Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024

Highlights 2024 – Vladimir Alexeew/ Merzmensch, Hartmut Andryzuk

Vladimir Alexeew/ Merzmensch

Meine Warnung (siehe 2021, 2022, 2023 hier in diesem Theater) ist angekommen. Die KI ist hier, um zu bleiben. Und sie beginnt sogar zu altern, wie die Bücher.

„The Big Confusion“ © Merzmensch / KI

Manche Bücher altern, werden runzlig und mürrisch, wie ein griesgrämiger Rentner, der an Karneval beim zweiten Bier unwirsch die Umgebung begutachtet.

Deshalb habe ich mein eigenes Buch „KI-KUNST“ in diesem Jahr in der zweiten Auflage gründlich aktualisiert. Schließlich geht es um Kunst und (Überraschung!) um KI, und da sich in diesen Bereichen alles ständig ändert (Tempora mutantur), und wir eigentlich auch (nos et mutamur in illis), habe ich eine Metaperspektive gewählt, als Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft.

BÄM! Da! BÄM. Hören Sie es wieder? So klingt es, wenn meine Kinnlade auf den Boden stürzt. Dieses Geräusch hörte man oft in meiner Nähe, denn ich habe endlich Vilém Flusser für mich entdeckt. Und an Vilém Flusser kommt keiner ran. Er hat in den 80er Jahren eine Reihe von Büchern geschrieben, die die wunderbare Fähigkeit haben, von Jahr zu Jahr aktueller und relevanter zu werden. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir ihn immer noch nicht ganz verstanden haben, und unsere Enkelkinder seine Bücher uns erklären werden.

So schrieb er 1985 in seinem Essay „Ins Universum der technischen Bilder“ über die künftige Gesellschaft, die in der Lage sein wird, Bilder zu synthetisieren. Und es wird eine gewaltige Kulturrevolution und soziale Umwälzung sein, die wir uns noch gar nicht vorstellen können. Da wir den endlosen Informationsströmen ausgesetzt sind, brauchen wir einen Apparat, der sie für uns visualisiert und zusammenfasst. Wir werden die Knöpfe drücken und neue Visionen des Abstrakten schaffen.

„Apparatus“ © Merzmensch / KI

Ich höre schon die Klagen: „Man wird keinem Bild mehr glauben können, wo bleibt den die Wirklichkeit, das Authentische?!” Und ich sage: ENDLICH. Danke, KI. Endlich begreift unsere Gesellschaft, dass Bilder nie die Wahrheit waren. Wir waren nur zu bequem, alles zu glauben, was wir sahen. „Es ist nicht so, dass die Bilder lügen. Wir irren uns, wenn wir die Wahrheit in ihnen suchen“ (sagte ich in den Frankfurter Heften und bleibe dabei).

Hier zum Beispiel eine MERZMENSCH-Ausstellung:

Was Sie hier sehen, sind natürlich keine Aufnahmen einer Ausstellung von mir. Jede Sekunde dieses Videos ist vollständig von KI generiert. Und doch ist das Video definitiv meine Ausstellung, denn auch die seltsamen Gestalten darin sind Sie, die meine Kunst betrachten – einige ohne Hintergrund, aber mit großem Interesse; andere saugen alles auf, so dass nichts mehr an den Wänden hängen bleibt; wieder andere (Gleichtgesinnten von Merzmensch) navigieren wie alte Kapitäne hindurch, denn auch sie wissen von Anfang an, was es heißt, KI-Kunst. Und es gibt auch solche, die meine Kunst canceln und mit Fernbedienung ausschalten (die letzte Figur). Ich habe euch hier ausgestellt. Ohne Vorwarnung (irgendwann ist Schluss mit Warnungen).

Dieses Jahr 2024 brachte viele neue Ideen, Methoden, Erfahrungen. Eine davon möchte ich mit Ihnen teilen. Ich hatte eine Reihe von physischen Ausstellungen (in München, Berlin, Frankfurt), aber eine meiner liebsten war eine Ausstellung, in der meine Werke überhaupt nicht zu sehen waren.

KI-Ausstellung in der Stadtbücherei Frankfurt © Photo: Phil

Denn die Stadtbücherei Frankfurt (Digitale Dienste und Bibliothekspädagogik – Wink in Richtung von Frau Ludwig und Frau Schmidt) arbeitet schon seit einiger Zeit an neuen digitalen Angeboten.

Diesmal haben sie mich zu einem genialen Projekt ihrerseits eingeladen: Sie machen Workshops für die breite Öffentlichkeit (15-99 Jahre), zeigen, wie man mit Hilfe von KI Bilder erschafft, und versuchen außerdem, diese aktuelle Zeitgeist-Kitsch-Ästhetik zu bekämpfen und etwas Eigenes (Abstraktes, Subversives, Persönliches) zu erschaffen.Die Workshops sind kostenlos, am Ende werden die Werke aller TeilnehmerInnen auf einer Ausstellung präsentiert – und dann können sie sie mit nach Hause nehmen.Eine Auflage: Die TeilnehmerInnen können zig Bilder machen, doch am Ende müssen sie EIN Bild auswählen, das sie am besten anspricht. Der Rest wird gelöscht. Die Qual der Wahl. Für mich war das einer der inspirierendsten Momente des Jahres 2024. Vor allem die Senioren waren begeistert. Ein 83-Jähriger fand KI so faszinierend (wir hatten mit einem Open Source gearbeitet), dass er das System gleich nach dem Workshop zu Hause auf seinem Computer installiert hat. Und das Spannende ist: Die Werke, die in dieser Workshopreihe entstanden sind, sind einzigartig. Sie spiegeln die innere Welt, die Träume, die Vorstellungen der AutorInnen wider. Kunst mit KI bedeutet keineswegs mediokren Einheitsbrei und epigonale Kulturanbiederung, wie manche immer noch behaupten.

Aber Dogma tötet Kunst (siehe mein Interview mit Anika Meier, Expanded Art).

Vielleicht sollte ich aufhören zu warnen.Denn sie ist da. Künstliche Intelligenz – auch wenn man sie nicht pars pro toto nehmen darf (siehe Merzmensch – Performing Utopias, in: EIKON, 2024/126. Denn es gibt nicht die KI an sich – es gibt unzählige Modelle, Verfahren, Systeme. Die Erzählung von der ominösen, allumfassenden KI-Wolke, die uns alle versklaven will, ist der neue Teufel, den Nobelpreisträger und Philosophen einerseits, konservative Medien und Yellow Press andererseits (und der Rest ihrerseits) an die Wand malen.

Nein, wir sollten uns nicht vor KI fürchten, sondern vor Menschen, die KI für böse Zwecke einsetzen.

Und in der Zwischenzeit müssen wir der KI eine Chance geben, Teil unserer Gesellschaft zu werden.Auch wenn das schwierig bis unmöglich ist, wie in diesem Videogedicht, geschrieben und gespielt von KI (ich war nur der Zusammen-Fasser und Regisseur), mit dem ich meine Warnung beenden möchte:

Auf ins neue Jahr 2025!

Bleibt kreativ, denn niemand (weder Maschinen noch Menschen – außer euch selbst) kann euch eure Kreativität nehmen!

Vladimir Alexeev, auch bekannt als Merzmensch, repräsentiert das, was passieren kann, wenn man einen Geistes- und Kulturwissenschafter der Künstlichen Intelligenz unkontrolliert aussetzt. Statt durch Machine Learning die Effizienz zu steigern und mit Predictive Analytics Value für Stakeholder zu generieren, beginnt er plötzlich auszurasten. Er lässt KI Gedichte im Stil von Kut Schwitters schreiben und von KI-generierten Jazz-Musiker vortragen. Er erstellt mit KI bislang nicht existente Personen, Kunstrichtungen und Traumsequenzen. Er macht Kurzfilme, gänzlich von KI erstellt (Drehbuch, Video, Musik und Schauspieler). Künstliche Intelligenz und Kreativität zu verbinden ist das Ziel und das Interesse von Merzmensch, über die er gerne twittert (@Merzmensch) und schreibt: hier und hier sowie auf EnglischSeine Texte bei uns hier.

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Hartmut Andryzuk: Zeitanker

Buch des Jahres: Der Kopf des Vitus Bering von Konrad Bayer, wieder entdeckt, gelesen und als Künstlerbuch produziert unter dem Titel INDEX VITUS BERING. Der Roman als Textmontage über den dänisch-russischen Seekapitän erschien zuerst 1965. Ich bestellte das Buch mit dem grünen Einband (Cottas Bibliothek der Moderne, Band 86) in einem Antiquariat und es steht neben dem Koran (ein Geschenk von Hartmut Geerken) auf meinem Schreibtisch. Den Koran habe ich nicht gelesen, den Vitus Bering mehrmals. Das Künstlerbuch besteht wie der Roman aus zwei Teilen: einem Bild- und Textteil sowie dem gedruckten INDEX, der wie im Original-Buch eine Sammlung von Zitaten aus arktisch-schamanistischen Praktiken, ethnologischen Forschungen, Texten aus Alchemie, Schifffahrt und Medizin arrangiert. „wiederholung. des nachts sahen die seefahrer flämmchen wie sterne auf der meeresoberfläche. oft folgte dem schiffe ein feuriger schweif und bezeichnete den weg, welchen das schiff zurückgelegt hatte. oft auch schien das ganze meer in feuer zu stehen, soweit das auge reicht, und das schiff ging durch ein feuermeer.“ (Bd. 86, p. 48) Oder das Zitat eines Zitats aus dem Index: „er schmiedete seinen KOPF und zeigte ihm, wie man die buchstaben darin lesen kann. (a.a. popov, tavgijcy. materialy po etnografi avamskich i vedeevskich tavgi-cev, trudi instituta antropologii i etnografii, bd. 1, moskau u. leningrad 1936).“ Der Vitus Bering hat mich bereits seit dem letzten Jahrhundert begleitet – von den ersten literarischen Performances Anfang der 1980er Jahre der Gruppe Solypse – Charmante Schamanen bis zu dieser Künstlerbuch-Ausgabe. Für den gedruckten Index lieferte Reinhard Moeller noch ein Titelblatt, das er „Aufrecht im Eismeer“ nannte und den Ein- und Ausschaltknopf eines Rechners zeigt.

Reinhard Moeller, 1985

Tod des Jahres: Reinhard Moeller (1960 – 2024). Ich lernte Reinhard 1980 in Göttingen kennen und ein Jahr später gründeten wir zusammen mit dem Germanistikstudenten Matthias Grupe die Gruppe Solypse. Reinhard studierte „Visuelle Kommunikation“ in Kassel, war aber kaum in der Universität. Ende der 1980er Jahre lieferte er dort seine Diplomarbeit unter dem Titel Chimären ab. An Kunst und Literatur interessierte ihn nicht Werk oder Produkt sondern die Prozesse und ihre vorläufigen Ergebnisse. Mit Büchern, Bildern, Möbeln, materiellen Dingen konnte er ohnehin wenig anfangen und empfand sie eher als Ballast. Letztendlich langweilten ihn Künstler*innen. Die Szene bestand für ihn vorwiegend aus Blender*innen und das ist heute wahrscheinlich ähnlich wie damals. Stattdessen entwickelte er in Eigenregie eine Software für große Firmen und Fernsehsender und wurde dadurch reich, obwohl er wie ein Clochard lebte – in einer großen und komfortablen Wohnung zwar, die aber kaum eingerichtet war (ausser vier Stühlen, zwei Tischen, sieben Laptops und diversen Festplatten). Unter den Sonderlingen war er wirklich ein Sonderling mit autistischen Zügen, die manche fälschlicherweise mit Arroganz verwechselten. Ich habe kaum eine heiterere Trauerfeier wie die zu Reinhard erlebt – auf dem St. Pius und St. Hedwig-Friedhof in der Konrad-Wolf-Straße in Hohenschönhausen. Keine Predigt in der Kapelle, keine Legenden, keine biografischen Details – nur In a Landscape von John Cage. Anschliessend wurde die Urne zu einer Wiese getragen und verschwand in der Erde. Auf der Terrasse eines Cafés am Orankesee beendeten wir die Beerdigung. Viele aus der kleinen Gruppe hatte ich seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen und die meisten von denen werde ich wohl auch nicht mehr wieder sehen.

Das Solypse-Archiv (1981 – 1985) mit allen Texten, Literatur-Performances, Essays, Polaroid-Verfremdungen, Herausgaben und Ephemera unserer Solipsisten-Gruppe ist seit 2018 im Literaturarchiv Marbach. Zwei materielle Dinge bekam ich nach seinem Tod: eine schwarze Aktentasche mit der Blindprägung „Karl Lagerfeld“ und eine elektrische Kaffeemühle. Im Krankenhaus schrieb ich ihm noch eine Nachricht und wies ihn auf eine TV-Übertragung eines Fußballspiels hin. Er schien keine Notiz davon zu nehmen. Dann starb er und vier Tage nach seinem Tod erreichte mich eine SMS von ihm mit der Frage: „Auf welchem Sender?“

Hintergrundbild des Jahres: Horizont in der Liwa-Oase. Nach der Buchvorstellung Babylon Transit von Anna Hoffmann war ein neuer Laptop fällig, den ich „Polarstern“ nannte. Die Stimmung dieser animierten Wüstenszene korrespondiert mit den Gedichten und Schwarzweiß-Polaroids von Anna. Babylon Transit repräsentiert für mich keine bekannte Welt, keine Ankerpunkte und Querverweise zu europäischen Geborgenheiten – im Denken wie im Leben. Unruhe, Ängste, Einsamkeit, unbestimmte Sehnsüchte vielleicht nach einem Horizont, einer Wüste.

Film des Jahres: Abgehört von Oksana Karpovych. Telefongespräche von russischen Soldaten beim Fronteinsatz – aufgezeichnet vom ukrainischen Geheimdienst. Eine Dokumentation, die unter die Haut geht, mit ruhigen Bildern unterlegt, Stillleben von Landschaften und zerstörten Räumen.


Zeichnung zu Michael Lentz, Der Mensch ist diese Nacht (erscheint im Januar 2025)

Ausblick: Neue Künstlerbücher: Michael Lentz (Der Mensch ist diese Nacht), Michaela Melián, Ulrich Woelk, Die Tödliche Doris u.v.a.m.

INDEX VITUS BERING im Hybriden Verlag

IMMATERIALIST – Blog für Reinhard Moeller

Babylon Transit im Hybriden Verlag.

Hartmut Andryczuk gründete 1993 in den Berlin den Hybriden-Verlag, der sich zu einem internationalen Forum für zeitgenössische Künstlerbücher entwickelt hat. 2022 zum Beispiel: Anna Hoffmann mit „Die Rehe von Paris“ Gedichte (1998 bis 2022) oder Babylon Transit (2024).

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