Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024

Highlights 2024 – Robert Brack, Wolfgang Brylla

Robert Brack: Staatstreu bis in den Tod

Gedanken zur Gewalt im Kriminalroman während einer Lesung von Stephanie Bart aus ihrem Roman „Erzählung zur Sache“

Beinahe passend: Der „Rote Salon“, in dessen Rahmen am 7. Oktober die Lesung von Stephanie Bart stattfand, lag im sogenannten „WiWi-Bunker“, einem stammheimartigen Betonmonstrum auf dem Campus der Hamburger Universität, in dem die Wirtschaftswissenschaften beheimatet sind. Die Autorin des literarisch wie politisch sehr kühnen Romans über die erste Generation der RAF war eingeladen von der „Marxistischen Abendschule (MASCH)“, die hier sonst Seminare zu Marx‘ „Kapital“ 1- 3 usw. abhält, sich also mehr mit der Basis und weniger mit dem Überbau beschäftigt.

Endlich mal wieder im linksradikalen Milieu unterwegs, dachte ich nostalgisch. Aber der Odem eines ergrauten Leninismus, den einige der Anwesenden verströmten („Auch ich habe mich an der Waffe ausbilden lassen für den Tag der Revolution“ als kühne Rechtfertigung der Bundeswehrzeit damals in den 70ern) legte sich zwischenzeitlich wie ein Leichentuch über meine auch schon leicht angegrauten Gehirnzellen. Aber dann kamen junge Leute dazu und das Ganze bekam mehr Sinn.

Es wurde nämlich eine spritzige Veranstaltung. Nach einer professoralen Einleitung (Abendschule!) übernahmen Stephanie Bart und Moderatorin Else Laudan die Führung und schafften es, einige Türen und Fenster zu öffnen in diesen auf den ersten Blick hermetisch wirkenden Roman (Stephanie Bart „Erzählung zur Sache“, Secession Verlag, 680 Seiten, 28 Euro).

Natürlich wurde zunächst über den grandiosen Anfang der Geschichte diskutiert, die Schilderung des Anschlags auf das Hauptquartier der US-Armee in Heidelberg. Und hier sollten alle Autoren von action-betonter Kriminalliteratur aufhorchen. Denn was Stephanie Bart auf den ersten 16 Seiten vom Stapel lässt, ist brillant. Ihr gelingt das, was die meisten wackeren Sprachhandwerker der Krimi-Zunft nie wagen würden: Das Geschehen wird aus rasant wechselnden Perspektiven erzählt, immer in der ersten Person, aber diese erste Person wechselt ihre Identität, geht über von „Täter“ zu „Opfer“ und eröffnet einen mehrdimensionalen erzählerischen Raum, der deutlich macht, dass es sich um eine Szene aus einem globalen Krieg handelt. Einem Krieg, in dem es Opfer gibt, die in Kauf genommen werden, weil sie an anderer Stelle wiederum Opfer in Kauf nehmen. Gewalt produziert Gewalt produziert Gewalt.

Auch die Gewalt der Sprache. Um die geht es in diesem Buch (das übrigens auch einige sehr witzige, burleske Szenen aus dem leicht surrealen Alltag der Schließer enthält). Wir lernen die Sprache der RAF kennen und wir lernen die Sprache der Justiz kennen, die Gewalt der Worte, Sätze, Verfügungen, Richtlinien, Gesetzestexten, juristischen Anträgen, (Rede-)Verbote, Kontaktsperren. Dieser verbalen (und realen) Gewaltausübung begegnen die Angeklagten und ihre Anwälte immer wieder mit juristischen Anträgen, Aussageverweigerungen, Pamphleten und der geradezu epischen „Erklärung zur Sache“.

Abgesehen von den Polizisten, Gefängniswärtern, Richtern und Staatsanwälten, abgesehen von den Zellen und Türen und Gängen im Hochsicherheitstrakt, von der Isolation und den Schikanen gegen die Häftlinge herrscht im Gerichtssaal von Anfang an eine brutale Atmosphäre. Und hier geht es nicht nur darum, die Angeklagten zu disziplinieren, sondern sie anzugreifen mit dem kalten Willen, ihre Persönlichkeiten zu zerstören. Genau das stellt Stephanie Bart in ihrem Roman dar: Wie Worte und Sätze zu tödlichen Waffen werden, wie juristische und bürokratische Sprache, kontaminiert mit machiavellistischem Rachekalkül, zerstörerisch eingesetzt wird. Das literarische Mittel ist die Collage aus O-Tönen der Prozessprotokolle. Schon das bloße Zitieren und Kombinieren entlarvt alles Gerede von Rechtstaatlichkeit. Hier wurde ein Vernichtungskrieg geführt. Und dagegen richteten die Angeklagten ihrerseits ihre sprachlichen Waffen, ihre Erklärungen, ihre Texte, ihren Jargon.

Auf diese Weise gelingt es der Autorin, eines der (für mich) großen RAF-Rätsel zu lösen: Woher kam diese hermetische Sprache, die Ensslin, Meinhof und Baader benutzten? Was steckt hinter diesen irrwitzig-ideologischen bis absurd-vulgären Formulierungen? Die „Erklärung zur Sache“ kann man nur im Vergleich mit der Sprache der gegnerischen Seite verstehen: Die Gewaltsprache der RAF ergibt einen klaren Sinn in der Konfrontation mit der Gewaltsprache der Justiz. Beide Jargons sind geballte Akkumulationen der Gewaltsprache der Gesellschaft, denn Sprache ist immer ein Resultat der Herrschaftsverhältnisse und dem Aufbegehren dagegen.

Und hier wären wir dann also bei unserem guten alten Kriminalroman. Was bildet das Genre ab? Gewaltverhältnisse. Welches Mittel benutzt das Genre? Die Sprache. Wer sollte sich Gedanken darüber machen, wie man Sprache benutzt, wenn man über Gewaltverhältnisse spricht, wessen Sprache man benutzt oder wessen Sprache uns benutzt? Die Autoren. Tun sie das? Fast nie. Sie klempnern mit dem herum, was die Gesellschaft ihnen als Alltagssprachmaterial hinwirft. Wovon wir sprechen, wenn wir von Gewalt sprechen, wird ausgeblendet. Vor allem Krimi-Autoren berufen sich ständig auf die Gesetze, sind treuherzig staatstreu, produzieren Kunst (oder Trash) zum Lob des Herrn, als wäre wir noch im Mittelalter.(„Was vielleicht daran liegen könnte“, meinte Krimi-Kritiker Tobias Gohlis einmal zu mir, „dass unsere Krimi-Schreiber nach der Erfahrung der Nazi-Herrschaft unbedingt demokratische Verfassungstreue demonstrieren wollen.“)

Vor allem die Deutschen lieben es, Geschichten aus der Perspektive der Vollstrecker zu erzählen, in der Sprache der Vollstrecker. Denn auch wenn sie verständnisvoll menschlich, einfühlsam persönlich oder therapeutisch balsamierend daherkommt, ist es die Sprache der herrschenden Verhältnisse, die dem Willen dieser Verhältnisse Ausdruck verleiht: Der volonté géneral, der Gemeinwille, der in seiner Gemeinheit danach strebt, den Einzelnen (nicht nur den Verbrecher) in den contrat sociale zu zwingen. Mit allen Mitteln, angefangen bei der Familie über die Erziehungssysteme bis hin zu Psychiatrie und Justiz. Seid ihr bereit, euch einzufügen? Gut, dann schreibt Kriminalromane.

Oder habt ihr Zweifel? Dann nährt sie, indem ihr die „Erzählung zur Sache“ von Stephanie Bart lest. Danach schreibt ihr andere Krimis.

Man muss deshalb nicht gleich zum graustarigen Leninisten werden. Als wir am Ende der Veranstaltung im Roten Salon nach viel politischem Geplänkel wieder auf die literarische Qualität des Romans zu sprechen kamen, und ich anmerkte, dass dieses Buch mir erstmals die Sprache der RAF literarisch-analytisch erklärt hätte und ich diese nun endlich verstünde, fügte ich hinzu: „Ohne mit den Protagonisten zu sympathisieren.“ Da fragte die Autorin mit verschmitztem Blick: „Warum denn nicht? Was spricht dagegen?“

Darüber hätte ich gern mit ihr diskutiert („Warum mit jemandem sympathisieren, der eine Gewaltherrschaft durch eine andere ersetzen will?“, hätte ich dann gefragt), aber da musste Stephanie Bart auch schon loshetzen zum Bahnhof und – dem Regime des Fahrplans der Deutschen Bahn unterworfen – zurück nach Berlin.

(Apropos „Marxistische Abendschule“: In „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ schreibt Friedrich Engels: „Gegenüber den Bürgern bestand die öffentliche Gewalt zunächst nur als die Polizei, die so alt ist wie der Staat, weshalb die naiven Franzosen des 18. Jahrhunderts auch nicht von zivilisierten Völkern sprachen, sondern von polizierten (nations policées).“

Von Robert Brack erschien 2023 der historische Kriminalroman »Schwarzer Oktober«. Der von ihm entdeckte und übersetzte Roman »Das schwarze Chamäleon« von Jake Lamar (Edition Nautilus, hier bei uns besprochen) erhielt eben gerade den Deutschen Krimipreis 2024.
Robert Bracks Texte bei uns.

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Wolfgang Brylla: Wie früher bei Edgar Wallace

Bei jemandem, der seine Krimilesestoffe schon seit langem nicht über den klassischen Buchhandel bezieht und der lieber auf alternative Beschaffungswege zurückgreift, löste der letzte Besuch in einer deutschlandweit bekannten Buchladenkette großes Erstaunen aus. In der dichtgedrängten Verkaufslobby entdeckte ich eine Regalreihe, die nicht wie üblich als „Spannung“ oder „Thriller“ ausgeschildert war. Nö, ganz oben stand mit schönen Lettern geschrieben „Sebastian Fitzek“ bzw. „Fitzek“. Einfach nur „Fitzek“, als würde es sich um ein neues IKEA-Möbelsystem für Heranwachsende handeln. Und da musste ich grübeln.

Es kann sein, dass an mir eine von mir nicht früher identifizierte subkutane Gattungsentwicklung inkl. Werbekampagne vorbeilief. Es kann sein, dass ich diese Fitzekisierung der Krimi/Thrillerlandschaft in Deutschland – aufseiten der Leserschaft – nicht mitbekommen habe oder nicht mitbekommen wollte. Das alles kann stimmen, und vermutlich stimmt es sogar. Meine Schuld, diese Weihnachtssuppe muss ich jetzt allein auslöffeln. Dies ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass heutzutage, so sieht es zumindest aus, der Autor Sebastian Fitzek hauptsächlich als Brandname und Einzellabel wahrgenommen wird. Vom „Spiegel“ gelobt, in unzähligen Talkshows zu Gast, eine davon hat er sogar co-moderiert, weiß er wahrscheinlich auch selbst, wie man diesen literarischen Merch – Brettspiele und anderes Zeug wie Beanies oder T-Shirts – vermarkten soll. Es sei ihm gegönnt.

Damit es zu keinen Missverständnissen kommt: ich habe nichts gegen Fitzek. Seine Thrillerromane, die man meistens als Psychothriller bezeichnet, weil doch alle zu einer das Leseleben erleichternden Klassifizierung und Simplifizierung neigen, haben mich jedoch nie überzeugt. Zu platt das Ploting, zu orthodox das Storytelling, zu vorhersehbar der Spannungsaufbau. Zu überwuchert der ganze Fitzek-Hype. Zu viel Erzähl-Schein als Erzähl-Sein. Dat is nur meine subjektive Meinung.

Gegen Fitzek habe ich nichts, das Drumherum stört mich allerdings gewaltig. Denn wie kann das sein, dass hier – Stichwort: Buchgeschäftsregal(e) – die Werbetrommel gerührt wird für einen, der eigentlich keine Werbung mehr braucht? Jeder neue Fitzek-Bestseller ist doch ein Selfseller – unabhängig von der gelieferten oder nicht gelieferten literarischen Qualität. Worauf Fitzek steht, steckt auch Fitzek drin. Dasselbe sagte man früher von Edgar Wallace und das bedeutet auf lange Sicht: aufgetaute, warmgemachte Convenience-Produkte. Wem’s schmeckt, dem soll’s munden.

Wozu aber dieser Medienrummel? Im Dunstkreis des heranlockenden Fitzek-Altars mit der weißstrahlenden Ikone „Das Kalendermädchen“ im Zentrum fristeten ihr Schattendasein auf einem nicht auffallenden Kraut-und-Rüben-Bücherstand-Haufen gestapelte Kestrels, Mannions, Dishers, Hewsons, Annas(se) – auweia, die Pluralform… –  oder Nugents dieser Welt.

Unbemerkt. Unaufgeregt. Die ganz große (Krimi-)Literatur ist eben meistens abseits von Bücherilluminationen zu finden.

Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. – Seine Texte bei uns hier. 
Ende 2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erscheint, von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“.

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