Posted On 28. Januar 2012 By In Bücher, Crimemag With 1063 Views

Alf Mayers „Blutige Ernte“

Wunden der Kindheit

– Die Krimi-Balladen von R.J. Ellory und sein Meisterwerk „A Quiet Belief in Angels“, untersucht von Alf Mayer.

Sein tiefstes, betörend schönes Buch wurde bislang in 23 Sprachen übersetzt, Deutsch ist nicht darunter. „A Quiet Belief in Angels“ (Ein stiller Glaube an Engel) von 2007 fiel hierzulande offenbar durch alle Raster, da halfen auch Auszeichnungen und Preise in Frankreich, England und Kanada nichts. Hiesige Leser müssen sich mit einigen wenigen Krumen des Autors R.J. Ellory genügen. Aber auch die sind gehaltvoller als das, was sich auf Grabschhöhe in den großen Buchhandlungsketten zu blutüberspritzten Haufen stapelt. In der immer deftiger auftrumpfenden Krimiflut versucht zurzeit das Cover eines Ellory-Paperbacks mit einem umgekippt daliegenden roten Damenschuh auf sich aufmerksam zu machen, sein Titel: „Tag der Sühne“, erschienen im Goldmann-Verlag.

So weit, so gut, so schlecht, so durchschnittlich. Auf der Rückseite ein Zitat: „Der Serienkillerroman, der alle Serienkillerromane in den Schatten stellt.“ Hm. Und dann die Inhaltsangabe: „Ein grausamer Serienkiller wird gefasst, doch das Morden geht weiter … New Jersey, 1984: Ein Serienkiller macht Jagd auf junge Liebespaare – zu seinen Opfern gehören auch John Costello und seine Freundin Nadja. John überlebt den Anschlag schwer traumatisiert, aber Nadja stirbt. Zwanzig Jahre später … muss John erkennen, dass der Albtraum seiner Vergangenheit ihn eingeholt hat.“

Während Sie das im Vorbeihuschen auf sich wirken lassen, einige biografische Angaben. Roger Jon Ellory (nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Autor James Ellroy) ist Brite und lebt in Birmingham. Alle seine bisherigen Bücher spielen in den USA, er hat eine tiefe Faszination und ein empathisch-kritisches Verständnis für das Land und dessen jüngere Vergangenheit, sei es Rassenhass („Candlemoth“), Polizeikorruption („Saints of New York“), die Contra-Kriege in Mittelamerika („A Simple Act of Violence“), die Mafia („A Quiet Vendetta“) oder die organisierte Kriminalität in New York  („City of Lies“). Ellorys Aufmerksamkeit gilt den Metropolen und dem platten Land, besonders dem Süden. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind für ihn eine breite Leinwand, so etwas wie ein selbstadoptiertes Vaterland.

Sein wirklicher Vater verschwand noch vor seiner Geburt, ab dem siebten Lebensjahr wuchs er als Waise auf, überschattet von weiteren familiären Tragödien. Kindheit und Jugend verbrachte er in verschiedenen „Institutionen“ und Schulen. Mit 17 wurde er wegen Wilderei verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, danach versuchte er sich als Grafikdesigner, Fotograf und Musiker. Als Gitarrist war er mit dafür verantwortlich, dass die Band „The Manta Rays“ als die lauteste Gruppe südlich von Manchester und nördlich von London galt. Im Alter von 22 Jahren begann er zu schreiben, es wurde eine obsessive Leidenschaft, die sechs Jahre anhielt. Nach eigenen Angaben machte er damit nur kurz Pause, als seine erste Ehe geschieden wurde.

„Slow moton thriller“

Zweiundzwanzig Bücher entstanden damals, sie brachten ihm mehrere hundert Ablehnungsschreiben ein. Meist lautete die Begründung, amerikanische Romane eines englischen Schriftstellers verkauften sich nicht, er solle es doch in Amerika versuchen. Was er auch tat, um dann von dort zu hören, was er schon aus England kannte. So schlug er sich mit allerlei Jobs durch, unter anderem im Obstimport, machte eine achtjährige Pause, bis ihm klar wurde, dass das Schreiben sein Ein & Alles sei. 2003 wurde nach 34 Ablehnungen im 35. angeschriebenen Verlag (es war Orion) mit „Eine Zeit aus Feuer“ (Candlemoth) sein erster Roman verlegt, seitdem folgt ihm nun jährlich ein neuer. Gerade ist „Bad Signs“ erschienen, eine geradezu klassische Waisenbrüder-Geschichte aus dem amerikanischen Südwesten der 1960er Jahre. Für Mai 2012 ist „A Dark and Broken Heart“ angekündigt. Für 2013, meldet der Autor in seinem Blog, sei „The Devil and the River“ bereits fertiggestellt.

R.J. Ellory ist ein manischer Schreiber, seinen Beruf hat er gefunden, indem er seiner Berufung folgte. In seinen Romanen variieren die Themen und Stimm- und Gefühlslagen, alle aber folgen sie einer inneren, geradezu musikalischen Logik, die sich beim Lesen allmählich erschließt, rundet und Sinn macht. Seine Bücher klappt man am Ende behutsam zu, weil man ihre beschädigten Protagonisten achten und schätzen, ja lieben gelernt hat. „Slow motion thriller“ nennt Ellory seine Geschichten, die er weniger als Kriminalromane betrachtet denn als „human dramas“. Das Verbrechen selbst ist es weniger, das ihn interessiert, viel mehr sind es die Auswirkungen auf die Hinterbliebenen, auf davon Betroffene – dazu gehört auch der einzelne, sich kümmernde oder traumatisierte Polizist – und auf die Gesellschaft. Wenn er wie in „A Quiet Vendetta“  und „A Simple Act of Violence“ die Perspektive eines Killers einnimmt, hat das keine Ähnlichkeit oder Verwandtschaft mit den reißerisch aufgemachten Blutpfützenschwarten der Buchkaufhäuser. Dann geht es nicht um Sensationalismus, um ein sich Weiden an Grausamkeiten, dann geht es auch hier um eine verletzte, verheerte Seele, um einen Protagonisten, der unserer Sympathie und unseres Mitgefühls würdig ist, dann geht es um die Errettung von Menschlichkeit in einer Welt, die über Leichen geht und Rührung und Gnade nicht mehr kennt – oder kennen will.

Der Einzelne und die Gesellschaft

In „A Quiet Vendetta“ ist das der kubanische Mob-Hitman Ernesto Perez, mit dem Ellory auf einer episch-wilden Zeitreise die Mafiageschichte Amerikas durchdekliniert, von Kuba über Las Vegas und L.A. bis Chicago. Perez ist ein schlimmer, gnadenloser Killer, am Ende aber würde man ihn gerne zum Freund haben oder ihm seine Kinder anvertrauen. In „A Simple Act of Violence“ begegnet der Polizist Robert Miller einem Monstre sacré, einem von der Regierung geschaffenen und gedingten Mörder, der mit den Bluttaten, die sich durch sein Leben ziehen, nicht fertig wird. Das Buch ist eine detailreiche Anklage amerikanischer „Außenpolitik“ in Mittel- und Lateinamerika und der Vertuschungsaktionen im Krieg gegen die „kommunistische Gefahr“. Auch in diesen beiden explizit politischen Romanen verknüpft Ellory seinen gesellschaftlichen Impetus mit individuellem Schicksal. Das gilt etwa auch für „Saints of New York“, in dem ein Polizist mit dem Zynismus des Systems und mit der Korruptheit seines Vaters zurechtkommen muss, der als Cop die Hand aufhielt, öffentlich aber als großes Vorbild gilt. Ganze Lebensgeschichten erzählt Ellory in seinen Büchern aus. Es sind Lebensläufe mit tragischem Verlauf, voller Prüfung und Versagen, Kompromiss und – vielleicht – Erlösung. Was ist ein Leben, was macht es aus? Darum kreisen so gut wie alle seine Werke. Meist sind es, wie zuletzt in „Bad Signs“ oder „The Anniversary Man“ (Tag der Sühne), Coming-of-Age-Geschichten oder rites de passage, das Aufwachsen unter schlimmen Bedingungen und/oder das Zurechtkommen und Weiterleben nach seelischer Verwüstung.

R.J. Ellory ist ein Poet früher Traumata und verlorener Jugend, das machte schon sein erster Roman „Candlemoth“ (Eine Zeit aus Feuer) klar, die schuldbeladene Geschichte zweier junger Männer – der eine weiß, der andere schwarz – die im amerikanischen Süden der 60er Jahre im Waisenhaus zu Freunden und dann sich gegenseitig tief verletzenden Opfern der Verhältnisse werden. „Zu leben, zu lieben, zu verlieren – diese Dinge sind menschlich und sie sagen vielleicht etwas darüber, wie die Welt beschaffen ist. Sie zweimal zu erleben sagt etwas über dich.“ Jemanden zu lieben und geliebt zu werden, sagt da einer der beiden in der Todeszelle, das ist das Wichtigste im Leben. An etwas glauben zu können, das ist Glück, das ist der Sinn des Lebens.

Ellorys Meisterstück

Man braucht eine Weile beim Lesen, um es  wahrzunehmen, mir fiel es nicht gleich auf, hat man es aber einmal auf dem Schirm, wird es evident: Ellorys Stil-Lage in vielen seiner Bücher ist der Blues, seine Erzählhaltung neigt zur Ballade, und wie bei der musikalischen Entsprechung, wenn Melodie und Songtext „es“ treffen, kann ein Ellory-Buch einen sehr, sehr lange verfolgen. Das gilt, die internationalen Reaktionen spiegeln es allesamt wider, besonders für sein Meisterwerk „A Quiet Belief in Angels“.

Im Jahr 1939, im ländlichen Augusta Falls in Georgia, an einem Ort, in dessen Atmosphäre uns Ellory traumwandlerisch klar eintauchen lässt, muss der zwölfjährige Joseph Calvin Vaughan den brutalen Mord an einer Klassenkameradin verkraften, die er heimlich mit all der Inbrunst seines Alters geliebt hat. Es bleibt nicht der einzige Mord. Zusammen mit einer Gruppe von Freunden versucht der junge Joseph als heimlicher Wächter, das Leben der Mädchen von Augusta Falls zu schützen. Vergeblich. Wieder und wieder schlägt der Mörder zu. Der Zweite Weltkrieg mit seinen Tragödien und Feindbildern zieht auch in die Kleinstadt ein, wirft lange Schatten auf das Gemeinwesen. Selbst noch als die Morde aufhören, wird Joseph von den Schatten der Furcht verfolgt. 29 tote Kinder erinnert er; wenn er die Augen schließt, sind sie alles, was er sehen kann. Er verbringt sein Leben, den Mörder zu suchen, sitzt selbst zehneinhalb Jahre unschuldig im Gefängnis, wird zum Schriftsteller, erlangt die Freiheit wieder, zieht nach New York, bis er fünfzig Jahre später seinem Albtraum ins Auge schauen kann und muss. Bis er dem Mörder begegnet und bis ein Schuss fällt.

Auch wenn es wie eine abgegriffene Formel klingt (zu der ich hier zum allerersten Mal greife): Selten habe ich zum Ende eines Buches hin solch ein Herzklopfen verspürt, selten die bittere Schönheit erzählerischer Zuspitzung derart beklommen erlebt. Das Buch hat in reichem Maße, was Klassiker der (Spannungs-) Literatur auszeichnet, ebenjenes kontradiktische Leseerlebnis, dass man schnell zu Ende lesen und den Ausgang wissen will, gleichzeitig von der Schreibweise derart betört ist, dass die Lektüre genussvoll langsam bleibt, ja bleiben muss. Es ist kein Zufall, dass sich all die blurbs von Schriftstellerkollegen und die Kurz- und Langkritiken in einem einig  sind. Das Buch ist ein wirkliches Erlebnis. Es lässt nicht unberührt. Ja, es verzaubert. Es ist ein tatsächlich engelswürdiger Roman, der die Kriminalliteratur transzendiert. Der billigen Elogen fremde Autor Alan Furst sieht das Werk „weit oberhalb von Genre“.

„I am an exile“ – Vertrieben aus der Kindheit

Auch jenseits solch hoher Akkorde steht „A Quiet Belief in Angels“ in bester literarischer Tradition, ist ein southern gothic ohne Nachäffungseffekt, die Geschichte eines einsam jagenden, dunklen Herzens. „I am an exile“, ich bin ein Vertriebener, hebt der Erzähler an. Er blickt zurück auf sein Leben, „den Wahnsinn, die Brutalität, die Verzweiflung, aber auch auf die anderen Momente, die es gab. Liebe. Leidenschaft. Versprechen. Die Hoffnung auf Besseres.“ Drei Tage nach der Ermordung Kennedys, an einem kalten Novembertag, beendet der Protagonist sein im Gefängnis geschriebenes Buch (das ihn als Autor etablieren und nach New York führen wird), es ist seine Lebensgeschichte, über die er folgendermaßen sinniert: „Vielleicht misst sich der Wert eines solches Lebens am Gewicht des Papiers, an der Menge der Tinte, am Druckbild der einzelnen Seiten. Vielleicht zeigt es sich an der Wichtigkeit der Worte, an den Emotionen, die sie auslösen und hervorrufen … Vielleicht haben manche von uns genug gelernt, um einen Unterschied zu machen, um die Dinge zum Besseren zu beeinflussen, um bis zum richtigen Moment zu warten und dann zu handeln. Und entgegen aller gegenteiligen Erscheinungen und entgegen aller Furcht, was andere wohl denken würden, glaube ich immer noch, dass wir alle diesen stillen Glauben haben. Einen stillen Glauben an Engel.“

„Liebe“, heißt es dort weiter, „bedeutet alles Mögliche für die Menschen. Liebe ist das Brechen und Heilen von Herzen, ist Missverständnis und Glaube, Versprechen und Hoffnung. Liebe ist ein Rhythmus, eine Resonanz, ein Widerhall. Liebe ist ungelenk und töricht, aggressiv und simpel, sie hat so viele undefinierbare Eigenschaften, dass sie niemals in Sprache gefasst werden kann. Liebe ist Leben.“

Ellorys Dramen suchen nach dem Herz der Dinge, nach den tieferen Wahrheiten, die das Menschsein ausmachen. Eine der Stärken in „A Quiet Belief in Angels“ ist die Fähigkeit Ellorys, bei seinen Lesern die Gefühle und Emotionen der Kindheit wieder wachzurufen, durch all jene Schichten von Distanz und Abgebrühtheit zu stoßen, die über die Verletzungen und Schrecken der Kindheit gewachsen sind. Er ist ein Hüter der verletzten Seelen, der verlorenen, beschädigten Unschuld der Kindheit. Amerikanische Kritiker fühlten sich in diesem Impetus übrigens an Mark Twain erinnert.

In Frankreich gewann der Roman 2009 vor mitnominierten Büchern von Dennis Lehane, Don Winslow und James Lee Burke den Prix Du Roman Noir Du Nouvel Observateur. Der Oscar-Preisträger Olivier Dahan (für das Piaf-Bio-Pic „La Vie en Rose“) hat die Filmrechte erworben, das Projekt hängt jedoch.

Ellory arbeitet heute, wenn er nicht bloggt, schreibt, in seiner Blues-Band „The Whiskey Poets“ Gitarre spielt oder auf Lesereisen über sein Schreiben diskutiert, in Sozialprogrammen mit Drogenabhängigen und in Projekten, die Jugendlichen das Lesen und Schreiben beibringen. Lesen zu können, ist für ihn der Schlüssel zu Herz und Gefühl. Für Ellory, das hat er in zahlreichen Interviews klar gemacht, ist das mit Abstand Wichtigste an jedem seiner Bücher die Emotion, die es hervorruft. Darum geht es ihm, nicht um Unterhaltung, wie er in einem Beitrag für die „Huffington Post“ schrieb: „Fiction, we have been told, serves to entertain. I disagree. I believe fiction serves it’s greatest purpose when it evokes an emotion.“

Alf Mayer

Die Bücher von R.J. Ellory:

Candlemoth (Eine Zeit aus Feuer), 2003
Ghostheart, 2004
A Quiet Vendetta, 2005
City of Lies, 2006
A Quiet Belief in Angels, 2007
A Simple Act of Violence (Vergib uns unsere Sünden, dt. 2010) , 2008
The Anniversary Man (Tag der Sühne, dt.2011), 2009
Saints of New York, 2010
Bad Signs, 2011
A Dark and Broken Heart, 2012
The Devil and the River, 2013

Ellorys 20 Lieblingsplatten für die einsame Insel:

• Jimi Hendrix – Electric Ladyland
• The Thirteenth Floor Elevators – Bull of the Woods
• Gene Casey & The Lone Sharks – Rhythm ‘n’ Twang
• The Gun Club – The Las Vegas Story
• Jeffrey Lee Pierce Quintet – Wildweed
• Bo Diddley – Hey! Bo Diddley
• Captain Beefheart& The Magic Band – Safe as Milk
• Cream – Disraeli Gears
• The Doors – The Doors
• Sir Douglas Quintet – Mendocino
• Dr. John – Gris-Gris
• Elvis Presley – The Sun Recordings
• Holly Beth Vincent – Holly & The Italians
• Jefferson Airplane – Surrealistic Pillow
• John Martyn – Solid Air
• Van Morrison – Astral Weeks
• Kelly Joe Phelps – Shine-Eyed Mister Zen
• Led Zeppelin – Led Zep 1
• Paul Butterfield Blues Band – The Elektra Years
• Roky Erickson & The Aliens – The Evil One

Links zu R.J. Ellory. Website des Autors. Quietbeliefinangels.com. Seine Band (The Whiskey Poets) auf facebook. Blues-Improvisation auf der Piazza Duomo, Venedig.

 

Tags :