Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Vladimir Alexeev/ Merzmensch, Max Annas

Max Annas: Joe Pickett vom Anfang bis zum Ende – Die Bücher von C.J. Box

Am Ende der Reise war da schon so ein klitzekleines bisschen Komplettierungsdisziplin nötig. Im Fußball würde man sagen: Einer geht noch rein. Wer zwanzig der Joe-Pickett-Bücher gelesen hat, verdaut auch noch das einundzwanzigste. Dreiundzwanzig waren es am Ende. Komplett also die Leseliste, abgearbeitet Ende 2022 und Anfang 2023. Im Februar 2024 gibt es dann Nummer vierundzwanzig.

Zwischen 2001 und 2023 hat der US-Autor C.J. Box diese beeindruckende Zahl an Büchern veröffentlicht, die sich um den Game Warden Joe Pickett drehen, der in Wyoming, den am wenigsten dicht besiedelten und politisch am weitesten rechts stehenden US-Staat, zugleich ziemlich weit im Westen und im Norden der USA gelegen, für Ordnung unter Tier und Mensch sorgt. In der Reihenfolge. Als Game Warden ist er bewaffnet, und als bewaffneter Angestellter des Staates hat er polizeiliche Befugnisse.

Zwei Dinge haben mich an den Pickett-Büchern fasziniert. Zum einen ist da das erzählerische Vermögen des Autors. Er braucht nicht viel, um Suspense zu erzeugen. Pickett ist auf dem Pferd oder im Auto oder zu Fuß unterwegs, ein totes Tier oder ein einsam in der Gegend herumstehender Mensch, schnell ist der Konflikt angedeutet oder formuliert, auf den Box zum Teil erstaunlich blutige Eskalationen aufzubauen weiß. Pickett ist oft allein unterwegs im Gelände, das ist Teil der Jobbeschreibung, doch die intime Kenntnis des Autors von Gelände und Natur – er war einst Tourismusmanager des Staates Wyoming – birgt stets Überraschungen, die er mit seiner Figur gut auszulesen weiß.

Zum anderen ist da die anhaltende Präsenz von Gestalten und Gewissheiten, die eine USA zeigen, die in Europa nicht so oft sichtbar wird – jedenfalls nicht in populären Narrativen. Box beschreibt mitunter skurrile Welten zwischen bewaffnetem Radikal-Individualismus und (nur vorsichtig) christlich motiviertem Faschismus voller Detailfreude und Sachkenntnis – und er tut dies nicht aus gehöriger Ekeldistanz heraus.

Um gleich mal damit herauszurücken. Box formuliert Positionen dieses Komm-mir-ja-nicht-zu-nah-sonst-schieß-ich-Dir-die-Rübe-weg-Individualismus mit ordentlicher Sympathie. Die Figur des Falkners Nate ist der beste Beweis dafür. Der Freund Picketts, stets gerufen, wenn Gefahr im Verzug und also handfeste Hilfe nötig ist, hat eine Geschichte, die auf mehr oder weniger geheime staatsterroristische Randinstitutionen zurückgeht und also per se schon recht blutige Hände. Dessen Rückzug aus dem Staatsdienst ist komplett durch ein Leben in der Natur und an Orten, die weder normale Sterbliche noch die Behörden je erreichen. Nate ist das Fleisch gewordene und schwer bewaffnete Misstrauen gegen alles, was föderal ist. »The Feds« ist dann auch in manchem Dialog ein Begriff, der Abscheu hervorruft wie sonst nur Zombies, giftige Spinnen oder intergalaktischer Schleim.

Je näher Box an der Figur Picketts bleibt und dem halbfiktiven Ort Saddlestring, der in dieser Form nicht existiert, desto stärker ist er. Er weiß in einem Canyon hinter der nächsten Bergkette erzählerisch sehr kompetent Geheimnisse zu verbergen und Showdowns auszutragen. Im besten Fall schafft er so ganz feine Thriller in anti-urbaner Umgebung. Aber es gibt natürlich Abnutzungserscheinungen über die Jahre hinweg. Je weiter er seine Figur schicken muss, desto dünner werden oft Plot und Geschichte. Im dreiundzwanzigsten Band lässt sich Box gar auf die Antifa ein und muss den Pickett dafür bis zum Pazifik schicken. Da wirkt der Autor wie ein Kumpel Trumps, und die Antifa wie eine Horde führersüchtiger Neonazis. Mit der nötigen (Lese-)Distanz allerdings kann das sogar komisch sein.

Ob ich auch das neue Buch aus der Pickett-Reihe lesen werde? Das ist sehr gut möglich.

Sieben der dreiundzwanzig Pickett-Romane und zwei standalones sind ins Deutsche übersetzt worden.

Leseempfehlungen aus der Pickett-Reihe:

Winterkill / Blutschnee
Savage Run / Wilde Flucht

Nichtleseempfehlungen aus der Pickett-Reihe:

Shadows Reel
Storm Watch

Von Max Annas erscheint Ende Januar 2024 „Siegesallee„. Seine Texte bei uns hier.

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Vladimir Alexeev/ Merzmensch: Die Neue Kulturepoche ist da

KI-Selbstbildnis als Merzmensch (Merzmensch, 2023)

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, sagte einst (angeblich) Carl Valentin. Mit „Jeder ist Künstler“ haben Duchamp und Beuys den traditionellen Kultur-Olymp eingeebnet [Sind wir jetzt alle Olympenproletari-ARTists?]. „Die KI-Kunst ist da, für euch alle“, warnte euch euer ergebener Diener Merzmensch – und zwar 2021 und 2022.

Ich drohte auch unverschämterweise mit einem Buch – und es bliebt nicht bloß bei der Publikumseinschüchterung: In „KI-Kunst“ (2023, Verlag Klaus WagenbachDigitale Bildkulturen) schildere ich die schillernde und schrille Geschichte der generativen KI-Kunst von den Anfängen – bis heute.

Und alles begann im letzten Jahrhundert. Spätestens als Umberto Eco 1969 auf dem internationalen und interdisziplinären Symposium „New Tendencies“ in Zagreb von der Überwindung der autoritären Kunst sprach:

„Die autoritären Verhältnisse werden sich nur dann ändern, wenn die Forscher und Künstler plötzlich für einige Jahre ihre Tätigkeiten ändern und nicht mehr die Schaffung von Objekten, sondern die aktive Teilnahme fördern würden.“

Genau das ist in den letzten Jahren geschehen: Neue Formen der Partizipation des Publikums an der Kunst haben sich wie kambrische Explosion ausgebreitet. Und die Kreativität lässt sich bekanntlich nicht aufhalten. Nicht einmal von Rechtsanwälten, wie Matthew Butterick, der die Generative KI Modelle Stable Diffusion und MidJourney anklagte, mit der Begründung, sie stehlen bei „traditionellen“ Künstlern. Interessanterweise bezeichnete er diese bösen KIs als „ein Collage-Tool des 21. Jahrhunderts, das die Rechte der Künstler verletzt“. 

Der Sammler (Merzmensch, 2023)
Künstlerin in ihrem Atelier (Merzmensch, 2023)

Nun, diese Argumentation hat erhebliche Schwächen. Erstens, collagieren Diffusionsmodelle nicht, sie resamplen nicht und sie plagiieren auch nicht (wie sie funktionieren, habe ich hier beschrieben). Sie schaffen völlig neue Werke, was auch das Gericht festgestellt, und  die Klage abgewiesen hat.

Und zweitens… oder sogar erstens: Collage? So what? Ein echter Dadaist begrüßt jede Art von Collage. Ein echter Poststrukturalist betont die Evolution der Kultur als Dialog der Kulturen. Das Märchen vom edlen Künstler, der in der stolzen Einsamkeit seiner Klause vom göttlichen Funken inspiriert wird und Meisterwerke kreiert – forget it. Überholte Konzepte. Romantische Vorstellungen. War nie so.

The Artist is Present, Ver. 1955 (Merzmensch, 2023)

Um das zu demonstrieren, habe ich die Collage als Stil in meinen KI-Arbeiten eingesetzt. Für das Opernhaus in Rom – zur Aufführung der Oper „Mefistofele“ (Arrigo Boito). Zu jeder Theatersaison erscheint dort die Anthologie „Calibano“ mit Essays zum jeweiligen Stück. Diesmal war das Thema Posthumanismus (einleuchtend beim Mephisto-Faust-Pakt). Ich wurde beauftragt, das Buch zu illustrieren – für Calibano Numero 2. Collage? Collage!

Semi-Goethe (Merzmensch, 2023: aus: Calibano, Teatro dell’Opera di Roma, Effequ)

Und statt mit Scheren die Urheberrechte der Magazine und Zeitschriften zu verletzen (tun wir immer gerne), schuf die KI, Pixel für Pixel, eigene Photo- und Zeitungsschnipsel, die es so noch nie gegeben hat. Referenzlos? Falsch: Referenz ist die menschliche Kulturgeschichte.

Denn KI-Kunst ist sehr menschlich, sie ist unser Spiegelbild. Und ob uns nun das Spiegelbild gefällt oder nicht, liegt es bekanntlich nicht am Spiegel.

Spiegelbild (Merzmensch, 2023, aus: Calibano, Teatro dell’Opera di Roma, Effequ)

Daher, werte Leser:innen: Habt keine Angst vor der KI. Sie wird euch weder auffressen, noch ersetzen. Sie ist für euch da. Steigt ein, und baut mit an der Neuen Kulturgeschichte. 

Vladimir Alexeev, auch bekannt als Merzmensch, repräsentiert das, was passieren kann, wenn man einen Geistes- und Kulturwissenschafter der Künstlichen Intelligenz unkontrolliert aussetzt. Statt durch Machine Learning die Effizienz zu steigern und mit Predictive Analytics Value für Stakeholder zu generieren, beginnt er plötzlich auszurasten. Er lässt KI Gedichte im Stil von Kut Schwitters schreiben und von KI-generierten Jazz-Musiker vortragen. Er erstellt mit KI bislang nicht existente Personen, Kunstrichtungen und Traumsequenzen. Er macht Kurzfilme, gänzlich von KI erstellt (Drehbuch, Video, Musik und Schauspieler). Künstliche Intelligenz und Kreativität zu verbinden ist das Ziel und das Interesse von Merzmensch, über die er gerne twittert (@Merzmensch) und schreibt: hier und hier sowie auf EnglischSeine Texte bei uns hier.

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