
Frank Schorneck: Leave the world behind…
In den letzten Jahren habe ich den traditionellen Jahresrückblick meist damit begonnen, auf die beunruhigende Weltsituation Bezug zu nehmen. Irgendwie nutzt sich das ab angesichts des bald ins dritte Jahr gehenden Krieges im Vorgarten Europas, angesichts der deutlichen Wiederwahl einer Comicschurkenkarikatur zum Präsidenten Amerikas, angesichts der immer lauter gebrüllten Dinge, die nicht gesagt werden dürfen. Sparen wir uns also den Umweg über die Weltlage und wenden uns direkt der Kultur zu.

Interessanterweise habe ich drei äußerst empfehlenswerte Leseerlebnisse in 2024 dem Fernsehen bzw. einem Streaming-Anbieter zu verdanken. Das mag ein Schlaglicht werfen auf den durch die Corona-Jahre veränderten Medienkonsum. Den Beginn machte ungefähr zum Jahreswechsel der Endzeitfilm „Leave the world behind“ bei Netflix.
Julia Roberts und Ethan Hawke spielen ein New Yorker Ehepaar, das mit den Kindern einen spontanen Kurzurlaub in den Hamptons bucht. Der Tag am Strand wird abrupt unterbrochen, als ein großes Frachtschiff ungebremst an Land aufläuft. Beunruhigt zieht man sich zurück in das luxuriöse Ferienhaus, das sie auf einem Internetportal gebucht haben. Fernseher und WLAN funktionieren nicht, sie sind abgeschottet von jeglichen Nachrichten. Mitten in der Nacht steht dann ein schwarzes Paar vor der Tür, das sich als Vater und Tochter ausgibt, vor allem aber als die Eigentümer und Vermieter des Anwesens. Wegen eines Stromausfalls in Manhattan sind sie lieber hinaus an die Küste gefahren und bitten nun ihre Feriengäste, im Souterrain des Hauses übernachten zu dürfen.
Der Film spielt auf der einen Seite mit Ur-Ängsten vor dem Unbekannten, vor der Ohnmacht gegenüber Geschehnissen, auf die man keinen Einfluss hat, die man möglicherweise noch nicht einmal durchschaut. So häufen sich die Hinweise, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Der Film zeigt Flugzeugabstürze und führerlos selbstfahrende PKW, die ineinander krachen. Während das Böse vor der Tür lauert, wird auch die Sicherheit im Inneren immer fragiler. Denn auf der anderen Seite ist da der unbewusste Rassismus des ach so weltoffenen und liberalen Paares. Kann es wirklich sein, dass dieses Luxus-Haus einer schwarzen Familie gehört? Es entspinnt sich ein intensives Kammerspiel vor Endzeitszenario. Kann man dem jeweils anderen trauen? Hilft man sich lieber selbst oder ist es sinnvoll, sich zusammenzutun?

Der Film beruht auf dem gleichnamigen Roman von Rumaan Alam, der unter dem Titel „Inmitten der Nacht“, übersetzt von Eva Bonné, auf Deutsch erhältlich ist. Er erschien bereits 2020 und war unter den Finalisten zum National Book Award. Vor allem aber befand er sich auf der jährlichen Empfehlungsliste von Barack Obama. Dennoch hatte ich ihn damals nicht wahrgenommen. Jetzt musste ich mir die literarische Vorlage zu dem in vielfacher Hinsicht beeindruckenden Film kaufen. Der Film, so stellt sich nach der Lektüre heraus, hat sich einige Abweichungen von der literarischen Vorlage erlaubt. Vielleicht die größte: Die Eigentümer des Hauses hier nicht Vater und Tochter, sondern ein älteres Ehepaar. Im Film erlaubt die Figur der tätowierten jungen Frau größere Unsicherheiten hinsichtlich der wahren Motive der nächtlichen Eindringlinge, im Roman wirken sie ungleich harmloser – und dennoch verursachen sie Argwohn und Angst.
In Alams Roman fehlen die „Schauwerte“ wie das Schiffsunglück oder Flugzeugabstürze. Dafür verrät er mehr über einzelne Vorkommnisse außerhalb des eng umgrenzten Mikrokosmos der Villa in den Hamptons. Ein ungemein spannender und zugleich entlarvender Roman, dessen Lektüre auch lohnt, wenn man den Film bereits kennt. Es geht hier letztlich nicht darum, wie – und ob überhaupt – die Geschichte ausgeht – die Psychologie der Protagonisten steht hier eindeutig im Mittelpunkt.
Rassismus und Vorurteile sind auch Grundmotive der anderen Netflix-Produktion, die mich sehr beeindruckt hat: „American Fiction“ ist die Geschichte eines afroamerikanischen Hochschullehrers, dessen anspruchsvolle literarische Arbeiten in Fachkreisen zwar goutiert werden, verkaufstechnisch jedoch keinerlei Bedeutung haben. Mit Abscheu blickt Thelonius „Monk“ Ellison auf einen mehrheitlich weißen Buchmarkt, auf dem „schwarze“ Literatur hochgejubelt wird, wenn sie den weißen Mittelschichstslesern von Kriminalität und dem Leben in der Gosse erzählt. Aus einer Laune heraus rotzt er einen vor Stereotypen überquellenden Roman aufs Papier und lässt seinen Agenten das „Werk“ unter dem Pseudonym „Stagg R. Leigh“ bei Verlagen einreichen. Was er selbst nicht für möglich gehalten hat: Ziemlich schnell reißen sich große Publikumsverlage um das Machwerk.

Nun muss eine Biographie für den fiktiven Autor her und auch hier bedient sich Monk aller Klischees, die ihm einfallen. Eine kriminelle Vergangenheit erklärt die Menschenscheue seines Alter Egos, der in telefonischen Verhandlungen mit den Verlagen hoch pokert und sogar durchsetzt, dass der Roman unter dem Titel „Fuck“ veröffentlicht werden soll. Monks Doppelrolle wird immer schwieriger durchzuhalten, als man ihn zum Jurymitglied eines Literaturpreises beruft, für den ausgerechnet Stagg R. Leighs „Fuck“ eingereicht wird. Der Film ist eine hochkomische Satire auf den Literaturbetrieb und seine Mechanismen, aber auch auf die unbewusste Erwartungshaltung einer – weißen – Leserschaft, die nach „authentischer“ Literatur lechzt und der die Trennung zwischen Werk und Autor schwer fällt.

Eher durch Zufall bin ich in einer englischen Buchhandlung auf die Taschenbuchausgabe von Percival Everetts Roman „Erasure“ gestoßen, der mit dem Aufkleber „Now a major motion picture“ darauf aufmerksam machte, dass es sich hier um die Romanvorlage für „American Fiction“ handelt. Der Roman erschien erstmals 2001, die Verfilmung hat also mehr als 20 Jahre auf sich warten lassen. Dass die Markt-Mechanismen, die Everett 2001 satirisch beleuchtete, auch heute noch unverändert wirken, zeigt, dass auch die ach so aufgeklärte Buchbranche in Vorurteilen gefangen ist. Wer an literarischen Parodien Freude hat, wird den Spaß, den bereits der Film verbreitet, bei der Lektüre des Romans noch vertiefen können. Denn in „Erasure“ nehmen Auszüge aus dem fiktiven Roman viel Raum ein. Es gibt aber auch Einsprengsel von Plot-Ideen, die Monk sammelt und die die Nähe seines „eigentlichen“ literarischen Schaffens zu Joyce oder Beckett zeigen. Man kann geradezu spüren, wie sehr den Anhänger postmoderner Literatur die Produktion des „Schunds“, mit dem er nun Erfolge feiert, schmerzt.

Twain House, Hartfort CT © Frank Schorneck 
Twain House, Hartfort CT © Frank Schorneck
2008 erschien im Seeling-Verlag eine deutsche Übersetzung unter dem Titel „Ausradiert“. Diese ist jedoch nicht mehr lieferbar und nur noch antiquarisch erhältlich. Ich kenne die Übersetzung nicht – aber ich kann mir vorstellen, dass der Slang des Originals letztlich mehr Lesespaß bereitet. Ist es eigentlich ein Zufall, dass der Autor Percival Everett ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Verfilmung seines frühen Werks Erfolge feiert, auch mit seinem aktuellen Roman Preise und Lobeshymnen einheimst? „James“ erzählt die Abenteuer von Huckleberry Finn aus der Perspektive des Sklaven Jim. Den Roman habe ich noch nicht gelesen, mir aber im Mark Twain House in Hartford, Connecticut, ein vom Autor signiertes Exemplar gesichert.
Aber nicht nur beim großen Streaming-Anbieter habe ich Lektüretipps gefunden: In der ARD-Mediathek bin ich auf die Krimi-Reihe um den norddeutschen, an einer Angststörung leidenden Kommissar Sörensen gestoßen. Schöpfer der Figur ist Sven Stricker – und er hat ihr nicht nur im Film, sondern zunächst im Hörspiel und dann auch im Roman eine Heimat geschaffen. Hierzu habe ich aber erst vor kurzem ausführlich geschrieben: Frank Schorneck zur Sörensen-Reihe von Sven Stricker – CulturMag
Jedweder Verfilmung sperren dürfte sich indes mein absoluter Lieblingsroman des zurückliegenden Jahres: Frank Schulz beweist in „Amor gegen Goliath“ wieder einmal, dass er zu den großen Sprachkünstlern der deutschsprachigen Literatur zählt – und zugleich mit einem feinen Gespür für zwischenmenschliche Irritationen und großem Sinn für Humor gesegnet ist. Die der Geschichte immanenten Themen Corona sowie Klimakatastrophe verleihen dem Roman zudem hochaktuelle gesellschaftliche Relevanz. Meine ausführliche Rezension dazu findet sich hier.
Mit den Literaturtipps habe ich den Bereich Streaming beinahe mit abgehakt, doch da ist noch eine Serie, die mittlerweile in die vierte Staffel gegangen ist und der keine Romanvorlage zugrunde liegt: „The Boys“ geht vielmehr zurück auf eine Comicreihe von Garth Ennis und Darick Robertson. Man sollte nicht allzu empfindlich sein, was Unappetitlichkeiten betrifft, es gibt jede Menge Splatter und politische Unkorrektheiten, oder wie Amazon Prime gerne triggerwarnt: „Gewalt, sexuelle Handlungen, Alkoholkonsum, Schimpfworte…“ Was die Explizitheit der weitgehend als FSK 18 eingestuften Folgen betrifft, loten die Macher immer neue Grenzen aus und sicherlich wird das auch manche Leute abstoßen.
Was aber „The Boys“ aus der Riege der x-ten Superhelden-Adaption hervor hebt und wirklich herausragend macht, ist die aktuelle politische Relevanz, die die Serie entwickelt. Es geht um eine Gruppe Outsider, die erkannt haben, dass die Superhelden, die vom Megakonzern Vought gemanagt werden, ein korrupter, die jeweiligen Superkräfte missbrauchender Haufen ist. Heldentaten werden medial inszeniert, hinter den Kulissen jedoch spielen menschliche Kollateralschäden keine Rolle. Es fehlt den „Helden“ an Empathie und Herz, es zählt einzig und allein das Geschäft. Wer kann sie noch aufhalten, wenn ihnen erst einmal die Landesverteidigung der USA in die blutbefleckten Hände gelegt wird? Die „Boys“, die sämtlich durch die „Supes“ schmerzliche Verluste erlitten haben, stellen sich dem scheinbar Unbesiegbaren entgegen. Und um gegen Superhelden zu bestehen, darf man selbst in der Wahl der eigenen Mittel nicht zimperlich sein.
Die perfiden Methoden von Vought zeigen haarklein, wie die gut geölte Propagandamaschine aus Falschmeldungen und Hetze dazu führen kann, dass einem machtgeilen Tech-Phantastilliär und seinem clownesken Präsidentendarsteller letztlich die Vereinigten Staaten auf einem Silbertablett gereicht werden und sich die verbleibenden Humanisten machtlos fühlen. Glücklicherweise erzählt „The Boys“ dies mit anarchischem Witz, der weit tiefer als nur unter die Gürtellinie geht.
Zum Abschluss hätte ich noch ein paar Musiktipps:
Zwei Bands sind aktuell recht fleißig auf Tour, so dass ich beide 2024 gleich zweimal live erleben konnte: Da sind zum einen „Dead Poet Society“ aus Los Angeles. Die Alternative-Rocker bieten harte Riffs und eingängige Melodien auf dem Weg zum Stadion-Rock in den Fußstapfen von Muse oder Queens of the Stone Age. Vor allem aber vereinen sie live große Spielfreude mit energiegeladenen Shows, die ohne Effekte daherkommen. Gleich zweimal bescherten die Kalifornier uns großartige Gigs in kleinen Clubs, die jeweils weniger als als 30 Euro kosteten. Gerade jetzt, wo man das Gefühl hat, dass die Dinosaurier des Rock den alternden Fans noch einmal so richtig das Geld aus den Taschen ziehen wollen – nicht zuletzt Dank der asozialen Erfindung des Dynamic Pricing von Ticketmaster –, sollte man junge Künstler und die kleinen Veranstaltungsstätten nicht vergessen.
In die Kategorie „Nachwuchs“ fallen auch „LEAP“ aus Großbritannien. Frontmann Jack Balfour Scott hat nicht nur exzellente Songwriter-Qualitäten, sondern überzeugt auch durch seine Bühnenpräsenz und die Nähe zum Publikum. Stilistisch ähneln „LEAP“ ein wenig der „Dead Poet Society“, kehren womöglich stärker eine Partynote in den Vordergrund. Der Metal- oder Punkfan mag über den „Pit“ eines LEAP-Konzerts müde lächeln, aber dafür kocht im hopsenden Getümmel die gute Laune über. Im Frühjahr 2025 führt es LEAP schon wieder nach Deutschland – sollte man sich nicht entgehen lassen.
Ein ganzes Stück ruhiger, aber nicht minder empfehlenswert ist Mina Richman. Die iranisch-deutsche Singer-Songwriterin ist in Bad Salzuflen aufgewachsen und lebt nun als Lehrerin in Bielefeld. Ihre Musik ist aber alles andere als provinziell: Wenn ihre Karriere weiter so verläuft wie in diesem Jahr, wird sie ihr Lehramt vermutlich erstmal ruhen lassen müssen. Und auch, wenn dringend Lehrerinnen und Lehrer gebraucht werden, kann man ihr das nur von Herzen wünschen: Ihr zwischen Jazz, Soul, Pop, Folk und sogar Rap changierender Pop hat ihr in diesem Jahr den PopNRW-Preis als „Outstanding Artist“ eingebracht. Live kommt sie außerordentlich sympathisch daher. Sie plaudert sich unprätentiös humorvoll durch ihre Ansagen, ist in der Musik jedoch hoch konzentriert. Ihre Texte kreisen um Aspekte des Andersseins, die Liebe zu einem „Heimatland“, in dem sie nie gelebt hat, von der kleinstädtischen Rebellion des Über-die-rote-Ampel-Gehens. Und mit „Baba said“ hat sie eine kleine Hymne an den arabischen Frühling geschrieben, von der sie sich wünscht, sie eines Tages nicht mehr singen zu müssen. Sie ist mit ihrer Band im April/Mai 2025 wieder auf Tour.
Zum Abschluss aber doch noch ein paar Worte zu Rock-Dinosauriern: Judas Priest, denen ich vor einigen Jahren, als Sänger Rob Halford am Stock ging, keine große Zukunft mehr prophezeit hätte, haben mit ihrem neunzehnten Studioalbum „Invincible Shield“ ein zeitgenössisches Metal-Album eingespielt, das ihre Wurzeln in der „New Wave of British Heavy Metal“ in den 1980ern nicht verleugnet. Vor allem aber haben sie auf der Tour zum Album bewiesen, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Unter dem Titel „Shield of Pain“ gibt es in 2025 noch einen Tour-Nachschlag.
Frank Schorneck ist Rezensent und Literaturveranstalter (u.a. „Macondo – Die Lust am Lesen“) sowie Vorleser. Mit seinen Kollegen von der www.whiskylesung.de widmet er sich dem Wechselspiel von Alkohol und Literatur. Seine Texte bei CulturMag.
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Wolfgang Schweiger
Ich bin ein großer Fan der Stadt Wien und hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich längst dorthin gezogen. So fahre ich halt regelmäßig hin, meist abgestimmt auf das Programm des Filmmuseums, und genieße das Flair dieser einzigartigen Stadt. Weswegen Karina Urbachs „Das Haus am Gordon Place“ auch mein Kriminalroman des Jahres ist, diese unwiderstehliche Mischung aus einer im heutigen London spielenden Detektivgeschichte und einem Polit-Thriller um Nazigold und die Dreharbeiten zu Carol Reeds „Der dritte Mann“. Siehe auch Roland Kellers Besprechung in der Juniausgabe von CrimeMag.
Leider viel weniger bekannt als „Der dritte Mann“ sind zwei Filme, auf die ich an dieser Stelle aufmerksam machen möchte. So kommt auch in Jacques Derays Agenten-Thriller „Avec la peau des autres/ Die Haut des Anderen“ (1966) ein Mann in die Donaumetropole, um einen alten Freund zu besuchen. Allerdings handelt es sich dabei um keinen Freundschaftsbesuch, sondern um eine reichlich delikate Mission: Spezial-Agent Fabre (Lino Ventura) soll nämlich herausfinden, ob Margery (Jean Buise), der örtliche Chef des französischen Geheimdienstes, ein doppeltes Spiel treibt. Ein Verdacht, der sich zu bestätigen scheint, als kurz nach Fabres Ankunft ein Kontaktmann einen tödlichen Unfall erleidet und Margery von der Bildfläche verschwindet, möglicherweise entführt vom KGB.

Offensichtlich zur Gänze in Wien gedreht, überzeugt der Film vor allem durch die phänomenale Präsenz und das minimalistische Spiel von Lino Ventura, der sich in seiner Rolle als Agent „mit der Lizenz zum Töten“ mit gnadenloser Effizienz durch die Wiener Spionageszene bewegt bzw. mordet. Die wenig stringente und nicht gerade stilsichere Regie von Routinier Jaques Deray dürfte dagegen auf das ziemlich konfuse Drehbuch von José Giovanni („Der zweite Atem“) zurückzuführen sein, bei dem lediglich das Finale am Wiener Westbahnhof für eine echte Überraschung sorgt.
In jeder Hinsicht überzeugt dagegen der von Michael Winner inszenierte Agenten-Thriller „Scorpio/Scorpio, der Killer“ aus dem Jahr 1973, obwohl laut Winner die erste Drehbuchfassung von David W. Rintels unbrauchbar war. Für ihn sprang Gerald Wilson ein, der für Winner zuvor bereits „Lawman“ (1971) und „Chato‘s Land“ (1972) geschrieben hatte, und entwickelte daraus eine so düstere wie spannende Geschichte über die Machenschaften der Geheimdienste, mit starken, glaubwürdigen Figuren und einer schlüssigen Handlung mit vielen überraschenden Wendungen.

Der Film beginnt in Paris, wo der CIA-Agent Gerald Cross (Burt Lancaster) und sein Helfer, der französische Mietkiller Jean Laurier, genannt der Skorpion und gespielt von Alain Delon, einen Anschlag auf einen afrikanischen Machthaber arrangieren. Danach fliegen beide nach Washington D. C., um die Frauen an ihrer Seite zu treffen: Cross seine langjährige Ehefrau Sarah, Scorpio seine derzeitige Freundin, die Lehrerin Susan. Doch kaum angekommen, bemerkt Cross, dass er von der CIA observiert wird und entgeht nur knapp einem Mordanschlag seiner Auftraggeber. Die von Laurier andererseits wissen möchten, wieso er seinen Mentor und väterlichen Freund nicht schon in Paris getötet habe.
Verrat auf allen Seiten also, und eine Einleitung, in der uns Winner ruhig und mit sicherer Hand seine Protagonisten vorstellt. Allein schon, wie Lancaster zu Beginn im beigen Trenchcoat lässig und mit natürlicher Autorität durch die Straßen von Paris streift, an einem Kiosk wortlos ein Päckchen abholt und dessen Inhalt, einen Haufen Geldscheine, kurz darauf vor Delon aufs Bett wirft, ist ein Musterbeispiel dafür. Überhaupt ist die Rolle des alternden Agenten, der plötzlich selbst zum Gejagten wird, perfekt für den 1913 in New York City geborenen Schauspieler.
Ähnliches gilt für den damals knapp 40-jährigen Delon, der hier fast so eiskalt und undurchschaubar wie in seinen Filmen von Jean-Pierre Melville agiert. Ansonsten erfahren wir nicht viel über ihn: ein stets elegant gekleideter Katzennarr, der im Algerienkrieg als Fallschirmjäger gedient hat. Und der erst einwilligt, den angeblichen Verräter zu liquidieren, nachdem ihm die CIA versprochen hat, ihn anschließend in ihre Reihen aufzunehmen. Doch wohin hat Cross sich abgesetzt? Ein Überläufer des KGB bringt Laurier schließlich auf eine Spur.
Wien!
Und schon sehen wir ein grandioses Stadtbild von Wien im Sonnenuntergang, sehen das Riesenrad und finden uns in einer dunklen Gasse wieder, in der Cross nach seiner komplizierten Flucht aus den USA darauf wartet, abgeholt zu werden. In einer sicheren Wohnung trifft er wenig später seinen russischen Gegenpart Sergej Zharkov, gespielt von Paul Scofield, mit dem er seit den Tagen, als sie gemeinsam im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpften, freundschaftlich verbunden ist.

Zwei alte Haudegen des Kalten Kriegs, wobei Zharkov seinen Idealen treu geblieben ist, trotz Diktatur und Terror. „Der Stalinismus hat mir den Kommunismus nicht ausgetrieben“, sagt er zu Cross, dem jede Art von Glauben längst abhanden gekommen ist.. Zharkov bietet ihm auch seine Hilfe an, obwohl Cross sich weigert, mit dem KGB zu kooperieren. Stattdessen bittet er einen weiteren alten Freund, den Musiker Max Lang (Shmuel Rodensky), seiner Frau in Washington eine wichtige Nachricht zukommen zu lassen.
Als kurz darauf eine von Cross initiierte Aussprache mit Laurier scheitert, scheinen sich die Wege der beiden endgültig zu trennen. Doch es kommt anders, und damit die furiose Verfolgungsjagd über die U-Bahn-Baustelle am Karlsplatz, bei der Lancaster, der vor seiner Schauspielerkarriere ja bekanntlich Akrobat und Zirkuskünstler war, bei den selbst ausgeführten Stunts zeigen konnte, was er körperlich noch drauf hat. Eine Sequenz, die auch heute noch schwer beeindruckt und vor Augen führt, wie faszinierend handgemachte Action aussehen kann.
Auch wenn Cross entkommen kann, so bedeutet die nächste Wendung des raffinierten Drehbuchs sein Aus. Denn mittlerweile hat in Washington die CIA einen Dieb engagiert, der Cross‘ Haus nach Belastungsmaterial durchsuchen soll. Mit katastrophalen Folgen. Cross täuscht daraufhin mit Unterstützung von Zharkov vor, dass er sich in Moskau befindet. Tatsächlich kehrt er nach Washington zurück und erschießt den dafür verantwortlichen CIA-Agenten auf offener Straße.
Laurier, der davor gewarnt hatte, wird daraufhin mit neuen Informationen über Cross versorgt und erfährt dabei zufällig, dass seine Freundin Susan als Kurier für Cross arbeitet. Er folgt ihr zu einem Treffen mit Cross, das in einem Blutbad mündet, wobei Cross im Sterben noch die Philosophie ihres Gewerbes erläutert: Es gehe nicht darum, zu gewinnen oder zu verlieren, sondern im Spiel zu bleiben. Bitteres Finale einer Geschichte, in der sowohl Cross als auch Laurier immer wieder nach einem Ausweg gesucht hatten, letztendlich aber nur dem Tod entgegen gerannt sind.
Bis in die kleinsten Nebenrollen bestens besetzt, wobei nur Gayle Hunnicutt als Susan etwas blass bleibt, bietet der Film somit erstklassige Unterhaltung, zumal auch die Leistungen der anderen Beteiligten keine Wünsche offen lassen. So rückt Kameramann Robert Paynter das Geschehen mit bestechender Klarheit ins Bild, der Schnitt ist präzise und ohne jede Hektik, und höchst stimmig ist auch der leicht jazzlastige Score von Jerry Fielding, der auch für Sam Peckinpah („The Wild Bunch“) seine besten Filmmusiken schrieb.

Als Bonus bekommt der Zuschauer eine kleine Zeitreise in eine Vergangenheit spendiert, in der Wien noch nicht die angeblich lebenswerteste Stadt der Welt war, sondern eine leicht angestaubte Stadt, die vor bröckelnden Fassaden den schäbigen Charme der längst verflossenen k.u.k. Monarchie versprühte.
Wolfgang Schweiger (den wir vom „Fahnder“, der „SOKO 5113“ und von vielen Kriminalromanen kennen) ist derzeit hauptsächlich als Kulturjournalist im südostbayerischen Raum/Salzburg unterwegs und hat nach längerer Pause auch wieder angefangen, Kriminalromane zu schreiben. – Seine Website hier. Seine Texte bei uns. Als Book-on-demand gibt es den Heimatkrimi „Land der bösen Dinge“. Besprechung in unseren „Bloody Chops“ hier.
Der neue Roman von Wolfgang Schweiger erscheint Ende Februar 2025 und heißt „Die Vergangenheit kennt kein Ende“ (edition tingeltangel, München). Verlagsinformationen hier.























