Drei Romane und ein Todesfall Frank Schorneck über Molly Keane „Das gute Benehmen“, Megan Nolan „Kleine Schwächen“, Colin Barrett „Wilde Häuser“ und die Comedy-Thriller-Serie „How to get to heaven from Belfast“ von Lisa McGee (Netflix) ** ** Hinter der Fassade Vor nicht ganz vier Jahren gründete sich in München ein Verlag, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, nachhaltig zu arbeiten. Kjona lässt den Booktok-Trend von Farbschnitten und sonstigen Veredelungen links liegen, verzichtet auf Schutzumschläge und legt auch in Punkto Papier und Farben hohe ökologische Maßstäbe. Nachhaltigkeit beschränken die Verlagsgründer
Read More Auf dem Land Nichts geht, alles scheint festzuhängen, sich allenfalls zäh zu bewegen in dieser Kleinstadt im Westen Irlands, auf die Colin Barrett seine Aufmerksamkeit richtet und ein paar Leben in wenige Tage packt. Weil ein junger Dealer seine Schulden nicht zahlen kann, entführen zwei Kleinkriminelle dessen 16-jährigen Bruder. Sie halten ihn in einem abseits gelegenen Haus fest, das ihrem Cousin Dev gehört, ein sanfter Riese, den sie schon in der Schule drangsaliert und gedemütigt haben, bis er früher abging, einen Job fand, dann arbeitslos wurde. Seit seine Mutter tot
Read More Männer und Frauen, in der Ehe gefangen Eine Besprechung von Frank Schorneck „Woher weiß eine Frau, die drei Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Bucht lebt, aus dem Fenster schaut und ein bisschen Rauch sieht, dass das Feuer absichtlich gelegt worden ist?“ – Niemand ahnt im Oktober 1994, dass Izzy Keaveney nur ein halbes Jahr später mit dieser Frage eines Detectives konfrontiert werden wird – am wenigsten sie selbst. Izzy ist die Gattin eines Lokalpolitikers, der aus Idealismus die Interessen der eigenen Familie – und vor allem die seiner
Read More Irlands dunkle Stunden Eines Nachts im Dezember 1972 wird Jean McConville aus ihrem Haus in Belfast entführt. Sie wird nie wieder lebend gesehen. Ausgehend von diesem Moment entfaltet Patrick Radden Keefe eine gewaltige Erzählung über die blutige Vergangenheit des Nordirlandkonflikts. Patrick Radden Keefe: Sage nichts. Mord und Verrat in Nordirland (Say Nothing: A True Story of Murder and Memory in Northern Ireland, 2019). Aus dem Englischen von Pieke Bierman. Hanserblau, Berlin 2024. 464 Seiten, Hardcover, 34 Euro. Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Informationen zum Buch hier. Als Motto hat
Read More Urbanität und Verbrechen – Über Irish Noir Der Celtic Tiger mit seiner Prosperität, Korruption und Gier. Das Ende der Troubles, der Mord an der Journalistin Veronica Guerin. Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und das damit einhergehende moralische Vakuum. Diese Ereignisse haben seit den 1990er Jahren die irische Gesellschaft und die irische Literatur verändert. Plötzlich wuchsen Städte und entstand ein Bewusstsein für die Allgegenwärtigkeit von Kriminalität, Drogenhandel und Mord, bewies der Erfolg von Bestsellerautoren wie Maeve Binchy und Roddy Doyle, dass Unterhaltungsliteratur über den Alltag in Irland erfolgreich sein kann,
Read More Der Teufel trinkt Lager Der Pub – natürlich ist es der Pub, in dem Roddy Doyles neuer Roman beginnt und in dem im weiteren Verlauf die wichtigen Begegnungen stattfinden und die wichtigen Gespräche geführt werden. Victor Forde läutet einen neuen Lebensabschnitt ein: Auszug aus der ehelichen Wohnung, Suche nach einem Pub, nach „seinem“ Pub. Das Donnelly’s scheint ihm das Potential zur Stammkneipe zu haben. Ein Pint, ein Buch, vielleicht auch mal das iPad – was braucht es mehr? Doch dann ist da plötzlich dieser Typ, plump, ungehobelt, der Victor anspricht
Read More Dunkle irische Geschichte und taffe Frauen Die grüne Insel, Sehnsuchtsort voller Klischees zwischen Kerrygoldkühen und Guinnesschaum, zwischen Folk-Sessions im Pub und Stadionrock von U2, zwischen Torffeuer und Riverdance, hat in seiner bewegten Geschichte auch einige dunkle Kapitel aufzuweisen. Eines der schockierendsten sind die Verbrechen, die unter dem Deckmantel der katholischen Kirche in den Magdalenenheimen für gefallene Mädchen geschahen. Besonders schockierend, weil die Machenschaften der unbarmherzigen Schwestern bis in die 1990er Jahre hinein unentdeckt und ungesühnt blieben, weil viele Augen weggeschaut haben. Anna McPartlins neuer Roman erweckt die Grausamkeit dieser Institutionen
Read More Anthony J. Quinns Noir “Auslöschung” erzählt von Politik und Verbrechen an der nordirisch-irischen Grenze. Also an der zwischen Großbritannien und der Europäischen Union: Ein so komplexer wie packender Roman, der im Original schon im Jahr 2012 erschien, durch den Brexit aber gerade jetzt wie ein Buch zur Stunde anmutet. Wie wird man eigentlich zum Kriminalschriftsteller? Interesse am Zusammenhang von Gesellschaft und Verbrechen, Spannung und Unterhaltung, Lust am Rätsel und an Geheimnissen – vielfältige Antworten auf diese Frage sind denkbar und die meisten davon in Variationen auch oft gesagt. Anthony J.
Read More Grüner wird’s nicht von Frank Schorneck „Es war in der Einwohnerschaft von Duneen weitgehend akzeptiert, dass, sollte ein Verbrechen geschehen und es Sergeant Collins gelingen, den Täter festzunehmen, dieser Verhaftung wohl kaum eine Verfolgung zu Fuß vorausginge.“ – Sergeant PJ Collins war schon dick, bevor er seinen Dienst in Duneen antrat, einem südirischen Kaff, das verschlafen zu nennen noch ein Euphemismus wäre. Ein Polizeialltag, der zwischen den reichhaltigen, von der fürsorglichen Haushälterin zubereiteten Mahlzeiten noch so manche zusätzliche Leckerei bereit hält und ansonsten weder geistige noch körperliche Beweglichkeit erfordert, hat
Read More Irland und der Nationalsozialismus Von Sonja Hartl „Rattenlinien“ heißen jene Fluchtlinien, die führende Vertreter des Nationalsozialismus und Angehörige der SS nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs genutzt haben, um aus dem Land zu kommen. Einige ihrer Gesinnungsgenossen hatten sehr früh erkannt, dass der Zusammenbruch bevorsteht und sich abgesetzt. Dann organisierten sie vom Ausland aus Fluchtrouten für ihre Verbündeten, „mit Unterstützung der Kirche oder dem ein oder anderen Regierungsmitglied. Ein Empfehlungsschreiben, ein paar Devisen, um die Reise zu erleichtern, und Bargeld, um ein neues Leben zu beginnen.“ So steht es in
Read More Ken Bruen Jack Taylor Übersetzt von Susanna Mende In Interviews werde ich dauernd gefragt, woher dieser merkwürdige, angegraute, mürrische Privatdetektiv Taylor kommt. Er ist der schlechteste Detektiv der Welt. Fälle werden nicht wegen, sondern trotz seiner Hilfe gelöst. Er ist trunksüchtig drogensüchtig rüpelhaft unausstehlich und in schlechter Verfassung und doch … Forsters berühmte Worte. Er erledigt seinen Kram … irgendwie, und er sucht verzweifelt Anschluss, auch wenn er es nie zugeben würde. Aber Kontakt herzustellen, das gelingt Jack … normalerweise, wenn er es am wenigsten erwartet. Seine Liebe zu Büchern
Read More Welcher Schrotgröße ist am besten für Schnepfen? Morden ist eine ziemlich heitere Angelegenheit. Manchmal fühlt man sich danach ein bisschen besser. Zunimdest in einem irischen Dörfchen. Aber irische locations haben ja schon immer was von Weltalltag. „Bogmail“ von Patrick McGinley ist dafür ein wunderbarer Beleg. Klaus Kamberger freut sich. Donegal? Klingt nach Provinz, ziemlich sogar. Ist es auch. Mit dem Zeigefinger auf der irischen Landkarte immer feste nach oben, links: Dún na nGal. Dahinter kommt dann das Meer. Immer noch Europa, aber das nun in seiner skurrilsten Ausformung. Donegal, das
Read More Bloody Questions von Marcus Müntefering The Crime Questionnaire (Vol. 17): Adrian McKinty Adrian McKinty kann man eines nicht vorwerfen: dass er keine eigene Meinung hat. Die formuliert er unter anderem in seinem überaus lesenswerten Blog, der den schönen Titel „The Psychopathology of Everyday Life“ trägt und in dem er sich ebenso scharfsinnig wie scharfzüngig über Literatur, Filme, TV, Musik, Politik, Sport und das Irisch-Sein an sich auslässt. So viel geballte Meinungskraft führt natürlich zu gelegentlichen Widersprüchen: So ließ er sich einst in einem Post über Krimischriftsteller aus, die Serien schreiben
Read More Das große Dubliner Schlachten Nach Gene Kerrigans Noir-Krimi „Die Wut“ erscheint jetzt der bereits 2009 veröffentlichte Band „Dark Times in the City“ in deutscher Übersetzung als „In der Sackgasse“. Kerrigan beschreibt die permanente Ausweitung der Kampfzone Dublin nach dem großen Banken- und Finanz-Crash: Rivalisierende Gangs wollen höhere Renditen einfahren, mehr Marktanteile auf allen Sektoren der OK erobern- so wird der Bandenkrieg immer brutaler und letaler. Von Peter Münder Kleiner Exkurs zur aktuellen, „sauberen“ Business-Kriminalität dieser Tage, die Kerrigan beim Schreiben im Hinterkopf hat: Ein milliardenschwerer Medien-Tycoon bekommt von der Staatsbank
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