Posted On 15. April 2017 By In Crimemag, News, Primärtext With 1129 Views

Primärtext: Ken Bruen über seinen Jack Taylor

jack2Ken Bruen

Jack Taylor

Übersetzt von Susanna Mende

In Interviews werde ich dauernd gefragt, woher dieser merkwürdige, angegraute, mürrische Privatdetektiv Taylor kommt.
Er ist der schlechteste Detektiv der Welt. Fälle werden nicht wegen, sondern trotz seiner Hilfe gelöst.
Er ist
trunksüchtig
drogensüchtig
rüpelhaft
unausstehlich
und in schlechter Verfassung
und doch … Forsters berühmte Worte.
Er erledigt seinen Kram … irgendwie, und er sucht verzweifelt Anschluss, auch wenn er es nie zugeben würde.
Aber Kontakt herzustellen,
das gelingt Jack … normalerweise, wenn er es am wenigsten erwartet.
Seine Liebe zu Büchern hat ihn schon oft davor gerettet, wahnsinnig zu werden.
Kürzlich erzählte ich in einer Fernsehshow, dass Jack in drei Romanen nichts getrunken habe, und sie lachten.
Brüllend.
Wirklich.
Drei Bücher …
Und nicht ein Drink.
Für sie ein Witz. Für Jack die absolute Hölle.
Und die Kritiker meinten, Jack würde reifer werden.
Von wegen.
Sie kennen Jack Taylor auf dem Kreuzweg noch nicht.
Oder Benediction*.
Er läuft sich erst warm.
Er wird abtreten … und das Buch wird den Titel Amen tragen.
Und niemand kann solche Worte mit derartiger Überzeugung wie Jack aussprechen.
Wenn das Ende naht, und das wird es irgendwann, wird niemand glücklicher darüber sein als Jack.
Und doch …
Jack Taylor fliegt raus … sein erster Auftritt, er trank bereits, doch noch immer kontrolliert, und dann …
Sein bester Freund erweist sich als der wahre Irre, und Jack ertränkt ihn tatsächlich, an Nimmo’s Pier in Claddagh.
In Galway, einem fast mystischen Ort für Iren … wirft Jack eine Flasche auserlesenen Gesöffs hinter seinem Freund her.
Und macht sich auf nach London.
Neuer Anfang.
Das Vereinigte Königreich liebt die Iren.
Muss ich hinzufügen, dass es ein Misserfolg war?
Die Fortsetzung.
Jack Taylor liegt falsch.
Man hat mir gesagt, das dürfe ich nicht schreiben.
Mein Lieblingsverweis.
Das wird deine Karriere ruinieren.
Meine Karriere ist so oft ruiniert worden, und andauernd wurde mir gesagt … Oh, mein Gott, du
darfst das
nicht
schreiben
… und irgendwo in meiner kaputten Psyche
dachte ich:
Darfst nicht?
Dann
muss ich.
Nach The Hackman Blues, meinem zweiten Kriminalroman (der vierten Veröffentlichung), wurde ich von meinem Agenten und meinem Verleger fallengelassen,
deswegen.
Sie meinten:
Wenn du das veröffentlichst, bis du weg vom Fenster.
Ich tat es trotzdem.
Sie hatten recht.
Ich war weg vom Fenster.
Wie Derek Raymond schon sagte:
„Ich hatte die Rolltreppe abwärts ganz für mich allein.“
Ich machte weiter mit dem Schreiben, Unterrichten und Reisen. Ein vorübergehende Aufenthalt, um Portugiesisch in einem brasilianischen Gefängnis zu lernen, was zu einer düsteren Vision meiner Gedanken beitrug.
Die Literaten in Irland grämen sich fürchterlich, weil ich stets betone, dass ich von Amerikanern beeinflusst sei.
Von den Meistern
des Hard-boiled-Krimis, die sie waren und noch immer sind.
Ich schrieb, mehr aus Frechheit, ein paar Krimis über britische Cops … ein Ire, der über britische Cops schreibt.
Dann habe ich einen Stand-Alone basierend auf Sunset Boulevard verfasst, der sich gut verkaufte, doch ich hatte noch immer nicht das zu Papier gebracht, was in meinem Kopf gärte und sich wie eine Schlange entrollte. Da hat man einen Doktor in Metaphysik und trotzdem … die Vision nahm Gestalt an. 2000 kehrte ich nach Irland zurück und fand ein neues Land vor.
Wir waren auf einmal reich.
Was zum Henker war passiert?
Wir sind völlig unvorbereitet von Mass zu Microsoft gewechselt, und plötzlich gab es Menschen, die nach Irland einwanderten.
Was war nur los?
Die Ortschaft, in der ich aufgewachsen bin, war plötzlich ein cooles, trendiges, europäisches Städtchen.
Und Bingo.
Alles passierte zur selben Zeit.
Es hieß, es gebe keine irischen Kriminalromane, und richtige Verbrechen gebe es auch nicht … Doch mit dem neuen Wohlstand hatten wir auf einmal auch Crack und seine Vorläufer.
Ich hatte meinen irischen Roman; er nahm Gestalt an.
In meiner Jugend war ich fasziniert von Cops … diesen starken, bulligen Typen, die sich nichts gefallen ließen, und mit zehn bekam einen Bibliotheksausweis, weil Bücher bei uns zu Hause verboten waren.
Mein geliebter, großer Bruder war am Alkohol gestorben.
Schreib über die Cops.
Im Jahr 2000 waren sie wie der Klerus … vergeben Sie mir, kugelsicher und noch immer beliebt.
Ich stellte mir einen alkoholkranken Ermittler vor, der aus dem Polizeidienst entlassen worden war, Bücher liebte und mit den Werten des alten Irlands, in dem er aufgewachsen bin, und dem neuen
gierigen Mini-Amerika im Streit lag.
Und er hatte eine große Klappe … wie alle in diesem Land.
Jetzt muss ich darüber lächeln. Doch damals, beim ersten Buch, gab es keine Privatermittler in Irland.
Erst letzte Woche, sieben Jahren später, habe ich in den Gelben Seiten nachgesehen, und allein in Galway gibt es zwanzig davon!
Das Geschäft brummt.
Zur gleichen Zeit plante ich eine Reihe. Jack würde in sämtliche Geheimnisse Irlands verstrickt werden.
Die Priester, die Magdalenenheime, Teenagerselbstmorde, die Art, wie sich das Land von Grund auf wandelte.
Jack Taylor fährt zur Hölle erschien zufälligerweise gleich nach dem wunderbaren Film
Die unbarmherzigen Schwestern.
Jack Taylor und der verlorene Sohn erschien, als die abscheulichen Skandale des Klerus ans Licht kamen.
Gutes Timing?
Pures Glück oder einfach schlechtes Karma.
Keine Ahnung.
Jack Taylor fliegt raus, wurde mir gesagt, sei der größte Fehler in einer Karriere voller Fehlentscheidungen gewesen … Er wurde für den Edgar nominiert, gewann den Shamus Award und verkaufte sich in Ländern, von denen ich noch nie gehört hatte.
Jack Taylor liegt falsch gewann den Macavity Award.
Aber natürlich braute sich am Horizont etwas zusammen.
Ich habe ein Kind mit Down-Syndrom, und was denken Sie passiert in Ein Drama für Jack Taylor
Jawohl.
Jack ist verantwortlich für den Tod eines Kindes mit … füllen Sie die Lücke aus.
Ich habe noch nie solche hasserfüllten Emails bekommen.
„Wie konnte ich nur?“
Ich habe getan, was Sie tun.
Die Wahrheit gesagt.
Wirklich eine ganz schlechte Idee.
Hab gesagt, ich hätte vorgehabt, sie zu töten … hätte es im Buch fast dreimal getan, doch ich habe gespürt, dass sie weder in die Gefühle von Jack noch die des Lesers genügend involviert war.
Wie gefühllos ist das denn?
Ich gab es auf zu erklären, dass ich den schlimmsten Alptraum durchlitt, der Eltern widerfahren konnte …
den Verlust
eines Kindes.
Oh nein.
Hat nicht funktioniert.
Beim sechsten Jack … Jack Taylor auf dem Kreuzweg, setzte ich alles auf eine Karte, und wir haben den Schwachsinn über Schriftsteller, die zu weit gehen, bereits erwähnt, wobei ich wurde als der größte Übeltäter identifiziert wurde … Bei der Kreuzigung ein Jahr zuvor in Belfast war genau das geschehen, was ich beschrieb.
Jacks Nachname war ein Insider-Witz; Taylors Hill ist die schnöselige Gegend von Galway, ein Ort
Den Jack nie aufsuchen würde.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Jack weltweit Erfolg haben würde … In meinen Augen war er zu irisch, zu provinziell, viel zu verdreht, um größere Kreise anzusprechen.
Aber ich beschreibe ihn so, wie er es mir einflüstert, und das erste Buch war so, als würde ich ihn kennen.
Was ich auch tue.
Leider Gottes.
Das mit dem Alkohol ist angelehnt an meinen verstorbenen Bruder, einen warmherzigen Menschen, meinen besten Freund, der als Landstreicher im australischen Outback starb, also wusste ich, worüber ich schrieb.
Und wenn ich gefragt werde, warum Jack so wütend ist?
Meine Güte, raten Sie mal, woher das kommt.
Wir Iren haben angeblich unsere eigene Art zu lachen und zu saufen, lassen uns von Guinness und Jameson befeuern und
machen uns keine Sorgen um nichts.
Was für ein Unsinn!
Ich hasse das.
Alkoholismus hat die Besten und Klügsten unseres Schlags zerstört, gern von Jack zitiert.
Ein Großteil unserer Literatur huldigt der Trinkkultur.
Und Jesus weinte.
Ich dachte:
„Wie wär’s mit einer Buchreihe, die die blanke Verwüstung und das Elend zeigt, das vom Trinken verursacht wird?“
Hoppla.
Das würde nicht gutgehen, wenn man irische Preise oder die Unterstützung der Tourismusbehörde wollte.
Und die hatten harte Euros, um den entsprechenden irischen Schriftsteller zu promoten.
Zum Teufel damit.
Und das hier ist die Ironie … sieben veröffentlichte Bücher, und die Tourismusbehörde ruft mich an, ob ich daran interessiert sei, japanischen Touristen Jacks Galway zu zeigen.
Wenn das keine Ironie ist?
Ich dachte, vielleicht sollte ich sie mit einem Hurley verprügeln, damit sie einen authentischen Eindruck von Jacks Stadt bekommen.
Unser Nationalsport ist Hurling, eine Mischung aus Hockey und Mord; er ist schnell, brutal und raffiniert, und ich bin damit groß geworden.
Ein perfekter Hurley besteht aus Eschenholz, von Meisterhand geschliffen und am Griff manchmal mit einem Metallband umwickelt.
Er ähnelt ein wenig einem Louisville Slugger beim Baseball. Ich habe zwei davon, Geschenke von zwei der besten Krimiautoren, die wir derzeit haben.
Ein Hurley erzeugt ein ähnliches Pfeifen wie ein Slugger und hat die gleiche tödliche Wirkung.
Als ich letztes Jahr in Texas war und ein paar Schläge damit gemacht habe, wurde ich gefragt:
„Wo hast du das gelernt?“
Hab ich nicht.
Ich hab Hurling gespielt.
Ich wurde gefragt:
„Wie viel von dir ist in Jack?“
Die Wut und das Lesen.
Wirklich.
Und … ja … ein wenig auch von der Gewalt.
Das Saufen?
Das ist eine traurige Geschichte, aber ich trinke weder Guinness noch, vergeben Sie mir, Jameson.
… Grusel, ich trinke Bud …
Jack würde mir bestimmt mit dem Hurley eins überziehen.
Die gewöhnlichen Leute von Galway, die Jack ins Herz geschlossen hat, rufen mir vom Auto aus Sachen zu … Jack war während drei Büchern Abstinenzler.
„Gib dem armen Kerl einen Drink.“
Über Jack zu schreiben, ist Himmel und Hölle zugleich. Es laugt mich aus, und ich hoffe inständig, dass er aufhört, mit mir zu reden.
Es ist zu persönlich, zu qualvoll.
Ich schreibe noch eine andere Serie über britische Cops … Die Hauptfigur ist Brant, und diese Bücher zu schreiben, ist wie Ferien, ein Kinderspiel … Spaß pur … oder eine Kurzgeschichte … noch mehr Zeit in der Sonne, aber Jack …
Otto Penzler hat mal zu mir gesagt:
„Bruen, was ist los mit dir? Erst bringst du uns dazu, einen Charakter zu lieben, und dann bringst du ihn um.“
In der Tat.
In einer Blog-Diskussion habe ich gelesen, dass das absolut No-go ist … ein Kind zu töten.
Hab’s kapiert.
Lassen Sie mich an dieser Stelle einen Klassiker zitieren, ein bisschen Bildung zeigen, oder wenigstens so tun als ob, wenn Ihnen das lieber ist, oder wie irische Teenager heutzutage auf ihre amerikanische Art sagen würden:
„Na ja, wie auch immer.“
Es gibt ein Zitat von Aischylos, das der eigentliche Antrieb von Jack Taylor oder zumindest meiner ist. Am besten schreib ich’s auf:

Schmerz, der nicht vergessenen kann
fällt Tropfen für Tropfen
auf das Herz,
und in unserer Verzweiflung,
gegen unseren Willen,
erlangen wir Weisheit
durch die furchtbare
Gnade Gottes

Das Schlüsselwort für mich ist stets … furchtbar.
Mit Jack wollte ich herausfinden, wie viel Leid man einem menschlichen Wesen auferlegen kann.
Bis es schließlich zerbricht.
Alkohol
Kokain
Verzweiflung
Depression
Verrat
Selbstmord
Mord
Jack kennt das alles.
Nur mit dem Rauchen hat er aufgehört.
Nicht dass ihn das froh stimmen würde.
Und die Listen?
Wie oft hat man mich danach gefragt:
„Was hat es mit den verfluchten Listen auf sich?“
Ich habe das Chaos studiert, verdammt, habe den größten Teil meines Lebens darin verbracht, und eine Reaktion darauf ist es, Listen zu machen.
Zu versuchen, in einer Welt, die immer mehr außer Kontrolle gerät, Ordnung zu schaffen.
In den späteren Büchern wurden die Listen fallengelassen, was vor allem eine Verlagsentscheidung war.
Und das Zitieren anderer Krimiautoren.
Weil es mir gefällt. Nicht nur meine Favoriten, sondern auch eher unbekannte Autoren, damit die Leser vielleicht auf sie aufmerksam werden.
In Jack Taylor und der verlorene Sohn habe ich die Richtung gewechselt, bin einfach Pascals Pensées gefolgt. Jack stiehlt den Band aus der Bibliothek einer psychiatrischen Anstalt. Nichts anderes hätte der Gemütslage des Buchs entsprochen.
Während ich die Reihe konzipierte, waren ein paar Dinge bereits glasklar für mich.
Jack würde stets die dunkle Seite unserer Geschichte durchleuchten, die wir, wie die Magdalenenheime, am liebsten totschweigen. Ich bin direkt in ihrer Nachbarschaft aufgewachsen und erfuhr aus erster Hand von den Schrecken dort.
Weil es eine irische Serie war, musste es einen Priester geben, eine wiederkehrende Figur, aber nicht wie der liebenswürdige, ein wenig eigennützige Barry Fitzgerald aus Der stille Mann. Ich wollte die mit Makeln behaftete Version davon, einen Menschen,  für den die Priesterschaft ein Job war, der ihm nicht viel bedeutete.
Als ich ein Kind war, war das Land so arm, dass für viele die einzige Hoffnung auf Bildung eine Priesterlaufbahn war. Unreifes Jungvolk, das als Kanonenfutter diente, wie es dem Wunsch ihrer Mütter entsprach.
Was für eine schreckliche Bürde für jedes Kind. Kaum verwunderlich, dass ein paar von ihnen den Verstand verloren.
Pater Malachy würde stets Jacks Erzfeind sein, und wie es sich für richtige Feinde gehört, schlossen sie in Jack Taylor und der verlorene Sohn sogar ein Zweckbündnis.
Von Anfang an hatte ich gewusst, dass mich die Reihe in Irland in allerlei Kalamitäten stürzen würde, weshalb ich alles auf eine Karte setzte.
Jacks Mutter.
Wie die Italiener und andere Europäer lieben wir unsere Mütter. … Selbst wenn sie das größte Miststück auf diesem Planeten sein sollte, ein irischer Junge liebt seine Mami.
Zum Teufel damit.
Jack verachtete seine Mutter und versuchte auch nie, einen Hehl daraus zu machen. Sie verkörperte die schlimmsten Eigenschaften unseres Landes. Sie war
fromm
scheinheilig
eine Heuchlerin
und mit einem Schandmaul versehen.
Und am Allerschlimmsten … sie war leidgeprüft, auch wenn sie daran größtenteils selbst schuld war.
Jack war das Gegenteil, legte sich von Beginn an mit ihr an, und irgendwie war es ganz natürlich, dass ihr treuester Verbündeter Pater Malachy wäre … dass passende Gegenstück, wie es allein die irische Niedertracht hervorbringen kann.
Natürlich gingen die Leser davon aus, dass meine Mutter das Vorbild für die von Jack war; so viel Mut muss man erst einmal aufbringen.
Meine Mutter wurde einmal gefragt, was sie von der Reihe hielt, und sie sagte:
„Ich lese sie nicht.“
Was auch stimmte.
Niemals.
Ob das bitter ist?
Eigentlich nicht.
Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Bücher und Lesen als Zeit- und Geldverschwendung galten.
Wehe, man verschwendete Geld.
Meine Mutter, möge sie in Frieden ruhen, sagte:
„Ken lebt in einem eigenen Zimmer, getrennt von uns.“
Sie hatte recht.
Seit einem dieser seltsamen Zufälle, als Jacks Mutter einen Schlaganfall erlitt, und meine ebenfalls, basierte alles, was Jack erlebte, auf dem, was ich erlebte.
So unheimlich war das mit der Reihe.
In Jack Taylor liegt falsch gab es einen jungen Psychopathen, der Schwäne enthauptete. Schwäne sind für Galway das, was Affen für Gibraltar sind, wenn auch ein wenig hübscher anzusehen.
Mein Verleger war entsetzt und meinte:
„Das können Sie nicht machen!“
Merken Sie, wie oft mir das passiert?
Das dürfen Sie nicht.
Das wagen Sie nicht.
Das sollen Sie nicht.
Ich weigerte mich, nachzugeben, und kurz bevor das Buch erschien, fing irgendein Bekloppter an, Schwäne auszuweiden.
Ich schickte meinem Verleger den Artikel, und er meinte:
„Okay …. solange Sie das nicht sind.“
Ich verwirre die Leute, nicht absichtlich, aber sie lesen – Gott sei Dank – die Bücher (Wie irisch ist das denn?) mit ihrer Düsternis, Grausamkeit und Brutalität, und dann begegnen sie mir, und weil ich sanft und umgänglich bin, sind sie verunsichert.
Ich bewahre mir meine Mordlust für die Arbeit auf.
Was mich auf die Gewalt bringt, für die ich dauernd verurteilt werde?
Ich schwelge niemals darin, doch sie ist da, explizit und unmissverständlich. Sie ist hässlich, schnell und sehr intensiv.
Wie Gewalt eben ist.
Letzten November war ich bei einer Buchvorstellung. Ein Typ kam auf mich zu und brach mir mit einem Hurley den Kiefer.
Das war nun wirklich eine schlechte Buchkritik.
Wird Jack etwas Ähnliches tun?
Hat er schon.
Viele Male.
Und das bringt mich auf die Vorwürfe, ich sei für Selbstjustiz, ein Faschist, ein Unterstützer aller möglichen gewalttätigen Organisationen.
Man lebt in Galway, wie ich es tue, und bekommt jeden einzelnen Tag den ganzen Horror mit, der passiert: Ein Verbrecher wird laufengelassen, nachdem er eine alte Frau, eine neunundsiebzig Jahre alte Nonne, vergewaltigt hat, oder ein Täter wird laufgengelassen, bekommt Therapie, und in einem besonders abstrusen Fall wird er sogar nach Spanien in Urlaub geschickt.
Gern würde ich behaupten, dass das irische Übertreibung ist, doch vor nicht einmal zwei Jahren wurde ein betrunkener Autofahrer, der jemanden tötete, der mir sehr nahestand, wegen persönlicher Probleme freigesprochen.
Die Alten in Irland pflegten zu sagen:
„Mir kocht das Blut.“
Herrgott.
Meins ist übergelaufen … eimerweise.
Also habe ich es Jack aufgehalst.
Hab es ihm überlassen, damit klarzukommen.
Und das gelingt ihm.
Normalerweise mit einem Hurley.
Jack denkt wie ich.
„Das Gesetz ist für die Gerichte; Gerechtigkeit wird in den Gassen vollstreckt.“
Umstritten?
Natürlich.
In einer Gesellschaft, in der es keine Konsequenzen mehr zu tragen gibt, zeigt ein Hurley eine deutliche Grenze auf.
Einer meiner besten Freunde, ein Arzt, hat sich jahrelang über meine Ansichten zum Thema Gerechtigkeit und den Tonfall meiner Bücher aufgeregt.
Er sei, wie er behauptete, mein Freund,
„trotz deiner, ähm … verqueren Ideen.“
Vor drei Wochen wurde seine Tochter auf offener Straße brutal überfallen, und er kam vorbei, jedoch nicht um sich Trost zu holen, sondern meinen Hurley.
Als Jack das erste Mal in der Öffentlichkeit erschien, dachte ich an drei Bücher, und siehe da, jetzt bin ich schon beim siebten …
Der Bastard will einfach nicht verschwinden.
Jack Taylor auf dem Kreuzweg, der sechste Band, ging in eine andere Richtung, was notwendig war, wenn die Reihe frisch und spannend bleiben sollte.
Es sollte mehr ein Thriller sein. Er handelte unter anderem vom Sterben des keltischen Tigers. Nach acht Jahren, die wir in Saus und Braus gelebt hatte, stürzten wir in die Rezession. Wir waren gierig geworden, und plötzlich nahm man uns alles wieder weg. Der Lack vom Tiger war ab, und wir steckten …  Scheiße, in echten Geldnöten.
Wir reagierten wie ein verwöhntes Kind, dem man das Spielzeug wegnimmt. Wir reagierten sehr, sehr ungezogen.
Tun es immer noch.
Und Jack, der nicht länger in Second-Hand-Läden einkaufte, muss vielleicht dorthin zurück.
Und …
er wird alt.
Hört schlechter.
Humpelt.
Sie fragen:
Herrje, wie lang soll er denn so weitermachen?
Gute Frage.
Würde die einzige Frau in seinem Leben, Ridge … und natürlich die einzige weibliche Konstante, die außerdem lesbisch ist …
die Reihe übernehmen?
Nein.
Sie liest nicht einmal viel.
Wann sollte eine Reihe enden?
Ganz einfach.
Wenn sie ausgelutscht ist.
Wenn einen nicht mehr so richtig kümmert, was der Hauptfigur widerfährt. Jack hat sein Haltbarkeitsdatum längst überschritten, und wenn er noch einen Roman durchhält, wird niemand überraschter – oder erleichterter – sein als ich.
Das Echo auf Jack erstaunt mich noch immer.
The New York Times schrieb, es könnte einem genauso gut eine knallen wie einem Obdachlosen fünf Euro geben.
Das hat mir irgendwie gefallen.
Brian Widenmouth, ein exzellenter Online-Kritiker, behauptete, Jack sei bereits tot! … und dass das alles rückblickend erzählt werde. Solange er nicht denkt, dass ich ebenfalls tot bin.
Ein irischer Kritiker meinte, ich sei früher ein Cop gewesen … ganz ohne Zweifel.
Den Film nicht zu vergessen.
Eine echte Hölle.
Scheiß drauf!
Das erste ernsthafte Angebot verlangte ein Happy end …
Und ich sagte:
„Happy?“
Bei mir gibt’s kein happy.
Scheiße, bei mir gibt’s nicht mal mehr nett!
Dann das Casting … Das war vielleicht ein Spaß.
Mein uralter Kumpel David Soul war scharf drauf, bekam aber den Galway-Akzent nicht hin.
Er war mein einziger Vorschlag, und Sie wissen, wie sehr die auf Vorschläge von Autoren hören.
Oh ja.
Ab in den Papierkorb damit.
Aber ich habe ihn immer in Schwarzweiß gesehen.
Farbe … in Jacks Leben?
Nee, er würde zum Hurley greifen.
Das erste Angebot, Jack Taylor fliegt raus zu verfilmen, kam von einer britischen Firm, und sie wollten, dass in Brighton gedreht wird und der Brighton Pier den Nimmo’s Pier, ein häufig wiederkehrendes Wahrzeichen der Reihe, ersetzt. Nicht nur dass er in Claddagh liegt, er ist buchstäblich der letzte Außenposten vor Amerika, und auch der Schauplatz für Jacks erste Mordtat, dem Ertränken seines früheren Freundes.
Das konnte ich nicht zulassen. Die Schauspieler und andere in Galway, die Arbeit bestimmt brauchen konnten, würden mir das nie verzeihen. Und Jack Taylor fliegt raus ist ein echter Galway-Roman.
Die Buchläden:
Kennys,
Charlie Byrne’s,
Dubray’s.
Alle ganz zentral in Jacks Leben.
Und Pubs wie das McSwiggan’s, wo tatsächlich ein Baum in der Mitte des Pubs wächst, was wiederum die Frage aufwirft: Was war zuerst da, der Baum oder der Pub?
Während die Verhandlungen liefen, wurde Brighton von einem heftigen Sturm getroffen und der Pier weggespült.
Gott hatte gesprochen, zwar nicht das letzte Mal, dafür laut und deutlich.
Jack hätte die Ironie gefallen.
Beim nächsten ernsthaften Angebot wollten sie ein Happyend.
Was?
Und die ganze Serie mit dem ersten Titel versenken?
Wie gesagt, bei mir gibt’s kein happy, und bei Jack auch nicht, Herrgott nochmal.
Recherche?
Vom Sohn eines ehemaligen führenden Guard wurde mir versichert, dass ich selbst einer gewesen sein müsste, was regelmäßig vorkam. Ich nehm’s als Kompliment, doch ich glaube, die Tatsache, dass ich früher mal Sicherheitsbediensteter in den Twin Towers war, hat Einiges durcheinandergebracht.
Der Titel meines neuen Stand-Alone Once Were Cops sorgt bestimmt für noch mehr Verwirrung.
Ich bin eng mit einer Ban Garda, einer Polizistin, befreundet, und alles an Ridge, auch ihre Ansichten, kommen aus dieser Quelle.
Ich beschloss, dass die Ban Garda in meinen Büchern kleine Perlenohrringe tragen sollte, was bestimmt nichts damit zu tun hat, dass ich erst kürzlich festgestellt habe, dass sie tatsächlich welche tragen.
Anfangs konnte ich mir selbst nicht erklären, weshalb Ridge so feindselig und streitlustig war, doch eines Morgens wachte ich auf und wusste es.
Sie war lesbisch.
Nicht dass lesbisch sein das automatisch mit sich bringt, aber lesbisch sein in einer strenggläubigen und traditionellen Machoorganisation wie der Polizei, muss einen verbittern.
Im neuen Jack, Benediction, bekommt er es mit Gay-Bashing zu tun, und schon wieder musste ich mich gegen die Behauptung zur Wehr setzen, dass eine bestimmte Szene nicht realistisch sei.
Sie haben es erraten, keine hundert Meter von meinem Zuhause entfernt wurde ein junger Schwuler von Schwulenhassern ins Koma geprügelt, und nein, ich hatte nichts damit zu tun.
Superintendent Clancy, Jacks früherer Partner bei der Polizei und gewogener Freund, ist inzwischen sein erbitterter Gegner, weshalb sie regelmäßig aneinandergeraten, wobei Jack das Meiste abbekommt.
Der finale Showdown, wenn man ihn so bezeichnen kann, das unausweichlichen Mann-gegen-Mann, das bereits seit sechs Büchern schlummert, findet im jüngsten Roman statt.
Als ich die Szene schrieb, wollte mir ein Song nicht mehr aus dem Kopf gehen:
Springsteens „The Price You Pay“.
Eine Zeit lang schienen Thomas Merton und ein Pint alles zu sein, was Jack brauchte, wenn auch nicht immer in dieser Reihenfolge, aber Sie verstehen, worauf ich hinaus will.
Jack mag Merton nicht mehr, wie so viele andere auch nicht.
In Jack Taylor fliegt raus sagt Jack an einer Stelle, dass er mit Toten so überfrachtet sei, dass er sich wie ein alter Friedhof fühle. Beinahe jeder, der ihm nahe kommt, landet auf dem Friedhof.
Als St. Martin’s Press mit den amerikanischen Ausgaben begann, war ich heilfroh, dass niemand darum bat, die Sprache oder den Tonfall zu amerikanisieren. Sie akzeptierten die zahlreichen irischen Ausdrücke, und ich bin dankbar, dass sie das riskierten.
Eine Frage, obwohl sie naheliegend ist, wird mir selten gestellt:
Was ich von den Guards halte.
Ich habe den allergrößten Respekt für sie. Sie sind noch immer unbewaffnet, obwohl die neue Generation von Kriminellen bis an die Zähne bewaffnet ist.
Jedes Wochenende, wenn die jungen Leute auf Sauftour sind, gehen junge Mädchen ins Wasser, gewöhnlich in den Kanälen, und gewöhnlich gegen drei Uhr morgens. Junge Guards springen in das eisige Wasser und retten sie.
Und was halten die Guards von mir?
Mmmmm …
Als Jack Taylor liegt falsch veröffentlich wurde, erhielt ich ein Päckchen mit einem robusten silbernen Zippo mit den Insignien der Garda und einem Zettel, auf dem stand:
„Wir sind nicht immer einverstanden mit dem, was Sie schreiben, aber machen Sie weiter damit.“
Nicht gerade ein Lob, trotzdem hat es mir den Tag versüßt. Und was hat mich am meisten beeindruckt?
Es wurde gefeiert, geliebt und verrissen.
Sie denken vielleicht:
Zeit abzutreten …
Was Jack betrifft, eine Runde geht noch.
Auch wenn er dabei humpelt.

Jack Taylor

*Unter dem damals vorläufigen Titel Benediction ist kein Jack-Taylor-Roman erschienen.

Zur Metaphysik bei Ken Bruen siehe auch den Essay „Das gefährliche Vielleicht oder: Was um des Himmels oder der Hölle Willen hat Ken Bruen mit Friedrich Nietzsche zu tun?“ bei CrimeMag. Jüngst von Ken Bruen auf Deutsch erschienen: „Die Füchsin“ (ein Inspektor-Brant-Roman, kein Jack Taylor). Jack Taylor bei CrimeMag mit Jörg von Bilavsky hier, Roland Oßwald hier und Frank Göhre hier.

Einundzwanzig berühmten Krimiautoren mit Detectives als Serienhelden hat Otto Penzler, ausgewiesener New Yorker Krimiexperte und Betreiber des Mysterious Bookshop, die gleiche Frage gestellt: Wie ist Dein Held eigentlich entstanden? Die einundzwanzig Antworten darauf sind 2009 in Form von Essays in dem lesenswerten und erhellenden Band „The Lineup – The World’s Greatest Crime Writers Tell the Inside Story of Their Greatest Detectives“ erschienen. Zu den Autoren, die diese Frage beantwortet haben, gehört auch Ken Bruen. Er hat uns diese exklusive deutsche Veröffentlichung sehr freundlich genehmigt.

In dieser Reihe  exklusiv – und jeweils übersetzt von Susanna Mende – bereits bei CrimeMag:

Ian Rankin über John Rebus
Michael Connelly über Harry Bosch
Lee Child über Jack Reacher

 

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