
Radeln auf Hiddensee
Lohnt es sich, im Herbst die Insel Hiddensee zu besuchen? In dem lesenswerten Roman ENTSCHEIDUNG AUF HIDDENSEE von Christof Kessler wird die Fiktion eines fahrradfahrenden Gottfried Benn geschildert.1 Man will zwar zunächst nicht ganz glauben, dass ihm das Radeln gleich beim ersten Versuch glückte.2 Aber sobald sich Empathie entzündet, wächst die Lust, selbst bald mal wieder in die Pedale zu treten. Der Autor suggeriert, dass der (skandalumwitterte) Lyriker Benn erst auf der Insel begonnen hat, sich an die Prosa heranzuwagen. Er schildert außerdem eine zufällige Begegnung mit Ivo Hauptmann in einer Fischerkneipe an der Anlegestelle von Vitte. Dort hat Benn mit den beiden Männern vom Nebentisch tüchtig gezecht, „geklönt, gequatscht und erzählt. […] Die Geschichten von Ivo Hauptmann fanden kein Ende“.

Ein Gemälde des Mitbegründers der Berliner Künstlergruppe Freie Secession leuchtet in kräftigen Farben vom Cover des Buches und lädt dazu ein, das Schaffen des Hauptmann-Sohns demnächst mal genauer in Augenschein zu nehmen. Dazu muss man gar nicht nach Hamburg reisen, denn die Galerie Herold hat einige Bilder ins Netz gestellt.
Recht hübsch erfunden ist auch die Episode, in der Benn als Ivos Gast an einer Zeremonie auf der Lietzenburg teilnehmen darf. Gerhart Hauptmann höchstpersönlich „zelebriert den Moment, in dem die Sonne in die Ostsee taucht“. Benn schmeichelt dem Nobelpreisträger und unterhält sich mit Oskar Kruse, Max Reinhardt, Herrn von Sydow sowie anderen illustren Gästen. Natürlich wird er genötigt, einige Poeme vorzutragen. Abends arbeitet er dann „in seinem Hotelzimmer noch spät an den Rönne-Aufzeichnungen“ bis Edith Osterloh Einlass begehrt und Steinchen an die Fensterscheibe wirft. Dass die beiden Frischverliebten auf der Terrasse des Hitthim-Hotels Riesling und Cognac trinken, kann man sich gut vorstellen (anzumerken wäre allerdings, dass heutzutage dort kein Cognac mehr im Angebot ist). Natürlich bietet der Roman auch einen kleinen Kriminalfall: Im Gasthaus GAU (später Hotel Dornbusch) ist wertvoller Schmuck verschwunden. Benn gerät selbst nicht in Verdacht und muss sich auch nicht als Detektiv betätigen, denn der vermeintliche Diebstahl klärt sich rasch auf.
Dafür wird dem Gottfried von Doktor Leopold (mit Bezug auf den Schweizer Psychiater Eugen Bleuler) folgende Diagnose gestellt: Es gibt „eine schizoide Persönlichkeitsstörung oder Varianten, wenn Sie so wollen, das sind Menschen, die sich ihre Umgebung vom Hals halten müssen, auf Distanz gehen wollen zu anderen Menschen, auch zu Menschen, die sie eigentlich lieben. Schizoid hat überhaupt nichts mit schizophren zu tun, […] sondern er meinte eine angeborene Art, mit seinen Mitmenschen umzugehen, die Nähe zu meiden. Bleuler meinte, das Schizoide sei ein Persönlichkeitsmerkmal, das uns innewohnt. Leben Sie damit, Herr Benn, das sind Sie“. Übrigens hatte dieser Doktor Leopold „ein gutmütiges Gesicht mit einem buschigen Schnurrbart, den er jedoch nicht hochgezwirbelt trug, sondern traurig herunterhängen ließ. ›Wie Friedrich Nietzsche‹, dachte Benn“. Das Gespräch mit dem Kollegen hat ihm gutgetan – „wie eine gezielte psychotherapeutische Intervention“. Nach dem Abendessen ließ sich Benn „in seinem Zimmer erschöpft auf das Bett fallen. […] Die Arme von sich gestreckt, tauchte er in unendliche Tiefen hinunter. Gedanken blitzten im Gehirn hin und her […]. Die Synapsen funkten wie entfesselt“. Benn reflektierte seine Situation und fiel in einen Dämmerschlaf. „Irgendwann erwachte er, als sich leise die Tür zum Zimmer öffnete. Edith Osterloh stand vor ihm. Lächelnd zog sie sich aus und legte sich neben ihn, wie selbstverständlich, wie eine Ehefrau beim Zubettgehen. […] Und dann war der Tag der Abreise doch gekommen“.
Benn tritt wehmütig die Heimreise über Stralsund nach Berlin an. Wer sich in Kesslers Roman eingelesen hat und zudem in Biographien nachschlägt, möchte mancherlei ergänzen beziehungsweise den Faden weiterspinnen. Zum Beispiel: Benn geht auch in seinen Ferien auf Distanz und unternimmt ganz allein Strandspaziergänge. Natürlich reflektierte er dabei nicht nur über das Schizoide. Seine Wirkung auf Edith Osterloh dürfe ebenfalls zu den Selbstbetrachtungen gehört haben. Hat sich die neue Geliebte durch das akademische Markenzeichen der Mensur beeindrucken lassen? Die Narbe war durch seinen Sonnenbrand rötlich verfärbt. Zum Glück rief die UV-Strahlung jedoch keine postinflammatorische Hyperpigmentierung hervor. Benn erinnerte sich an das Jahr 1908 und an seinen Studienfreund Gerhard Ballin. „Ballins Säbel hatte einen vortrefflichen Durchzieher gelandet, der den Knochen links vom Auge getroffen, das linke Augenlid verletzt und die Nase halb durchschlagen hatte“.3
Benn ging weiter und blickte den Möwen nach. Nun schwebte ihm der Zeppelin vor, der am 29. August 1909 über Berlin zu sehen war. Am 31. August 1909 begann Benn „in der Lungenklinik Vogelsang bei Gommern im Bezirk Magdeburg“ sein Praktikum. „Hier famulierte er ›gegen freie Station‹ und traf erstmals in seinem Medizinerleben auf wirkliche Patienten. Die Gebäude der 1899 gegründeten Volksheilstätte für Frauen lagen in einem weitläufigen Park, zusammen mit zwei nach modernsten Hygienestandards ausgestatteten Krankenpavillons, wo es auf Körperwärme beheizbare Klosettsitze und so viele große Waschräume gab“. Später notierte Benn: „Ballin hat mich dahin verlockt u. diese Anregung entsprach meinen eigenen Wünschen“.4
Die Vogelsang-Muße hatte bewirkt, dass Benn sich der Literatur zuwandte und selbst poetische Worte verfasste. Angeblich konnte man an einer Toilettentür einst lesen: ›Ein Famulus in Vogelsang, / der hatte Langeweile. / Er stand herum im Klinik-Gang / und ersann sich eine Zeile.‹ Leider ist dieser Klospruch längst verschwunden. Die Türen wurden mehrfach neu gestrichen. Das ist wohl eine kleine Schwindelei, aber man könnte demnächst mal in der Helios Fachklinik Vogelsang-Gommern die medizin-historische Sammlung besuchen. Vielleicht finden sich dort wirklich noch Spuren, die über den Aufenthalt des Praktikanten Gottfried Benn Auskunft geben.
Belegbar ist, dass Benn nach diesem Praktikum mit literarischen Werken an die Öffentlichkeit trat. 1910 erschien u.a. sein frühes Prosastück mit dem Titel GESPRÄCH. Horst Fritz hat gezeigt, dass für Benns literarisches Schaffen zunächst Jens Peter Jacobsen maßgeblich gewesen ist.5
Außerdem verehrte Benn (zeitlebens) Goethe und zudem sind u.a. Detlev von Liliencron sowie Hugo von Hofmannsthal seine Vorbilder gewesen.6 Dennoch war Nietzsche vermutlich die entscheidende Leitfigur für ihn. Benn litt „an der Unsicherheit des Gefühls, zum Künstler geboren zu sein“. Deshalb suchte er Rat bei Carl Hermann Busse. Jener war eine anerkannte Instanz im Hinblick auf literarische Talente und hatte übrigens auch behauptet: „Der Philosoph der Zukunft ist Friedrich Nietzsche, der Apostel des Individualismus“.7 Im Kontext der damaligen modernen ›Sprachkrise‹ (vgl. hier) stellte der Kontrast zwischen gedankenlosem Alltagsgerede einerseits sowie einer formbewussten, artistischen Sprache andererseits eine Herausforderung dar. Benn war empfänglich für an- und aufregende Worte, die Blutdruck und Neurotransmitter in Wallung bringen. Das verband ihn mit Else Lasker-Schüler. Man findet Indizien, dass Nietzsche für Benn quasi eine Flamme war, welche Else erotisch (neu) entfachte. Ihre Affäre mit Benn hatte 1912 und 1913 eine Hoch-Zeit. Lasker-Schüler war eine emphatische Anhängerin von Nietzsche. Rückblickend stellte Else fest: „Nietzsche hatte die Sprache geschaffen, in der wir alle dichten“.8
Benn kann in dieses ›wir alle‹ einbezogen werden. Textanalysen deuten darauf hin, dass beide von Nietzsche-Gedichten beeinflusst waren. Das heißt, Lasker-Schüler und Benn griffen in ihren Gedichten, Gesprächen und Briefen immer wieder lyrische Worte von Nietzsche auf. Freilich war Nietzsche dem Benn schon vor seiner Bekanntschaft mit Else Lasker-Schüler nahegebracht worden. „Im Sommer 1905 […] hörte er eine Nietzsche-Vorlesung des Scherer-Schülers Richard M. Meyer, die ihn grundlegend prägte und dauerhaft beschäftigen sollte“.9 Dieser Meyer war ein profunder Lyrik-Kenner, der zum Beispiel Bücher über die Grundlagen des mittelhochdeutschen Strophenbaus oder über Die altgermanische Poesie nach ihren formelhaften Elementen beschrieben veröffentlicht hat. Als Herausgeber von 6 Bänden Die Meisterstücke der deutschen Lyrik erwarb er sich ebenfalls große Anerkennung. Im Jahr 1906 hatte sich Benn eingehend mit Nietzsches Zarathustra befasst. Auch das kam ihm im Dialog mit Else Lasker-Schüler zugute. Anzumerken wäre noch, dass die Figur des Prinzen Yussuf, die Else verkörperte, nicht nur einen Bezug zum alttestamentarischen Josef, sondern ebenfalls zu den Geistern hatte, die Nietzsche u.a. in den Liedern des Prinzen Vogelfrei (Anhang zur Fröhlichen Wissenschaft) anrief.
Gottfried Benn wiederholte seinen Hiddensee-Besuch nicht. Hingegen weilte Klaus Mann mehrmals auf der Insel.

Es gibt nicht nur dieses fingierte (mit ChatGPT erzeugte) Gemälde vom Hiddensee-Besuch der Familie Mann im Jahr 1924, sondern auch authentische Aufnahmen, die in einem Bildband enthalten sind, den Uwe Naumann herausgegeben hat.10 Hier die Ablichtung von einem der Fotos:

Klaus Mann besuchte in den letzten Jahren der Weimarer Republik den Dichter und Arzt Gottfried Benn gelegentlich in dessen Praxis in der Belle-Alliance-Straße 12 (heute Mehringdamm 38), an der Ecke Yorckstraße. Ein Anlass für solche Besuche dürften Medikamente und Rauschmittel gewesen sein, bei deren Beschaffung Benn wahrscheinlich behilflich war11. Natürlich unterhielten sie sich („nach gutbürgerlichem Brauch“, bei „Kaffee und Streuselkuchen“) auch über Literatur und Nietzsche. Aus Manns Autobiographie Wendepunkt erfährt man: „Wir verstanden uns, in literarischen Fragen. Er liebte Nietzsche (den er verhängnisvoller Weise wörtlich nahm)“.12
Vermutlich kamen die beiden auch auf Hiddensee zu sprechen und lästerten über die Trinkgelage, die im Hause Hauptmann stattgefunden haben. Sie amüsierten sich wahrscheinlich über die Hauptmann-Persiflage von Thomas Mann, der im Zauberberg die Figur des Mynheer Pepperkorn auftreten ließ. Gottfried Benn hatte seit 1930 mit Tilly Wedekind ein Verhältnis; Klaus Mann war von 1924 bis 1928 mit ihrer Tochter Pamela Wedekind verlobt gewesen, die wiederum zugleich mit Erika Mann liiert gewesen ist. Erika schrieb im Juli 1924 von Hiddensee aus an Pamela: „Du kannst es nicht ahnen, wie schön das Meer ist, – zum Weinen schön […]. Komm doch, es ist so schön und die Wellen sind lebensgefährlich“. (Vgl. hier.)
Ist die Freundin damals auf die Insel gereist? Nein, sie blieb fern (ebenso wie Else Lasker-Schüler im Sommer 1913). Aber Erika und Klaus „vertauschten Hiddensee mit Bansin. Dort traf Pamela zu“ ihnen. Klaus war 1924 nicht gerade verzückt von der Insel gewesen. Er mäkelte: „Ich habe den Strand von Hiddensee sehr steinig und das Wasser sehr kalt in Erinnerung. Für die landschaftliche Merkwürdigkeit und Schönheit der Insel befand ich mich zu zerfahren. […] Das gesellige Leben des Ortes wurde beherrscht von Gerhart Hauptmann […]. Den abendlichen Trinkereien wohnten wir manchmal bei, manchmal nicht. Wenn wir dabei waren, blieben wir stumm aus Schüchternheit und Renitenz. Ich erinnere mich, daß Hauptmann beim Weine eine Art Segen über mich aussprach, wozu mein Vater sagte: ›Na, wenn das nicht anschlägt – ‹, eine Bemerkung, die mich nachhaltig verletzte, ohne daß ich eigentlich einen Grund dafür hätte angeben können“.13
Auch das könnte ihnen Gesprächsstoff geboten haben. Benn hatte den autobiographischen Text Kind dieser Zeit, der im Frühjahr 1932 erschienen war, sicherlich gelesen. In den Kreisen der Bohème gehören Klatsch und Tratsch selbstverständlich dazu. Aber es sollte auch in Künstlerkreisen bitterernst werden. Seit dem Reichstagsbrand gab es immer mehr und immer schlimmere Gewalttaten der nationalsozialistischen Machthaber. Klaus Mann sah sich zur Emigration gezwungen und flüchtete im März 1933 von München nach Paris. Gottfried Benn blieb in Berlin und verstrickte sich in den Kulturkampf. Er wollte den Expressionismus (bzw. die avantgardistische Kunst) verteidigen und meinte, dass er in der Akademie der Künste kulturpolitischen Fehlentwicklungen entgegenwirken konnte. Die dubiosen Grabenkämpfe in dieser Institution lassen sich nur schwer rekonstruieren.
Ein Vertrauter und Ratgeber war für ihn Oskar Loerke. Ihre Intentionen (beispielsweise die Absicht, den jüdischen Verleger Samuel Fischer zu schützen) versuchten sie natürlich zu tarnen. Vielleicht sollte man auch poetischen Zeugnissen aus dieser Zeit mehr Beachtung schenken, um die subjektive Seite zu beleuchten? 1933 entstand Benns Gedicht SILS-MARIA. Darin verwendete Benn die Wortkombination „Alles-zum-Besten-Nenner“. Im selben Jahr verfasste er (wiederum mit Nietzsche-Anklängen) das Poem DENNOCH DIE SCHWERTER HALTEN. Kann man daraus seine damalige Geisteshaltung herauslesen?
Berüchtigt wurde Benns Antwort auf den leidenschaftlichen Brief, den Klaus Mann am 9. Mai 1933 im Exil an ihn schrieb (einen Tag später veranstalteten die Nazis auf dem Opernplatz in Berlin die Bücherverbrennung). Das Zerwürfnis zwischen Benn und Mann hinterließ irreparablen Schaden. Aber es wäre auch zu berücksichtigen, dass es bei Benn schon bald ein Umdenken gab. Spätestens im September 1934 hatten die „viele Kilometer langen Wanderungen unter blauem Himmel am Freiberggsee, in Einödsbach, im Walsertal und im Hochgebirge auf dem Nebelhorn […] Benn den Kopf endgültig frei gemacht“. Sein damals verfasstes Gedicht AM BRÜCKENWEHR markiert „in mehrfacher Hinsicht einen Wendepunkt und Abschied.“ 14
Benn hatte (aus der Vogelperspektive) seine Verirrung erkannt. Er zog sich konsequent aus dem Dunstkreis der nationalsozialistischen Politik zurück. „Der Arzt emigrierte nach Hannover in die Sphäre des Schutz versprechenden Militärs, der Dichter ging ins Exil der unantastbaren Formen“.15 Natürlich ist auch solch eine ›innere Emigration‹ nicht frei von Fragwürdigkeit. Kritik war weiterhin angebracht. Klaus Mann konnte (aus der Froschperspektive) Benns innere Haltung (und seinen Gesinnungswandel) nicht kennen. In dem Roman Mephisto (1936) taucht eine üble Nebenfigur (Benjamin Pelz) auf16, die ihn offensichtlich charakterisieren soll. Schon zuvor hatte Klaus Mann in seinem Roman Treffpunkt im Unendlichen (1932) die dämonische Figur des Dr. Massis gestaltet, welche einen Typus repräsentiert, der mit Benn verwandt zu sein scheint. Doch im Mephisto bekommt nun vor allem Klaus Manns Geliebter, Gustaf Gründgens (Hendrik Höfgen), sein Fett weg.
Yvona Neradová hat auf eine dünkelhafte Attitüde aufmerksam gemacht, die schon lange vor der schriftstellerischen Auseinandersetzung mit dem Ex-Ehemann von Erika bestanden hatte: „Von Anfang an gab es in ihrer Beziehung ein Element der Verachtung von Manns Seite“ aus. „Der Grund dafür war vor allem Gründgens‘ großer Ehrgeiz und seine kleinbürgerliche Herkunft“. By the way: solche Aspekte schimmern auch in Castorfs aktueller Theaterinszenierung durch, in der (bis zur Pause) auch Carl Sternheim17 über die Bühne geistert; Benjamin Pelz (also Benn) kommt nicht vor, aber es gibt als Requisite einen Pelzmantel, den man als indexikalisches Zeichen deuten könnte; auch die Ostsee wird erwähnt (der Parvenü Gründgens besuchte ja ebenfalls mehrfach die Insel Hiddensee und residierte angeblich im Haus Dornbusch sowie im Hotel Hitthim). Nun ist die Katze aus dem Sack, der Name Gründgens ist gefallen und eine (holprige) Überleitung vollzogen. Das war ein langer Anlauf. Eigentlich sollte jetzt eine Rezension zur Mephisto-Inszenierung von Frank Castorf am Berliner Ensemble folgen.
Und selbstverständlich müsste darin insbesondere die dargebotene Schauspielkunst des Ensembles gewürdigt werden. Man könnte erläutern, dass es Jens Harzer sogar gelang, im grotesken Alptraum, der sich auf der Bühne abspielte, einige erhabene Momente (im Sinne von Lyotard) aufleuchten zu lassen. Aber die professionellen Theaterkritiker haben ja längst alles gesagt / geschrieben, was relevant ist. (Vgl. hier. Und hier. Und hier Und hier.) Wer will da noch seine eigene Einschätzung herausposaunen? Ich ziehe das (vornehme?) Schweigen vor – und mache lieber einen spontanen Abstecher auf die Insel Hiddensee zum Radfahren.

Na ja, eine Frage, die ich nicht verschweigen will, kam mir beim Radeln auf Hiddensee flüchtig in den Sinn: Warum geht eigentlich kein Rezensent18 näher auf die Szene ein, in der Ernst Busch mit dem Lied Am Rio Jarama zu hören war? Gustaf Gründgens hatte ihn 1943 vor einem Todesurteil bewahrt und Busch bewirkte wiederum, dass die Sowjets den Göring-Günstling 1946 aus dem Speziallager Jamlitz freiließen19.

(Das Gemälde „Ernst Busch II“ von Ronald Paris aus dem Jahr 1971 ist verschollen. Die Abbildung stammt aus der Zeitschrift Bildende Kunst.)
Ist mittlerweile die Stunde gekommen, da „die ganze Welt zur Jarama-Front“ ward? Ungefähr nach gut drei Stunden Spieldauer „blüht wieder Mohn“ und berauscht alle Gespenster. Ein Müller-Satz fiel mir ein: „Wenn man zum Beispiel lernen würde, mit Rauschgiften gut umzugehen und diesen Umgang richtig zu organisieren, wäre das ein ungeheurer Fortschritt.“20 Ich glaube nicht an den Fortschritt, denn die Risiken und Nebenwirkungen sind ungeheuer und übersteigen den möglichen Benefit. Jedenfalls sind körpereigene Drogen (also Neurotransmitter wie: Dopamin, Noradrenalin, Endorphine usw.) allemal besser.

Die Behauptung, dass Klaus Mann in Cannes mit Drogen Suizid begangen hat, ist ungenau. Es war dort wohl eher ein Unfall; keine (mutwillig eingenommene) Überdosis löste die Agonie aus, sondern das fatale Zusammenspiel von Schlaftabletten, dem Mittelchen von Doktor Klopstock aus Budapest, den Drinks in der Zanzi-Bar, dem Kettenrauchen, dem Morphium(-Entzug?) und seinem „grauenvoll[en]“ moralischen und körperlichen Zustand.21
Klaus Mann hat (wie viele andere Künstler) durch seine Lebensweise (also vornehmlich durch den exzessiven Konsum von Nikotin, Alkohol, Tabletten, Morphium usw.) quasi einen Selbstmord auf Raten vollzogen. Freilich können Doping-Rauschmittel Kreativität steigern. Ohne sie wären zahlreiche Meisterwerke nie entstanden. Was in der Kunst legitim ist, verbietet sich beim Sport. Zur Tour de France gibt es immer strengere Dopingkontrollen. Warum finden eigentlich nicht auch bei Politikern Kontrollen auf Doping (genauer gesagt: auf Drogenkonsum) statt? Zumindest dann, wenn sie wichtige Entscheidungen treffen, sollten sie doch nüchtern die Konsequenzen bedenken. Oder wäre das nur eine „Verschlimmbesserung“?
Egal. Ein Hiddensee-Besuch lohnt sich auch noch im Herbst. Auf der „autofreien Insel“ ist allerdings Vorsicht geboten, denn: ›Rentner mit Elektrorad fahren die Libellen platt.‹ Und manche (beschwipste) Radler schwanken tüchtig. Ebenso die Körper von Schwimmern, die sich ins Wasser wagen. Benn war 1913 abgereist; einige Jahre später traf Leopoldine (Poldi) Weizmann (Aliasnamen: Andrea, Aga, Andrée Delecourt, Andrée Andrieux) auf Hiddensee ein. Ob sie Fahrradfahren konnte, ist zu bezweifeln. Aber sie beherrschte das Schwimmen – sogar in einer stürmischen Nacht:
„Leise stand Andrea auf, zog das Nachthemd aus, nahm den Bademantel um und lief hinunter zum Strand. Großer Sturm blies ihr entgegen, zerrte an dem Mantel, in den sie sich eng zu wickeln strebte. […] Andrea legte den Mantel ab und warf ein paar schwere Steine auf ihn, damit der Sturm ihn nicht wegfegte. […] Sie ging langsam ein paar Schritte über den vom Wasser zusammengekneteten, elastisch nachgebenden, feuchten Ufersand, den die Wellen gerade frei gaben. […] Andrea stürzte sich jetzt in sie hinein, schnitt sie im Sprung; das Wasser glitt über ihren Körper hinweg. Dann ließ sie sich heben und senken, halb getragen von den hohen Wellen, halb gegen sie ankämpfend. Weiter draußen war das Spiel gleichmäßiger, aber hoch hob es sie jedesmal empor und senkte sie schaukelnd tief hinunter. Sie schwamm immer weiter, weiter hinaus, hingenommen von diesem Schweben der Wellen, sah hinauf zu den funkelnden Sternen … Der Himmel schien sich über ihr zu drehen. Als sie sich umwandte, lag das Ufer unheimlich fern hinter ihr. In dem Schrecken, den sie empfand, ließ sie den Wogen nicht mehr die Führung, sondern stieß hart an gegen die ansteigende See. Das Wasser stürzte über sie hinweg und drehte sie, Kopf hinunter, herum. Sie gewann in der Gefahr die Fassung wieder, und, dem Rhythmus aufs neue gehorchend, schwamm sie aus der Weite des Meeres zurück ans Land.“
Natürlich hinterließ ihr Hiddensee-Aufenthalt eine „große Traurigkeit“, die man ebenso als Melancholie bezeichnen kann. Es blieb „die Erinnerung an die Immortellen der Wiesen, an die Sturmnacht, in der sie hinausgeschwommen und wieder zurückgekommen war […]; es blieb die Erinnerung an die Küsten und an das Spiel der Farben des Meeres“. 22
Man muss gar keinen Schluck aus der Heul-Nicht-Rum-Pulle nehmen oder lange drumherum reden, die Strohblumen, die „Immortellen“, die der Leopoldine Ende August auf Hiddensee aufgefallen sind, dieses spätsommerliche ›Currykraut‹ lässt sich leicht mit Benns SCHLEIERKRAUT in Verbindung bringen – denn der Herbst beginnt.
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Dr. Thomas Hertel (1960) hat sein Engagement für die Filmförderung zum 30. April dieses Jahres beendet und schwimmt nun in unbekannten Gewässern. Weiterhin gilt die Devise: „Sich irren und dennoch seinem Inneren weiter Glauben schenken müssen: – das ist der Mensch“ (Benn).
Siehe auch von ihm bei uns:
Räuber
Ornament und Versprechen
Kreta: Verschwommen
Prag, Kafka, Kabbala und viel KI
Mit Jorge Luis Borges auf Mallorca
Filmkunst ist kein Pferderennen
Mann-O-Mann * Report aus Cannes
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[1] Kessler, Christof: Entscheidung auf Hiddensee. Roman um Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler, Rote Katze Verlag Lübeck 2025.
[2] Als das Rad erfunden wurde, war die kulturelle Evolution bereits voll im Gange; es dauerte noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, ein brauchbares Fahrrad zu entwickeln. Aufrecht gehen konnten Menschen jedoch schon in der protokulturellen Entwicklungsphase. Das hat Auswirkungen darauf, wie das Gehen und das Radfahren individuell erlernt werden. Die biologische Evolution hat ein angeborenes motorisches Repertoire und eine hohe sensomotorische Lernfähigkeit hervorgebracht, so dass hinreichende Voraussetzungen für das Laufen von vornherein gegeben sind. Für das Fahrradfahren muss dagegen erst ein neuer Bewegungsmodus durch Lernen erschlossen werden. Dabei müssen vorhandene sensomotorische Fähigkeiten in neuer Weise koordiniert werden, etwa die Steuerbewegungen des Lenkers mit Körperhaltung und Gleichgewicht.
[3] Hof, Holger: Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis. Eine Biographie, Klett-Cotta 2011, S. 93-94.
[4] Das Zitat stammt aus einem Brief von Gottfried Benn an Leo Koenigsmann, der sich in Privatbesitz befindet – vgl.: Hof, Holger: Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis. Eine Biographie, Klett-Cotta 2011, S. 96.
[5] Fritz, Horst: Gottfried Benns Anfänge [1968]. In: Hillebrand, Bruno (Hg.): Gottfried Benn. Darmstadt 1979, S. 264.
[6] Hanna, Christian M. / Reents, Friederike (Hg.): Benn-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2016, insbesondere S. 29, 33 – 34 und 35-36.
[7] Dyck, Joachim: Gottfried Benn. Einführung in Leben und Werk. Berlin 2009, S. 23 und Krummel, Richard Frank: Nietzsche und der deutsche Geist / von Richard Frank Krummel. Unter Mitw. von Evelyn S. Krummel, Band 1, S. 344.
[8] Bauschinger, Sigrid: Else Lasker-Schüler. Biographie. Göttingen 2004, S. 112. (Goldscheider zit. nach Bauschinger, 112)
[9] Hof, Holger: Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis. Eine Biographie, Klett-Cotta 2011, S. 80.
[10] ‹‹Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluß›› Klaus Mann (1906-1949). Bilder und Dokumente, hrsg. von Uwe Naumann, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2001, S. 71.
[11] Benn scheint nicht nur Hans Fallada und Ursula Losch (was belegbar ist), sondern auch andere Künstler mit Drogen (Morphium) versorgt zu haben.
[12] Mann, Klaus: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Reinbek 1994, S. 285.
[13] Mann, Klaus: Kind dieser Zeit, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1967, S. 192 – 193.
[14] Hof, Holger: Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis. Eine Biographie, Klett-Cotta 2011, S. 291.
Vgl. auch: Gottfried Benn Friedrich Wilhelm Oelze Briefwechsel 1932 – 1956, herausgegeben von Harald Steinhagen und kommentiert von Stephan Kraft, Band I, S. 30. Benn schrieb eine Postkarte, die den Widderstein 2535 Meter über dem Meer zeigte, an seinen (neuen) Freund Oelze: „Aus wunderbaren Herbsttagen, heiss u. blau, und aus dem Bereich der Adler, der wirklichen, die schweigend steigen, Ihnen im freundschaftlichen Gedanken viele Grüsse. Ihr ergebener Benn. 28.9.34 Oberstdorf.“
[15] Hof, Holger: Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis. Eine Biographie, Klett-Cotta 2011, S. 291.
[16] Yvona Neradová hat den Roman MEPHISTO gründlich analysiert und auch die Benn betreffende Figur des Benjamin Pelz eingehend betrachtet – siehe ihre Arbeit: Klaus Mann: Mephisto. Moralische Integrität des Künstlers in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 47-48
[17] Gottfried Benn und Carl Sternheim waren freundschaftlich verbunden: die Freundschaft ist nicht spannungsfrei verlaufen und es gab außerdem eine sonderbare Beziehung zu Mopsa Sternheim – vgl. auch hier.
[18] Simon Strauß erwähnt in seiner FAZ-Rezension immerhin „einige bewegende Arbeiterlieder“ – vgl. FAZ vom 18.9.2026.
[19] Bereits 1945 hat sich Busch bei der Sowjetischen Militär Administration für die Freilassung eingesetzt. „Gründgens sei kein Faschist, hat er Gulyga und Dymschitz erklärt und im November eine dreiseitige eidesstattliche Erklärung zugunsten seines Kollegen abgegeben, dessen mutigen Einsatz ihn, Busch, vor der Todesstrafe bewahrt habe. […] Massenerschießungen […] gibt es in Jamlitz unter der Herrschaft des NKWD nicht mehr – die Inhaftierten […] krepieren jetzt an Entkräftung, Krankheiten und Folter, meist mehrere Hundert pro Monat. Entlassungen gibt es kaum, Gründgens, der Jamlitz auch deswegen übersteht, weil er sich dort künstlerisch betätigt hat […], ist eine berühmte Ausnahme. […] Den Freigelassenen zieht es sogleich zur Bühne, er spielt bei Wangenheim am Deutschen Theater den ›Snob‹ von Sternheim und wird vom Premierenpublikum, darunter auch Busch, frenetisch gefeiert. […] Gegenseitige Dankbarkeit wird die beiden so unterschiedlichen Künstler lebenslang verbinden. Doch sind sie wirklich so verschieden? Großer Ehrgeiz und begeisternde Besessenheit in ihrer Arbeit zeichnen beide aus.“ – siehe: Voit, Jochen: Er rührte an den Schlaf der Welt. Ernst Busch. Die Biographie, Aufbau Verlag Berlin 2010, S. 175-176.
[20] Siehe: Müller, Heiner: Ich wünsche mir Brecht in der Peep-Show. Betrachtungen zum Genuss, in Zur Lage der Nation. Heiner Müller im Interview mit Frank M. Raddatz, Rotbuch Verlag Berlin 1990, S. 73.
[21] Siehe auch: CulturMag, Februar 2026: Thomas Hertel: Mann-O-Mann * Report aus Cannes. Und vgl . insbesondere den Verweis zu Marko Martins Beitrag „Wer sein Leben verliert, der wird’s erhalten“ in der Zeitung Die Welt vom 15.05.1999.
[22] Weizmann, Leopoldine: Zum Bericht über eine Generation. Mit Vorworten von Jürgen Habermas und Alain Touraine, hrsg. von Thomas Lindemann, Info-Verlagsgesellschaft, Edition Moritz von Schwind, Karlsruhe, 1997, S. 241-242.










