Geschrieben am 31. Dezember 2025 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2025

Highlights 2025: Andreas Pflüger, Hazel Rosenstrauch

Andreas Pflüger: Ganz bei mir und meinen Figuren

Den renommiertesten deutschen Preis für Kriminalliteratur mit zwei Romanen in Folge zu gewinnen, setzt die Amarenakirsche auf die Sahnetorte.

Es ist mein dritter. Beim ersten Mal, 2017, erhielt ich den Anruf im Auto und kam für Sekunden der Welt abhanden, sodass ich eine rote Ampel überfuhr. Dieser Preis war mit drei Punkten in Flensburg dotiert. Zum zweiten Mal durfte ich mich vor zwei Jahren für »Wie Sterben geht« über die Auszeichnung freuen. Ich erinnere mich dunkel, an dem Abend mit meiner Frau ins Restaurant gegangen und am nächsten Morgen zehn Jahre älter aufgewacht zu sein. Mit dem letzten Wodka war etwas nicht in Ordnung gewesen, das war die einzige Erklärung.

Jetzt, bei »Kälter«, genieße ich es gelöst wie jemand, der keinen Druck mehr spürt. Den hatte ich im Film- und Fernsehgeschäft. Dort wurden ganz andere Summen bewegt; es ging um Arbeitsplätze, man muss als Drehbuchautor funktionieren und braucht ein robustes Nervenkostüm. Aber beim Schreiben von Prosa braucht man nur eins: Lust auf den Text. Welche Befreiung es für mich ist, keinen Budgetzwängen mehr unterworfen zu sein, kriegen meine Leser von Roman zu Roman zu spüren. Oft werde ich gefragt, ob es nicht schwer sei, mit den Erwartungen des Publikums umzugehen, die sich bei jedem neuen Titel immer weiter in die Höhe schraubten. Nein, gar nicht. Ich schreibe für mich; es sind Bücher, die ich selbst gerne lesen würde. Dass so viele Menschen das mit mir teilen, ist Grund zur Freude. Aber wäre dem nicht so, würde ich kein Jota ändern. Ich bin ganz bei mir und meinen Figuren, und bei jedem Satz kitzelt mich die Neugier auf das, was auf der nächsten Seite passieren wird. Nichts macht mich so glücklich. Abgesehen von meiner Frau.

Gratulation auch an Zoran Drvenkar und Susanne Tägder zu den Plätzen 2 und 3. Zoran ist ein feiner Kerl und bemerkenswerter Autor, dem ich jeden Preis der Welt wünsche, und für Susanne Tägder habe ich mich bei ihrem Debüt letztes Jahr sehr ins Zeug gelegt und gesagt: »Diese Autorin ist gekommen, um zu bleiben«. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich als Kind in einen Bottich mit Weisheitstrank gefallen bin.

Außerdem beglückwünsche ich Thomas Wörtche, der als Herausgeber mit Zoran Drvenkar und Lavie Tidhar (1. Platz in der Kategorie International), erneut zwei Autoren auf dem Treppchen hat. Das muss ihm erst mal jemand nachmachen.

Was vom Jahre übrigblieb:

Film: »The Smashing Machine«

Serie: »Breaking Bad« (zum ersten Mal gesehen)

Roman: Thomas Melle, »Haus zur Sonne«

              Helga Schubert, »Luft zum Leben«

              Ulrike Damm, »Die Poesie des Buchhalters«

Lyrik: Jaques Prévert, »En sortant de l’école« (wieder gelesen)

Album: Joe Bonamassa, »Live at Royal Albert Hall«

Ausstellung: Sven Drühl, Galerie König Berlin

Reise: Lissabon im Frühjahr

Bestes Restaurant: Sála de João Sá, Lissabon

Bestes Hotel: Wasserturm, Köln

Bester Moment: Heimkehr von der Lesetour

Größte Enttäuschung: ein Freund, der keiner war

Beste Entscheidung: Sport machen

Größter Erfolg: abgenommen

Beste Nachricht: keine OP nötig

Größte Sorge: wachsender Antisemitismus.

Zum Schluss etwas Bizarres: Im November stellte ich fest, dass Alice Weidel mir auf Facebook gefolgt ist. Erst hielt ich es für ein Fake-Profil, aber sie war es wirklich. Zwar habe ich sie blockiert, aber seitdem frage ich mich immer wieder, was diese Frau womöglich auf den absurden Gedanken gebracht hat, ich könne ihr Gedankengut teilen. Ob Menschen, die ich verachte, meine Romane lesen, liegt nicht in meiner Hand. Hier ist die Vorstellung einigermaßen eklig.

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Andreas Pflüger hat jetzt im Dezember 2025 den Deutschen Krimipreis für seinen Thriller »Kälter« erhalten. Er steht auch auf Platz 2 unserer CrimeMag Top Ten 2025.

Seine Texte und Gespräche bei uns hier. Ein aktuelles ausführliches Interview von Alf Mayer bei uns hier, ebenso die Laudatio von Elmar Krekeler für den Berliner Krimipreis.

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Besuch von Nikolaus und Krampus in der Stube, Zeitungsillustration aus dem Jahr 1896 – „Wiener Bilder“ 6. Dezember 1896 © wiki-commons

Hazel Rosenstrauch: Von Teufeln und Lebensgeistern

Ich beginne meinen Rückblick mit dem grauslich nassen Dezembertag, an dem in katholischen Ländern Krampusse und andere Teufel Lärm und Angst verbreiten. Mittags um 12.00 war das Begräbnis, die alte Genossin wollte keine Rituale, keinen Pfarrer, auch keine agnostische Rednerin. Also standen wir still da, wenige, aber nette Menschen. Abends ging ich in die kleine Galerie um die Ecke, wo gelegentlich Konzerte stattfinden. Den Trompeter kannte ich, er gab nur den ersten Ton an, das zarte Mädel an dem viel zu großen Kontrabass zupfte, klopfte, sang voller Kraft, der Sound-Designer mit Tasteninstrument stimmte ein oder konterkarierte, und jeder hatte sein Solo. Die Töne wirbelten mit- gegen- und aufeinander … danach war  ich guter Laune wie lange nicht. 

Begonnen hat das Jahr mit Trumps Inauguration, zu den Schlagworten des Jahres gehören: Kriegsvorbereitung, Abwehrbereitschaft, Krisenvorsorge; „Diskursvulnerabiltiät“ und „eingriffsintensive Ermittlungen“ habe ich auch notiert. Aufrüstung, noch mehr Waffen, noch mehr Demokratiezerstörer. Der DAX steigt. Wahlwerbung von Friedrich Merz: „Damit wir wieder stolz auf unser Land sein können“ macht mir mehr Angst als der Krampus. Unter 30. 1. steht im Tagebuch: „ermutigende Demo, positive Vibs“.  

„Wegwerfen, wegwerfen, wegwerfen“ steht in meinem Tagebuch. Es war ein Jahr der Aufräumwut. Archivalien, Exzerpte, Notizen und Briefe wanderten in den Müll. Einige Texte habe ich aufgehoben und ein Buch daraus gemacht.

Den runden Geburtstag mit der hohen Zahl vorne wollte ich nicht feiern und fuhr weg, bei der Rückkehr fand ich das Geburtstagsgeschenk von einem fernen Freund: Peter von Matt, „Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist“, eine wunderbare Reise quer durch die Welt-, die Literatur- und Kulturgeschichte Bei den Räumarbeiten stieß ich auf alte Bewerbungen um Stellen in England und Dänemark, und sinnierte, „was gewesen wäre, wenn das es was geworden wäre“. Zwei weitere Wegbegleiter sind gestorben. „Altern ist nichts für Feiglinge“ – die Suchmaschine verrät, dass das Zitat von der Hollywood-Diva Mae West stammt.

Wie an dem Tag mit Begräbnis und Jazzkonzert ging es auf und ab, traurig-heiter, resignativ bis trotzdemistisch. Im Frühjahr war ich in der Komischen Oper Berlin bei „Echnaton“, mit Musik von Philipp Glass, mit Licht-Spielen, Chor und einer hinreißenden Choreographie, kein einfaches Stück, dennoch waren die Menschen in dem vollen Theater begeistert. Also geht die Welt noch nicht unter. Im Sommer besuchte ich M., die aufs Land gezogen ist, in eine Genossenschaft mit eigenem Abwassersystem, Gemeinschaftsräumen und Regeln fürs Zusammenleben – der Versuch, Utopie zu leben, wie sie sagt. Ich habe auch K. besucht, der sich im Südwesten, dort wo viel Wein wächst, einen Hof gekauft hat, in dem wohlhabenden Ort gibt es kein Café, keinen Sportplatz, kein Kino und keine Kinder, für alle Wege ist ein Auto nötig. Die Stahltanks sind zehn Meter hoch, die Weinstöcke stehen in Reih und Glied, effizient industriell bearbeitbar. K. fuhr mich auch nach Landau zum „Deutschen Tor“, in dessen Nähe steht eine Gedenktafel mit der Information, dass die jüdischen Weinhändler arisiert wurden – nicht ihre Geschäfte. Das ist offenbar vor mir niemandem aufgefallen. Ist das zum Lachen oder zum Weinen?

Gute Bücher, schlechte Bücher (einige habe ich in CulturMag besprochen) boten Trost und Hilfe zur Er-Kenntnis. Giuliano da Empolis „Stunde der Raubtiere“ hatte mir so gut gefallen, dass ich mir den „Magier im Kreml“ besorgte, genoss das anregend gesponnene Werk. Nachrichten über Krieg, zerstörte Häuser, Hunger und Bilder von selbstzufriedenen chauvinistischen alten Männern an der Macht, weshalb ich das Anschauen von Nachrichten im Fernsehen eingeschränkt habe. Nicht vermeidbar waren schmerzhafte Debatten, „die Palästinenser“ und „die Juden“ betreffend. Gespräche mit Freunden sind heikel geworden. Wir meiden manche Themen, machen einander Mut oder raunzen. Wegen solcher Gespräche (und Anti-Gespräche) habe ich meinen Salon wiederbelebt, um im Kreis von Freunden über dies und jenes, keineswegs nur über Politik, zu quatschen. Nach dem vielversprechenden Einstieg waren wir beim letzten Treffen allerdings nur noch zu viert, aber es ist Advent, da sind alle busy, busy. Im neuen Jahr mache ich nochmal einen Anlauf.

So ging es Auf und Ab, zwischen Schrecken und Freuden, und mit Literatur hinaus in die Zweitwelt.

Es ist immer noch Dezember, diesmal sonnig. Ich spaziere zu dem neu geschaffenen Walter Lübcke-Platz vor dem Adenauer-Haus, mit dem das Zentrum für politische Schönheit die CDU beschämt. Viele Blumen, Zettel und Kerzen sind um die Statue herum drapiert, offenkundig von Menschen, die diese Aktion begrüßen.

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Hazel Rosenstrauch (2): Im Panzer des Exils

Es ist Literatur, keine Autobiographie, und Exil ist hier nicht die Vergangenheit ehemals Deutscher, die vertrieben wurden, sondern die Geschichte eines Libyers, der in London lebt – und bleibt. Weit darüber hinaus ist es auch ein Buch über Exilanten, solche, die zurückgehen, wenn die Diktatur in ihrem Land vorbei ist, und solche, die dort bleiben, wo Dinge, Gewohnheiten und ein Gefühl für Sprache entstanden sind. Der Erzähler (mit anderem Geburtsdatum als der Autor) war zum Studium nach Schottland geschickt worden und – verführt von einem Freund – in London bei der Demonstration vor der libyschen Botschaft schwer verletzt worden (es wurde aus der Botschaft heraus mit einem Maschinengewehr auf die Demonstranten geschossen). Er kann weder zurück an die Universität in Edinburgh noch ins Gaddafi-Libyen, wo Eltern und eine Schwester auf ihn warten. Die Unzugehörigkeit, die Liebe zu Büchern und vor allem die Freundschaften – auch die mit Frauen, mit denen er keinen Sex hat –, tragen die Geschichte, nebenbei erfährt man allerlei über das Regime in Libyen, über die ausgewanderte arabische Intelligenz und die Methoden, mit denen unangenehme Journalisten beseitigt werden. Ebenso wichtig ist die Atmosphäre im London der 1980er Jahre ff., sind Filme, Bücher, Buchhandlungen, sind die Narben, die er zu verstecken sucht, und sind vor allem Freunde oder Freundinnen, die aus dem Libanon oder aus Irland kommen, unterschiedliche Herkünfte sind normal.

Bei jeder Begegnung mit Landsleuten ist ungewiss, ob er sich öffnen kann oder Gefahr lauert, der Familie darf er nicht erklären, weshalb er nicht nach Hause kommt, das Telefonat könnte abgehört werden. Gespräche und Gedanken, die er mit dem Freund austauscht, drehen sich um Leben und Tod in einer Welt, in der man fremd bleibt. Mehr Fragen als Antworten: Ab wann ist es richtig, „nein“ zu sagen? Ist Freiheit Segen oder Fluch? Ist es möglich, „fern von zu Hause ein glückliches Leben zu führen“? Wie baut man sich ein eigenes Leben auf, in dem der Verlust ein Gewinn sein kann, oder „was es bedeutete, in einer Welt Mensch zu sein, in der einige dazu bereit sind, andere zu vernichten“.

„Scheiß auf das Exil“ wird zu „einer Art Refrain, unserem persönlichen Allgemeinplatz, den wir wie einen Segensspruch an alle möglichen Wünsche anfügten: Gute Nacht, und scheiß auf das Exil. Fahr vorsichtig, und scheiß auf das Exil …“

Der Autor erzählt von der schwierigen Balance zwischen Vertrauen und Vorsicht vor Spitzeln, von Angst und Liebe und Sehnsucht nach dem Meer bei Bengasi. Und von der Nähe zu den beiden Freunden, Mustafa und Hosam. Sie werden, anders als Khaled, der Protagonist, nach Gaddafis Sturz in die alte Heimat zurückkehren und kämpfen.

Ich habe nachgeschaut, um fehlende Geschichtskenntnisse zu ergänzen und Details über den Autor zu erfahren, dabei fand ich heraus  dass Hisham Matar sich 2024 für den Boykott israelischer Kulturinstitutionen eingesetzt hat (was offenbar nur in der deutschen Fassung seiner Biographie erwähnt wird). Das hat mein Lesevergnügen kurzzeitig verrückt. Aber ich habe ja auch György Konrads „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ mit köstlichen Skizzen von Mitläufern oder „gepökelten alten Kommunisten“ nicht weggelegt, als ich aus dieser Autobiographie erfuhr, dass sich der berühmte Dissident quer durch die Budapester Frauenwelt gebumst und auch mit einer Minderjährigen vergnügt hat.

Man sollte Matar – der kürzlich den Pulitzer-Preis bekommen hat – wohl im englischen Original lesen, um die Gefühle des sensiblen, anfangs sehr jungen Mannes in „seiner“ Sprache verstehen, die Geräusche so hören zu können, wie sie einer verwendet, der mit siebzehn aus dem Maghreb fortgeht und in der Fremde heimisch wird. Wer alle Araber für Paschas oder Machos hält, würde sich wundern. „Meine Freunde“ ist nicht nur eine Geschichte über Exil, Vertrauen und Zweifel, Fremdheit und Freundschaften, es ist eine Erzählung über Literatur, über die fremde und die eigene Sprache, auch über die Frage nach der Schwierigkeit des Übersetzens von Erfahrungen, für die Worte fehlen.

Hisham Matar. Meine Freunde. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand/Penguin München, 2025, 544 Seiten, Gardcover, 26 Euro.

György Konrád, Sonnenfinsternis auf dem Berg. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2005. 380 Seiten, 24,80 Euro.

  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

Im Dezember 2025 von ihr erschienen – und bei uns hier besprochen: „Gelber Stern und rote Windeln“. Diesterweg Edition, Berlin 2025. 160 Seiten, 15 Euro. Bezug gerne über die Autorin: hazel.rosenstrauch(AT)gmail.com

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