Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

Robert Rescue: Kaputte Ampel Seestraße

Kaputte Ampel Seestraße

Wieder einmal ist eine Ampel kaputt an der Seestraße. Nicht ausgefallen, wie es weiter vorne an der See-/Ecke Müllerstraße hin und wieder geschieht, sondern richtig kaputt, also umgefahren, aber eigentlich ist sie nicht defekt, sie funktioniert noch, aber sie ist umgeknickt, weil sie irgendwer mit dem Auto gerammt hat und dann sieht es so merkwürdig aus.

Die Straßenmeisterei war da und hat eine Absperrung drum gemacht und ist wieder verschwunden. Als naiver Mensch mag man denken, die haben eine Ersatzampel hinter auf der Ladefläche ihres Fahrzeugs und ruck zuck ist die Ampel ausgetauscht. Woanders mag das so passieren, aber nicht in Berlin. Da gibt es jetzt die umgefahrene Ampel mit einer Absperrung drumherum und das wars. Also womöglich nicht für immer, aber für eine Weile. Vielleicht bis der Störungsbericht bearbeitet wurde, seinen Weg durch die Instanzen gegangen ist und jemand mit einer frischen Ampel vorbeikommt. Aber vielleicht gibt es keine Ersatzampeln, weil so ein Irrer unterwegs ist, der mit seinem Auto die ganzen Ampeln umfährt und der Verkehrssenator hat gesagt, er erlaubt erst neue Ampeln, wenn der Täter in Tegel eingebuchtet ist. Die Polizei hat eine SOKO eingerichtet und Profiler berichten, dass der Täter gemeingefährlich ist und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er von Ampeln genug hat und sich Zielen zuwendet, die mehr lohnen und sich meist in der Nähe von Ampeln aufhalten.

Bis also irgendwas passiert, stehen wir Bürger ordentlich da und schauen rüber zu der einstmals akkurat funktionierenden Ampel, die in einem Winkel von 30 Grad aus dem Boden ragt, drumherum gesplitterte Gehwegplatten. Wir halten den Kopf schief und warten, bis wir grün haben. Vermutlich wird sie deshalb nicht erneuert, weil sie ja noch funktioniert, wenn auch etwas anders als gewohnt. Das ist dieser Berliner Pragmatismus, aus den Gegebenheiten das Beste machen zu wollen oder diese Resignation, hinzunehmen, wie es gekommen ist. Wenn wir bei grün rüber laufen, kommen wir an der Stätte der Zerstörung vorbei. Der Täter muss einen enormen Hass auf Ampeln haben. Ich schätze, er ist mit Tempo 100 reingefahren und wollte die Verkehrslichtanlage kaltblütig töten.

Vor einigen Jahren hat der Täter schon mal an dieser Kreuzung zugeschlagen. Auch da ist es ihm nicht gelungen, die Ampel aus ihrer Verankerung zu reißen.

Die Ampel damals wurde irgendwann repariert oder ersetzt. Woran ich mich erinnere, ist, wie vier Arbeiter den Ampelmast in die Gerade gewuchtet haben. Ich habe das beobachtet, als ich gerade die Apotheke betreten wollte und dachte mir, scheiße, das sieht ja aus wie das ikonische Foto von Ivo Jima 1945, als vier GIs die amerikanische Flagge aufgestellt haben. Wenn ich das jetzt fotografiere, gehe ich in die Social Media Geschichte ein. Ich wollte mein Telefon aus der Jackentasche holen, aber die Arbeiter wurden fertig und es bot sich mir nur noch das Bild, wie vier Arbeiter einen geraden Ampelmast justierten, was keinen besonderen Reiz bot.  

Bei der neuen kaputten Ampel gab es neulich die Situation, dass ich nachts mit Frank und Heiko nach Hause kam und wir standen auf der Seite der kaputten Ampel und schauten rüber zur unbeschädigten Ampel. Normalerweise gehe ich nachts bei roten Ampeln über die Straße, weil ich so unangepasst bin, aber wenn ich mit Frank und Heiko unterwegs bin, die beide so extremen Zwangshandlungen unterliegen wie nachts auf grün zu warten, dann bin ich tolerant und mache ihren kranken Scheiß mit. Neben uns stand so ein Gen Z-Junge und telefonierte mit seinen Ohrhörern. Die Ampel wurde nicht grün und ich machte einen flotten Spruch, von wegen ein böser Superheld wie Doktor Doom hätte die Ampel kaputt gemacht und Erheiterung machte sich breit und auch der Gen Z Junge schmunzelte. Passiert heute nicht oft, dass so ein Gen Z Junge über den flotten Spruch eines 57-Jährigen erheitert ist. Der Junge hat bestimmt gedacht, krass, mitten in der Nacht an der Ampel ist so ein alter Sack, der einen flotten Spruch von wegen Doktor Doom macht und ist total lustig. Ich habe dann gedacht, dass der das gleich auf TikTok postet und ich dann berühmt werde und alle über mich reden und es Nachahmer gibt usw. usf. und alle sagen, ich gehöre auf eine Bühne und das finde ich dann wieder lustig.

Aber bin ich ehrlich, wahrscheinlich ist nichts davon passiert. Der Gen Z Junge hat das Geschehen wie auch mich einen Moment später vergessen, wie das bei jungen Leuten heute so üblich ist. Inzwischen ist die ganze Aufregung um die umgeknickte Ampel auch abgeflaut. Wir stehen halt da, schauen schräg, es wird grün, wir gehen rüber und das machen wir halt, wenn es sein muss, die nächsten zehn Jahre so.

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Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.

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