
Männer und Frauen, in der Ehe gefangen
Eine Besprechung von Frank Schorneck
„Woher weiß eine Frau, die drei Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Bucht lebt, aus dem Fenster schaut und ein bisschen Rauch sieht, dass das Feuer absichtlich gelegt worden ist?“ – Niemand ahnt im Oktober 1994, dass Izzy Keaveney nur ein halbes Jahr später mit dieser Frage eines Detectives konfrontiert werden wird – am wenigsten sie selbst. Izzy ist die Gattin eines Lokalpolitikers, der aus Idealismus die Interessen der eigenen Familie – und vor allem die seiner Frau – hinter die des Ortes stellt. Dass er sich am parteipolitischen Ränkespiel nicht beteiligt, wird ihm allerdings bei der Vergabe von Parlamentsposten nicht gedankt – zum Minister ernannt werden wie immer und überall die Strippenzieher der Macht. Zuhause jedoch bestimmt James, wo es langgeht. Izzys Traum, im Ort einen Blumenladen zu eröffnen, blockiert er aktiv. Im Gegenzug straft Izzy ihn nach Streits mit teils tagelanger Wortlosigkeit. Eine willkommene Abwechslung sind für sie die gesprächigen Nachmittage bei Tee und Gebäck, die sie mit dem neuen Dorfpfarrer verbringt – einem Mann der vor der Berufung zur Kirche eine durchaus weltliche Vergangenheit hatte.
Pfarrer Brian ist es auch, der einer anderen Person mit Vergangenheit eine neue Chance gibt: Colette Crowley, die Mann und Kinder verlassen hat, um in Dublin ein unstetes Leben zu führen, ist wieder zurückgekehrt, um ihren Söhnen nahe zu sein. Ihr Ehemann verweigert ihr aber jeglichen Umgang mit den Jungs. Bei weitem nicht so reumütig, wie es ihr in den Augen der meisten Dorfbewohner zu Gesicht stünde, sondern selbstbewusst und scheinbar stark mietet Colette sich in einem Cottage an der Coast Road ein. Das Cottage, eigentlich ein Sommerhaus für Touristen, gehört Donal und Dolores Mullen: sie gerade mit dem dritten Kind schwanger, er ein notorischer Fremdgänger.

„Coast Road“, der Debütroman des in Berlin lebenden irischen Autors Alan Murrin, kreist vorrangig um diese drei Paare. In einer Zeit, nur wenige Monate vor dem wichtigen Referendum zur Legalisierung von Scheidung im Jahr 1995 (!), sind nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer in ihren unglücklichen Ehen gefangen. Colette, die als Lyrikerin in Literaturkreisen geschätzt wird, was von der lokalen Bevölkerung aber eher als zwielichtiger Beruf eingestuft wird, bietet im Gemeindezentrum einen Schreibworkshop an und Izzy, die in ihrer Jugend bereits mit ihr befreundet war, meldet sich allein deswegen an, um ihren Mann zu ärgern. Murrin schildert diese Schreibgruppentreffen mit großem Witz, aber auch Einfühlungsvermögen für die unterschiedlichen Charaktere, die in der Literatur eine Ausdrucksform suchen. Ein scheinbar harmloses Schreibspiel fördert bei den Teilnehmenden unterdrückte Gefühle zutage, führt zum Zusammenbruch einer Teilnehmerin und auch bei Izzy dazu, ihre aktuelle Situation zu hinterfragen. Colette wiederum versucht über Izzy, mit ihrem jüngsten Sohn in Kontakt zu treten, denn die Kinder beider Familien waren befreundet. Dass es zwischen den Jungs ebenfalls Spannungen gibt, liegt nicht zuletzt an Colettes Rückkehr.
Murrin entwirft ein vielschichtiges Tableau einer irischen Kleinstadtgemeinschaft in den 1990er Jahren. Gerüchte machen schnell die Runde, politisches Taktieren reicht bis in die Strukturen der Kirche. Die allein lebende Frau in dem einsam gelegenen Cottage wird zur Projektionsfläche für Begierden (der Männer) und Neid (der Frauen). Letztlich könnten alle das Unglück kommen sehen, das den Ort erschüttern wird. Murrins Roman ist ein Psychogramm mehrerer in Sackgassen geratener Ehen im Umfeld einer bigotten und kleingeistigen Gesellschaft. Murrins Augenmerk gilt dabei in erster Linie den leisen Zwischentönen, den ganz leichten Verschiebungen und Brüchen in der scheinbar heilen Welt. Es ist ein leiser, unaufgeregter Roman mit subtilem Humor und einem feinen Gespür für die im Alltag lauernden Dramen. Vielleicht ein wenig zu unaufgeregt, trotz der großen Tragödien. Ob er langen Nachhall entwickelt, wird sich herausstellen. Lesenswerte Lektüre für den nächsten Irland-Trip ist er allemal.
Frank Schorneck
Alan Murrin: Coast Road (The Coast Road, 2024). Deutsch von Anna-Nina Kroll. Verlag dtv, München 2025. 380 Seiten, 24 Euro.












