Drei Romane und ein Todesfall
Frank Schorneck über Molly Keane „Das gute Benehmen“, Megan Nolan „Kleine Schwächen“, Colin Barrett „Wilde Häuser“ und die Comedy-Thriller-Serie „How to get to heaven from Belfast“ von Lisa McGee (Netflix)
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Hinter der Fassade
Vor nicht ganz vier Jahren gründete sich in München ein Verlag, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, nachhaltig zu arbeiten. Kjona lässt den Booktok-Trend von Farbschnitten und sonstigen Veredelungen links liegen, verzichtet auf Schutzumschläge und legt auch in Punkto Papier und Farben hohe ökologische Maßstäbe. Nachhaltigkeit beschränken die Verlagsgründer dabei nicht nur auf Materialien und den Herstellungsprozess, sondern auch auf eine faire Bezahlung der Urheber*innen – und dazu zählen neben den Autor*innen auch die Übersetzer*innen, die hier selbstverständlich auf jedem Cover mit genannt werden.
Aber – Hand auf’s Herz: So begrüßenswert diese Ansätze sind, uns Lesenden ist doch letztlich am wichtigsten, was auf den hundertprozentig recyclebaren Seiten geschieht. Auf 29 Titel bringt es der Verlag mittlerweile, mit einem recht vielfältigen Spektrum. Unter den Neuerscheinungen dieses Frühjahrs befinden sich gleich zwei äußerst empfehlenswerte Bücher irischer Autorinnen.
„Das gute Benehmen“ von Molly Keane führt in das frühe 20. Jahrhundert, aber in eine Welt, die zumindest die deutschsprachige Leserschaft selten in irischer Literatur vorfindet: Hier steht nicht das arme (katholische) irische Volk im Vordergrund, sondern der (protestantische) anglo-irische Landadel. Ich-Erzählerin Aroon St Charles wächst in einer emotional kalten Familie auf. Zwischen Jagd und gesellschaftlichen Verpflichtungen erfahren Aroon und ihr Bruder keine Liebe von den Eltern, die Erziehung wird in die Hände von Nannys gegeben. Wichtig ist der äußere Schein: Auch wenn es im Herrenhaus zieht und an Feuerholz gespart wird, werden Jagdfeste gefeiert und Pferderennen besucht. Aroons Vater wirft mehr als nur ein Auge auf alles Weibliche und ist damit sogar weiter erfolgreich, nachdem er aus dem Ersten Weltkrieg beinamputiert zurückkehrt. Die Mutter will all dies nicht wahrnehmen, widmet sich mit Inbrunst dem Garten und der Malerei.
Aroon schildert all dies, ohne wirklich zu verstehen, was um sie herum vorgeht. Die Erzählperspektive dieses Mädchens und späterer jungen Frau, die in unglaublicher Naivität das Portrait einer untergehenden sozialen Schicht zeichnet, ist der vermutlich außergewöhnlichste Aspekt dieses Romans. Aroon möchte so gern Daddys kleines Mädchen sein, ihm alles Recht machen, doch sie hat Angst vor ihrem Pony, der Reitunterricht unter den strengen Augen des pferdebegeisterten Vaters ist eine reine Tortur. Und dass das groß gewachsene Mädchen mit einem beachtlichen Appetit gesegnet ist, führt dazu, dass sich alle hinter ihrem Rücken über das unförmige Wesen lustig machen. Sie schildert die Demütigungen, ohne sie wirklich als solche wahrzunehmen. Sie klammert sich an die Liebe zu einem Jugendfreund, der jedoch ihrem Bruder zugetan ist und sie lediglich als Alibi missbraucht. Das alles ist sowohl tieftragisch als auch auch hochkomisch, zum Beispiel wenn Aroon schildert, wie aufopferungsvoll sich die Köchin darum kümmert, unter der Bettdecke den Fuß des Vaters zu wärmen – und alle außer ihr wissen, dass es nicht der Fuß ist, dem die Bemühungen gelten.
Tara-Louise Wittwer beschreibt in ihrem Vorwort zum Roman Aroon als „unlikeable female character“. Sie sieht in ihr eine Frau, die aus dem Raster fällt und sich nicht anpassen will, eine der Frauen, „die sich Platz nehmen, Frauen, die ein bisschen zu viel sind, Frauen, die aus dem von Männern vorgegebenen, patriarchalen Raster fallen, nicht reinpassen, nicht reinpassen wollen, nicht so sein wollen, wie man sie haben will, klein, kleiner, unauffällig, leiser, likeable“. Mit dieser Einschätzung liegt die Autorin und Kolumnistin so weit daneben wie Aroon in ihrer Sorge um den erkalteten Fuß des Vater, denn tatsächlich ist Aroon ständig auf der Suche nach Bestätigung, nach ihrem Platz in der Gesellschaft, nach Freundschaft und Liebe. Sie nimmt sogar Spott und Häme auf sich, was immerhin Aufmerksamkeit bedeutet. Sie ist, bis hin zu einer demütigenden Ballkleidanprobe, ein zutiefst bemitleidenswertes Geschöpf, das davon träumt, eine Prinzessin zu sein, weitab von rebellischem oder feministischem Ansatz. Wer nach Lektüre des Vorwortes eine „Fleabag im Irland der 1920er Jahre“ erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden, denn Aroon ist keinesfalls aus freien Stücken eine Außenseiterin, ihre Rebellion erwächst erst spät aus jahrzehntelanger Demütigung.
„Das gute Benehmen“ ist eine Wiederentdeckung. Erstmals 1981 veröffentlicht, stand der Roman auf der Booker-Shortlist. Die äußerst bissige Sozialsatire auf die Anglo-Irische Aristokratie war der erste Roman, den die damals 77jährige Autorin unter eigenem Namen veröffentlichte. Zwischen 1928 und 1956 schrieb sie nicht weniger als 11 Romane und auch Theaterstücke unter dem geschlechtsneutralen Pseudonym „M.J. Farrell“, bevor sie für mehr als 20 Jahre literarisch verstummte. Auch 45 Jahre nach Erscheinen von „Good Behaviour“ vermag ihre erzählerische Raffinesse, ihr tiefgründiger Witz und schwarzer Humor zu überzeugen. Im deutschen Sprachraum erschien der Roman erstmals 1992 unter dem Titel „Eine böse Geschichte“ und ist nur noch antiquarisch erhältlich. Die Neuübersetzung und Neuauflage verdient einen Platz im Klassikerregal.
Molly Keane: Das gute Benehmen (Good Behaviour, 1981). Aus dem Englischen von Bettina Abarbarnell. Kjona Verlag, München 2026. 336 Seiten, 26 Euro.
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Kinder töten
Soziale und familiäre Verwerfungen stehen auch im Mittelpunkt des Romans „Kleine Schwächen“ der 1990 in Waterford geborenen Megan Nolan. Allerdings begibt sie sich an den unteren Rand der Gesellschaft, wo niemand bemüht ist, den Schein zu wahren, wo Klartext geredet wird. Im Mai 1990 wird in einer Londoner Sozialsiedlung ein dreijähriges Mädchen tot aufgefunden. Als sich herausstellt, dass die zehnjährige Lucy die letzte war, die beim Spielen mit der Kleinen beobachtet wurde, kommt ein furchtbarer Verdacht auf. Schließlich war Lucy schon immer irgendwie anders, auffällig, eine Außenseiterin, die „RAF“ spielt und nicht zimperlich ist. Sie kommt aus einer kaputten Familie, Gypsies aus Irland, von Alkohol und Verwahrlosung ist die Rede. Mia hingegen, das tote Mädchen, stammt aus einer vorbildlichen, gesellschaftlich bestens vernetzten Familie. Ein gefundenes Fressen für den skrupellosen Reporter Tom, der Schlagzeilen wittert und sich das Vertrauen der Familie erschleicht. Während Lucy von der Polizei abgeholt wurde, sorgt Tom mit Hilfe eines korrupten Polizisten dafür, dass er die Familie vermeintlich aus der medialen Schusslinie holt, um sie ganz exklusiv für sich zu haben.
Aus den Gesprächen, die der Journalist mit Lucys Mutter Carmel, mit dem Großvater und dem Onkel führt, entwickelt Nolan eine mitreißende Sozialstudie: Die Liebesgeschichte der 17-jährigen Carmel mit dem älteren Derrek, der ihr just an dem Tag, an dem sie ihre Schwangerschaft feststellt, den Laufpass gibt. Der verzweifelte Versuch, das Kind irgendwie loszuwerden, ohne dass die Eltern davon erfahren. Die letztlich über Monate verdrängte Schwangerschaft, die von der Außenwelt erst wahrgenommen wird, als jegliche Frist für eine Abtreibung verstrichen ist. Die Familie zieht aus dem beschaulichen irischen Waterford ins anonyme London, Carmels Mutter Rose kümmert sich liebevoll um ihre Enkelin, wohingegen Carmel ihre Tochter ebenso aus ihrem Bewusstsein verdrängt wie sie es mit der Schwangerschaft getan hat. Die beiden Männer der Familien begegnen der Entwurzelung mit Alkoholismus.
Megan Nolan beleuchtet mit seziererischer Präzision, an welchen Stellen es in den Lebensläufen der Protagonisten zu Bruchstellen, zu falschen Entscheidungen gekommen ist. Jeder einzelne Charakter ist psychologisch ausgefeilt bis ins Detail. Nolan bringt Empathie für jede ihrer Figuren auf, ohne sie zu willenlosen Opfern eines vorherbestimmten Schicksals zu machen. Der Roman stellt Klischees auf den Kopf. Megan Nolan legt den englischen Fremdenhass gegenüber den irischen Einwanderern offen und die Sensationslust der Boulevardpresse. Doch Toms grenzüberschreitende „Verhöre“ fördern Schicksale zutage, die seinem vorgefertigten Urteil widersprechen.
Ein abgründiger, und dennoch zutiefst menschlicher und tröstlicher Roman.
Megan Nolan: Kleine Schwächen (Ordinary Human Failings, 2023). Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. Kjona Verlag, München 2026. 256 Seiten, 24 Euro.
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Am unteren Rand
Ein Verlag, der sich in den letzten Jahren sehr um zeitgenössische irische Literatur verdient gemacht hat, ist der vor allem für seine aufwändigen Fotobände hoch gelobte Steidl Verlag. Sebastian Barry, Liz Nugent, Claire Keegan, Louise Kennedy, Una Mannion oder Colin Barrett formen einen eindrucksvollen Chor irisch geprägter Stimmen im literarischen Programm des Verlages. Colin Barrett, dessen Geschichtenbände „Junge Wölfe“ und „Heimweh“ bereits in die Welt der Türsteher, Kleinkriminellen und Abgehängten im äußersten Westen Irlands geführt haben, legt nun einen hoch beachteten Roman aus ebendieser Region und Gesellschaftsschicht vor.
„Mayo, God help us!“ – Der Ausruf, der dem ärmlichen und kargen irischen Landstrich gewidmet ist, hat sich seit Heinrich Bölls Irischem Tagebuch auch im Sprachschatz deutschsprachiger Irland-Touristen gefestigt. Dabei hat auch Mayo einige touristische Attraktionen zu bieten. Hierzu mag auch das alljährliche Salmon-Festival der Kleinstadt Ballina zählen. Rund um dieses Fest spielt der Debütroman des irisch-kanadischen Autors Colin Barrett – doch sein Augenmerk gilt keinesfalls dem touristischen Potential der grünen Insel:
Dev Hendrick, ein gutmütiger Riese, lebt seit dem Tod der Mutter allein mit deren Hund in einem abgeschiedenen Haus. Ein kleinkriminelles Brüderpaar (zugleich Cousins von Dev) hat das Potential der Wohnlage und der Gutmütigkeit des jungen Mannes erkannt und nutzt das Haus mit seinen Anbauten als Drogenversteck. Diesmal jedoch haben Gabe und Sketch Ferdia einen verletzten Jugendlichen dabei, als sie im nächtlichen Regen eintreffen: Doll English ist eine Geisel, entführt, um Schulden aus einem Drogendeal einzutreiben. Dabei hat Doll eigentlich mit den Geschäften seines älteren Bruders nichts zu schaffen, er scheint für die Brüder halt nur das geeignete Mittel, jemanden unter Druck zu setzen, den selbst eine gebrochene Hand nicht zur Kooperation bewegen konnte. Während sich das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen dem gutmütigen Dev, den zu Gewaltausbrüchen neigenden Ferdia-Brüdern und dem verzweifelten Doll kammerspielartig entwickelt, steht Dolls 17-jährige Freundin Nicky vor einem Rätsel: Doll und sie waren am Vorabend auf einer Party, es kam zum Streit und man verlor sich aus den Augen. So fällt erst gar nicht auf, dass Doll verschwunden ist. Erst als ihr ein bedrohliches Ultimatum unterbreitet wird, wandelt sich ihr aufgestauter Zorn auf Doll in Sorge.
Vordergründig kann man „Wilde Häuser“ durchaus als Krimi lesen. Barrett baut den Spannungsbogen überzeugend auf und versteht sich zudem darin, Situationen eskalieren zu lassen, indem er seine Protagonisten unüberlegte Entscheidungen treffen lässt. Doch noch weit beeindruckender sind seine Charakterzeichnungen, allen voran von Dev, der im Verlauf der Geschichte weit tiefgründiger wird als man es zu Beginn für möglich hält, und von Nicky. Diese weiß längst, dass ihre Zukunft nicht in der westirischen Provinz liegt und dass Doll der in seiner Faszination für das kleinkriminelle Drogenmilieu wenig Ehrgeiz entwickelt, bei aller Liebe nur ein Klotz am Bein ist. Es ist ein moralisches Dilemma, dass sie dennoch helfen will und sich mit in illegale Machenschaften verstricken lässt.
Barretts Roman präsentiert ein Irland abseits der Klischees. Auch wenn das traditionelle Salmon-Festival in Ballina ein pittoreskes Setting bieten könnte, blickt er auf den Müll, der vom Feuerwerk beleuchtet wird, rückt eine Jugend in den Vordergrund, die in eine ungewisse Zukunft blickt – blickt aber auch auf eine ältere Generation, die den Halt in der Welt verloren hat. Ein Beispiel ist Devs Vater, der einst Polizist war und nun in der Psychiatrie lebt. Sprachlich findet Barrett zum Teil außergewöhnliche Bilder und überzeugt mit sehr pointierten und lebendigen Dialogen, die auch in Claudia Glenewinkels und Hans-Christian Oesers Übersetzung glänzen. Dass sich die angestaute Spannung letztlich im Showdown nur zum Teil entlädt, mag Krimifans vielleicht enttäuschen – als Stimmungsbild des heutigen ländlichen Irland hingegen funktioniert der Roman perfekt.
Colin Barrett: Wilde Häuser (Wild Houses, 2024). Deutsch von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag, Göttingen 2026. 256 Seiten, 25 Euro.
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Ich weiß, was du vor einigen Sommern getan hast
Um nach den doch eher düsteren, nicht unbedingt Urlaubslaune weckenden irischen Schicksalen wieder etwas zu lachen zu haben, empfiehlt sich eine wundervolle Serie, die derzeit bei Netflix zu finden ist. Verantwortlich ist Lisa McGee, die bereits mit den großartigen „Derry Girls“ ihr Talent unter Beweis gestellt hat, Wortwitz und Situationskomik mit politischer Brisanz zu kombinieren. Die politischen Wirren in Nordirland spielen diesmal höchstens in kleinen Anspielungen in Dialogen eine Rolle. Während bei den Derry-Girls Teenagerinnen in den Troubles zwischen Katholiken, Protestanten und Hormonen im Fokus stehen, sind die Protagonistinnen nun erwachsen geworden: Drei Freundinnen Ende 30 erhalten per geheimnisvoller E-Mail Nachricht vom Tod des vierten Mitgliedes ihrer vermeintlich unzertrennlichen Clique aus Schulzeiten. Mit der Toten verbindet sie ein düsteres Geheimnis – und die Mail deutet an, dass dieses gelüftet werden könnte…
In Besprechungen der Netflix-Produktion wird zuweilen kritisiert, dass sich McGee nicht so recht entscheiden konnte, ob die Serie Thrill oder Comedy sein soll. Wer sich aber auf wilde Sprünge zwischen Genres einzulassen bereit ist, kann hier Höhepunkte schwarzen Humors, gepaart mit Hochspannung, einem Schuss Mystery und absurdesten Wendungen und Twists bis hin zu einem feministischen Pendant zu den „Kingsmen“ erleben. Auch wenn man gewohnt ist, um die Ecke zu denken, wird man hier sicherlich mehrfach aufs Glatteis geführt. Es braucht beim Originalton eine Weile, bis man sich in den Zungenschlag eingehört hat, zumal das Redetempo bisweilen atemberaubend ist – aber schließlich gibt es Untertitel und man kann das Ganze auch mit Gewinn ein zweites Mal sehen.
Lisa McGee: How to get to heaven from Belfast, Comedy-Thriller-Serie, 8 Folgen, Netflix
Frank Schorneck













