Posted On 22. März 2014 By In Bücher, Crimemag With 1602 Views

Kem Nunn: Chance

Kem Nunn_ChanceEine Bruchlandung

– Kem Nunns erster Roman seit zehn Jahren – eine Rezension von Alf Mayer.

Schon vor Don Winslow gab es Surf Noir zum Niederknien. 1984 ritt der Kalifornier Kem Nunn mit „Tapping the Souce“ (Wellenjagd) auf einer perfekten Welle in die „Hall of Fame“ der Kriminalliteratur. Es folgten „Unassigned Territory“, „Pomona Queen“, das seinen Erstling noch übertreffende „Dogs of Winter“ (1997) und zuletzt „Tijuna Straits“ (2004). Dann wurde es still um Kem Nunn.

Elmore Leonard hatte das Debüt folgendermaßen begrüßt: „God bless Kem Nunn, one of a rare breed, a novelist, who knows how to write and isn’t afraid to plot and tell a story.“ Robert Stone sah ihn „in der Liga von Raymond Chandler und James Crumley“, Joseph Wambaugh meinte: „Unique, colorful, suspenseful, and mysterious. A very fine writing debut.“ Bis hin zu Nathanael West, Flannery O’Connor und Cormac McCarthy reichten die Vergleiche, manche sahen ihn gar als „Son of Hemingway: What the Nick Adams stories did for fishing, Kem Nunn does for surfing.“

„John of Cincinnatti“, „Deadwood“ und „Sons of Anarchy“

Die in der Öffentlichkeit meist wenig beachtete Verschränkung von Buch- und Fernseh- & Filmarbeit ließ Kem Nunn ziemlich in Vergessenheit geraten. In Wirklichkeit gehörte er zu den 19 Autoren der Westernserie „Deadwood“ (hier bei CrimeMag), schrieb eine der 36 Episoden alleine. Zusammen mit David Milch, der Schöpfer und Hauptschreiber dieser kein Blatt vor den Mund nehmenden Western- und Zivilisationsgeschichte – „No law at all“, steht quasi auf dem Ortsschild von Deadwood, South Dakota – , schrieb Kem Nunn die TV-Serie „John of Cincinnatti“, die der Kabalkanal HBO 2007 als erste Serie nach dem Ende der „Sopranos“ produzierte. Die schwarzselige Serie um einen alternden Surfer brachte es nur auf zehn Folgen, dann wurde sie eingestellt. Kem Nunn, in dessen allerersten Romansatz schon ein Motorrad vorkommt, ein Knucklehead, und der wieder und wieder Biker zu seinen Protagonisten machte, trat die letzten Jahre als einer der Autoren der auch hierzulande im Fernsehen erfolgreichen harten und schrägen Biker-Saga „Sons of Anarchy“ in Erscheinung, war Ko-Produzent bei 13 Folgen und hatte als „written by“ die Hauptcredits in fünf Folgen der Staffeln 5 und 6.

Alf Mayers Blutige Ernte_Kem Nunn_Sons of Anarchy1
„It’s a hell of a planet“

So weit, so gut. Nun also „Chance“, sein erster Roman seit zehn Jahren. Nunn, Jahrgang 1948, ist eigentlich ein begeisternd lyrischer Porträtist von Landschaft und Meer, dieses Mal macht er einen Landgang. „Chance“ spielt in San Francisco und in Oakland. Hauptperson ist der Neuropsychiater Dr. Eldon Chance, dessen Name zu allerlei Betrachtungen über Zufall und Chance einlädt und dessen Beruf wesentlich mehr Raum ausfüllt als das der eifrigste Surfer mit seinem Tun zuwege brächte. Chance ist gerade dabei, sein bisheriges Leben zu zerbröseln. Scheidung, die Tochter im Teenageralter. Ein berufsethisches Verfahren und Probleme genug am Hals, fühlt er sich von Jaclyn Blackstone angezogen, einer bipolaren, missbrauchten und traumatisierten, schönen Ehefrau, die praktischerweise an einer Persönlichkeitsstörung leidet und ihre Nymphomanie als Jackie Black auslebt. Chance verfällt ihr, obwohl er von ihrem überaus eifersüchtigen, gefährlichen und brutalen Ehemann Raymond weiß, einem korrupten Polizisten aus Oakland. In der nun einsetzenden Eskalationsspirale steht Chance ein riesengroßer junger Mann bei, den er bei einem Schwindel mit Möbelstücken kennen- und schätzen lernte. D., so sein Name, ist Armeeveteran, Straßenphilosoph und äußerst gewandt mit einem Messer, seine Ratschläge sind allesamt anders als Chance es bislang gewohnt war. „Go big or go home“, ist einer von ihnen.

Könnte also gut werden. Eine amour fou à la Kent Harringtons „Dark Ride“ (1996) von Willefords „Highpriest of California“  zu schweigen. Ein Wellenritt ins Dunkel, den Jim Thompson (hier und hier auf CrimeMag, auf kaliber.38)  in „Savage Night“ so benannte: „The darkness and myself. Everything else was gone and the little that was left of me was going, faster and faster.“ Schon der erste Satz bei Kem Nunn hätte mich stutzig machen sollen:

„Early on, before it had become apparent just how acrimonious, costly, and downright mean spirited the divorce would become, Chance hat thought to find a place in or near the Presidio, a small house perhaps, with a view of the water, the proximity of redwood and cedar. The fantasy was short lived.“

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Kem Nunn zeigt hier nicht nur, dass er Kommata setzen kann. Wer für eine bitter werdende Scheidung ein Adjektiv wie „acrimonious“ wählt und das als zehntes Eröffnungswort einsetzt, zielt auf andere, höhere Stände als Biker, Surfer und Western-Dirtballs. Als hätte er in seinem Schriftsteller- und Drehbuchautorenleben nun endgültig zu viel „fuck“ und „shit“ gesagt, sucht Nunn hier Absolution und verlegt sich auf allerlei Drechselkunst. „In the end, one loses one’s desire and not the desired object“, kuschelt er sich auf Seite 38 an Nietzsche, nachdem er eben erst ausgiebig aus der „Beck Depression Inventory List“ zitiert hatte. Zwischendurch liest „Chance“ sich wie eine Approbationsprüfung bei der psychoanalytischen Standesvertretung. Einmal diagnostiziert Chance seitenweise die potentiellen Krankheiten seiner Mitpassagiere als er in einem Bus unterwegs ist. Indem Nunn als Erzähler sich in den Kopf von Dr. Chance setzt, liefert er uns Leser einer manchmal ziemlich drögen Welt- und Symptombetrachtung und einer Springflut verunglückter Metaphern aus, da helfen auch Fortbildungen in Sachen des De Clerembault Syndroms und des Banach-Taraski Paradoxons wenig. Einige wenige, fast willkürliche Beispiele:

„If one was looking for a level head in the midst of catastrophic decline, then Carl Allan was hardly your man. What the brief visit produced were complementary forms of paranoid ideation lapping up against one another like wavelets on a stony shore, each feeding off the intensity of the other.“

Oder:

„Their combined reports spoke to the absolute absurdity and utter frailty of things, to the shining truth that lay beneath what they were trying to sell and he wondered if the detective had ever been worn down by it or had wanted in some way of his own to strike through, to break free, to go under that he might rise above, before time and circumstance came for him as they will come for us all, never guessing, as people never do, that in a darkened alley behind a european massage parlor in a part of the city known as Ghost Town, yet one more of the walking wounded, skilled beyond reckoning in the art of the blade, was waiting to say hello.“

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Chance und die Welt wie er sie sieht

Seine Geliebte wartet auf ihn „fully formed from depths both Freudian and fever driven“. Wenn sie sich vereinen, hat das biblische Ausmaße: „He contended like Jacob with the angel.“ Wenn er sie anfasst, ist das wie die letzte Berührung bei einem Atomblitz, so wie die Menschheit immer schon in ihren letzten Momenten zusammenfindet, „from Pompeij to the World Trade Center“. Die Affäre, für die auch Marlene Dietrichs „Der blaue Engel“ bemüht wird, bekommt altgriechische Ausmaße, auf Seite 182 heißt es: „It’s like Orpheus and Persephone in the cool gray city“, seine Erfahrungen mit der femme fatale gleicht „some sadomasochistic limit experience worthy of Foucault“. Nach dem Sex sind sie „pilgrims on the raod to perdition“, eine SMS liest sich „much as the writing of a Babylonian king“. Kurzum, um auch Beckett zu paraphrasieren: „It’s a hell of a planet.“
Natürlich gibt es auch wunderbare Schilderungen und bizarre Beobachtungen, etwa wie eine dicke, alte obdachlose Frau in einer Telefonzelle defäkiert, wie die Emigration aus russischen Straflagern die Lepra ins Straßenbild bringt, wie der Nebel die Stadt grau macht, wie Chance einmal einen Autoaufkleber bemerkt: „I brake for hallucinations.“

Eigentlich sucht Nunn sie dauernd, die ihm unterwegs immer wieder verlorengehende Form des Genres, ein Kapitel ist gar überschrieben mit „Down these mean streets a man will go …“ Dieses Mal aber hat Kem Nunn sich gehörig verlaufen.

Alf Mayer

Kem Nunn: Chance. Scribner/Simon & Schuster. New York 2014. 322 Seiten. 26 $.
Die Romane von Kem Nunn:
1984: Tapping the Source (Wellenjagd)
1987: Unassigned Territory (Nacht über Surf City)
1992: Pomona Queen
1997: The Dogs of Winter (Wo Legenden sterben)
2004: Tijuna Straits
2014: Chance

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