Geschrieben am 1. September 2022 von für Crimemag, CrimeMag September 2022

Reading Ahead (24): „The Lost Diary of Samuel Pepys“

Hendrick Danckerts (1625-1680): Panoramic View of Portsmouth
© Wiki-Commons/ National Trust, Dyrham Park

Samuel Pepys ermittelt in Portsmouth

Kriminelle Machenschaften, Umsturzpläne, Korruption – Was ist los bei der Marine? 

Im Thriller des Londoner Autors und Filmregisseurs Jack Jewers ermittelt der legendäre Tagebuchschreiber  und Admiralitäts-Sekretär Samuel Pepys (1633-1703) in Portsmouth, um zusammen mit seinem Assistenten William Hewer undurchsichtige Vorgänge bei der englischen  Marine aufzuklären. Pepys beschreibt seine Aktivitäten aus der Ich-Perspektive: Wir befinden uns im Jahr 1669 und werden mit dramatischen Ereignissen konfrontiert. „The Lost Diary of Samuel Pepys“ beleuchtet politische Intrigen, Putschversuche  und sogar Attentate militanter  feministischer Gruppen, die dem Patriarchat den Kampf ansagen. – Von Peter Münder.

Als Samuel Pepys wegen gravierender Augenprobleme befürchtete, völlig zu erblinden, beendete er seine in  Kurzschrift verfassten Tagebuch-Einträge mit der Bemerkung, nun fühle er sich wie jemand, der in sein eigenes Grab blickt. Das war am 31. Mai 1669. Da hatte er seit 1660  auf mehreren tausend Seiten Ereignisse beschrieben, die neben Alltags-Szenen in London, Theaterbesuchen, Ausflügen über die Themse und dem Büro-Alltag in Whitehall auch Katastrophen wie die Pest von 1665 mit über 100.000 Toten, den großen Londoner Brand von 1666 sowie den Bürgerkrieg inklusive grausamer Cromwell-Aktionen und die Konflikte religiöser Gruppen thematisierten.

Für Pepys war das Tagebuch sein Leben – es hatte ihn zum Reporter mit scharfem Blick für Indizien einer  verstörenden Zeitenwende, aber auch für signifikante Alltagsmutationen werden lassen. Der Cambridge-Absolvent und Kurzschrift-Experte hatte in den Tagebüchern aber auch seine drastischen Grapscher-Übergriffe festgehalten, die er in einem Kauderwelsch formulierte, das aus einem Französisch-Spanisch-Italienisch-Jargon zusammen geschwurbelt war („made her tener mi cosa in her manu while mi mano was sobra su pectus and so did hazer with great delight“). Hätte jemand diese aberwitzig-peinlichen Stellen zu Pepys´ Lebzeiten entdeckt, wäre sein Leben sicher ruiniert gewesen. Kein Wunder also, dass er seine Tagebücher in Leder ohne Titel- und Verfasserangaben binden ließ und in der Bibliothek des Magdalene College Cambridge in der hintersten Ecke des zweiten Fachs  gut getarnt für eine neugierige Nachwelt wegstellen ließ. Tatsächlich vergingen 150 Jahre, bis ein neugieriger Forscher diese einmaligen „Diaries“ entdeckte.

Samuel Pepys (1666); Gemälde von John Hayls; National Portrait Gallery, London – © Wiki-Commons

Pepys in der Krise

Wenn Filmemacher Jack Jewers seinen Pepys-Thriller also mit einem Streit zwischen Sam Pepys und seiner Frau Elisabeth eröffnet, in dem der Ehekrach wegen anstößiger Tagebuch-Passagen eskaliert, dann ist das absolut passend. Denn die entsetzte und empörte  Elisabeth hat das schlecht versteckte Tagebuch gefunden und kann sich leicht  zusammenreimen, was der zerknirscht herumdrucksende Sam da mit diversen Zimmermädchen, Prostituierten und gutbürgerlichen Damen ausprobierte. Mit hanebüchenen Floskeln und Versprechen („No more doxies, no more diaries“/„Keine Huren mehr, auch keine Tagebücher“) will Pepys sie beruhigen, doch sie will sich nun bei Verwandten auf dem Land eine  Ruhepause vom fanatischen Erotomanen gönnen. 

Pepys ist jedenfalls  am Tiefpunkt. Denn zum Ehekrach kommt nun noch die heikle Aufgabe, für die Admiralität einen Mord in Portsmouth aufzuklären, die Betrügereien und Unterschlagungen bei den Zahlungen für den Bau neuer Kriegsschiffe aufzuklären und Gerüchten über Putschversuche gegen die monarchistische  Machtelite nachzugehen. Dabei ist Pepys nach der Flucht aus einem brennenden Bordell gerade erst knapp mit dem Leben davongekommen. Und seine höllischen Nierenstein-Schmerzen will er einfach nur noch verdrängen. Trotzdem macht er sich mit  Will Hewer in einer Kutsche auf den Weg nach Portsmouth, um dort diesen Augias-Stall auszumisten: „Quickly and quietly“ soll er das bewerkstelligen, fordert sein Vorgesetzter, der Duke of Albermarle, denn der letzte Crown-Agent Elias  Thorne war nicht nur in Portsmouth ermordet, sondern auch noch verstümmelt und entmannt  worden. 

Außerdem droht noch ein militärischer Konflikt mit den Holländern,  die offenbar mit ihren Fregatten eine  Invasion in England planen: Das wäre ein Alptraum für Pepys, denn die Scharmützel von 1667 gegen die Holländer waren nur knapp gewonnen worden, Gelder für den Bau neuer Schiffe fehlen jetzt wegen geplünderter Kassen und überhaupt scheint für ihn jetzt alles den Bach runterzugehen…

Wo verlaufen die Fronten zwischen Royalisten und Republikanern, Nonkonformisten, Protestanten und Katholiken, loyalen Beamten und korrupten Betrügern?

Mit einem naheliegenden Einfall bringt Autor Jack Jewers Tempo und Dynamik in den Plot und die Erzählperspektive: Er lässt Pepys einfach sein Tagebuch während des gefährlichen Portsmouth-Abenteuers  weiterschreiben – was die dramaturgischen Raffinessen verfeinert. Und er entwickelt im James-Bond-Stil ein Flucht- und  Jagdszenario, in das heimtückische Killer, dubiose Bürokraten und Intriganten verwickelt sind, deren Motive völlig undurchsichtig bleiben. Eine wichtige Rolle spielt die bewaffnete weibliche Kampftruppe um die Aristokratin Charlotte de Vere: Sie ist optimal mit höchsten Beamten vernetzt, verfolgt jedoch misstrauisch alle Aktivitäten von Pepys. Als sich die Schauplätze verlagern und ein englisches Schiff mit Pulverfässern an Bord nach Amsterdam entführt wird, nehmen Pepys und Will zusammen  mit den Amazonen die Verfolgung auf und  kommen einer Gruppe von Putschisten auf die Spur. 

Die sechsbändigen Tagebücher von Samuel Pepys

Diese Verfolgungsjagd übers Meer, die Pepys nach seiner brutalen Nierenstein-OP kaum ertragen kann, liefert spannende Episoden im Stil von CS Foresters „Hornblower“-Abenteuern. Wie Jewers in seinem Nachwort erklärt, hat er einige Ereignisse aus der englischen Geschichte wie etwa die Belagerung von Chester zeitversetzt seinem Roman implantiert. Diese Belagerung von Chester, die 1646 nach achtzehn Monaten endete, wurde nur mit dem Mut und der Kampfkraft von Charlotte de Veres Amazonen beendet. Sie markierte eine entscheidende Phase des Bürgerkriegs.  

Jewers  fasziniert das Eintauchen in eine Welt im Umbruch, in der sich die Wertsysteme verschieben. Seine ironisch-kritische Darstellung dieser Umwertung  erstreckt sich sogar auf die Beschreibung der morgendlichen Rush Hour in London, den damals schon wüsten Baustellen-Terror und die große allgemeine Unsicherheit angesichts eines von Taschendieben und Vagabunden geprägten Umfelds. Als Pepys und Will mit der Kutsche  auf der Londoner Ausfallstraße steckenbleiben, obwohl sie schon bei Sonnenaufgang losgefahren waren, gibt es vor der Kutsche plötzlich einen enormen Knall:

O-Ton Jewers: „We had left Seething Lane at first light, in an attempt to be clear of London Bridge before the city streets were at their busiest. But some demolition men had been taking down the last of  the burned-out buildings near the north bank of the Thames. It seemed a wall had come down too hard and smashed onto the bridge, narrowly missing some passers-by.
„What can you see?“ Will asked from behind me. „A mishap at the building site. I fear we shall be here a while“.
„Fine. Wake me up when we are moving.“
„We should stay alert. Unless you wish to be robbed in broad daylight“.
„Sam, it is seven o´clock and we are surrounded by people“.
„Hawkers, pickpockets, vagabonds“.

Jewers zeigt das Ermittler-Duo Pepys und Will einerseits im chaotischen Gewimmel von Portsmouth: Wie sie Wäscherinnen, Verkäufer, Kutscher, Marktverkäufer, Kellnerinnen  usw. nach verdächtigen Mitarbeitern der Admiralität ausfragen und dabei in Schlägereien und  Attacken mit bewaffneten Angreifern verwickelt werden. Was aber auch dazu führt, dass  sie mit den Problemen und Widerständen, die sie  ins Leere laufen lassen, abgebrühter und robuster umgehen, so dass der schwächliche  Pepys über sich hinaus wächst und sich schließlich doch noch im diffusen  Nebel aus Gerüchten und Spekulationen ein Bild von der „Achse des Bösen“ und den kriminellen Machenschaften machen kann, in die Lord John Maynard, Captain Harcourt, Sir George Downing  und der Duke of Albemarle verwickelt sind.

Mein Fazit: Jewers gelingt das Kunststück, in dramatischen, rasanten Szenen eine  aus den Fugen geratene Restaurationsepoche zu zeigen, die von Gier, Hedonismus und maximalem Profit bestimmt wird. Wie das Duo Pepys und Will Hewer diese Exzesse bekämpft, beschreibt er souverän und einfallsreich und auch mit locker-ironischen Effekten. Großartig auch, wie selbstverständlich die Lektüre von „The Lost Diary“ Lust macht, die echten Tagebücher des alten Pepys wieder zu lesen! Und sich mal wieder mit dem schillernden Faszinosum  Pepys zu beschäftigen. 

Jack Jewers: The Lost Diary of Samuel Pepys. Moonflower Books, London 2022. 393 Seiten, Hardback (noch nicht übersetzt). Seine Internetseite hier.

Weiterführende Literatur /Infos zu Samuel Pepys: 

Stephen Porter: Pepys´s London. Everyday Life in London 1650-1703. Amberley Publishing The Hill, Stroud Gloucestershire 2012, 256 S. 

Claire Tomalin: Samuel Pepys: The Unequalled Self, Penguin 2002

Robert Latham: The Shorter Pepys. Selected  from the Diary of Samuel Pepys. Penguin Books 1987, 1096 Seiten.

Vgl. auch: Samuel Pepys: Die Tagebücher 1660-1660. Vollständige Ausgabe mit „Companion“. Hrsg. von Gerd Haffmans und Heiko Arntz. Aus dem Englischen von Georg Deggerich, Michael Haupt, Arnd Kösling, Hans-Christian Oeser, Martin Richter, Marcus Weigelt. Haffmans Verlag bei 2001, Berlin 2010. 4.416 Seiten, 169,90 Euro.

Reading ahead mit CrimeMag:
(23) John Byron: Tribute
(22) Andrew Nette & Iain McIntyre: Dangerous Visions and New WorldsRadical Science Fiction 1950 to 1985
(21) Adam Morris: Bird
(20) David Whish-Wilson: True West
(19) Andrew Nette and Iain McIntyre (ed): Sticking it to The Man: Revolution and Counterculture in Pulp and Popular Fiction, 1950 to 1980
(18) David Whish-Wilson: The Coves
(17) Rachel Kushner: The Mars Room
(16) Stephen Greenblatt: Tyrant
(15) John Harvey: Body & Soul
(14) Iain McIntyre and Andrew Nette: Girl Gangs, Biker Boys and Real Cool Cats: Pulp Fiction and Youth Culture, 1950-1980
(13) The Illustrated Ross Macdonald Archives
(12) Peter Blauner: Proving Ground
(11) Mike Ripley: Kiss Kiss Bang Bang
(10) Stephen Hunter: G-Man
(9) James Ellroys Fotoband: LAPD ’53
(8) Richard Price: The Whites
(7) Dominique Manotti: Noir
(6) Chuck Logan: Falling Angel
(5) Tod Goldberg: Gangsterland
(4) Gerald Seymour – ein Porträt
(3) Donald E. Westlake: The Getaway-Car
(2) Garry Disher: Bitter Wash Road
(1) Lee Child: Personal

Sowie:
Liebe und Terror im Goldenen Zeitalter der Flugzeugentführungen: Brendan I. Koerner: The Skies belong to Us (2013)
Kem Nunn: Chance (2013)
R. J. Ellory: A Quiet Belief in Angels (2012)
Lee Child: Jack Reacher’s Rules (2012)
Charles Bowden: 
Murder City: Ciudad Juárez and the Global Economy’s New Killing Ground (2010)

 

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