben: „Ja, der Inhalt von Pawlikowskis Film ist saftiges, vergiftetes Fleisch“. Inhalt ist nicht irrelevant, aber erst eine phantasievolle Formensprache erzeugt Faszination. Übertreibungen und überraschende Abweichungen von bekannten (bewährten) Mustern lösen Affekte aus. Pittoreske Darstellungen und Wortspiele waren schon beim Bildungsbürgertum im Biedermeier sehr beliebt. In geselliger Runde wurden Spielchen veranstaltet. Walter Benjamin hat dazu ein Beispiel angeführt, das Warnke für seine LLM-Geschichte heranzieht: die Aufgabe bestand damals darin, vorgegebene Vokabeln (wie beispielsweise: Brezel, Feder, Pause, Klage, Firlefanz) in einen bündigen Zusammenhang zu bringen.16 Dieses Biedermeier-Experiment wurde von einer LLM recht hübsch visualisiert:

Den Text des Prompts hat ChatGPT gleich mit ins Bild übernommen.

Wenn man so etwas nachstellt und darum bittet, diese fünf Worte: Kafka, Kabbala, Golem, Gefäß, Scherben in einen bündigen Zusammenhang zu bringen, spuckt die Maschine diesen Text aus:

„Kafka stolpert durch die Kabbala, formt einen Golem aus einem zerbrochenen Gefäß – doch was entsteht, sind nur Scherben seiner selbst“.

Nun könnte man das visualisieren lassen oder weitere Nachfragen stellen. Aber, lassen wir das. Wenigstens auf die so genannte Dingsprache, die Benjamin mit seinem (von Warnke servierten) Lampenbeispiel versucht hat, anschaulich zu machen, soll noch kurz eingegangen werden:

„Die Sprache teilt das sprachliche Wesen der Dinge mit. […] Jede Sprache teilt sich selbst mit. Die Sprache dieser Lampe z.B. teilt nicht die Lampe mit (denn das geistige Wesen der Lampe, sofern es mitteilbar ist, ist durchaus nicht die Lampe selbst), sondern die Sprach-Lampe, die Lampe in der Mitteilung, die Lampe im Ausdruck. Denn in der Sprache verhält es sich so: Das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache“17.

Das erinnert auch ein wenig an Platons Ideenlehre. Die von ihm postulierten Ideen sind immateriell und nur durch geistige Einsicht erkennbar. Der Demiurg kann von der Idee einer idealen Lampe nur ein unvollkommenes Surrogat herstellen, dessen Wesen verschattet ist. Demzufolge lässt sich die Lampe sprachlich nicht vollkommen mitteilen. Eine unendliche Erzeugung von mannigfaltigen Lampen-Varianten wäre (inklusive der dabei auftretenden Fehler) zum Ausdruck zu bringen. Wenn man LLM bittet, diese Situation zu visualisieren, präsentiert der Apparat die folgende Darstellung:

(Das Bild wurde zunächst von ChatGPT entworfen und mit GROK weiterbearbeitet.)

Was wir eigentlich sehen müssten ist „so etwas wie die Entsprechung zwischen dem gemeinsamen Auftreten von Wörtern und dem wahrgenommenen gemeinsamen Auftreten von Objekten und Ereignissen, über die diese Wörter sprechen“.17 Hätte Karel Zeman einen Trick gewusst, um dieses Phänomen sichtbar zu machen? Einige Kunststücke und Film-Spezialeffekte des Altmeisters sind in Prag (unweit der Karlsbrücke) im Museum zu bewundern.

Martin Warnke leitet mit diesem schönen Zitat das Schlusskapitel seines Buches ein:

„Die Hauptarbeit bestand darin, Fragmente aus ihrem Zusammenhang zu reißen und sie neu anzuordnen, und zwar so, daß sie sich gegenseitig illuminieren und gleichsam freischwebend ihre Existenzberechtigung bewähren konnten. Es handelte sich durchaus um eine Art surrealistischer Montage“ (Hannah Arendt)18.     

Mein abschließender Blick ins Luminar: Was sehe ich? Da steht doch wahrlich Johannes R. Becher am Grab von Klaus Mann in Cannes; er hat ein wenig Ähnlichkeit mit dem Schauspieler David Striesow. Was höre ich? Die Figur spricht ein Becher-Poem aus dem Jahr 1948: „Müde bin ich alles dessen, / All der Pein, jahraus, jahrein, / Und ich will nichts als vergessen / Und will selbst vergessen sein“.19

Verflixt! Der magische Apparat halluziniert schon wieder. Immer wieder wird über solche KI-Pannen berichtet. Beispielsweise gab es ein Pilotprojekt mit IBM, das eingestellt werden musste, „nachdem die KI durch kreative Fehlinterpretationen auffiel. In den USA wurden Fälle bekannt, in denen das System ungefragt Eisbecher mit Speck garnierte“.

Wie häufig kommen eigentlich die so genannten „Halluzinationen“ bei LLM vor? Studien besagen, dass die typische Halluzinationsrate vom jeweiligen Thema abhängt. Bei einfachen Faktenfragen mit gut erläutertem Kontext (z. B. „Hauptstadt von Tschechien?“) liegt die Halluzinationsrate unter 5 %. Bei einer Evaluierung zu verschiedenen Fachgebieten wurde 2023 als durchschnittliche Halluzinationsbenchmark eine Kennziffer von rund 20 % ermittelt. Bei komplexen Fachaufgaben schwankt die Halluzinationsrate zwischen 30 und 80 Prozent. Scheinbar verhält es sich so ähnlich wie beim tschechischen Bier. Meistens wird es mit zirka 10 Prozent Schaum und 90 Prozent Flüssigkeit serviert.

(Das Bild wurde mit ChatGPT erzeugt.)    

Beim Anblick der schematischen Abbildung eines Eisbergs findet sich dieselbe Proportion.  Schon 1750 hatte der russische Dichter und Universalgelehrte Michail Lomonossow den Unterschied der Dichte von Eis (0,920 Kilogramm pro Liter) und von Meerwasser (1,025 Kilogramm/Liter) ermittelt und daraus abgeleitet, dass sich 90 Prozent der Eismasse (unsichtbar) unter der Wasseroberfläche befinden.

(Das Bild wurde mit ChatGPT erzeugt.) 

Mit dem Alltagsbewusstsein erfassen wir nur bestenfalls die Spitze des Eisbergs. Den unsichtbaren Rest versuchen Wissenschaft und Kunst zu ergründen. Wie schon erwähnt20 scheint ein Proprium beim menschlichen Gehirn darin zu bestehen, dass 90 % der grauen Zellen mit Binnenkommunikation beschäftigt sind und nur 10 % mit der Verarbeitung von Reizen aus der Außenwelt ausgelastet werden. Beim Bier kam die Frage auf, ob man auch die Bilanz der Filmförderung auf diese Weise kennzeichnen kann. Das heißt bei den geförderten Projekten beträgt womöglich die Filmkunstrate ungefähr 10 % und ansonsten kommt dabei zu 90 % Kitsch21 heraus. Wie sieht es hinsichtlich der Rückflussquote bei den Filmproduktionen aus? Alan Posener hat das im Jahr 2012 recherchiert.

Aktuellere Zahlen sind derzeit nicht öffentlich zugänglich. Offenbar schwankt der Rückfluss bei den bedingt-rückzahlbaren Darlehen zwischen rund 3 und 13 Prozent. Rund 90 Prozent der Mittel sind letztlich als verlorene Zuschüsse zu verbuchen. Man möchte sagen: hier gilt die eiserne Neunzig-zu-Zehn-Formel nicht. Stattdessen verhält es sich wie beim „Mlíko“.  Wer in einer Prager Kneipe dieses Getränk bestellt, erhält ein Glas mit 99 % Schaum und nur sehr wenig Bierflüssigkeit. Manchmal beträgt der Schaumanteil aber auch nur 90 Prozent (minus x). Je nach dem, was da gerade verzapft wurde, gibt es kleinere oder größere Unterschiede. Beim geselligen Genuss von „Mlíko“ dämmert es: Ausschlaggebend für den Erfolg von Filmförderung sind weder Regionaleffekte noch monetäre Rückzahlungen, sondern es ist die künstlerische Qualität, auf die es ankommt. Denn kulturelles Kapital ist nachhaltig (und vermehrt sich sogar dadurch, wenn man es mit anderen teilt); schnell zerfällt hingegen der Wert von Geld. Demnach sollte der Goldene Schnitt die Zielgröße für Filmförderung sein. In der Ästhetik gilt diese Proportion noch immer als besonders schön. Zur „proportio divina“ hat Leonardo da Vinci eine berühmte Studie nach Vitruv gezeichnet:

Studie von Leonardo da Vinci nach Vitru / Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Beim Ermitteln der quantitativen Maßverhältnisse für den Goldenen Schnitt geht es um die stetige Teilung einer Strecke. Das bedeutet, die Zerlegung in zwei Teilstrecken muss so erfolgen, dass sich die längere Teilstrecke zur kürzeren Teilstrecke verhält wie die Gesamtstrecke zur längeren. Die prozentualen Anteile von Teilstrecke a und Teilstrecke b sind hier veranschaulicht: 

Also: eine Filmförderung ist dann erfolgreich, wenn (mindestens) 61,8 % der geförderten Projekte das Prädikat ›künstlerisch wertvoll‹ verdient haben. Die FWB gibt es nun leider nicht mehr. Umso wichtiger sind Filmkritik und Festival-Erfolge als Indikatoren für die Evaluierung der Förderentscheidungen. Die Bewertung sollte natürlich keinesfalls den LLM überlassen werden.   

Darstellung eines Milchmädchens von Gustave Doré / Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Mein flüchtiges Fazit der Warnke-Reiselektüre (+ Gedankenabschweifung) ist gewissermaßen eine Milchmädchenrechnung. Nicht mit Zahlen, sondern mit Worten wurde diese Bilanz ins Notizbuch gekrizelt: Den vollmundigen Versprechen von KI-Matadoren darf man keinesfalls blind vertrauen. Dennoch wird sich der Siegeszug von LLM fortsetzen. Diese Tools kommen nicht nur beim Verfassen und Lektorieren von Drehbüchern, sondern beim gesamten Filmproduktionsprozess und ebenfalls bei der Vermarktung verstärkt zum Einsatz.

KI-Kunst lässt sich als „rettende, heilkundige Zauberin“ verklären, die „jene Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen“ vermag, „mit denen sich leben lässt“ (Nietzsche: DIE GEBURT DER TRAGÖDIE, § 7). Sprachmaschinen eignen sich ebenso zur Überlieferung von Kulturgut wie zur ideologischen Manipulation. Sie sind unersättliche Energiekonsumenten und lassen sich zur Ausbeutung bzw. Profitmaximierung verwenden.

Künstlich erzeugte Sprache bringt Gehäuse hervor, die bewohnbar sind, aber auch zur Falle werden können. Viele Verluste22, die in der kulturellen Evolution vorkommen, sind irreversibel. In post-pandorischen Zeiten entweicht die Hoffnung aus dem zerbrochenen Behälter. Sie schwebt davon und zerstreut sich. Zurück bleiben die Scherben eines Golems. Lässt sich „Mlíko“ zu einem kabbalistischen Symbol elaborieren? Yuval Noah Harari hat sich mit dem Homo Deus23 befasst. Philosophische Reflexionen von Wolfgang Welsch laufen auf den Homo Mundanus24 – anders gesagt: auf die Verwindung des anthropozentrischen Paradigmas der Moderne hinaus. Vielleicht würde es sich für Kabbalisten lohnen, über eine Selbstbeschränkung des Menschen tiefer nachzudenken? Oder man befragt LLM zum Thema der Hybris. Ikarus sollte uns eine Warnung sein; in der Prager Oper deuteten Plastikflaschenflügel die Kalamitäten an, in die jene geraten, die hoch hinauswollen. Womöglich kommt jedoch (unerwartet) ein Wendepunkt, der in eine ganz andere Richtung führt. Berechnen lässt sich das nicht.

(Das Bild wurde mit ChatGPT erzeugt.

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Dr. Thomas Hertel (1960) hat sein Engagement für die Filmförderung zum 30. April beendet und schwimmt nun in unbekannten Gewässern. Weiterhin gilt die Devise: „Sich irren und dennoch seinem Inneren weiter Glauben schenken müssen: – das ist der Mensch“ (Benn).

Siehe auch von ihm bei uns:
Mit Jorge Luis Borges auf Mallorca
Mann-O-Mann * Report aus Cannes
Filmkunst ist kein Pferderennen

Anmerkungen:

  1. Warnke, Martin: Eine kleine Geschichte der Großen Sprachmodelle, Matthes & Seitz Berlin 2026, S. 68 – 75.
  2. Kilcher, Andreas B.: „Die Sprachtheorie der Kabbala als ästhetisches Paradigma. Die Konstruktion einer ästhetischen Kabbala seit der frühen Neuzeit“, Stuttgart 1998, S. 9 – zitiert nach Warnke, S. 87).
  3. Schlaffer, Heinz: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. München 2012, S. 10.
  4. Schlaffer, Heinz: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. S. 11.
  5. Schlaffer, Heinz: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. S. 198.
  6. Jürgen Kaube, DLF-Essay: Zum gegenwärtigen Streit zwischen Aufklärung und Romantik, 19.04.2026
  7. Warnke, Martin: Eine kleine Geschichte der Großen Sprachmodelle, S. 95.
  8. Warnke, Martin: Eine kleine Geschichte der Großen Sprachmodelle, S. 96.
  9. Warnke, Martin: Eine kleine Geschichte der Großen Sprachmodelle, S. 100.
  10. Im Gershom-Film Minute 24:59 bis 33:11
  11. Jünger, Ernst: Siebzig verweht II, Stuttgart 1981, S. 357
  12. Jünger, Ernst: Sämtliche Werke, Eumeswil, Stuttgart 1980, Band 17, S. 306
  13. Jünger, Ernst: Sämtliche Werke, Lob der Vokale, Eumeswil, Stuttgart 1979, Band 12, S. 32-34
  14. Auszug aus der zweisprachigen Werkausgabe ARTHUR RIMBAUD, Seite 430
  15. Vgl. Benjamin, Walter: Denkbilder, Frankfurt am Main 1994 und Warnke, S. 105. 
  16. Benjamin, Walter: Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen, in: Gesammelte Schriften, Band II.1, Frankfurt am Main 1991, S. 142 f. / zitiert nach Warnke, S. 122.
  17. Harris, Zellig S.: „A Theorie of Language an Information. A Mathematical Approach“, Oxford 1991, S. 348 / übersetzt von und zitiert nach Warnke, S. 123.
  18. Arendt, Hannah: Benjamin, Brecht. Zwei Essays, München 1971, S. 58 f. – zitiert nach Warnke, S. 125.
  19. Die Lyrik-Zitate finden sich in dem Buch „Johannes R. Becher. Hundert Gedichte“, das Jens-Fietje Dwars 2008 im Aufbau-Verlag, Berlin herausgegeben hat.
  20. Vgl. Hertel, Thomas: Mit Jorge Luis Borges auf Mallorca, CulturMag, April 2026, Endnote 3.
  21. 20 Das klingt nach hochnäsiger Kulturkritik. Aber mit dem Ausdruck ›Kitsch‹ sind hier einfach Konsumgüter für den Massenmarkt gemeint, die ungefähr dem entsprechen, was man gemeinhin als Fastfood bezeichnet. Gewiss wäre es sehr schön, wenn die Mehrheit der Bevölkerung tag-täglich zu 90 % Delikatessen zu sich nehmen könnte, die ökologisch erzeugt und mit Kochkunst zubereitet sind. Aber wer kann sich das (zeitlich und finanziell) leisten? Es wäre schon nicht schlecht, wenn wenigstens 10 % der zu verdauenden Lebensmittel hochwertig sind.
  22. 21 Vgl. hierzu auch Reckwitz, Andreas: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, Suhrkamp, Berlin 2024.
  23. 22 Harari, Yuval Noah: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, C.H. Beck, München 2017.
  24. 23 Welsch, Wolfgang: Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2012.

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