James Sallis: Der Killer stirbt


Crime Triptychon: Leben, Sterben und Tod

– James Sallis ist eine der eigenwilligsten und interessantesten Stimmen der amerikanischen Kriminalliteratur. Bei der KrimiZeit-Bestenliste ist er praktisch gesetzt. Seine Romane sind nicht einfach zu lesen, sie lohnen aber die Mühe. Das stellt er mit seinem neuen Roman „Der Killer stirbt“ wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis – findet Claus Kerkhoff.

In Kriminalromanen geht es häufig um Verbrechen und den Tod. Menschen kommen zu Tode; manchmal ist es ein Unglücksfall, manchmal wird jemand umgebracht aus Leiden­schaft oder Eifersucht und manchmal sind es Vorsatz, Gier oder Berechnung. James Sallis Roman „Der Killer stirbt“ ist ein Kriminalroman, der vom Tod und dem Umgang mit dem Tod handelt.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen ein professioneller Killer, der unheilbar an Krebs erkrankt ist und einen letzten Job erledigen soll, dazu ein ausgebrannten Ermittler, dessen Ehefrau im Sterben liegt, und letztendlich ein zwölfjähriger Junge, dessen Eltern verschwunden sind und der auf sich allein gestellt in der Großstadt zu überleben versucht. Drei Menschen und drei Geschichten, scheinbar ohne jeden Zusammenhang und in alternierenden Kapiteln erzählt, wären da nicht die Träume des Zwölfjährigen. Denn er träumt anscheinend des Killers Träume.

Phoenix ist der Schauplatz des Romans, die fünftgrößte Stadt der USA und gleichzeitig eine Metapher für anonyme Urbanität, für die Verdichtung und Vergrößerung menschlicher Siedlungen, in der der Einzelne untergeht und verloren ist. Die drei Protagonisten sind Entwurzelte, sozial isoliert oder haben sich weitgehend von ihren Mitmenschen abgekapselt. Der Killer schätzt die Anonymität, weil sie für sein Handwerk erforderlich ist. Der ausgebrannte Detective hat im Laufe seiner Dienstzeit viel Tod und Leid erlebt, doch jetzt ist er überfordert, seine Frau beim Ster­ben zu begleiten. Er will weiter seinen Job machen, ohne dass ein Kollege etwas von seiner privaten Situation mitbekommt. Der Junge schließlich möchte nicht auffallen, niemand soll merken, dass er auf sich allein gestellt ist  Er schlägt sich als Ebay-Händler durch, kauft günstig und verkauft teurer, um Geld zu verdienen. Diese Lebensentwürfe können, wenn überhaupt, nur in der urbanität Umgebung gelingen.

Die Träume des anderen …

Die Geschichten des Killers und des Detectives berühren einander, als der Detective mit den Ermittlungen zu einem Mordanschlag an einem Buchhalter beauftragt wird. Die Untersuchungen zeigen, dass ein professioneller Mörder diesen Job erledigen sollte. Doch wie soll der Detective diesem Täter auf die Spur kommen? Es gibt nur Hin­weise auf seine Professionalität.

Den nahen Tod vor Augen beginnt gleichzeitig der Killer seinen Lebensweg zu rekonstruieren. Unsenti­mental und fatalistisch zeichnet er die Linien der Vergangenheit nach; nimmt fast achsel­zuckend zur Kenntnis, wann er an welcher Kreuzung die falsche Abzweigung gewählt hat. Er tritt heraus aus dem Schatten und nimmt mit dem Detective Kontakt auf. Kann ihm der helfen? Oder lauert irgendwo ein noch unbekannter Dritter?

Der zwölfjährige Junge aber  träumt die Träume des Killers. Obwohl sich die drei Protagonisten nie treffen wer­den, sind ihre Geschichten unentwirrbar miteinander verbunden.

„Der Killer stirbt“ ist cum grano salis ein realistischer Kriminalroman, in dem Detectives ein Verbrechen aufzuklären versuchen und einen Killer jagen, aber er ist vor allem ein Roman um drei Männer unterschiedlichen Alters und verschiedener sozialer Herkunft. Der Tod ist in ihr Leben getreten und sie müssen mit Verlusten zurechtkommen. Es ist eine brutale Realität; aber indem sich die drei Männer auf andere einlassen, finden sie Hilfe und Erlösung.

Sallis erzählt in einer unsentimentalen, unterkühlten, aber brillanten Sprache. Er meditiert über das Leben, das Sterben und den Tod. Er stellt die Reaktionen der drei Männer in den Mittelpunkt des Romans und beschreibt die Veränderungen, die diese Auseinandersetzung auslösen und bewirken. Imponierend, wie es Sallis gelingt, in dieser düsteren und schwermütigen Atmosphäre dem Leser ein wenig Hoff­nung und Trost zu vermitteln.

Mit diesem Roman beweist der Anthony-, Nebula-, Edgar-, Shamus- und Gold Dagger-Preis­träger James Sallis einmal mehr seine große Klasse.

Claus Kerkhoff

James Sallis: Der Killer stirbt (The Killer is Dying, 2011) Roman. Deutsch von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. München: Liebeskind 2011. 192 Seiten. 18,90 Euro.
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