Posted On 15. Juni 2016 By In Bücher, Crimemag With 694 Views

Sachbuch: Brendan I. Koerner: The Skies Belong to Us

alf_the_skies_belong_to_us_cover-jpegLiebe und Terror im Goldenen Zeitalter der Flugzeugentführungen

von Alf Mayer

Die Beschäftigung mit Lee Lockwoods Buch „Castros Kuba. Ein Amerikaner in Kuba. Reportagen aus den Jahren 1959–1969“ (CM-Kritik in dieser Ausgabe) ließ mich dieses von A bis Z faszinierende Sachbuch wieder aus dem Regal nehmen. Die späten 1960er und frühen 1970er waren das „Goldene Zeitalter“ der Flugzeugentführungen. Zwischen 1961 und 1972 wurden in den USA unglaubliche 159 „Skyjackings“ von „commercial flights“ gezählt, die meisten davon in den fünf letzten dieser Jahre. 1972 war mit 40 Entführungen das heftigste Jahr, beinahe im Wochentakt hieß es an Bord einer von einem US-Flughafen gestarteten Maschine: „Ladies and Gentlemen, ich habe das Kommando über dieses Flugzeug übernommen…“ (Man stelle sich das heute vor.)

Es war eine Welle. Eine Epidemie. Armeeveteranen, Radikalinskis, gescheiterte Akademiker, Berufsverbrecher, Einzelgänger, Betrüger, Spielsüchtige, bankrotte Geschäftsleute, durchgeknallte Ehepartner, liebeskranke Teenager – die Entführer spiegelten eine aus den Fugen geratende Gesellschaft wieder. Ein Großteil der im Cockpit neu ausgegebenen Flugrouten führte nach Kuba, wo die Entführer sich eine liebevolle Umarmung von Castro phantasierten. Meist wurden sie jedoch als potentielle CIA-Agenten angesehen und entsprechend hart verhört, manches Schicksal fand da eine klägliche Wendung. 7.500 US-Dollar betrug die Durchschnittsgebühr, die Kuba von den US-Airlines verlangte, damit die ihre Flieger wieder abholen durften (nach heutigem Wert $ 50.000). Es kam da einiges an Devisen zusammen.

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Das ideale Ziel für verwirrte Seelen

Ab 1969 stiegen auch Palästinenser, linke Kolumbianer, Aktivisten aus Eritrea, Griechenland oder wo immer Nachahmungstäter vor einem Fernsehapparat saßen, in das Hijack-Business ein. Brendan I. Koerner hat auf vielen Ebenen exzellent recherchiert. Eine ist die der Lobbyarbeit der Fluggesellschaften, die damals kostenträchtige Metalldetektoren und Gepäck-Röntgenscanner sowie zusätzliche Steuern und (heute übliche) „Air Marshalls“ verhinderte. Eines der Argumente: Bei 5,1 Millionen Starts im Jahr aus US-Flughäfen wäre die Effizienz von 4.000 Air Marshalls statistisch zu vernachlässigen. Die Aufsichtsbehörde FAA richtete ab 1969 eine „anti-hijacking task force“ ein, auch dazu gibt es hanebüchende Details. Präsident Nixon fand, man müsse doch, wie vor 150 Jahren die Piraterie auf See, auch die in der Luft zum Erliegen bringen können.

alf_Skyjacked-film-images-829594de-9213-4300-9fa2-344a9e10380Flugzeuge waren das ideale Ziel für verwirrte Seelen. Fliegen war damals noch etwas Exklusives, Piloten und Stewardessen exotische Traumberufe, Flugzeuge Vehikel von Träumen und Bewunderung. Gerade in Amerika war Fliegen die letzte große Grenze, wer sie eroberte und kommandierte, war für je sprichwörtlichen 15 Minuten berühmt. Es gab nichts Spektakuläreres, um sich als Unterdrückter und Marginalsierter voller Macht und Einzigartigkeit zu fühlen. Flugzeugentführer wie der rätselhafte D.B. Cooper, der 1971 über der Wildnis von Oregon mit Taschen voller Geld mit dem Fallschirm absprang und auf immer verschwand, waren der Stoff von Legenden. John Guillermin dreht 1972 den Katastrophenfilm „Skijacked“. Hauptrolle: die National-Ikone Charlton Heston.
Im Vorfeld dieses Buches entstand eine Tumblr-Internetseite des Titels „Skyjacker of the Day„, die 100 dort vorgestellten Flugzeugentführer und Entführungen geben viel Zeitgeist wieder.

alf SkyEine große Liebesgeschichte und einige Revolutionäre

Der Kern von Koerners prallem Buch aber ist die Geschichte einer bestimmten Flugzeugentführung, der Kaperung des Western Airlines Fluges 701 von Seattle nach L.A. am 2. Juni 1972 durch das Liebespaar Willie Roger Holder und Catherine Marie Kerkow. Er war ein in Vietnam beim „War on Pot“ mit Army und Establishment über Kreuz geratener schwarzer Kriegsveteran (das Massaker von My Lai wurde zu viel Haschisch-Konsum der GIs zugeschrieben, deshalb galt es im Nachhall, Exempel zu statuieren), traumatisiert, voller Zorn und Verzweiflung, sie ein amoralisches weißes Partygirl mit Bikini und Sandalen im Handgepäck für einen Flug in die Sonne. Der baumlange Holder war nur mit einem Dutzend Joints bewaffnet, die er dann in der Ersten Klasse während der sich über Tage hinziehenden Odyssee schmauchte wollte. Er wollte Angela Davis freipressen und zur Ordensverleihung nach Nordvietnam bringen. Dorthin aber kam der Flieger nie, mit einigen Millionen Lösegeld für freigelassene Passagiere erreichten sie Algier, wo Black Panther Eldridge Cleaver saß (auch dies eine Parallele zu Lee Lockwood, der über Eldridge in Algier ein Buch machte). Es wurde die streckenmäßig weiteste Flugzeugentführung der US-Geschichte – und die bizarrste. Koerner siebte 4.000 deklassifizierte Dokumente, folgte den Spuren der Entführer nach Frankreich, wo sie zeitweilig Celebrities des radical chic wurden, spürte gar Cathy Kerkow auf (Holder starb 2012).

Das Buch liest sich wie ein Thriller, transportiert in eine Zeit, in der Idealismus und der Glaube an die Veränderbarkeit der Welt in Blüte standen und das Fliegen noch ein echtes Abenteuer war. Am meisten jedoch erstaunt, was da einst für ein Feuer in den Menschen brannte.

Brendan I. Koerner: The Skies Belong to Us: Love and Terror in the Golden Age of Hijacking. Crown Publishers, New York 2013. 336 Seiten.

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