
Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Sonja Hartl (sh), Roland Keller (rok), Frank Rumpel (rum) und Thomas Wörtche (TW) über:
Leye Adenle: Zügel der Macht
Ken Bruen: Scharfe Munition
Hannelore Cayre: Finger ab
Sacha Jacqueroud: Töten erlaubt
Jake Lamar: Das schwarze Chamäleon
Tiffany Tavernier: Der Freund
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Mein Freund, der Serienmörder
(hpe) Thierry und Lisa leben in der französischen Provinz abseits im Grünen. Nur ein anderes Haus gibt es da draußen. Guy und Chantal sind vor vier Jahren da eingezogen, ein nettes Paar, man hat sich inzwischen angefreundet. Guy ist Thierrys bester Freund geworden. Eigentlich sein einziger, denn er tut sich etwas schwer mit anderen Menschen.
Als er an einem Morgen das Haus verlassen will, rückt gerade ein Sonderkommando der Gendarmerie nationale an und umstellt das Nachbarhaus. Thierry ist entsetzt: Was bloß ist bei seinen Freunden passiert? Die Beamten geben keine Auskunft. Dann werden Guy und Chantal abgeführt. Später erfahren Thierry und Lisa aus dem Fernsehen, dass ihre Nachbarn für das Verschwinden einer ganzen Reihe von Mädchen und jungen Frauen verantwortlich sind.
Was macht das mit einem, wenn sich der beste Freund als Serienvergewaltiger und -mörder erweist? Dieser Frage geht Tiffany Tavernier – die Tochter des Filmemachers Bertrand Tavernier – im Roman Der Freund nach. In der Serienkillergeschichte ungewohnter Art geht es nicht um die Suche nach einem Täter, nicht darum, wie er seine Opfer aussuchte und was er ihnen antat, nicht um die Motive. In diesem Noir-Psychothriller geht es um den Nachbarn, der im Mörder einen Typen wie sich selbst sah. Und nun von Zweifeln und Selbstvorwürfen geplagt wird. Hätte er nicht etwas merken sollen? Erst jetzt fällt ihm auf, dass Guy und Chantal keine anderen Freunde hatten, nie von Verwandten sprachen oder von ihrem Leben, bevor sie hierhergezogen sind. Dass sich Guy von Thierry immer wieder Werkzeug borgte, bekommt eine neue Bedeutung. Und wofür bloß war das Loch, das er ihm graben half?
Thierry spricht mit niemandem darüber. Lisa, die mit Thierrys eigenbrötlerischer Art schon zuvor zunehmend Mühe hatte, hat nun genug: Sie könne hier nicht mehr leben, sie wolle das Haus verkaufen. „Ich pflanze Bambus an. Dann sieht man nichts mehr“, sagt er. „Bambus! Liebe Güte, ich glaube nicht, dass du es verstanden hast. Selbst wenn ihr Haus abgerissen werden sollte, würde ich jedes Mal, wenn ich aus diesem Fenster sehe, daran erinnert werden!“ Lisa zieht aus. Thierry fährt an den Ort, wo er als Kind seinem Großvater auf dem Bauernhof geholfen hat. Und versucht zu ergründen, wie es kommen konnte, dass er in Guy einen Menschen wie sich selbst sieht.
Tiffany Tavernier: Der Freund (L’Ami, 2021). Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos Verlag, Basel 2024. 262 Seiten, 26 Euro.
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Die Reihe mit Inspektor Brant jetzt komplett
(JF) Der Juli 2005 war ein grausamer Monat. Am 5., einem Dienstag, starb der Autor Ed McBain im Alter von 78 Jahren. Gerade war „Fiddlers“, sein 55. Roman um das 87. Polizeirevier erschienen, es sollte sein letzter bleiben. Zwei Tage später wurde London von einer Reihe islamistischer Selbstmordattentate heimgesucht. 56 Menschen starben, ca. 700 erlitten teils schwere Verletzungen. Weitere Anschläge, zum Glück ohne Todesopfer, folgten am 21. Juli. Für Inspektor Brant, der im Südosten der britischen Hauptstadt seine ganz eigene Art der Kriminalitätsbekämpfung kultiviert hat, ist der Tod des amerikanischen Autors zweifellos das schlimmere Ereignis. „McBain war Brants einziger Held gewesen, er hatte jeden seiner Romane gesammelt, besaß auch den neuesten, der nun der letzte bleiben würde, und brachte es nicht über sich, ihn zu lesen.“ Dieser Satz findet sich gleich auf der ersten Seite von Scharfe Munition, Ken Bruens siebtem Brant-Roman von 2007, der nun (anders als die letzten Bücher Ed McBains) endlich in deutscher Übersetzung erscheint. Und er setzt auch gleich den passenden Ton für diesen Abgesang auf den Polizeiroman, in dem zynische Figuren auf einen ebenso zynischen Erzähler treffen.
Aber der Reihe nach: Während Brant aus Trauer einen Whisky nach dem anderen kippt, betritt ein bewaffneter Mann die Bar und gibt eine Reihe von Schüssen auf ihn ab, von denen aber keiner richtig trifft. Brant kommt schwer verletzt auf die Intensivstation und erholt sich relativ schnell, fällt aber für die ersten zwei Drittel der Handlung aus. Die lässt sich nicht so leicht zusammenfassen, besteht sie doch aus einer Reihe nur locker miteinander verbundener Ereignisse, die in der Realität des Londoner Polizeialltags durchaus ihre Entsprechung haben. Als da wären: Ein Terrorverdächtiger wird erschossen, eine Gruppe älterer Herren unter Führung eines Polizisten schlägt ein paar jugendliche Herumtreiber krankenhausreif und um ein Exempel zu statuieren, wird ein harmloser Passant festgenommen und mittels manipulierter Beweismittel angeklagt. Dass gleichzeitig herausgefunden wird, wer hinter dem Anschlag auf Brant steckt, versteht sich. Der wird übrigens rechtzeitig aus dem Krankenhaus entlassen, um ein paar lose Handlungsfäden zusammenzuführen und für seine eigene Form von Gerechtigkeit zu sorgen.
All das inszeniert Ken Bruen stilsicher als blutige Burleske von brutaler Komik, kongenial ins Deutsche gebracht von seiner bewährten Übersetzerin Karen Witthuhn. Und wir nehmen Abschied von Inspektor Brant, der einer Karriere als Autor realistischer Polizeiromane entgegensieht. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ken Bruen: Scharfe Munition (Ammunition, 2005). Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Polar Verlag, Stuttgart 2024. 203 Seiten, 17 Euro. – Siehe auch Hanspeter Eggenberger und Anthony J. Quinn in dieser Ausgabe, d. Red.
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Eine wunderbare, spannende Entdeckung
(TW) Klassischer geht´s nimmer: Am Anfang des Romans liegt die weiße Studentin Jennifer Esther Wolfshiem ermordet auf dem Sofa im Dienstzimmer von Prof. Reginald Titus Brogus. Am Ende des Romans wissen wir, wer sie ermordet hat. Der Ort ist die Arden University, Ohio, gefunden wird die Leiche am 17. Februar 1992, aufgeklärt ist der Fall am 24. Februar 1992. Mehr Agatha Christie geht kaum. Tat – Aufklärung – Einheit von Raum und Zeit. Das könnte im Jahr 2001, aus dem der Roman stammt und von einer Retro-Welle noch nicht die Rede war, ein deutliches Ironie-Signal sein. Der Ich-Erzähler ist Clay Robinette, schwarzer Journalist mit unsauberer Vorgeschichte, der an dieser Provinzuni „Creative-Non-Fiction“ lehrt – heute würde man sagen: Fake News. Er ist ein selbstgefälliger, sich selbst in die Tasche lügender, im Grunde feiger Typ, der mit der ermordeten Studentin ein Verhältnis hatte. Reginald T. Brogus hingegen ist ein ehemaliger Held der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, der es in den 1960er und 1970er wegen seiner radikalen Militanz zum Staatsfeind gebracht hat, und jetzt, in den 1980er und 1990er eine Kehrwende zum radikalen Neoliberalen vollzogen hat, weil er nur noch an die Segnungen des Kapitalismus glaubt und seine schwarzen Mitbürger aufs Heftigste beschimpft. Er ist zum „schwarzen Chamäleon“ mutiert. Aber ist er deswegen auch ein Mörder?
Klassisch konventionell ist auch das soziale Umfeld der Handlung: An der Arden University herrschen all die Intrigen um Macht, Status, Geld und Eitelkeiten, wie wir sie aus jedem anderen Campus-Roman kennen, besonders auch aus den sogenannten “Oxbridge Mysteries“ des Golden Age, in denen sich die Professorenschaft gerne wegen sehr spezieller Themen in den Haaren liegen. Bei Jake Lamar in Das schwarze Chamäleon hingegen sind diese Querelen ebenfalls eher komisch, aber auch sehr zeitgemäß und politisch: Es geht um Identitätspolitik, Postcolonial-Studies, um Me-too- und Black Live Matters, ohne dass im Jahr 2001 diese Begrifflichkeiten schon auftauchten.
Das schon beinahe Visionäre dieses Romans, das mit dem Jahr 1992 eine Bruchstelle markiert, die die heutigen Probleme der demokratischen Verfasstheit der USA schon erkennen lässt, kann Lamar noch milde durch die zitathaften Rückgriffe auf überkommene Erzählstrategien ironisieren. Vermutlich ist der Roman vor dem 11. September 2001 geschrieben worden, denn ab dann wurden die Verhältnisse noch entschieden ruppiger. Dennoch bündeln sich in der Figur des Schwarzen Chamäleons schon alle Züge, die zur heutigen Situation in den USA geführt haben. Jake Lamars Unbehagen daran allerdings scheint trotz aller komischen und bizarren Kommentare zum Zeitgeist von 1992 deutlich durch. Heute lebt er in Frankreich, wo er als durchaus renommierter Autor anerkannt ist. Für den deutschen Buchmarkt ist er auf jeden Fall eine wunderbare, spannende Entdeckung.
Jake Lamar: Das schwarze Chamäleon (If 6 Were 9, 2001). Deutsch von Robert Brack. Edition Nautilus, Hamburg 2024. 326 Seiten; 22 Euro.
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Politthrill aus der Schweiz
(rok) Gibt es so etwas im Land der braven Eidgenossen mit ihrer direkten Demokratie? Zudem aus dem gleitigen Bern, der Bundeshauptstadt jenseits der eher Thriller-verdächtigen Bank- oder Pharma-Metropolen Zürich und Basel.
Ja gibt es. Und vom Klischee der Berner Behäbigkeit ist in Töten erlaubt nichts zu spüren. Der Journalist und Zeitungsverleger Sacha Jacqueroud nutzt ein dunkles Kapitel der Schweizer Asyl- und Menschenrechtspolitik für seine Fiktion, die von Seite zu Seite Spannung gewinnt. 2020 wurde ein Geheimvertrag öffentlich, der es der VR China erlaubt, Asylsuchende in der Schweiz durch chinesische Agenten zu vernehmen und sie zurückzuholen. Wirtschaftliche Gründe sollen ausschlaggebend gewesen sein, den Wünschen der Chinesen nachzukommen und den Vertrag der Öffentlichkeit vorzuenthalten.
Jacqueroud verwebt diesen Menschenrechtskandal geschickt mit einer actionreichen Story. Dabei schreckt er auch nicht vor Kolportage im besten Sinne zurück, um die Emotionen des Lesers zu steigern, wenn seine engagierte Journalistin Desiree Winter unter Todesgefahr das Verschwinden und den Tod eines chinesischen Asylbewerbers aufdeckt. Unterstützt wird sie vom Freund des Chinesen, einem afghanischen Asylbewerber, und von einem türkischen Taxifahrer, die keinen Gedanken an die negativen Folgen für ihr Engagement verschwenden, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ihr Gegner ist eine mit allen Wassern gewaschene graue Eminenz der Schweizer Politik, der ebenso skrupellos wie der sexbesessene chinesische Botschafter dargestellt wird. Allerdings ist der bereit, die Schmutzarbeit mit sadistischem Vergnügen zu übernehmen und lässt im wahren Sinne Köpfe rollen, wie man das aus Hongkong-Action-Filmen gewohnt ist. Das mag etwas übertrieben sein, aber gab es vor wenigen Jahren nicht einen ähnlichen Fall in Istanbul? Der kritische saudische Journalist Jamal Khashoggi betrat damals das Generalkonsulat seines Landes durch den Vordereingang und wurde, so türkische Medienberichte, die sich auf Geheimdienstinformationen berufen, nach seiner Enthauptung durch den Hintereingang entsorgt.
Zu den Thrill-Momenten und dem Finale liefert Jacqueroud – wohl angeregt aus seinen Erfahrungen als Journalist mit Politikern – einen erschreckend ernüchternden Nachtrag zum Thema aktueller politischer Kommunikation. Geschickte Diffamierungen und verdrehte Wahrheiten machen die Opfer zu Tätern und jene, die den Skandal enthüllen, zu Lügnern und Nestbeschmutzern.
„Töten erlaubt”, so der Verlag, ist der erste Fall mit der Journalistin Desiree Winter, dem noch weitere folgen sollen.
Sacha Jacqueroud: Töten erlaubt. Neptun Verlag, Bern 2024. Klappenbroschur, 312 Seiten, 27,90 Euro.
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Aus der Höhle
(rum) Ziemlich lang her, die Altsteinzeit. Doch Hannelore Cayre verkürzt mit Finger ab die Distanz deutlich, indem sie ihre Figuren, eine Gruppe von Wildbeutern, die da vor rund 35.000 Jahren in der jetzigen Dordogne unterwegs sind, ganz heutig reden und denken lässt. Weil es an Überlieferungen fehlt, habe man beschlossen, die damaligen Menschen als plumpe und groteske Wesen darzustellen, die sich durch tierische Grunzlaute verständigten, schreibt Cayre im Nachwort. Dabei hätten sie auch schon Geschichten erzählt, damit die Realität geformt, Mythen erschaffen. „Würden wir Oli an unseren Tisch einladen, damit sie uns in ihren Worten von der anthropologischen Revolution erzählt, deren unmittelbare Zeugin sie war, wir würden sie verstehen“, sagt Cayre und definiert ihre Herangehensweise als einen Vorschlag. Der anthopologische Umbruch, von dem sie da spricht, ist die Begegnung zweier Menschenarten, des gerade vom afrikanischen Kontinent eingewanderten Homo sapiens und des vor Ort lebenden Homo neandertalensis, der vor etwa 30.000 Jahren ausstarb, seine Gene aber weiterreichte. Immerhin vier Prozent der Gene der modernen Menschen in Europa und dem Nahen Osten stammen von Neandertalern.
Oli heißt Cayres Protagonistin, die die patriarchalen Strukturen ihres Clans erst hinterfragt, schließlich aufbricht und damit nicht nur in ihrer Höhle für Bewegung sorgt. Denn dort sind die Rollen festgelegt. Die Männer gehen jagen, sind oft tagelang weg, die Frauen kümmern sich um alles andere vor Ort, jagen dürfen sie nicht. Widerspruch oder Übertretungen ahndet der Älteste, indem er ihnen Finger abhackt. Und die Frauen dokumentieren diese Verstümmelungen mit Handabdrücken in einer Höhle der Ahnfrauen. Genau diese Höhle, und das ist die Brücke ins Heute, wird beim illegalen Bau eines privaten Swimming-Pools freigelegt. Sie hat die Zeit unbeschadet überdauert, gerade so wie die Zeichnungen und Handabdrücke in der 1994 entdeckten Chauvet-Höhle in der Ardèche. Eine junge Archäologin wittert ihre große Chance, die Höhle zu ihrer Höhle zu machen, die zu sein, die die Funde untersucht und interpretiert. „Na dann mal los“, sagt sie sich. „Konjugieren wir die Vorzeit im Femininum!“
Da ist Oli, die schon als junges Mädchen heimlich jagen lernt, mit Hilfe ihrer Schwester Wilma eine ganz eigene Technik entwickelt, mit der sich ein Speer weit und präzise schleudern lässt. Damit sichert sie sich Autonomie und ist schließlich nach mehreren eingebüßten Fingern nicht mehr bereit, sich bevormunden zu lassen. Aus den autoritären Strukturen allerdings kommt sie nur mit Gewalt und dem Preis, ihre Sippe zu verlassen. Ihr Wissen, das sie auf ihrer Reise zu sich selbst mit anderen teilt, sorgt auch dort für massive Unruhe.
Hannelore Cayre bürstet die Altsteinzeit entlang einiger wissenschaftlicher Forschungen mit Verve gegen den Strich, der sich etablierte, weil lange Zeit alle Funde eben von Forschern interpretiert wurden, Zeitgeist und männliche Perspektiven in die Ergebnisse einflossen. Und die prägen das Bild bis heute. Cayre stützt sich hauptsächlich auf die Arbeit der italienischen Anthropologin Paola Tabet, die sich mit der Frage beschäftigt, wie Männer ihre Herrschaft sicherten. Laut Tabet, und so buchstabiert es auch Cayre in ihrer Geschichte durch, ist das die Aneignung von Waffen und Werkzeugen, erzwungene Fortpflanzung sowie ökonomisch-sexueller Tauschhandel. Das fängt Cayre, die auch als Strafverteidigerin in Paris arbeitet, gewohnt lakonisch und präzise ein – nicht zuletzt über die Dynamiken in der altsteinzeitlichen Gruppe, weil Oli mit ihren Ansichten auch auf dem sandigen Grund von Gewohnheit und Bequemlichkeit Fuß fassen muss, um etwas zu verändern. Alles wie gemacht also für so etwas, wie einen Steinzeit-Noir oder eben eine Geschichte über Menschen.
Hannelore Cayre: Finger ab (Les doigts coupés, 2024). Aus dem Französischen von Iris Konopik. Argument-Verlag, Hamburg 2024. 203 Seiten, 15 Euro.
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Ritualmorde in Nigeria
(sh) An seinem ersten Abend in Lagos sitzt der weiße britische Journalist Guy Collins an der Bar eines Aufreißerschuppens, als auf einmal Unruhe ausbricht: Auf der Straße vor dem Club wurde die verstümmelte Leiche einer Prostituierten gefunden. Angeblich ein Ritualmord. Die nigerianische Polizei ist gar nicht erfreut, dass ein ausländischer Journalist das mitbekommt und nimmt ihn vorsichtshalber mit auf die Polizeistation.
Bei Guy Collins bricht Panik aus – er hat über die Korruption und Gewalt bei der Polizei gelesen und fürchtet sie. Schon hier zeigt sich das Potential seiner Figur: Mit ihm kann Leye Adenle die Vorurteile und Ängste eines weißen Mitteleuropäers gegenüber „Afrika“ durchspielen – und gleichermaßen präzise Seitenhiebe gegen das Klischee des „weißen Retters“ setzen. Gerettet wird nämlich erst einmal Guy Collins selbst: Die knallharte Anwältin Amaka sorgt dafür, dass er die Polizeistation wieder verlassen kann.
Amaka verfolgt eigene Absichten: Sie schützt Prostituierte in Lagos mit einem einfachen, ausgefeilten System. In einer Datenbank erfasst sie Namen der Männer und Kennzeichen der Autos, in die die Frauen einsteigen. Dadurch kann sie sie vorwarnen, wenn einer der potentiellen Freier eine Gewaltgeschichte hat. Jedoch verschwinden seit einiger Zeit Frauen – und falls sie wieder auftauchen und identifiziert werden, sind sie grausam zugerichtet. In Lagos interessiert sich kaum jemand dafür. Aber Guy Collins könnte ihr helfen, internationale Aufmerksamkeit zu bekommen. Allerdings ist er vollkommen überfordert von der ganzen Situation – und verlagert sich zunehmend darauf, Amaka anzuhimmeln.
Sie ist die eigentliche Hauptfigur dieses Thrillers, der der Auftakt zu einer Trilogie ist. Gewalt ist sein großes Thema: Gewalt gegen Frauen, unter Kriminellen, Gewalt, die von der Polizei und Mächtigen ausgeht. In schnellen Wechseln von Perspektiven und Orten baut Adenle gekonnt Spannung auf und taucht ein in die Welt von Superreichen, die tun und lassen, was sie wollen. Er blickt in armselige Bauten, Unterschlupfe für Gangster und Prostituierte, auf gefährliche Straßenecken. Lagos ist eine schnelle Stadt voller Widersprüche – und perfekter Handlungsort für diesen harten, dreckigen Thriller.
Mit „Zügel der Macht“ gelingt es Adenle durch die Anlage, Stil und die behandelten Verbrechen die Abgründe der gegenwärtige, der globalisierten Welt treffend einzufangen – und doch kann dieser packende Thriller nur in Nigeria spielen.
Leye Adenle: Zügel der Macht (Easy Motion Tourist, 2016). Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Interkontinental Verlag, Berlin 2024. 360 Seiten, 24,50 Euro.












