
Merzmensch Review 2025
Sie kennen mich ja, ich warne hier schon seit Jahren (2021, 2022, 2023, 2024) – aber auch bei Die Zeit: “Wir sind am Anfang einer neuen Kulturepoche”. Ein ganzes Buch habe ich buchstäblich diesem Thema gewidmet:

Wenn nun auch die Gesellschaft für Deutsche Sprache den Begriff “KI-Ära” zum Wort des Jahres erklärt, dann muss doch was dran sein, oder? Wobei, wie Peter Weibel bereits 2021 schrieb, es gäbe keine KI als solche, sondern “ein Ensemble von Maschinen, Medien, Programmen, Algorithmen, Hardware und Software” (KUNSTFORUM, 2021). Also sollten wir, die aufgeregten Generalisten, dieses pars pro toto lieber meiden.
2025 hatten einige von uns (wie euer werter Diener) ein Jubiläum gefeiert: 10 Jahre der Generativen KI (2015 war Deep Dream veröffentlicht, das erste KI-Model, das Bilder eigensinnig modifizierte). Happy Birthday!

Also ist KI angekommen – auch in der Kunst. So werden KünstlerInnen, die mit KI Arbeiten in Museen und Gallerien weltweit vertreten, wie Refik Anadol mit seinem New Yorker Data-Land oder MoMA-Künstlerin und Dichterin Sasha Stiles, die ihre eigene Modelle trainiert und die ganz post-anthropozentrisch herangeht, wenn sie sagt:
“Maschinen sind an unserem menschlichen Gedankengut trainiert. So worüber sie sonst träumen könnten, ausser über uns Menschen?”
Aber lassen wir das Beste aus dem Jahr 2025 Revue passieren – was hat mich alles fasziniert (Spoiler alert: es ist nicht alles nur KI).
BUCH
“VERSEN” von Franziska Osterman war grandiose – Sammlung von Gedichten deren Metaphorik das bloss Menschliche überragt und das Gesamte Ecosystem einbezieht – Natur, Tiere, Menschen, Maschinen, Meerespflanzen: alles gehört zusammen, alles ist Teil des Ganzen. Diese Gedichte hacken Sie, werte Leser, sie decken Ihre latente Räume auf und sprechen Ihre Neuralen Netzwerke an.
Versen: https://www.franziskaostermann.com/versen
Das wunderschöne ist aber nicht nur der Stil, Sprachreichtum und Bildergewalt – sondern auch das Erweiterte: diese Gedichte haben die Macht, die gedruckten Seiten zu verlassen und über Papier emporzuschweben (wie dieses 3D-Gedicht von ihr). Fürwahr – sie hacken die Realität in die beste Art und Weise.
(Apropos Gedichte und Hacken: neulich, im Herbst 2025 hat eine Gruppe italienischer WissenschaftlerInnen herausgefunden, das sich KI mit Gedichten besser hacken lässt.)
MUSIK / FILM
Wenn Sie an dieser Stelle TopHit5 erwarten, werden Sie entäuscht. Ich meide Musik aus dem Radio – redundante mediokre Epigonalitäten zu hören ist eine reine Zeitverschwendung. Dabei verlasse ich mich auf etwas von vielen verhasste: Algorithmen. Während sie von Anthropozentristen beschipmft werden, tun sie doch den besten Dienst bei KI-gesteuerten Musik-Bibliotheken in Sachen “neue Musik finden”.
So bin ich neulich über HOME gestolpert: eine Indie Music Band aus Okinawa, Japan. Es ist schwer, sie genre-mässig zuzuordnen (was schon immer ein gutes Zeichen ist). Doch ihr Album EP3 ist bewegend und aufrüttelnd – und ist am besten samt Musikvideos zu geniessen: in der richtigen Reihenfolge, s. Merzazine.
Hier das erste Kapitel:
Wenn Sie die Traumwelten von Beckett, Lynch, Kore-Eda geniessen, werden Sie lachen, staunen, herzlich weinen. Die Musikvideos behandeln zwar unterschiedliche Geschichten, sind jedoch sehr intratextuell – alles ist verbunden und spielt eine Rolle, auch wenn es auf den ersten Blick absurd erscheint. Und die Antwort wartet auf Sie im anderen Song. Wie Anton Čechov mal sinngemäss sagte: “Der am Anfang der Geschichte erwähnte Gewähr muss am Ende der Geschichte schiessen”. Sie werden schon sehen. Ich hab’s gewarnt.
POLITIK
Hey, 2025, was soll das alles? Uns haben die vorherigen Jahre schon gereicht. Vieles hat mich aufgewühlt, auch Demokratieabbau der Weltmächte (war da Demokratie überhaupt drin?). Und auch wenn viele die KI als faschistoides Tool der Diktaturen betrachten (alle setzen mittlerweile KI ein) – für mich sind Generative KI Modelle die derzeitig beste und ausdrucksstarke Protestaktions-Mittel.
So, während die Trump-Administration alle progressive Errungenschaften der letzten Jahrzehnte systematisch abbaut, inklusive Diversität, habe ich zusammen mit neuralen Netzwerken dieses Lied geschrieben. Und ich hoffe sehr, dass das nicht Ihr Lied ist.
Genau so heisst es: NOT YOUR SONG.
Denn es liegt an uns, eine entstehende Dystopie passiv zuzulassen, oder dagegen zu wirken, stören, visualisieren, verdeutlichen.
KUNST
Vieles ist 2025 passiert, was den Lauf der Kunstgeschichte beeinflussen wird. Zum Beispiel, diese Ausstellung:
RIVALS: Photography vs. Promptography
Eine Gemeinschaftsausstellung in Berlin, organisiert von Gunther Dietrich’s Photo Edition Berlin, und Guelman und Unbekannt Gallerie. Als 2023 der Photograph und Medienkünstler Boris Eldagsen seinen mit “The Electrician” gewonnenen Ersten Preis bei Sony World Photography Award ablehnte, begründete er es damit (https://www.eldagsen.com/sony-world-photography-awards-2023/), dass sein Werk einem KI-Modell entstammt, somit keine Photographie sei. So initiierte er einen globalen Diskurs über die ästhetische, künstlerische und gesellschaftliche Geltung der Generativen Medien.
In den KI-Kreisen witzelte man dann, ob eines Tages ein Fotograf mit seinem Foto bei einem KI-Wettbewerb gewinnen würde. Was auch 2024 mit Miles Astray und seinem Foto “F L A M I N G O N E” auf dem KI-Wettbewerb 1839 passierte.

Und so entstand 2025 die Ausstellung von namhaften FotokünstlerInnen und MedienkünstlerInnen, darunter Laurence Chaperon, Klaus Elle, Ursula Kelm, Vladimir Sorokin, Kevin Abosch, Emi Kusano, Sabine von Bassewitz, die zwar “RIVALEN” hiess. Als Quintessenz der Zusammenkunft stellt man jedoch fest: Rivalen sind das keineswegs, sondern einander ergänzenden kreativen Mächte, Teile eines ganzen schöpferischen Ökosystems. (Mein Bericht finden Sie hier.)
Was ich mir von 2026 wünsche?
Mehr Kreativität in Kunst, weniger Hysterie in der Gesellschaft und möglichst Verzicht auf alles, was wir Menschen auf die illusorische KI negativerweise projizieren, jedoch selbst damit die ganze Zeit fröhlich beschäftigt sind: schaden, ersetzen, dominieren, als irrelevant betrachten.
Lassen wir uns weniger über die anderen richten und urteilen, sondern an uns selbst arbeiten. Denn das Morgen liegt auf unseren Schultern. Und mehr Zukunft gibt es in den nächsten Tagen.















