
Bob Ross ist nicht wiedergeboren worden
Neulich war ein junger Mann im Copyshop, der hatte mit Wasserfarben ein Bild von einem Sportwagen gemalt und wollte davon Kopien auf Karton machen, um sie zu verkaufen oder an seine Freunde zu verschenken. So genau habe ich das nicht verstanden, vielleicht wollte er die Kopien auch an seinen Freundeskreis verkaufen. Er war sehr überzeugt von sich und dem Autobild. Ich muss bei solchen Kunden immer einen neutralen Gesichtsausdruck machen. Er erzählte mir, dass er als Kind solche „Autos malen mit Wasserfarben“-Bilder gemacht und vor kurzem wieder Lust bekommen hätte. Ich hätte ihn fragen sollen, was er beruflich so macht oder was er studiert und ihn, diplomatisch natürlich, aber dennoch eindringlich auffordern sollen, das weiterzufolgen, weil zukunftssicher, sofern es nicht mit Kunst zu tun hat, anstatt sich solchen Hirngespinsten hinzugeben, um schließlich in extravaganten Klamotten und einer freaky Frisur im Kiez herumzulaufen und eine Galerie zu eröffnen, wo keiner hinkommt. Es gibt schließlich genug erfüllende Tätigkeiten wie Beete umgraben, EXCEL Tabellen mit Daten befüllen oder Banken überfallen.
Natürlich gibt es hin und wieder Fälle von künstlerischen Spätzündern, die mit Ende 20 nochmal oder erstmals zum Pinsel greifen und aus dem Nichts Großes erschaffen. Aber doch keine Bilder von Autos. Blumen, Obst oder ländliche Szenen, damit bekommt man Publikum. Ich frage mich, wen aus seinem Freundeskreis das interessiert. Gut möglich, dass sie seine Autobilder nicht haben wollen oder diese in den Müll schmeißen, wenn er nicht hinsieht. Er könnte sie in schwarz-weiß drucken, das kostet weniger und er verkraftet es leichter, wenn es so kommt, wie ich befürchte. Vielleicht traue ich ihm künstlerisch nichts zu, weil er nur ein einziges Bild vorzuweisen hat. Keine Mappe, keine breite Motivwahl, einzig nur ein Blatt Papier mit einem Sportwagen in rot und gelb, von dem er 25 Kopien haben will. Er fragt mich, ob man die Ränder beschneiden könne, generell die Farben satter und alles viel schöner und besser. Ein Copyshop ist kein Hort von Magiern, die mit einem Zauberstab herumfuchteln und dann wird aus Scheiße Gold. Ich habe schon Hunderte Leute gehabt, die ihre Jobcenter-Bescheide mit der Handy-Kamera abfotografiert haben. Die Papiere waren geknickt und lagen auf einer Plüschunterlage, vielleicht war noch ein Daumen oder Zeigefinger zu sehen. Sie machten Kopien von diesen „Stillleben“, riefen anschließend nach mir und fragten, warum das Papier geknickt sei, Plüschteppich und Daumen.
Sie gingen offenbar davon aus, dass ein Kopiergerät das alles schön macht und eine Kopie produziert, die der Sachbearbeiterin beim Jobcenter Tränen in die Augen treibt. Das wird auch passieren, soviel ist schon mal sicher. Auch bei diesen Leuten muss ich eine gewisse Neutralität wahren, aber sie sind der Grund, warum ich manches Mal überlege, wieder mit dem Saufen anzufangen.
Ich frage den Kunden mit dem Wasserfarben-Autobild, ob es eine Datei gibt und ob er einen Grafikdesigner zur Hand hat, der all seine Fähigkeiten aufwenden kann, um die genannten Wünsche zu erfüllen. Nein, antwortet er, den hat er nicht. Er hat nur ein Stück Papier, einen Freundeskreis, der sich womöglich bald lichtet und einen diffusen Traum vom Ruhm eines Bob Ross oder Gerhard Richter. Aber keinen Grafikdesigner, keinen Manager, kein Glück. Dafür hat er aber einen großen Haufen naiver Hoffnung, die ich ihm natürlich nicht ausreden will. Allerdings gebe ich ihm engagiert den Rat, die Zeichnung von einem Grafikdesigner professionell einscannen und bearbeiten zu lassen. Einscannen könnte er die Malerei auch bei uns, das kostet dann 3 € und ich weiß nicht, warum die 1. Seite Scannen bei uns 3 € kostet, aber dafür kriegt er nur einen normalen Scan, keinen Grafikdesigner-Scan, aber unser Scan ist immer noch besser als der Scan vom Kopierer beim Spätkauf. Scan will er vielleicht später machen, sagt er. Ich weiß, was passieren wird. Aus vielen Millionen „Vielleicht“, die Menschen über die Lippen gekommen sind, ist nie was geworden.
Ich kenne das gut genug.
Erstaunlich, wie happy er ist, als ich ihm die 25 Stück kopiert habe. 15€ wird ihn der Spaß kosten, von dem ich nie erfahren werde, wie er bei seinen Mitmenschen ankommen wird.
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Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
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