
Ornament und Versprechen
Es mag zutreffen, dass dekorative Ornamente mit Versprechen verbunden sind, die in die Irre führen. Sie bleiben jedoch mit Zeichen verwandt, welche das Verirren vermeiden sollen. Wer in grauer Vorzeit unbekannte Gebiete durchstreifte, der malte zuweilen eine Chiffre an eine Felswand oder ritzte eine Markierung in einen Baum, einfach um den Rückweg zu finden. Das waren zunächst noch keine Symbole, die Besitzansprüche oder Reviergrenzen anzeigten. Noch immer folgen Wanderer wegweisenden Markierungen.
Nicht nur beim Schwimmen, sondern auch beim Wandern kann man den Gedanken freien Lauf lassen. Dann umkreisen sie beispielsweise die Frage, unter welchen Umständen Ornamente auftrumpfende Zeichen darstellen. Wenn dekorative Motive Aufmerksamkeit erregen, handwerkliche Meisterschaft oder Kunstfertigkeit hervorheben, ist das noch kein Verbrechen. Auch wenn sie auf Vermögen, Bildung oder auf die Zugehörigkeit zu einer privilegierten Gruppe anspielen, ist das nicht unbedingt verwerflich. Erst wenn damit etwas versprochen wird, was gar nicht gehalten werden soll und auf die Schädigung von Adressaten abzielt, kann es kriminell werden.

War der preußische Adler im Theater am Schiffbauerdamm ein verbrecherisches Ornament? Bertolt Brecht ließ ihn demonstrativ durchstreichen:
Schon Siegfried Krakauer hatte 1927 Ornamente in der Massenkultur als soziale Symptome gedeutet. Aufschlussreich ist die Spurensuche von Evelyn Echle zum ästhetischen Phänomen ornamentaler Oberflächen beim Stummfilm.1 Filmreihen, die darin enthaltene Thesen exemplifizieren, würden sich gewiss lohnen. Der Brechtschüler Manfred Wekwerth hat als Präsident der Akademie der Künste (kurz vor dem Ende der DDR) eine Filmreihe auf den Weg gebracht; deren Motto lautete: „Wenn ich ein Kino hätt …“.
Akademiemitglieder durften einen Film ihrer Wahl vorstellen und diskutieren. Die Intention bestand u.a. darin, international relevante (westliche) Filme auch in Ostdeutschland vorzustellen. Bei diesem Vorhaben sollten ebenfalls solche Filme gezeigt werden, die zwar kurzzeitig Beachtung fanden, aber rasch in Vergessenheit gerieten. Oftmals gelangt exquisite Film-Kunst leider nur bei Festivals ans Licht der Öffentlichkeit. Lediglich ein kleiner Clan von Cineasten bekommt sie zu sehen. Viele wichtige Filme laufen gar nicht im Kino oder sind schnell wieder verschwunden. Künstlerisch wertvolle (oder umstrittene oder thematisch sehr spezifische) Filme aus der Versenkung zu holen, ist verdienstvoll. Das Studio-Kino Magdeburg hat im Zusammenwirken mit der diesjährigen Stadtschreiberin, Anne Hahn, einen solchen Versuch unternommen. Zum Auftakt wurde der Dokumentarfilm „dakannstenichmeckern: Schleimkeim – Otze und die DDR von unten“ von Jan Heck gezeigt. Als der Film im Frühjahr 2024 in die Kinos kam, haben ihn in der Provinz nur wenige sehen können. Inspiriert wurde dieser Dokumentarfilm durch das Buch „SATAN, KANNST DU MIR NOCH MAL VERZEIHEN. Otze Ehrlich, Schleimkeim und der ganze Rest“ von Anne Hahn und Frank Willmann.2

Die Stadtschreiberin diskutierte mit Antje Mißbach (Magdeburger Punk-Szene in den 80er Jahren) und Martina Schöne-Radunski (Schauspielerin, Regisseurin, Musikerin) über verschiedenste Aspekte der Subkultur. Sie vermittelten authentische Einsichten; es gab aufschlussreiche Erläuterungen zum Kontext von Jugendkultur; man konnte den Zusammenhang von Wut und Kreativität gut nachvollziehen. Individuelle Lebenswege wurden nachgezeichnet und zu den Protagonisten des Films ins Verhältnis gesetzt. Die Anekdoten und Kommentare in diesem Gespräch steigerten den Wert des Films und stimulierten ein weiteres Nachdenken sowie Nachschlagen in Büchern.
In der Endzeit der DDR hatte die Punk-Bewegung Konjunktur; der Blues flaute ab. Denn das Punk-Motto: NO FUTURE! kam wahrscheinlich der Wahrheit näher, die dem Arbeiter- und Bauern-Staat bevorstand. Noch treffender war andererseits die Kennzeichnung: Too Much Future.3
Auch in der Kulturgeschichte der DDR von Gerd Dietrich4 kann man eine differenzierte Darstellung dazu nachlesen: Die „Gruppen Monokel, Engerling und Freygang gehörten zu jenen Bands, die sich dem Druck der offiziellen Vorgaben immer wieder entzogen. Sie genossen Kultstatus unter Trampern und anderen Nonkonformisten. Diese Klientel lehnte jede wirkliche oder scheinbare Nähe von Interpreten und Gruppen zur Funktionselite ab. Es war eine eigene Szene. Denn in der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre kam die Hochzeit der jugendlichen Blueser, Tramps und Hippies. […] Die Jeans- und Parka-Fraktion war die vitalste und langlebigste Jugendszene. Ihre Ahnen rockten in den sechziger Jahren […]. Zur vollen Blüte trieb der Langhaarigen-Untergrund in der zweiten Hälfte der Siebziger, bis ihm Punks und Heavy-Metall-Freaks den Schneid abkauften“ (p. 1664-1665). Dazu gehörten Bands wie: „Zerfall, Ostfront, Schleimkeim, Antitrott, Ernstfall, Arschlos, Ausfluss, Maulsperre, Arbeitsgeil, Die Zucht, Rattenband und Wutanfall. Ihre Texte waren ein einziger Anarchoschrei“ (1667).
Bei blauem Himmel (in Blues-Stimmung) kam neulich beim Stadtspaziergang erneut die Frage auf, „wie sich innere Wirklichkeit sichtbar machen lässt“. Noch bis zum 13. Juli 2026 ist in Quedlinburg die Ausstellung VIER MACHEN BLAU zu sehen. 1930 hatte Kandinsky Ölfarbe auf Pappe gebracht und das Werk BLAU MIT BLAU hergestellt:

Kandinsky 


„Farbe, Linie, Fläche und Rhythmus wurden zu eigenständigen Ausdrucksträgern. Wassily Kandinsky entwickelte die abstrakte Komposition als Bildsprache und verstand Farben als Kräfte mit eigener geistiger Wirkung“ (Ausstellungsflyer).
Gut und schön. Aber, was ist das?

Oder das?

Und das?

Es sind keine Transfigurationen der Kunst. Zwar handelt es sich um Ornamente, doch eigentlich kann man dafür den Ausdruck ›Zensur-Zeichen‹ verwenden. Sie stammen aus dem VOLKSKUNSTKATALOG 1987 / 1988. Irgendwie mussten damals einige Stellen überdeckt werden, sonst wäre der Katalog verboten und eingestampft worden.

Brecht und Müller gingen offenbar noch durch. Was von der „Zensur“ denn nun eigentlich genau beanstandet wurde, ist nicht mehr zu ermitteln. Gorbatschow- oder Dissidenten-Zitate waren wahrscheinlich gar nicht darin enthalten. Es könnte durchaus zutreffen, dass die colorierten Kleckse schlicht und einfach als Fehler-Cover dienten. Das heißt, mit den Ornamenten wurden lediglich Druckfehler oder veraltete Angaben oder missratende Abbildungen übertüncht. Gab es etwa gar keine systemkritische Intention? Was war damals der Fall? Egal. Schnee von gestern. Visuelle Merkwürdigkeiten lassen sich als „Poesie der Vergangenheit“ verklären oder einfach vergessen.
Die Zündung blieb eingeschaltet; der Motor vom „Wartburg“ lief, doch der Fahrer, der sich entfernt hatte, nahm schon nicht mehr am Leben in der real verwickelten Gesellschaft teil. Welche Gedanken könnten den Schwimmer bewegt haben, der sich am 7. November 1985 bei Kühlungsborn in die Ostsee begab, um sich der Agonie auszusetzen? Vielleicht fragte er sich, ob es legitim gewesen ist, den Versuch zu unternehmen, für eine radikale Utopie zu kämpfen und ein Versprechen einzulösen? War dieser Kampf „ein zum Scheitern verurteiltes Manöver“?5
Oder galten seine letzten Gedanken der ›Poesie der Zukunft‹? Blitzten alternative Ideen auf, deren Energie quasi durch geistige Kernspaltung erzeugt wurde? Utopie-Überschuss und Kamikaze-Kritik haben vermutlich Lothar Kühne begleitet, als er 68 Jahre nach dem Beginn einer bolschewistischen Revolution die Flucht ins Nichts antrat. Warum stürzte sich Empedokles in die Gluten des Ätna? Der Pferdezüchter-Enkel wollte angeblich zeigen, dass das Element ›Feuer‹ Zugang in göttliche Kreise verschaffen kann. Welches Potential mit den Elementen (Luft, Erde und Wasser) zukommt, blieb bei diesem Exempel offen. Kühne, der sächsische Absolvent der Arbeiter- und Bauern-Fakultät in Halle, hatte hingegen tief über Gegenstand und Raum sowie über Haus und Landschaft nachgedacht. Gorbatschow war im März 1985 gerade erst zum Generalsekretär der KPdSU gewählt worden; die Reformbewegung mit Glasnost und Perestroika befand sich noch in ihrem Frühstadium. Der 54-jährige Russe war für den gleichaltrigen Deutschen wahrscheinlich kein Hoffnungsträger. Hatten zu viele berechtigte Zweifel Lothar Kühne an den Rand der Verzweiflung gebracht?
Im Gewässer ist sein Denken erloschen. Wellen sind wandelbare Ornamente auf Wasseroberflächen mit kontingenter bzw. arbiträrer Symbolik. In dem Buch ERWACHENDES DENKEN von Friedhart Klix konnte ein junger Student 1985 lesen: „Immer wieder findet man auf Speerschleudern Figuren und Ornamente. In einer Höhle in Frankreich hat man mit Ornamenten bemalte Steine gefunden, deren Bedeutung dunkel ist und deren Form schon einen hohen Stilisierungsgrad aufweist. Aber was immer sie für den oder die Benutzer bedeutet haben mögen, daß ihre Ornamentik eine symbolische Funktion hatte, ist schwerlich bestreitbar, denn dafür gibt es zahlreiche weitere Belege“.6
Nicht nur im Baltischen Meer, sondern auch in warmen Badeseen kommt zuweilen Empathie mit dem ertrunkenen Philosophen auf. Beim Schlummer am Strand (im zeitlich entspannten Traum) können seltsame Visionen entstehen. Hier ein Beispiel: Edel wirkende Verschleißspuren sind am Holzgriff eines Hammers erkennbar (Oberflächenglättungen, unerhebliche Abnutzungen, Indizien für vergangene Handgreiflichkeiten). Kalter Stahl glänzt; warm und weich fühlt sich der Stiel an. Das mentale Werkzeug wird eingesetzt. Der Schlag trifft den Nagel auf den Kopf. Und es funkt; es funktioniert. Funktionalismus als Gestaltungsprinzip. Am Funken haftet kein Ornament. Funktional gestaltete Gegenstände, Verhältnisse und Prozesse müssen nicht dekorativ sein; es ist nicht notwendig, dass sie mit Kunst ausgeschmückt (also „bekunstet“) werden.
Die zugespitzte Behauptung von Adolf Loos lautet: „evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornaments aus dem gebrauchsgegenstande.“ Manche Ornamente verhaften irreversibel am Gegenstand. Andere Zeichen lassen sich leicht tilgen. Tätowierungen, die ein echtes Liebesversprechen symbolisieren, sollten einst nicht mehr vom Körper entfernbar sein. Neuerdings liegen abwaschbare, hautfreundliche Dekorationen oder Klebetattoos im Trend. Das Spektrum der Ornamentik reicht vom stigmatisierenden Zeichen (vom Kainsmal) über Idole und Schriftzeichen bis zum unleserlichen Graffiti. Überzeugungen wechseln und Versprechen werden gebrochen. Einst zeichneten sich vornehmlich Seeleute und Verbrecher mit Tätowierungen aus. Inzwischen heben immer mehr Fußballer oder Rockstars ihre Individualität und Prominenz mit einem dekorativen Markenzeichen hervor. Was die Tattoos der Schwimmstars bedeuten, hat Jule Radeck erläutert.
Filip Rambousek berichtete über das Berliner TATTOO FESTIVAL und wollte offenbar zu dieser kulturellen Mode keine affirmative Haltung einnehmen. Anthropologen verweisen darauf, dass die Abgrenzung von stark behaarten Affen in der Frühphase der Menschheitsentwicklung eine ästhetische Präferenz gewesen ist. Demnach wurden weniger stark behaarte Partner bei der Fortpflanzung bevorzugt. Einige Stämme bemalten oder tätowierten sodann die freie Hautfläche, um sich noch stärker auszuzeichnen. Schon in seinem berühmten Buch DER NACKTE AFFE gab Desmond Morris anregende Auskünfte über die nackte Haut. Der kürzlich verstorbene Zoologe, Verhaltensforscher und Künstler deutete Körperbemalung als eine Art künstliche Erweiterung biologischer Signale. Tätowierungen stellen für ihn eine Form menschlicher Selbstornamentik dar. Sie erscheinen als Stammes- und Gruppenzeichen, Rangmarkierungen, sexuelle Attraktionsmittel und sind als künstliche Individualisierung des Körpers aufzufassen.
Auch Winfried Menninghaus hat die „Menschenmode der nackten Haut“ beschrieben und konstatiert: „Die Haarlosigkeit der menschlichen Haut ist danach das erste und basale Modephänomen“ (94-96). Menninghaus führte zahlreiche Beispiele über „Lüge und Wahrheit sexueller Ornamente“ an (169) und ging auf die Verfeinerung von „natürlicher und künstlich fabrizierter Schönheit“ (171) ein. Er konstatierte: „Für sexuelle Ornamente ergibt sich […] ein gewisses Mißtrauen, das der evolutionstheoretischen Tendenz zur Gleichsetzung von Attraktivität und Fitness gelegentlich entgegenarbeitet“ (170). Die Unterschiede von biologischer und kultureller Evolution werden von ihm keineswegs nivelliert oder ignoriert. Dass es auch (falsche) Versprechen der Schönheit gibt, die kulturell erzeugt (und durch modernste technologische Verfahren ermöglicht) werden, lässt sich kaum bestreiten. Die (dekorative) Attraktivität von Gegenständen und Gebäuden behindert nicht selten deren Funktionalität. Daher ist Skepsis angebracht. Lothar Kühne betrachtete Ornamente äußerst kritisch.
Das berüchtigte Verdikt von Adolf Loos, das mit der Formel ORNAMENT IST VERBRECHEN noch zugespitzt wurde, übernahm Kühne nicht. Er brachte allerdings analytische Unterscheidungen im Hinblick auf Gestaltqualitäten bei Gegenständen zur Geltung und betonte: „Die Unterscheidung von Gestaltqualitäten nach dem technischen, dem praktischen und dem psychischen Aspekt ist selbstverständlich nur für Gegenstände sinnvoll, die Ergebnisse der Arbeit sind.“ Im Hinblick auf Ornamente sind diese differenzierenden Überlegungen von Kühne immer noch relevant: „Das Ornament ist am praktischen Gegenstand ansetzende Subjektivität, deren Logik nicht im Gegenstand und seinen Produktionsbedingungen beruht, sondern nur auf diese hin modifiziert, diesen angepaßt ist. Es steht dem in der Selbständigkeit des Praktischen hervortretenden Gegenstand kaschierend und verhüllend gegenüber“.
Das Ornament ist demnach „eine Gestalt der Kunstwelt, nicht wie sie das Praktische vermittelt, sondern wie sie sich dieses unterordnet“. Und sein Befund hebt auch diese Aspekte hervor: „Die Bedürftigkeit nach dem Ornament erwächst in der Gegenwart auch aus dem Streben, den praktischen Gegenstand anheimelnd zu binden, ihn dem Druck des zynischen modischen Verschleißes zu entziehen. Zugleich wirkt […] neu gebildetes Unbehagen gegenüber der industriellen Technik und der Wunsch, den Gegenstand als Verkörperung von Wert einzusetzen. […] Der in seiner bloß technischen und praktischen Ästhetik erscheinende Gegenstand […] verweigert nicht nur Erinnerungen, sondern erinnert an die Möglichkeiten eines anderen, noch unerfüllten Lebens und – stört. Für die Faszination der Einfachheit des Praktischen ist noch kein dauerhaftes Organ gebildet. So tritt wieder das Verklärungszeichen, das Ornament, an den Gegenstand, hebt ihn vom Reich des Praktischen wenigstens etwas ab, weil sein Subjekt dort noch nicht ganz angekommen ist […]“ .7
Lothar Kühne dachte auf eine (kommunistische) Ästhetik hinaus, die „den Widerschein der ›Poesie der Zukunft‹“ verstärkt und das Utopische nicht mehr „durch die Figuren der ›Poesie der Vergangenheit‹, der ›Poesie der Erinnerung‹“ ausblendet. Ornamente, die „ihr einfühlendes Zeichen“ auf Gegenstände mit Gebrauchswert (sowie auf natürliche Körper) malen, sollten künftig nicht unbedingt ganz vermieden, aber wohl doch reduziert werden. Aus einer anderen Perspektive stellt sich freilich die Frage: Warum soll man Poesie nicht auch „aus der Vergangenheit schöpfen“? Warum darf sie „nur aus der Zukunft“ aufscheinen? Weshalb ist (bei Kühnes Paradigmen) eine Ästhetik (bzw. eine Erbe-Auffassung) vorgegeben, die „konservative und evolutionistische Positionen“ ausgrenzt? Es trifft zu, dass Ornamente als Spuren von Erinnerung auch Zeichen darstellen, die als Versprechen aufgefasst werden können. Damit wird Bindung an Zukunftsperspektiven ebenso ermöglicht wie deren Kritik und Auflösung.
Kühne dachte darüber nach, wie das Poetische bei funktionaler Gestaltung „mit dem Begriff der Perspektive erschlossen werden“ kann. Dabei bezog er sich teilweise auf das Vokabular von Adolf Behne. Beim Gestalten sollte es um „Verzicht auf Verteidigungsstellung, auf Mißtrauen, auf Festungsbauten“, um den „Abbau der Barrieren“ und um „menschliche Offenheit und menschliche Solidarität“ gehen. Außerdem hat Kühne im Hinblick auf moderne (industrielle) Re-Produktion Beobachtungen von Walter Benjamin aufgegriffen, die die „Zertrümmerung der Aura“ sowie die „Entschälung des Gegenstandes aus seiner Hülle“ betreffen. Wurden solche Aspekte von ihm im Funktionalismus-Konzept verabsolutiert?
Wenn die ›Poesie der Erinnerung‹ dialektisch aufgehoben wird, bleiben sicherlich Bezüge zur Vergangenheit bestehen. Eine Poesie, die durch das illuminiert wird, was uns zukommt, trägt Vergangenes, das im Inneren bewahrt bleibt und erneut erinnert (ins Bewusstsein sowie die zwischenmenschliche Kommunikation gebracht) werden kann, mit sich. Das schließt auch kontaminierte Vergangenheit ein. Freilich kann Zukunft ausfallen oder mit Verspätung eintreffen. Vielversprechende Zukunftsperspektiven von einst sind verschwunden. In dem Buch: VERGESSENE ZUKUNFT. BILDER VOM OSTDEUTSCHEN UMBRUCH8 findet man Fotos und Texte, die verdeutlichen, dass in der DDR sonderbare Möglichkeitshorizonte aufgespannt waren, die sich verengt haben. Licht ist erloschen; Chancen sind vertan.
Wenn ich ein Kino hätt‘, würde ich den Film „La Rotonda / Vicenza – In Erinnerung an Prof. Lothar Kühne“ (1990, siehe auch hier) von Roland Steiner zeigen wollen. Oder wäre ein Filmgespräch über „Fritz Voigt, zur Zeit in Chemnitz“ von Peter Badel, Dieter Chill und Holger Herschel interessanter? Fritz Voigt war einst Schausteller auf dem Rummelplatz und galt als Tagedieb. Der lebenslustige Frauenschwarm hatte irgendwann Pech. Er war mutmaßlich ein Kleinkrimineller, wurde aber von der Staatsmacht zum Verbrecher gestempelt. Bei einer Auseinandersetzung entwendete er einem Volkspolizisten die Dienstwaffe und flüchtete. Voigt versuchte, in den Westen zu gelangen, wurde geschnappt und kam in den Knast. Dort im Zuchthaus Brandenburg ließ er sich tätowieren. Immer wieder hat man ihn wegen „assozialem Verhalten“ verhaftet. Fritz war kein Mensch, der als Mittel zum Zweck dienen wollte. Als menschliches Werkzeug taugte er nicht.
Es ist gar nicht abwegig, dass derjenige, dessen Leben Selbstzweck ist, seinen Körper mit Ornamenten ausschmückt. Auch die Hauptfigur Kalle (Erwin Geschonneck) in dem DEFA-Film KARBID UND SAUERAMPFER (1963) von Frank Bayer war tätowiert? In einer Szene ist ein Tattoo am Unterarm zu sehen: „Herz mit einem Pfeil. Ohne tiefere Bedeutung. […] Monogramm fehlt noch!“ 9 Das verweist mittelbar auf die Problematik, dass Tätowierungen häufig schon nach einiger Zeit nicht mehr dem entsprechen, was sie ursprünglich bezeichnen sollten. Deshalb ist es günstig, wenn nachträgliche Tilgungen oder Modifikationen möglich sind. Ewigkeitsansprüche oder zur Schau gestellte Unbedingtheit halten dem Zeitenwechsel selten stand.
Ein Allgäu-Wanderer, der bei Starkregen in einer Hütte Zuflucht suchte, konnte im Frühsommer bei Adolf Loos diese Argumentation nachlesen:
„Das kind ist amoralisch. Der papua ist es für uns auch. Der papua schlachtet seine feinde ab und verzehrt sie. Er ist kein verbrecher. Wenn aber der moderne mensch jemanden abschlachtet und verzehrt, so ist er ein verbrecher oder ein degenerierter. Der papua tätowiert seine haut, sein boot, seine ruder, kurz alles, was ihm erreichbar ist. Er ist kein verbrecher. Der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. Es gibt gefängnisse, in denen achtzig prozent der häftlinge tätowierungen aufweisen. Die tätowierten, die nicht in haft sind, sind latente verbrecher oder degenerierte aristokraten.“ (PDF hier)
Diese Argumentation sorgte zunächst für herzhafte Heiterkeit und führte ferner zu abstrusen Gedankensprüngen. Es kam z.B. die Frage auf, ob auch prominente Häftlinge (wie Ernst Busch, Robert Havemann, Erich Honecker, Ernst Niekisch, Werner Seelenbinder usw.), die wie Voigt im Zuchthaus Brandenburg einsaßen, tätowiert gewesen sind. Sodann kamen Erinnerungen an den tätowierten Kerbholz-Tisch im Münchner Hofbräu-Haus auf:

An dieser königlichen Eichenholztafel wurde bei der Anreise ins Alpengebirge die Wartezeit bis zur Abfahrt des Anschlusszuges verbracht. Später in Oberstdorf war ein noch älterer Holzwurmtisch die Saufgrundlage, aber die Muster wirkten dort irgendwie viel moderner und hatten eine Akupunktur-Anmutung:

Hier gab es die Abschweifung zu einem lebendigen Kunstwerk, das 1998 bei der 3. Werkleitz-Biennale gezeigt wurde. Der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye tätowierte damals in Sachsen-Anhalt ein Schwein und sorgte in der Provinz für viel Aufregung. Die Schweine im Allgäu sind natürlich nicht tätowiert, haben aber Sonnenbrand:


Aus Western kennt man Szenen, in denen Cowboys Brandmarken auf den Tieren anbringen. Immerhin gab es im wilden Westen auch ›Mavericks‹. Das geflügelte Wort geht auf Samuel Augustus Maverick zurück und wird inzwischen als Synonym für den Traum von Freiheit verwendet. Welche weiteren Vorstellungen bilden sich bei dem Wiederkäuer von Lesefrüchten, der mit seinem Schatten an diesen Rindviechern vorüberging? Zufällig schweiften die Gedanken zu den 61 Tätowierungen, die bei einer Gletschermumie identifiziert und fotografisch dokumentiert wurden. (Vgl. hier und hier.) Wahrscheinlich wurden die Linien und Muster damals am Körper angebracht, um eine Heilwirkung zu erzielen und Schmerzen zu lindern. Mit Ornamenten können also auch medizinische Versprechen verbunden sein. Übrigens ist sich Kriminalhauptkommissar Alexander Horn sicher: Der Tiroler Eismann Ötzi wurde heimtückisch ermordet. (Siehe hier.) Ein Abwehrzauber gegen kriminelle Vorfälle ging von seinen Tätowierungen offenbar nicht aus. Das meandernde Ornament auf dem schuppigen Rücken der Kreuzotter scheint allerdings oft genug zu verhindern, dass Milan, Bussard, Uhu, Krähe, Dachs oder andere Fressfeinde (oder gar übermütige Menschen) in sie hineinbeißen, sonst wäre die Vipera berus bereits ausgestorben.

Sachlich lässt sich sagen, dass ikonische, indexikalische und symbolische Zeichen (vgl. Charles S. Peirce) immer wieder zu überraschenden Einfällen und Fragestellungen führen. Zum Beispiel: Warum kritzelte Hölderlin am 19. April 1812 mit Bleistift folgende Worte auf ein Brett?
Die Linien des Lebens sind Verschieden
Wie Wege sind, und wie der Berge Gränzen.
Was Hir wir sind, kan dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.
Und warum hat Siegfried Krakauer ausgerechnet dieses lyrische Textfragment seinem Essay Das Ornament der Masse (mit orthographischen Anpassungen) vorangestellt?
In der Spätmoderne mutieren scheinbar viele Menschen vom Produzenten zum (übersättigten) Konsumenten und schließlich zum (hochbetagten) Patienten. Die Tiller-Girls (siehe hier) haben im 21. Jahrhundert als Ornament ausgedient. Welche Metapher passt zur überalterten Massengesellschaft?

Das Antwort-Bild wurde mit ChatGPT erstellt und trägt den Titel „Poesie der Zukunft“.
Angeblich soll das Schwimmen dem nahekommen, was The fountain of youth verspricht. Beim 1. Burgsee-Schwimmen in Bad Salzungen gab es die Gelegenheit, rund 11 Minütchen darüber nachzudenken, welche kinetischen Ornamente beim Schwimmen entstehen. Es sind flüchtige, visuelle Muster. Die im Wasser bewegten Körper erzeugen rasch kollabierende geometrische Formen, schleudern Tropfen, verursachen Strudel. Handflächen drücken Luft unter Wasser. Verminderte Schwerkraft ermöglicht leichtfertige Akrobatik. Wellen breiten sich dynamisch auf der Wasserfläche aus. Spiegelungen und Kaleidoskop-Effekte treten auf. Durch die Brille sind Vegetationskulissen zu besichtigen, vor denen perlende Atembläschen tanzen. Der See ist relativ tief (bis zu 25 Meter). Fische (Karpfen) sind verscheucht und lassen sich nicht blicken.
Mit der Eleganz der Fisch-Fortbewegung können schwimmende Menschen nicht mithalten, doch ihre Bewegungsfolge kann der Anmutung von Tänzern nahekommen.
Das eröffnet eine Perspektive: Am 5. Juli beginnt die Hiddensee-Tanzwoche und steht in diesem Jahr unter dem Motto: KEEP WALKING – und lädt dazu ein, „niemals das Ende zu sehen, aber einen immerwährenden Anfang in sich zu spüren und weiterzugehen“.
Furcht verhindert nicht, dass Altes vergeht und Neues entsteht. Hoffnungen auf alternative Möglichkeiten sterben (früher oder später) bei ihrer Verwirklichung. Dynamische Wasser-Ornamente versprechen: panta rhei.
Angeblich soll das Leben (laut Nietzsche) ohne Musik ein Irrtum sein. Bluesmusik versprach auch zu DDR-Zeiten, das triste Alltagsleben erträglicher zu machen. Doch es gab noch vielfachen Mehrwert. Etta James, die ihren Ehrenplatz in der Blues Hall of Fame redlich verdient hat, erklärte 1992: „Viele Leute glauben, der Blues sei deprimierend, doch das ist nicht der Blues, den ich singe, wenn ich Blues singe, singe ich Leben.“
Der Sinn des Lebens wurde von Monty Python genial erkundet. Doch neben leichtsinniger Heiterkeit und schwarzem Humor durchziehen zugleich auch Leid und Tragik das Leben auf Erden – c’est la vie. Gut, dass die MDM kürzlich die Stoffentwicklung für den Dokumentarfilm „Blues ist Leben“ (Arbeitstitel) gefördert hat. Darin sollen DDR-Blues-Bands vorkommen, die deutlich gemacht haben, dass Musik keineswegs nur schmückende Zutat ist, auf die man genauso gut verzichten kann, sondern ein essentielles Gestaltungsmittel darstellt. Blues vermag, den Ausdruck von menschlichen Emotionen zu steigern oder zu sublimieren.
Aber solche Gesichtspunkte erschließen sich besser, wenn man in der kühlen Ostsee schwimmt. Erst im Juli/August gehört die ORNAMENTIK DER MUSIK von Adolf Beyschlag mit zur Reiselektüre.

Badewannen-Temperatur herrschte im Burgsee. Die Karpfen, die dort schwammen, während das Mike-Seeber-Trio am Sonnabend zum Stadtfest von Bad Salzungen rockte, nahmen deren Blues scheinbar nur als Ornament wahr, denn sie blieben träge. Da sie ein verborgenes Innenohr besitzen und zusätzlich ihre Schwimmblase als Resonanzkörper nutzen, hätten sie sich eigentlich rhythmisch im Wasser bewegen müssen. Gleich gar keine Begleitmusik bekamen sonntags die Teilnehmer am 1. Burgsee-Schwimmen zu hören. Einige Schwimmer freuten sich allerdings bei der See-Runde immer noch über einen Gitarrenvirtuosen aus Aschersleben; Mike Seeber und seine beiden Musikerkollegen spielten bis nach Mitternacht. Bei ihrer Bühnenshow leuchteten zahllose Ornamente auf und ihre Musik belebte das Publikum:

Der vitale Blues-Rock war eine echte Überraschung! Ebenso unerwartet grollte dann am Folgetag ein Hitze-Gewitter kurz vor dem Schwimmstart. Die Veranstaltung fiel nicht ins Wasser, denn der Spuk war rasch vorüber. Zwar führte die Burgsee-Runde an einer Fontäne entlang, doch eine Jungbrunnen-Kur war das Warmbad wahrlich nicht.

Übrigens entkam kein Schwimmer einem Zahlen-Tattoo. Die Filzstift-Beschriftung war mit dem Versprechen verbunden, dass das Ornament nach zirka drei Tagen abgewaschen werden kann.
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Dr. Thomas Hertel (1960) hat sein Engagement für die Filmförderung zum 30. April dieses Jahres beendet und schwimmt nun in unbekannten Gewässern. Weiterhin gilt die Devise: „Sich irren und dennoch seinem Inneren weiter Glauben schenken müssen: – das ist der Mensch“ (Benn).
Siehe auch von ihm bei uns:
Kreta: Verschwommen
Prag, Kafka, Kabbala und viel KI
Mit Jorge Luis Borges auf Mallorca
Filmkunst ist kein Pferderennen
Mann-O-Mann * Report aus Cannes
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Anmerkungen:
1 Evelyn Echle: Ornamentale Oberflächen. Spurensuche zu einem ästhetischen Phänomen des Stummfilms, Marburg 2018, hier als open access.
3 Das Radio-Feature dazu ist hier zu hören.
4 Dietrich Gerd: Kulturgeschichte der DDR, Band III 1977-1990, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018.
5 Siehe den Brief von Lothar Kühne an die Redaktion des Neuen Deutschlands vom 15. Juli 1953 (im Nachlass), zitiert nach Brie, Michael: Die sozialismustheoretischen Grundlagen der Ästhetik Lothar Kühnes; in: Berliner Debatte Initial 30 (2), Potsdam 2019.
6 Klix Friedhart: ERWACHENDES DENKEN. Eine Entwicklungsgeschichte der menschlichen Intelligenz, Verlag der Wissenschaften Berlin 1985, S. 141.
7 Kühne, Lothar: Haus und Landschaft, vgl. auch hier.
8 Vergessene Zukunft. Bilder vom ostdeutschen Umbruch. Mit zwölf fotografischen Serien von Holger Herschel, herausgegeben von Jürgen Danyel und Holger Herschel (ein Link hier)
9 Vgl. die Szene hier (06:34 bis 06:41)














