
Auf dem Land
Nichts geht, alles scheint festzuhängen, sich allenfalls zäh zu bewegen in dieser Kleinstadt im Westen Irlands, auf die Colin Barrett seine Aufmerksamkeit richtet und ein paar Leben in wenige Tage packt. Weil ein junger Dealer seine Schulden nicht zahlen kann, entführen zwei Kleinkriminelle dessen 16-jährigen Bruder. Sie halten ihn in einem abseits gelegenen Haus fest, das ihrem Cousin Dev gehört, ein sanfter Riese, den sie schon in der Schule drangsaliert und gedemütigt haben, bis er früher abging, einen Job fand, dann arbeitslos wurde. Seit seine Mutter tot ist, wohnt er allein in dem Haus, verdient sich ein bisschen Geld, indem er seinen Cousins ein Drogenversteck zur Verfügung stellt. Einen Entführten festzuhalten, das weiß er selbst, ist jedoch eine Nummer größer. Das gefällt ihm nicht, zumal ihn seine Cousins ungefragt zum Komplizen gemacht haben. Den jungen Dolan „Doll“ English haben die beiden betrunken von der Straße weg ins Auto gezerrt und setzen nun darauf, dass dessen älterer Bruder irgendwie das fehlende Geld besorgt. Dolls Mutter Sheila entwickelt kurzerhand aus Verzweiflung einen Plan, um ihren Jüngeren zurück zu bekommen. Den älteren hat sie längst aufgegeben. Dolls 17-jährige Freundin Nicky muss sich entscheiden, wie weit sie sich engagiert, um ihren Freund zu retten.
Der 1982 geborene Barrett hat zunächst Kurzgeschichten geschrieben. Sie erschienen unter anderem in Granta und Stinging Fly, später dann als Bücher, die beide in Übersetzung auch bei Steidl herauskamen, „Junge Wölfe“ und „Heimweh“ heißen sie. Er wuchs in der Grafschaft Mayo im Westen Irlands auf, wo nun auch sein erster Roman spielt. Inzwischen lebt er in Kanada, schreibt also mit räumlichem Abstand. Barretts Figuren sind allesamt Versehrte, alle müssen sie sich strecken, um im ländlichen Irland über die Runden zu kommen. Nicky ist Vollwaise, geht noch zur Schule und jobbt in einem Restaurant. Auch die Familienstrukturen der anderen, alles Jugendliche und junge Erwachsene, sind mindestens lückenhaft und schwierig. Und das führt immer wieder auch zu etwas bizarren Situationen, etwa als Doll kurz bevor er entführt wird, zufällig den verschwundenen Vater seines späteren Gastgebers trifft, der ihm Geld gibt, um bei einem Hunderennen für ihn zu wetten. Kurze Lichtblicke, aussichtslose Verzweigungen.
Es sind kleine Entwicklungen, die Barrett in dieser engen Konstellation sichtbar macht. Denn alle werden durch die Ereignisse kurzfristig aus ihrer Alltagslethargie gerissen. Dev, der junge Hausbesitzer, entdeckt etwas Selbstbewusstsein, Dolls Freundin Nicky beschließt, nach der Schule in Dublin zu studieren, seine Mutter Sheila ist entschlossen, wenigstens einen ihrer Söhne zu retten und die beiden Entführer fühlen sich in ihrer Rolle offensichtlich auch nicht wirklich wohl, pendeln zwischen Aggression und Fürsorge. Es ist eine sehr langsam und sacht erzählte Geschichte, in der es Barrett auf Nuancen und leichte Verschiebungen ankommt. In Gang gesetzt werden die allerdings stets durch Gewalt, die hier immer wieder aufbricht. Da gilt es, sich immer wieder neu zu arrangieren, sich zu behaupten oder neu zu orientieren, um diesem lähmenden Kreislauf zu entkommen. Lebend am besten.
Frank Rumpel
Colin Barrett: Wilde Häuser (Wild Houses, 2024). Aus dem Englischen von Claudia Glenewinnkel und Hans-Christian Oeser. Steidl-Verlag, Göttingen 2025. 255 Seiten, 25 Euro.


















