CULTurMAG-Jahreshighlights, Teil II (K-M)


Willkommen,

zum CM-Jahresrückblick, Teil II (K-M): die Tops & Flops von LitMag, MusikMag & CrimeMag, so wie fast vierzig (!!!) unserer Autorinnen und Autoren das Jahr 2011 sahen: Bücher, Filme, Musik, TV, Kino, Alltag und Wahnsinn … ungeordnet, unabhängig, undogmatisch. Viel Vergnügen! (Zu Teil I und Teil III)

Claus Kerkhoff:

Top 5: James Sallis: Der Killer stirbt“ (Liebeskind). Eigenwilliges und imposantes Epos über das Leben, das Sterben und den Tod.

Daniel Woodrell: „Winter’s Knochen“ (Liebeskind). Poetisch-düsterer Roman mit einer faszinierenden Protagonistin.

Donald E. Westlake: „Verbrechen ist Vertrauenssache“ (Zsolnay). Ein atemberaubendes Comeback nach 23 Jahren Pause um den düsteren Parker. Böse, abgründig und spannend. Ein Muss für jeden Hardboiled-Fan!

John Harvey: „Das Fleisch ist schwach“ (Deutscher Taschenbuchverlag). Ein realistischer Polizeiroman, der die sozialen Verwerfungen und Missstände im England der 90er Jahre thematisiert und sich ganz auf seine Figuren konzentriert.

Alexander Schwarz: „flip rouge“ (Pendragon). Ein Fast-Debütroman, der bei mir untergegangen ist – zu Unrecht. Ein Marseille Roman mit einem zähen Beginn. Als der Autor sich freischwimmt, beginnt seine Geschichte zu swingen.

Flop 3: Don Winslow: „Satori“ (Heyne). Don Winslow ist ein herausragender Autor, einer der besten. Vielleicht ist es seine Ehrfurcht vor dem Vorbild Trevanian, die ihn scheitern lässt, aber klassische Agentenromane sind nicht sein Ding.

Michael Connelly: „Neun Drachen“ (Droemer-Knaur). Ein Hybrid aus „Ein Mann sieht rot“ und Polizeiroman. Nichts passt zusammen, weder Sprache noch Bilder. Connelly kann es besser!

Dennis Lehane: „Moonlight Mile“ (Ullstein). Auch ein Comeback, leider ein gescheitertes. Elf Jahre nach dem letzten Roman ein erneuter Auftritt des Ermittler-Duos Angela Gennaro und Patrick Kenzie. Jetzt sind sie eine Familie und haben eine vierjährige Tochter. Noch immer coole Sprüche und viel ironisch gebrochene Action, aber ein dünner Plot und viel Leerlauf. Schade!

CM-Beiträge von Claus Kerkhoff

Ronald Klein

Tops: Bücher: Hans Fallada: „Jeder stirbt für sich allein“ (Aufbau Verlag). Primo Levi nannte Falladas letzten Roman, das wichtigste Buch über den deutschen Nationalsozialismus. Erstmals in seiner ursprünglichen Fassung vorliegend, beeindrucken die Figurenzeichnung und die Sprache und erschüttert das Schicksal all derer, die in den Lagern und Gefängnissen der NS-Diktatur gequält wurden.

Theater: Volksbühne im Prater: „John Gabriel Borkman“. Ibsens vorletztes Theaterstück (1896) erscheint hoch aktuell. Ein Banker spekuliert aus Habgier und Profilsucht mit dem Angelegten seiner Kunden und verzockt sich dabei. Der norwegische Regisseur Vegard Vinge, der sich vorgenommen hat, Ibsens komplettes Werk auf die Bühne zu bringen, arbeitete bereits im Frühjahr mit einer Schaukasten-Variante von Ibsens „Wildente“ an der Volksbühne. Mit seiner aktuellen Inszenierung lotet er scheinbar Grenzen aus: Der Abend resp. die Nacht dauert 12 Stunden. Ein fester, wiederkehrender Ablauf fehlt dem Stück. Improvisationen und Performance-Elemente sind jedoch nicht das eigentlich Spektakuläre, sondern eine völlig eigene Theatersprache. Allein das Visuelle verstört: Die Kulisse im Comic-Stil, die Kostüme und Masken daran angelehnt, mit einem Touch nekrophiler Black-Metal-Ästhetik. Die Bewegungen der Schauspieler wirken meist hoch artifiziell, mit Geräuschen unterlegt. Vinge arbeitet textnah, jedoch oft mit repetitiven Elementen. Die Boulevard-Presse stürzte sich auf einige Schock-Bilder (weswegen der Abend ausschließlich erwachsenen Zuschauern offen steht), und lässt damit außer Acht, dass es sich beim „Borkman“ um einen außergewöhnlichen Abend handelt, der sich von der klassischen Tradition des Aufsage-Theaters löst und stattdessen an der Schnittstelle bildende Kunst / Performance / Theater / Clip / Videospiel agiert.

Jens Harzer: Das große Pathos bricht er. Am Hamburger Thalia Theater nuschelt er lediglich „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“ in Schillers „Don Karlos“. Nachdenken statt großer Pose. Der 39-Jährige ist der lässige Rebell auf der Bühne. Ganz groß in Andrea Breths „Verbrechen und Strafe“ (Salzburg 2009) oder in Jan Bosses „Peer Gynt“ (Hamburg / Berlin 2009). Brecht hätte Harzer geliebt. Stanislawski auch. Denn selbst beim vermeintlichen Einfühlen gibt er den reflektierenden Habitus nicht auf. Die Zeitschrift „Theater heute“ wählte Jens Harzer 2011 zum Schauspieler des Jahres. Absolut zu recht.

Kunst: Anselm Kiefer „Alkahest“ (Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg). Zugegeben, der Mann irritiert. Wer möchte schon ein Atomkraftwerk kaufen? Ambivalent auch der Eindruck der Ausstellung großformatiger Bilder und einiger Skulpturen. Biblische Motive treffen auf reale Ressourcen, um die sich der Kampf dreht. Irrationalität ummantelt klare Interessen. Nicht neu, aber beeindruckend umgesetzt.

Konzerte: Laurie Anderson „Delusion“. An zwei Abenden füllte die New Yorkerin die Berliner Volksbühne. Spoken Words, spartanische Instrumentierung, Videoprojektionen. Bewegend und trotz der Größe des Saals intim.

„Aus einem Totenhaus”. Der tschechische Komponist Leo Janacek adaptierte Dostojewskijs Roman 1928 für die Oper. Drei Akte, die von der Beklemmung des Eingesperrtseins erzählen. Die das Erzählen der eigenen Biographie als Mittel gegen den Verlust der Würde einsetzen. Patrice Chéreaus Inszenierung lief im Herbst an der Berliner Staatsoper, die musikalische Leitung oblag Sir Simon Rattle.

Platten: Gang Gang Dance: „Eye Contact“. Vom Image noch immer mehr Kunst-Kollektiv als Rock-Band. Das New Yorker Quartett zelebriert auch auf dem dritten Album eine ganz eigene Mischung aus epischen Elementen, orientalischen Einflüssen und tollem Psychedelic Pop.

Alva Noto: „Univrs“. Entstanden aus einem Live-Kontext sind die Songs allesamt rauher als die letzten click’n’cuts-Alben. Zurück zu den Anfangstagen und weiterhin kommerziell nicht verwertbar.

Zomby; „Dedication“. Dubstep aus London. Flirrende Sounds, verzerrte Gesänge. Definitiv nichts für den Dancefloor. Beklemmend und eindringlich.

Enttäuschungen: EMA. Mit viel Vorschusslorbeeren enterte sie die Kantine des Berliner Berghains, die rappelvoll schien. Eine laue Performance, so wie auch das Album „Past Life Martyred Saints“. Nett, aber völlig unspektakulär und ohne Ecken und Kanten.

Schließung des Berliner Icon-Clubs am 31.12. Eine der Berliner Drum’n’Bass-Institutionen. Alles trat in dem Kellerclub auf, was Rang und Namen hatte. Die Preise blieben fair, ein sympathisches Stück Berlin. Ganz im Gegensatz zu den Nachbarn, die sich vom Treiben gestört fühlten und – obwohl gerade erst hergezogen – gerichtlich die Schließung erzwingen wollten, scheiterten und nun den Vermieter auf ihre Seite zogen. Am 31.12. gehen unweigerlich die Lichter aus.

KMFDM live. Herrje. 1984 aus einem Kunst-Kollektiv hervorgegangen (siehe auch Gang Gang Dance), in den 90ern musikalisch einflussreich (Rammstein und Nine Inch Nails zollten Respekt). Und anno 2011? Hängen gebliebene Rocker in Posen, die schon damals albern wirkten.

Joe Paul Kroll

Eine späte, aber umso freudigere Entdeckung war für mich das Werk Howard Jacobsons: ein großer Erzähler mit Liebe zur Sprache und zu seinen Gestalten (zur CM-Rezension von „Die Finkler-Frage (DVA)). Mit Enttäuschung las ich dagegen die jüngsten Romane zweier meiner Lieblingsautoren: Michel Houellebecqs „Karte und Gebiet“ (DuMont – zur CM-Rezension) fehlte die visionäre und polemische Energie seiner Vorgänger. Kalt ließ mich auch Jeffrey Eugenides’ „Die Liebeshandlung“ (Rowohlt).

Unter den Sachbüchern des Jahres 2011 ragt Simon Reynolds’ „Retromania“ heraus. Reynolds artikuliert das unbehagliche Gefühl, um eine Zukunft betrogen worden zu sein, die der Pop einst verhieß. „Retromania“ soll im nächsten Jahr ebenso auf Deutsch erscheinen wie Stephen Greenblatts „The Swerve“, das die Geburt der Neuzeit aus dem Geiste des Epikureismus erklärt. Viele Stunden intellektuellen wie sprachlichen Genusses haben mir die Essays Christopher Hitchens’ aus den letzten Jahren bereitet, die unter dem Titel „Arguably“ versammelt sind. Selbst seine Gegner werden kaum leugnen können, dass die Welt ohne Christopher Hitchens langweiliger zu werden droht.

Anne Kuhlmeyer

1. Hans Zengeler: „Konrads Geständnis“ (Shaker Media). Sehr bemerkenswert (!) die Umschlagsgestaltung von Pit Kinzler: „Gernegroß Models reloaded: Flucht“.

Der Krieg ist längst vorbei, die Flüchtlingsströme sind angekommen, nur die Menschen nicht, die ihnen folgten, auch Jahre und Jahrzehnte später nicht. Nicht sie selbst und nicht ihre Kinder.

Eine Geschichte vom Anderssein, Fremdsein und Missverstehen, von der Unfähigkeit, das Besondere, Eigenwillige zu leben, von Vorurteilen und Urteilen und Einsamkeit … in einer intensiven, klaren Sprache erzählt.

2. Friedrich Ani: „Süden und die Frau mit dem harten Kleid“ (Knaur). Entdeckt! Endlich! Die melancholische, eindringliche, bildstarke Sprache der Süden-Romane von Friedrich Ani. Was für eine Freude!

Tabor Süden, Ermittler auf der Vermisstenstelle der Kriminalpolizei, schreibt Johann Faraks Tochter einen Brief. Später. Nach allen Irrwegen und Verstrickungen. Johann Farak, der Sohn eines Ägypters, Spinner, Maler, Schwätzer, Bedürftiger, Trinker, Verkannter und Verlassener ist verschwunden und niemandem ist das aufgefallen, bis seine Schwester eine Vermisstensanzeige macht, die nicht so recht ernst genommen werden kann. Aber Tabor Süden glaubt nicht, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen wird, dazu ist er zu lange im Job, nur hofft er es. Immer wieder. Tabor Süden ist ein Suchender. Den Schmerz über die Verlorenheit in der Einsamkeit lindert er mit Alkohol, Frauengeschichten und Kunst: „Ich glaube, dass unser Leben einen Sinn hat und damit der Tod, doch ich weiß nicht, welchen, wenn ich ein Gedicht von Hölderlin lese oder ein Bild von Vincent van Gogh betrachte, begreife ich, dass es Menschen gibt, die dem Geheimnis der Schöpfung näher sind als alle anderen, und dieser Gedanke tröstet mich.“

Die Illusion vom Gefundenwerden und Ankommen, vom Geborgensein und Verschmelzen im Paradiesischen (woran er nicht glaubt) treibt Süden an, weiterzumachen, immer weiter, hinweg über seine Kräfte und zu eigenen Lasten. Er ist ein Mann, der einem das Herz bricht, wie er da vor sich hin sucht im Kalten und sich trotzig auf brüchiges Eis begibt. Meines allerdings hat er gefunden und deshalb muss ich seinem Weg folgen, seinen Geschichten, hinein in seine 16 Romane …

3. Randall Collins: „Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie“ (Hamburger Edition). Wer denkt, Bücher mit wissenschaftlichen Theorien und „mikrosoziologisch“ im Titel seinen schwierig zu lesen, wahrscheinlich für Experten vorgesehen und überhaupt ganz unmöglich zu verstehen, irrt. Jedenfalls bei diesem Buch. Ja, es ist dick. Und schwer. Und ausführlich und umfassend. Aber wer sich von alldem nicht abschrecken lässt, wird mit bemerkenswerten Erkenntnissen belohnt. Es geht um Gewalt als situatives Phänomen in erster Linie: auf der Straße, in der Familie, im Krieg, in der Politik, als Terrorismus oder ritualisiert und inszeniert im Sport. Ausgezeichnet und verständlich bereitet Collins seine Studien zum Thema auf. Im Interesse des Lehrens schreckt er erfreulicherweise nicht davor zurück, Wesentliches zu wiederholen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.

Eine zentrale Aussage ist beispielsweise, dass es nicht „den Bösen“, „das Böse“ an sich gibt, sondern der Autor erklärt, wie es zu Gewaltausbrüchen und –exzessen kommen kann, welche Bedingungen dazu führen, wie Angst und Anspannung zunächst Gewalt verhindern bzw. schließlich ermöglichen, und welche gesellschaftliche Bedeutung sie hat. Dies ist ein sehr erhellendes Buch für alle, die begreifen wollen, weshalb Menschen überhaupt Gewalt anwenden, wie sie mit ihr umgehen, wie sie im Alltag integriert oder abgespalten wird, und für jene, die sich literarisch damit befassen sowieso. Für die Kriminalliteratur wären Einsichten, wie sie dieses Buch bietet, überaus wünschenswert!

4. Arte: „Im Angesicht des Verbrechens“ (alle Folgen am Stück). Was für eine brillante, großartige, geniale Serie! Immer wenn man denkt: Oh je, das wird nie was, jetzt kommt’s gleich fürchterlich melodramatisch, kriegt der Film die Kurve ins Komische oder ins Tragische. Ein zu Recht preisgekrönter Film!

5. „Wer ist Hanna?“ – Action-Thriller: Dies ist die märchenhafte Geschichte eines vom Vater in der Abgeschiedenheit und Eiseskälte Finnlands zur Killerin trainierten Mädchens, das quer durch Europa mordet, um ihre Verfolger zu beseitigen und schließlich in Berlin ihren Vater wiederzutreffen. Es gibt eine böse Hexe und eine reizende Großmutter, eine zarte Liebe, die ziemlich riskant ist. Für den jungen Mann. Es gibt Bösewichter, ein altes CIA-Geheimnis und realitätenharte Bilder von der Hauptstadt. Klingt schräg. Ist schräg. In wunderbaren Szenen und Einstellungen gezeichnet, mit harten Rhythmen und lyrischen Melodien unterlegt. Phantastisch der Film, im allerbesten Sinne!

6. „Inspector BarnabySerie im ZDF, sonntags 23:20. Ich danke dem ZDF für die Fürsorge um meine Gesundheit. Die Serie führte zu einer hepatoprotektiven Reduktion meines Schlafmittelkonsums.

CM-Beiträge von Anne Kuhlmeyer

Stefan Linster

Kurzer Gang durch eine Ausstellung – die Entdeckung der Qualitäten des Lichts. Zu den beeindruckendsten Erlebnissen der letzten Jahre zählt für mich zweifellos die „Erste große Einzelausstellung in Deutschland“ zu Alfred Sisley mit dem stimmigen Untertitel „Der wahre Impressionist“ (mehr hier und hier). Denn was es im Wuppertaler Von der Heydt-Museum noch bis zum 29.1.2012 zu sehen gibt, ist wirklich einzigartig, ein Augenschmaus im wahrsten Sinne des Wortes.

All die von Sisley festgehaltenen Landschaften, die immer wieder neu erkundeten Flussufer und Brücken, die Überschwemmungen und Winterstimmungen, ob mit Fischern auf Treidelpfaden, Flanieren unter schattigen Alleen oder als menschenleere Seelenbilder, die Studien der Kirche von Moret-sur-Loing (Monets Kathedralenbildern durchaus ebenbürtig!) oder des kleinen Ortes selbst bergen jenseits aller vom Künstler angestrebten Gehalte, Bedeutungen, Wirkungen (Schönheit, Eindringlichkeit, Trostlosigkeit usw.) eine überzeitliche Wahrhaftigkeit, so dass man vor diesen Bildern steht und nichts anderes zu sagen weiß als: So ist es, genauso muss eine Landschaft, eine Kirche, ein promenierendes Paar aussehen! Wobei Sisleys Blick nichts idealisiert, weder die Zerstörungskraft der Naturgewalten, noch materielles Elend noch die immer stärker in die Natur, die vermeintlich noch heilen Lebensräume eingreifende Industrialisierung, etwa als ferner Gasometer oder am gegenüberliegenden Ufer aufragender Schlot.

Doch noch überwältigender ist, was einen diese Ausstellung, was einen Sisley lehrt: die Entdeckung des Lichts in etlichen seiner Qualitäten. Ob eine Flussbiegung, das Wasser eines Staubeckens oder im Kanal Saint-Martin, ob eine Brache im Winter, die Fassade einer Kirche oder der Fels von Lady’s Cove in seinen letzten grandiosen Gemälden von 1897 (in denen er m.E. den Impressionismus hinter sich lässt und bereits die Moderne anstimmt), stets sind die Bilder erfüllt von Licht, ja bei manchen möchte man sie beinahe abhängen, um nachzuprüfen, ob nicht doch irgendein Trick dahinter steckt, dass sie aus sich selbst, von innen heraus derart rätselhaft zu leuchten scheinen!

Und so deklinieren der Künstler und wir mit ihm dieses Licht, das er wie kaum ein anderer zu bannen, dazustellen verstand, in immer neuen Worten, in allen möglichen Eigenschaften: Mal als Flirren, mal als Glitzern, mal ein Strahlen, mal ein Leuchten, hier glimmend, glühend, diffus durchsickernd, dort allgegenwärtig, hart, fast bleiern von oben gleißend, wenn es nicht nur ruhig und bläulich, besänftigend über der Szenerie liegt … Irgendwo ist immer Licht, und sei es in einem Kleid oder als Schneerest. Als hätte Sisley es seinem harten Leben, bis zuletzt gezeichnet von Misserfolgen, Nöten und schwersten Schicksalsschlägen, beharrlich entgegenzusetzen versucht …

Carl Wilhelm Macke

At War – Ausstellung mit Photographien von Anja Niedringhaus (ab dem 12. Januar 2012 hier). Sonnenuntergänge, nette Tiermotive, lustige Politikerporträts wird man in den Fotoserien von Anja Niedringhaus niemals sehen. Stattdessen aber Maschinengewehre, Panzer, Soldaten in Kampfuniformen. Wo immer in den letzten Jahren Krieg herrschte, gewaltsame Umstürze stattfanden, militärische Interventionen begonnen wurden, war diese sehr bescheiden und zurückhaltend auftretende Frau aus Kassel dabei. Viele ihrer Aufnahmen sind inzwischen weltbekannt, oft werden sie in den großen Magazinen und Tageszeitungen publiziert, werden mit den renommiertesten Fotopreisen ausgezeichnet, dennoch ist ihr Name bei uns kaum bekannt.

Bildnachweis: Salavat, Afghanistan, September 2010 © Anja Niedringhaus / AP

In der Berliner Fotogalerie C/O an der Oranienburger Straße wurden in diesem Jahr (meines Wissens) zum ersten Mal vierzig Schwarz-Weiß-Fotografien von ihr ausgestellt. Fast alle hat Anja Niedringhaus im Irak, in Afghanistan, Palästina und zuletzt bei den Kämpfen um Tripolis und Bengasi aufgenommen. Und obwohl sie sich mit ihrer Kamera immer ganz weit vorn in den Kampfzonen aufhält, strotzen die Bilder nie von Gewalt, Blut und Tränen. Wenn man an den ausgestellten Fotos entlanggeht, bemerkt man schnell, dass Anja Niedringhaus einen ganz außergewöhnlichen Blick für völlig unerwartete, manchmal sogar rührende Momente am Rande von Kampfhandlungen besitzt. Kinder vergnügen sich auf einem Kettenkarussell, lachen aus vollem Herzen – aber haben ein (echtes?) Maschinengewehr in der Hand. Junge US-Marines erobern die Stadt Falludscha im Irak und an ihren Kampftornistern baumeln kleine Teddybären.

Verharmlosung des Krieges? Nein – es ist nichts weiter als die Realität von Kriegen, die heute zu humanitären Interventionen unbenannt werden. Hier kämpfen Menschen gegen Menschen und nicht irgendwelche von Flugzeugträgern ferngesteuerte Roboter. Man kann nur hoffen, dass die Bilder von Anja Niedringhaus auch bald in anderen deutschen Städten zu sehen sein werden. Und so wie die Weltlage nun mal derzeit leider ist, können wir noch viele weitere Fotografien von Anja Niedringhaus erwarten. „Wenn ich es nicht photographiere“, hat sie einmal lakonisch über ihre Arbeit gesagt, „wird es nicht bekannt.“

Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an Anna Achmatowa“ (Suhrkamp): „In den schrecklichen Jahren des Justizterrors unter Jeshow“, erinnerte sich Anna Achmatowa einmal, „habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen in den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Auf irgendeine Weise ‚erkannte’ mich einmal jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau mit blauen Lippen, die meinen Namen natürlich niemals gehört hatte, aus jener Erstarrung, die uns allen eigen war, und flüsterte mir ins Ohr die Frage (dort sprachen alle im Flüsterton). „Und Sie können dies beschreiben?“ Und ich sagte: „Ja“. Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.“

Einen schöneren, ergreifenderen, ermutigenderen Text über den Sinn und die Notwendigkeit des Schreibens habe ich nie gefunden. Wer sich einer so bewegenden Episode in seinem Leben erinnert, kann nur gute, bleibende Gedichte schreiben. Niemand wird heute bezweifeln, dass die Gedichte der Anna Achmatowa zu den ganz großen literarischen Manifesten des 20. Jahrhunderts gehören. Sie hat sie geschrieben in den dunkelsten Jahren des Stalinismus. Gegen ihre Verzweiflung, gegen ihre Angst, gegen die Entmutigung. „Nun ist alles geplündert, zerrissen./ Wie der Tod vorüberstiebt!/ Unsre Schwermut hat alles zerbissen,/ daß es Helligkeit da noch gibt.“

Ihre Freundin Nadeschda Mandelstam hat dieser dunklen Zeit in der Sowjetunion den Namen das „Jahrhundert der Wölfe“ gegeben, in dem sie ihren geliebten Mann, den Lyriker Ossip Mandelstam, im Kerker Stalins verloren hat. Natürlich ist davon in den Erinnerungen Nadeschda Mandelstams an ihre Freundin Anna Achmatowa häufig die Rede. Aber der Leser dieses so exzellent von Pawel Nerler edierten Erinnerungsbuchs erfährt auch noch sehr viel mehr, sehr viel helleres aus der Beziehung zwischen der Achmatowa, Ossip und Nadeschda Mandelstam.

Von der Liebe, von der Verführung, von der Schönheit der Welt und der Menschen, von der Lyrik als einem Überlebensmittel in den Zeiten der Angst und des Misstrauens liest man viel in diesem Buch. „Vielleicht war es uns dreien wirklich vorherbestimmt, gemeinsam allen Stürmen zu trotzen und das zu tun, was jeder von uns tat“, heißt es an einer Stelle der Erinnerungen von Nadeschda Mandelstam. In Russland hat es einmal eine andere Kultur gegeben als die der großen und kleinen Stalins, als die der Putins und der Oligarchen. Hier in diesen Erinnerungen wird sie noch einmal lebendig.

Tina Manske

Album: Platten wie die von Ja, Panik, Radiohead, Wilco, Kreidler, My Morning Jacket, Little Dragon, Brian Eno und die beiden von Kate Bush (die neueste eher als die zweitneueste) machten 2011 zu einem richtig guten Musikjahr. Ach ja, nicht zu vergessen Aérea Negrot, die eines der überraschendsten Debüts vorlegte und mit „Deutsche werden“ auch einen modernen Klassiker des Genres „Integrationssong“.

Bester Moment in einem Song: Der, in dem nach 3’19” in „The Breaks“ von Planningtorock die Monster-Synthies einsetzen – göttlich!

Song: „Holding On To Black Metal“ von My Morning Jacket – hymnisch!

Buch: „Asterios Polyp“ von David Mazzucchelli (Eichborn) – viel mehr als eine Graphic Novel. Mazzucchelli schickt seinen Antihelden auf eine Odyssee und findet dafür umwerfende Bilder. Auf einer Höhe mit großen Romanen.

Film: Lars von Triers „Melancholia“. Punkt.

Konzert: Sufjan Stevens‘ Auftritt im Berliner Admiralspalast – das Geräusch der im Finale gegen die herabfallenden Luftballons patschenden Hände der erhitzten Zuschauer, genau so fühlte und klang auch mein glückliches Herz … Pitsch-klong-zepp!

TV: Immer wieder freitags: die „Heute-Show“, die sich in diesem Jahr zum unbestrittenen Flaggschiff der deutschen Fernseh-Satire entwickelt hat. Die einzige TV-Sendung, für die ich mir sogar den Wecker stellen würde.

Alf Mayer

Der beste und wichtigste Thriller des Jahres 2011 stammt für mich von einem Autor, der bei uns seit zehn Jahren unübersetzt geblieben ist: „A Deniable Death“ des Briten Gerald Seymour. Ganz nah, ganz dreckig, detailreich und realistisch nimmt Seymour uns mit auf eine Aktion im schmutzigen Krieg gegen den Terror. Der Stoff, aus dem später Historiker unsere Gegenwart rekonstruieren werden.

Ebenfalls hart an der Realität und gut recherchiert, „The Wreckage“ des Australiers Michael Robotham, das im April 2012 bei Goldmann als „Der Informant“ erscheint. Im Irak werden Banken überfallen, im großen Stil. Folgerichtig, dass die Spur dann an den Finanzplatz London führt. So muss Thrillerliteratur sein: den Schlagzeilen immer ein Stück voraus.

Endlich wieder ein Polizeiroman, der die Jahre überstehen wird: authentisch, klug, ungewöhnlich gut geschrieben. Edward Conlon, Harvard-Absolvent, preisgekrönter Essayist und New Yorker Polizist, vermag in „Red on Red“ nicht nur mit einer komplexen und heftigen Polizeigeschichte zu unterhalten, sondern auch über Detektivarbeit zu sinnieren und das Geschichtenerzählen an sich. Das ist lyrisch, psychologisch stimmig, leidenschaftlich und überraschend. Ebenso lesenswert – und mit einigen Metaebenen mehr aufwartend als Simons „Homicide“ (das damit keineswegs abgewertet werden soll, um Himmels willen) – sind seine sich selbst nicht schonenden Polizei-Memoiren „Blue Blood“ von 2004.

Leider ein let down: „The Border Lords“ von T. Jefferson Parker, der ein Jahr zuvor im bislang unübersetzten „Iron River“ das Morden jenseits der amerikanischen Grenze mit dem Waffenverkauf in den USA in Beziehung setzte und Furchterregendes zum Drogenkrieg in Mexiko entblätterte. Jetzt hat er den Schwanz ein wenig eingezogen und verliert sich in einer diffusen Familienstory über einen durchgeknallten, abgetauchten Undercover-Polizisten. Jetzt im Januar 2012 erschein Parkers „The Jaguar“. Hoffen wir, dass er der Realität wieder mehr ins Auge schaut.

Soll das alles gewesen sein? Beim Union-Verlag „weiß man noch nicht“, ob „Whispering Death“, der sechste Hal-Challis-Roman von Garry Disher, auf Deutsch herausgebracht werden soll. Was gibt es denn da zu überlegen? Disher ist seinen südlich von Melbourne spielenden Polizistengeschichten einer der besten Kriminalautoren weltweit. Er schreibt auf der Höhe seiner Meisterschaft.

Eine Schwarte, ein Monster von Buch: „River City“ (844 Seiten) des Kanadiers John Farrow, der hier seine beiden Kriminalromane „Eishauch“ und „Treibeis“ weit hinter sich lässt. Bei der Stadt am Fluss handelt es sich um Montreal, der Roman gibt nicht nur seinem Polizisten Emile Cinq-Mars eine Vorgeschichte, er malt die Geschichte einer kanadischen Provinz auf breiter Leinwand. Die Jahre des Premiers Trudeau und die Separatistenbewegung werfen lange Schatten: Politik, Gier, Mord und Mythen.

Eine noch größere Schwarte, ein noch wilderes Monster von Buch: In a „A Moment in the Sun“ (McSweeny’s Books, San Francisco 2011, 955 Seiten) dreht der Filmemacher und Romancier John Sayles die Uhr auf 1897 zurück – und es ist alles da, was heute Amerika so schrecklich und so hoffnungsvoll macht. Ein panoramisches Zeitgemälde von Kolonialkrieg, Goldrausch, New Yorker Presse, Ostküsten-Establishment, Rassenhass, großen und kleinen Verbrechen. Einer wie Sayles könnte (und sollte) aus diesem Stoff zwanzig Filme machen.

Wie alt ist eigentlich James Lee Burke? Ja, richtig: gerade 75 geworden und bei uns seit sieben jahren nicht mehr übersetzt. Nach dem fulminanten „Glass Rainbow“ von 2010, in dem Dave Robicheaux endlich ein (kleines) wenig reifer und weniger selbstdestruktiv auftreten durfte, gab es auch 2011 ein literarisches Feuerwerk zu einem Feiertag für Narren: „Feast Day of Fools“. Es ist der dritte Roman mit dem staubtrockenen Sheriff Hackberry Holland, der an der südtexanischen Grenze den allgegenwärtigen Wahnsinn im Zaum zu halten versucht. Nach Montana und Louisiana hat Burke sich hier ein neues Territorium erobert.

Immer noch ohne Spur und neues Buch: G.M. Ford aus Seattle. So brutal wie er hat wohl noch kein Autor einen etablierten Helden ins Off geschickt. Sieben Jahre ist es jetzt her, dass der in sechs Büchern etablierte, toughe Frank Corso am Ende von „Blown Away“ (dt. Die Spur des Blutes) auf seiner Recherche nach besonders brutalen Bankräubern am Ende selbst an einem Bankschalter stand, eine Bombe um den Hals und damit zum ferngesteuerten Bankraub gezwungen, und „Please“ sagte. Seitdem kein Wort, kein Buch, kein Lebenszeichen. Ein echtes kill-off.

Wird im neuen Jahr einiges an Wellen schlagen: „The Devil all the Time“ von Donald Ray Pollock, das als „Das Handwerk des Teufels” im Februar 2012 bei Liebeskind erscheint. Ein rabenschwarzes, überaus brutales Sittengemälde des ländlichen Amerika in den 1960er Jahren – der Erstlingsroman eines Autors, der mit dem rauen Erzählband „Knockemstiff“ reüssierte. Die Beschäftigung mit Pollock lohnt. Ich bin gespannt, welche Theorien sich finden, warum solche Geschichten gerade heute wieder von solchem Interesse sind. Ein Rückfall in die Barbarei?

Ähnliche Fragen stellen sich auch für „The Outlaw Album“, das zum ersten Mal die Stories von Daniel Woodrell versammelt, dessen „Winter’s Bone“ die Vorlage für einen der besten Autorenfilme des Jahres 2011 geliefert hat. Woodrell, der aus den Missouri Ozarks stammt und auch so schreibt (traumschön schreibt), kann ich mir ehrlich gesagt, nicht gut übersetzt vorstellen. Also, Verlag, wer immer du sein wirst, gibt dem Übersetzer Leine und extra Geld.

Ein wichtiges Buch, das hinter viele Kulissen leuchtet, ist „Top Secret America. The Rise of the New American Security State“, von Dana Priest und William M. Arkin. Priest hat bereits in „The Mission” die Militarisierung Amerikas nach 9/11 beschreiben, jetzt haben die Journalisten an der Heimatfront recherchiert. Mehr als 1.200 Regierungsorganisationen und 2.000 Privatunternehmen sind mit hochgeheimen „Sicherheitsoperationen“ befasst, die Krake wächst und wächst. Investigativer Journalismus vom Feinsten.

Er kriegt sie einfach nicht, die Kurve. George Pelecanos schliddert wieder einmal am großen Wurf vorbei. „The Cut“ soll eine neue Serie einläuten, im Washington von hier und heute, der Held aus dem Irak-Krieg zurück und für schmutzige Aufträge zu haben. Die Story bleibt leider vorhersehbar und dünn, und was eh schon immer eine Schwäche bei ihm war, wird hier zur peinlichen Marotte. Zeile um Zeile füllt Pelecanos mit der peniblen Benennung von Markenklamotten, dass es fast parodistische Züge annimmt: „Lucas wore dark blue Dickies pants, a matching blue longsleeved Carhart shirt, and black steel-shanked Wolverine boots“ … usw., als würde so etwas die Handlung voranbringen. Jesus im Frack. Ohne Etikett.

Foto: David Kregenow

Susanna Mende

Buch: der Erstlingsroman des deutsch-jordanischen Journalisten Yassin Musharbash:„Radikal“ (Kiepenheuer & Witsch). Der Verlag übertreibt nicht mit einem enthusiastischen Le Carré-Lob, um das Buch zu bewerben (Wie es dazu kam? Musharbash hat als Rechercheur für Le Carré gearbeitet). Ein Politthriller zum brisanten Thema Integration und Islamismus in Deutschland, ein Land, das nur wenige brillante Köpfe in diesem Genre hervorgebracht hat. Literarisch elegant und dramaturgisch klug konzipiert, ist das in seiner ganzen Polyvalenz dargestellte Thema ein angenehmer Kontrast zu vereinfachenden und verächtlichen Sarrazinaden.

Christopher G. Moores „Untreue-Index“ (Unionsverlag) hat mich mal wieder ins quirlige Bangkok entführt und sowohl über Geschlechterverhältnisse als auch thailändisches Denken und Leben eine Menge gelehrt. Freue mich schon auf den nächsten!

Weil der Alexander-Verlag dankenswerterweise unermüdlich an der Neupublikation des Gesamtwerks von Ross Thomas arbeitet, nun auch endlich den „Achten Zwerg“ gelesen. Tja, was soll man über einen Großmeister sagen? Und für jeden, der sich für die Nachkriegszeit in Deutschland interessiert, eine lohnende Lektüre. Einfach nur gut!!!

Dringende Empfehlung an Freunde der Fotografie: „In the Light of Darkness“ von Kate Brooks. Die junge Fotoreporterin (Jahrgang 1977) hat nach 9/11 die Auswirkungen der amerikanischen Außenpolitik in Pakistan, im Irak (für das TIME Magazine) und in Afghanistan fotografisch dokumentiert. Ihr Fotoband „In the Light of Darkness“ ist eindringlich, verstörend, ehrlich und mutig. Wie Fotojournalismus, der uns einen so authentisch wie möglichen Blick auf die Welt verschaffen will, eben sein sollte.

Film: Überraschend gut: „Der große Crash“ von J.C. Chandor. Die leise, suggestive Variante zum Thema Wall Street und Finanzkrise. Kammerspielartig und mit so großartigen Schauspielern wie Kevin Spacey und Jeremy Irons von der älteren und Paul Bettany und Zachary Quinto von der jüngeren Garde besetzt. Sehr eindrücklich!

Die Bilder von „London Boulevard“ von William Monahan sind noch taufrisch, und die Begeisterung über den Film lässt nicht nach. Schräg, Erwartungen verweigernd mit einem großartigen Colin Farrell in der Hauptrolle, einer talentierten Anne Friel als seine durchgedrehte Schwester Briony und Ray Winstone als böser Boss. Raffinierte Unterhaltung, die anscheinend ein Großteil des Publikums und ein Teil der Kritik nicht verstanden haben! Ach ja, Keira Knightly spielt eigentlich die Hauptrolle, aber sie ist vor allem dünn!

Spevial advice: „Song beneath the song“, die 18. Folge der 7. Staffel von „Grey’s Anatomy“. Wie die Ärzte sich da mitten in der Notaufnahme und während der Operation ihre Sorgen und ihren Herzschmerz in bestens choreographierter Musicalmanier von der Seele singen, geht unter die Haut!

CM-Beiträge von Susanna Mende.

Christina Mohr

Mein Lieblingshighlight in 2011 ist geselliger Natur und umso toller, da es jeden Monat stattfindet: im Dezember 2010 beschloss Christiane Rösinger, die legendäre Flittchenbar wiederzubeleben! In den 1990′er Jahren betrieb La Rösinger besagte Bar in der „Maria“ am Ostbahnhof und jetzt ist die Bar wieder da – im so klangvoll benannten „Flachbau im Südblock am Kotti“. Jeden Monat veranstaltet Christiane dort eine Themen-Gala mit Konzerten und Quiz; es gab die Wintervertreibungsgala, die Königinnengala, die Gala der schönen Stimmen, die Monster-Gala, die Revolutions-Gala, die November-Depressions-Gala und unlängst, im Dezember natürlich, die Best-of-Flittchengala zum ersten Geburtstag. Die Gala-Gäste sind quasi das who-is-who der Berliner Musikprominenz: Jens Friebe, Ja, Panik, die Wilton-Schwestern, Mary Ocher, Jolly Goods, Hans Unstern und Kutzkelina traten schon mehrfach auf und werden das in 2012 gewiss wieder tun. Ich bin dabei, so oft es nur geht!

Weitere Highlights in Produktform/musikalisch: Sehr sehr sehr gefreut habe ich mich über das lang angekündigte Album von Wild Flag – Riot Grrrl-Allstarband, bestehend aus Mary Timony, Carrie Brownstein, Rebecca Cole und Janet Weiss. Tolle Platte! Auch toll: Veronica Falls (Debütalbum), „W“ von Planningtorock, „Boykiller“ von Tonia Reeh, Mirel Wagner und Dum Dum Girls – und nein, Björk eher nicht.

Bücher: „Hals der Giraffe“ von Frau Schalansky (Suhrkamp) und bestimmt auch „SandI von Wolfgang Herrndorf (Rowohlt), das ich aber noch nicht gelesen habe.

Film: Ich geh’ ja kaum noch ins Kino …wenn man im selben Haushalt wie ein Zweijähriger lebt, wird Kino zu einer beinah mythischen Veranstaltung, die anderen Menschen vorbehalten scheint … gesehen habe ich nur „Brautalarm“, der viel besser war als sein deutscher Titel + Plakat, und kürzlich „The Ballad of Genesis und Lady Jaye“, der mir auch sehr gefallen hat. Fest eingeplant: „Melancholia“ von Lars von Trier. Bin sehr gespannt.

Elfriede Müller

Überraschend und bezaubernd: Ulrich Teusch: „Jenny Marx – die rote Baronesse“. (Rotpunktverlag). Wer trotz säkularen Gedankenguts und Ablehnung des aktivistischen Konsumismus nicht umhinkommt, an Weihnachten Geschenke zu machen, ist mit diesem in Form und Inhalt gleichermaßen gelungenen subversiven Band gut beraten. Er ist sorgfältig in Leinen gebunden, fein gesetzt und liest sich vergnüglich nicht nur für Marxkenner, Sozialisten oder Antikommunisten. Die Bekanntschaft mit Jenny Marx ist ein Grund zur Freude und hält auch für versierte Marxisten noch Überraschungen bereit.

Zu Teil III des großen CM-Jahresrückblicks: hier (zu Teil I hier).