Posted On 15. Februar 2017 By In Crimemag, Kolumnen und Themen With 1241 Views

Essay: Ian Rankin: Rebus

Ian_Rankin_54689tJohn Rebus

Ian Rankin erzählt uns, wie er einst zu seiner Figur gefunden hat

(in einer Übersetzung von Susanna Mende)

Einundzwanzig berühmten Krimiautoren mit Detectives als Serienhelden hat Otto Penzler, ausgewiesener New Yorker Krimiexperte und Betreiber des Mysterious Bookshop, die gleiche Frage gestellt: Wie ist Dein Held eigentlich entstanden?
Die einundzwanzig Antworten darauf sind 2009 in Form von Essays in dem lesenswerten und erhellenden Band „The Lineup – The World’s Greatest Crime Writers Tell the Inside Story of Their Greatest Detectives“ erschienen. Zu den Autoren, die diese Frage beantwortet haben, gehört auch Ian Rankin. Er hat uns diese exklusive deutsche Veröffentlichung sehr freundlich genehmigt.

I

„Männlicher Held (ein Polizist?)“

Das war am 15. März 1985 meine allererste Notiz über die Figur, die schließlich zu Inspector John Rebus werden sollte. Ich war vierundzwanzig Jahre alt und Doktorand an der Universität von Edinburgh. Ich edinb5teilte mir eine Wohnung mit zwei Doktorandinnen in der Arden Street. Ich war seit sechseinhalb Jahren in der Stadt und bekam den Ort noch immer nicht zu fassen. In meiner Doktorarbeit beschäftigte ich mich mit der Romanautorin Muriel Spark, und durch sie begann ich, das imaginierte Edinburgh zu erkunden. In Sparks berühmtestem Werk, Die Blützezeit der Miss Jean Brodie, ist Miss Brodie eine Nachfahrin von William Brodie, einer realen historischen Person. Brodie war Stadtrat, von Beruf Tischler und ein Mann, der ein Doppelleben führte. Respektiert und fleißig am Tag, führte er bei Nacht eine maskierte Bande in das Zuhause seiner Opfer und beraubte diese ihrer Wertsachen. Brodie versuchte seinen verschwenderischen Lebensstil zu finanzieren (einschließlich einiger anspruchsvoller Geliebten) und hatte sein Geschäft auf das Einbauen von Schlössern erweitert, was bedeutete, dass es ihm ein Leichtes war, sich unerlaubt Zugang zu verschaffen. Nachdem er geschnappt und verurteilt worden war, wurde er auf einem Gerüst gehängt, das er selbst in Ausübung seines Berufs zu modernisieren geholfen hatte.

_stevenson9783257207064-deDeacon Brodie, wie man ihn nannte, lieferte die Vorlage für einen weiteren großartigen Charakter der schottischen Literatur, für Robert Louis Stevensons Dr. Henry Jekyll. Muriel Spark war ein großer Fan von Stevenson, und meine Recherchen führten mich zu Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die Idee des Doppelgängers war schon zuvor erkundet worden, in James Hoggs The Private Memoirs and Confessions of a Justified Sinner, also musste ich dieses Buch ebenfalls lesen. Zur gleichen Zeit zog mich zeitgenössische Literaturtheorie immer mehr in Bann, und mir gefiel vor allem der „Spielcharakter“ des Geschichtenerzählens. Schließlich nannte ich meine eigene Figur eines Ermittlers nach einem bestimmten Bilderrätsel, und das Geheimnis seines ersten Abenteuers sollte mit der Hilfe eines Semiotikprofessors gelüftet werden.

Das ist das Problem mit Verborgene Muster (und ein Grund dafür, weshalb ich das Buch heute schwer zu lesen finde) – es ist ganz offensichtlich von einem Literaturstudenten geschrieben worden. Rebus liest zu viel und zitiert sogar Walt Whitman (ein Autor, dessen Werk er wirklich nicht kennen sollte). Er ist viel zu belesen, vielleicht weil ich ihn kaum kannte. Ich war vierundzwanzig und wusste fast nichts über das Leben außerhalb der akademischen Welt. Und schon gar nichts über Polizeiarbeit. Der Plot von Verborgene Muster legte nah, dass Rebus ein erfahrener Profi ist, also machte ich ihn zu einem Vierzigjährigen. Er ist geschieden und hat eine kleine Tochter. Dieser Typ war in jeder Hinsicht anders als ich, und die eine Gemeinsamkeit – die Liebe zur Literatur – machte ihn weniger glaubwürdig.

Heute kommt es mir so vor, als wäre ich an Rebus als Person nicht interessiert gewesen. Er war eine Möglichkeit, eine Geschichte über Edinburgh zu erzählen und die Doppelgänger-Tradition zu erneuern. Verborgene Muster beruhte bewusst auf Jekyll und Hyde, wie auch ein späterer Rebus-Roman, Verschlüsselte Wahrheit, Justified Sinner als Ausgangspunkt nahm. Die Sache ist, ich war schon immer ein Außenseiter gewesen und versuchte, der Welt verschiedene Gesichter zu zeigen. Ich war in einer ziemlich schwierigen Umgebung aufgewachsen – in einem Ort mit siebentausend Einwohnern -, das nur edinb6ein kleines Dorf mit ein paar Bauernhöfen gewesen war, bis man zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Kohle entdeckt hatte. Zum diesem Zeitpunkt brachte mein Großvater die Familie in den Osten des Kohlereviers von Lanarkshire. Häuser wurden schnell (und billig) errichtet, um die neuen Arbeitskräfte unterzubringen. Es blieb nicht einmal Zeit, sich Straßennamen zu überlegen, weshalb die Straßen einfach Nummern bekamen. Mein Vater (das jüngste von sieben Kindern) arbeitete nicht in den Minen, doch seine Brüder schon. Als ich geboren wurde, ging die Kohle allerdings zur Neige. Die Sirene, die den Beginn einer neuen Schicht ankündigte, verstummte eines Tages, und das war’s. Nicht dass ich viel davon mitbekommen hätte, da ich mit meiner eigenen Gedankenwelt, in der ich lebte, viel zu beschäftigt gewesen war.

Es war eine andere Welt – eine fantastische Welt voller Raumschiffe und Soldaten und spannender Abenteuer. Im Winter tat ich so, als wäre mein Bett ein Lager in der Arktis – was von der Wahrheit gar nicht so weit entfernt war. Eine Heizung gab es nur unten im Wohnzimmer, und in den Wintermonaten war morgens, wenn ich aufwachte, eine dünne Eisschicht innen auf den Fenstern. Doch selbst dieses Eis war für meine junge Vorstellungskraft außergewöhnlich und wunderbar. Mit einer Taschenlampe und einem großen Stapel Comicheften – englischen und amerikanischen – lag ich unter den dicken Decken. Bald schon produzierte ich meine eigenen, indem ich mehrere Blatt Papier faltete und die Kanten aufschnitt, um kleine, achtseitige Büchlein zu bekommen, die ich mit Kritzeleien und Zeichnungen füllte – noch mehr Raumschiffe und Soldaten. Ich glaube, ich habe eine dieser Kreationen meiner Mutter gezeigt, die irritiert zu sein schien. Vielleicht hatte sie etwas entdeckt, das mir verborgen geblieben war: einen völligen Mangel an künstlerischer Begabung.

Nicht dass das eine Rolle gespielt hätte, denn im Alter von zwölf wechselte ich vom Comic zur Musik. Ich hatte angefangen, Chart-Singles zu kaufen und Popmagazine zu lesen. Ich tapezierte die Wände meines Zimmers mit Postern. Der große Bruder eines Freunds machte mich auf Frank Zappa, Jethro Tull und Led Zeppelin aufmerksam. Meine Mutter war bereit, mir zum Geburtstag ein Hendrix-Album zu kaufen, auch wenn das einen Besuch in dem schrecklichen „Hippie“-Plattenladen im nahegelegenen Kirkcaldy erforderte. Doch wie bei den Comicheften wollte ich nicht bloß Zuschauer sein – ich wollte eine eigene Band und entwarf auf dem Papier, was im wirklichen Leben unmöglich war. Mein alter Ego war der Sänger Ian Kaput, und zu ihm gesellten sich der Gitarrist Blue Lightning und Bassist Zed „Killer“ Macintosh (außerdem ein Schlagzeuger mit einem Doppelnamen, den ich vergessen habe). Die Gruppe nannte sich Amoebas. Sie begannen mit dreiminütigen Popsongs, gingen dann zu Progressive Rock über – ihr Meisterwerk dauerte sechsundzwanzig Minuten und hieß „Continuous Repercussions“ – und ich war die ganze Zeit bei ihnen, schrieb die Songtexte, entwarf ihre Plattenhüllen und plante ihre Welttourneen und Fernsehauftritte. Ich kreierte jede Woche eine Top Ten (Albums und Singles), die auch die Musik weiterer neun Gruppen enthielten und so weiter.

Heute ist mir bewusst, dass ich Gott spielte, mir meine Welt erschuf und sie aufregender und atmosphärischer zu machen versuchte, als die reale Welt war. Alle Schriftsteller machen das, und ich begann bereits, mich wie ein Schriftsteller zu fühlen. Meine Eltern lasen nicht viel, und es gab nur wenige Bücher bei uns, doch ich fühlte mich von Geschichten angezogen. Ich ging häufig in die Bibliothek und lieh mir auch bald Titel für „Erwachsene“ aus, womit Bücher gemeint sind, deren Verfilmungen ich aus Altersgründen noch nicht im Kino sehen durfte. Mit dreizehn las ich Mario Puzos edinb7Der Pate und Anthony Burgess’ Clockwork Orange. Mit vierzehn war es Einer flog über das Kuckucksnest. Ich entdeckte auch zufällig Ernest Tidymans Shaft-Romane (und gab Rebus schließlich den Vornamen John als Reminiszenz an den „schwarzen Privatdetektiv“ John Shaft). Ich studierte das Fernsehprogramm, um zu sehen, ob es irgendwelche Büchersendungen gab und schaute sie mir an, wobei ich zu dem Schluss kam, dass ich unbedingt diesen Solschenizyn lesen müsse (ich kämpfte mich schließlich durch Der Archipel Gulag). Später sollte es mir zwar nicht gelingen, Dantes Die Göttliche Komödie zu beenden, doch ich war begeistert von Ian McEwans erstem Kurzgeschichtenband.

Mein bestes Fach in der Highschool war Englisch. Ich schrieb gern Aufsätze (die eigentlich Kurzgeschichten waren). Eine hieß „Paradox“ und handelte von einem Mann, der Präsident der Vereinigten Staaten zu sein schien, sich aber als Insasse einer Irrenanstalt entpuppte. Meinem Lehrer gefiel sie, doch er fragte mich, weshalb ich diesen seltsamen Titel gewählt habe. Es sei der Titel eines Songs von Hawkwind, sagte ich zu ihm, und ich möge den Klang und die Optik des Worts.

„Und nein, Sir, ich habe keine Ahnung, was es bedeutet.“

Für einen anderen Aufsatz bekamen wir den Satz „Dark they were and golden-eyed“ und er sagte uns, wir sollten ihn als Ausgangspunkt nehmen. Ich schrieb etwas über ein Elternpaar, das auf der Suche nach seinem vom Weg abgekommenen Sohn ein Haus voller Drogenabhängiger besucht.

Wörter waren eine Leidenschaft von mir. Ich machte Kreuzworträtsel und blätterte in Wörterbüchern, wobei ich mir interessante Wörter notierte (einschließlich das oben genannte Paradox). Und die Songtexte für die Amoebas waren zu Gedichten geworden, von denen ich eins bei einem nationalen Wettbewerb einreichte. Es hieß „Euthanasie“ (noch eins dieser großartig klingenden Worte) und kam auf den zweiten Platz. Als mein Erfolg in der Lokalzeitung Erwähnung fand, erfuhren meine Eltern überhaupt erst, dass ich Gedichte schrieb. Bis dahin hatte ich mich nicht getraut, es irgendjemandem zu erzählen. (Später erfuhr ich, dass Muriel Sparks erste Veröffentlichung ebenfalls ein preisgekröntes Schulgedicht gewesen war).

Wie ein Chamäleon hatte ich mich stets erfolgreich angepasst. Ich spielte (schlecht) Fußball und hatte ein Fahrrad. Ich hing mit den harten Jungs an den Straßenecken herum. Doch wenn es zu einer Schlägerei kam, stand ich abseits und beobachtete alles, ohne mitzumischen. Zu Hause ging ich dann in mein Zimmer und schrieb Gedichte über die Kämpfe, den Alkohol, das erste Gefummle, und dann wanderte mein Notizbuch wieder unter mein Bett in sein Versteck.

II

Okay, jetzt bin ich also siebzehn und will nichts lieber, als Wirtschaftsprüfer werden.

In meiner Familie ist bisher niemand auf die Universität gegangen, doch ich mache einen gescheiten Eindruck und es wird von mir erwartet, dass ich studiere. Und wenn man zur Arbeiterklasse gehört, geht man zur Universität, um seiner Herkunft zu entfliehen – um Karriere zu machen: als Arzt, Anwalt, Zahnarzt, Architekt …

edinb3Ich hatte einen Onkel in England, der (anders als meine Eltern) ein Haus besaß und einen protzigen Wagen fuhr (meine Eltern hatten nicht einmal einen Führerschein). Die Sommerferien verbrachten wir in Badeorten in Schottland und England, oder in einem beengten Wohnwagen fünfundzwanzig Kilometer nördlich unseres Heimatortes. Mein Onkel schien aus seinen Ferien im Ausland immer eine gewisse Bräune mitzubringen. Er war der erfolgreichste Mensch, den ich kannte, und das wollte ich auch sein.

Das Problem war, ich war in Mathe nicht sehr gut. Und Bücher und Schreiben wurden zu einer wachsenden Leidenschaft. Ich hatte ein paar „Romane“ produziert (um die zwanzig Seiten lang, in Übungshefte gekritzelt, die ich in der Schule gestohlen hatte). Der erste handelte von einem Teenager, der sich missverstanden fühlt, von zu Hause wegläuft und nach London geht, wo ihm das Leben so übel mitspielt, dass er schließlich Selbstmord begeht. Der zweite war eine Nacherzählung von Der Herr der Fliegen, Handlungsort war meine Highschool. Langsam dämmerte es mir: Wieso hatte ich vor, auf die Universität zu gehen und ein Fach zu studieren, das mich nicht interessierte? Ich brachte es meinen Eltern bei und sah, wie sie die Schultern hängen ließen. Sie waren damals Ende fünfzig und nicht mehr weit vom Pensionsalter entfernt. Was ich mit einem Abschluss in Englisch anfangen wolle, fragten sie mich? Eine berechtigte Frage.

„Unterrichten“, war das Einzige, was mir einfiel.

Ich sah mich nach passenden Universitäten um. St. Andrews war die nächstgelegene, doch ich las gern moderne amerikanische und britische Romane, und „modern“ in St. Andrews bedeutete John Milton. Ich wusste das, weil ich nachgefragt hatte. Edinburgh hatte allerdings einen Kurs in „Amerikanische edinbLiteratur“, also bewarb ich mich dort und wurde schließlich angenommen. Wie gut kannte ich die Stadt? Fast überhaupt nicht. Ich hatte mein Leben lang fünfundzwanzig Kilometer weiter nördlich gewohnt, doch die Familie verschlug es nur selten dorthin. Ich erinnere mich, dass ich dort einmal eine Bühnenversion von Peter Pan gesehen hatte, und meine Mutter mit mir ins Schloss und ins Kindermuseum gegangen war. In den letzten beiden Jahren auf der Highschool hatte ich am Samstagnachmittag hin und wieder einen Ausflug mit Freunden unternommen. Doch wir blieben jedes Mal bei der vertrauten Strecke, klapperten die verfügbaren Plattenläden ab, einen radikalen Buchladen (wo man in Pornos, die als Kunstbücher getarnt waren, blättern konnte) und ein paar Pubs, wo das Personal beschlossen hatte, dass wir nicht minderjährig genug waren, um ein Problem darzustellen.

Im Oktober 1978 als Student in die Stadt zu kommen, war beängstigend und aufregend zugleich. Der Universität war es nicht gelungen, mir eine Unterkunft zu beschaffen, also teilte ich mit einem Kumpel ein Motelzimmer am Stadtrand. Rasch trat ich den Dichter- und Filmclubs bei; ebenso rasch entdeckte ich neue Pubs, Lokale mit Live-Musik und Stripbars. Ich wurde auch Mitglied einer Punkband (als Sänger und Songschreiber) und fand so neue Abnehmer für meine Verse. Und ich war der Empfänger zahlloser Absagebriefe von Magazinen und Tageszeitungen.

Der Dichterclub traf sich wöchentlich. Hormonell aufgeladene junge Männer (die Dichter schienen alle männlich zu sein, das Publikum fifty-fifty) rezitierten Oden über die verlorene Liebe, unerwiderte Liebe, Liebe aus der Ferne. Meine Gedichte waren ein bisschen anders. Ein typischer Anfang war zum Beispiel:

Mutierte Maschinengewehre patroullierten in der Untergrundbahn
während klebstoffschnüffelnde Kids sich in Aufzugschächten erhängten …

absinthEs gab ein anderes Gedicht namens Strappado (eine Form der Folter) und sogar eins, in dem die schreckliche Geschichte eines Ehemanns erzählt wird, der seine junge Frau in ihren Flitterwochen erdrosselt. Woher kam dieses Zeug bloß? Weshalb schrieb ich Gedichte über Drogenabhängige und Mörder und Kreuzigungen? Ich finde rein gar nichts in meiner Kindheit und Jugend, was dieses offensichtliche Interesse am Bizarren und Dämonischen rechtfertigen würde. Ich hatte sogar ein Alter Ego, einen Herumtreiber namens Kejan, der in diversen Gedichten auftauchte und normalerweise Absinth in Paris trank oder die Bordelle von Alexandria besuchte:

Ein Fremdkörper im Blutkreislauf von Bern,
schüttelt Kejan die Tabakreste
aus der Packung auf das Blättchen,
sein Atem bläst die Krümel
auf den Boden,
über den sie im Luftzug treiben.
Kejan braucht ein wenig Luft …

Selbstverständlich verhalf mir nichts davon zu Sex.

Doch dazu, zum ersten Mal in meinem Leben eine Menge „richtiger“ Schriftsteller kennenzulernen. Der Dichterclub hatte ausreichend Mittel, um jede Woche eine Lesung zu veranstalten, und danach gingen wir auf einen oder neun Drinks irgendwohin, wo uns die Dichter Exemplare ihrer Bücher oder Pamphlete zu verkaufen versuchten, während wir Fragen stellten wie „Was ist nötig, um veröffentlicht zu werden?“. Ich fand bald heraus, dass die meisten Dichter nicht vom Schreiben leben konnten und ihr Einkommen mit anderen Tätigkeiten ergänzen mussten. Ich fragte mich, ob das auch auf Romanautoren zutraf.

Meine Gedichte waren weit entfernt von Wordsworths Ideal „von Emotionen, die in Beschaulichkeit gesammelt werden“. Es waren Erzählungen. Meine Figuren kamen herum und unternahmen etwas, oder ihnen passierte etwas. (Alles hatte seine Konsequenzen). Ich begann Kurzgeschichten zu schreiben, beeinflusst von Ian McEwan, Jayne Anne Phillips und den anderen, die ich damals las. Ich versuchte zwei Dinge herauszufinden: worüber ich schreiben wollte und wie ich schreiben sollte. Ich brauchte eine Weile, um festzustellen, dass das, worüber ich wirklich schreiben wollte, mich von allen Seiten und bei jedem Atemzug umgab und ein Teil von mir war.

Es war Edinburgh selbst.

III

Edinburgh_from_the_castle,_Scotland,_1890s

Edinburgh, Blick vom Schloß, um 1890 (Bild: Wikicommons)

Es ist eine gepeinigte Stadt. Jahrhundertelang wurde sie von der Erinnerung daran gepeinigt, dass sie einst eine blühende Hauptstadt gewesen war, bevor sie diesen Status mit der Unterschrift unter das Vereinigungsgesetz an London verlor. Es ist eine Stadt voller Geister-Touren. Ihre Friedhöfe sind voll davon, und es gibt unzählige Straßen, Tunnel und Höhlen direkt unter der Erdoberfläche. Es ist eine Stadt, die sich vor der Welt versteckt. Wann immer in der Vergangenheit Invasoren anrückten, verschwanden die Bewohner im Untergrund und tauchten erst dann wieder auf, wenn die triumphierenden Armeen genug davon hatte, etwas in Besitz zu nehmen, das einer Geisterstadt glich. Die Stadt, die Touristen zu Gesicht bekommen, weit auch heute noch von der Wahrheit weit entfernt. Edinburgh ist auch Heimat einer blutrünstigen Geschichte. Burke und Hare waren Serienmörder, die sich als Grabräuber ausgaben und mindestens siebzehn Opfer dahinmetzelten, bevor sie zur Rechenschaft gezogen wurden (wonach aus Burkes Haut eine Reihe gruseliger Andenken hergestellt wurde, von denen ein paar im Stadtmuseum zu besichtigen sind).

Es gab Geschichten hochangesehener Bürger, die sich zur Teufelsanbetung bekannten, von einer Kutsche, die von einem kopflosen Kutscher gelenkt wurde, von Covenanters, die hingerichtet und Hexen, die verbrannt wurden. Bei Nacht schlich sich der jugendliche Robert Louis Stevenson aus dem Haus, um sich zu den Huren, Dichtern und Raufbolden in den übelsten Spelunken, die er finden konnte, zu gesellen.

pub1Je länger ich mir Edinburgh besah, desto mehr lernte ich darüber. Die Stadt ist geographisch in zwei Teile geteilt – die labyrinthische Old Town südlich der Princes Street und die rechtwinklig angelegte, elegante New Town im Norden. Die Reise, die der junge Stevenson von der einen zur anderen unternahm, war die Reise von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde. Doch war dieses spezielle Edinburgh eine Stadt der Vergangenheit? Eigentlich nicht. Im Oktober 1977, ein Jahr bevor ich dort als Student eintraf, waren zwei Teenagermädchen, die am Abend ausgegangen waren, verschwunden. Das letzte Mal waren sie in einer Bar namens World’s End gesehen worden. Ihre Leichen wurden am nächsten Morgen gefunden. Über zwei Jahrzehnte blieb ihr Mörder unentdeckt. Edinburghs Studenten wussten, dass es dort draußen tatsächlich einen schwarzen Mann gab; wir brauchten nicht die Schauer, die einem Geister-Touren und dergleichen verschafften.

Das modernde Edinburgh und die Stadt der Vergangenheit kollidierten in meiner Vorstellung. Ich lebte in den Achtzigern und las über Miss Jean Brodie (angesiedelt während der Depression der dreißiger Jahre), Jekyll und Hyde und den Justified Sinner. Das Edinburgh, durch das ich abends spazierte, schien sich nur wenig verändert zu haben. Es gab ein Heroinproblem, eine Immobilienkrise, und Aids schien bereits am Horizont auf. Zwischen den beiden Fußballmannschaften der Stadt herrschte ein erbitterter Konkurrenzkampf, der sich an den Wochenenden gewaltsam entlud. Gogo-Bars wurden endlich durch Lap-Bars ersetzt; wir wussten alle, dass Leith einen Rotlichtbezirk hatte und die Saunas mehr waren, als sie zu sein vorgaben. Ich hörte eine Menge Musik, die später unter den Begriff „goth“ fallen sollte: Throbbing Gristle und Joy Division und The Cure. Meine Fantasien wurden immer düsterer. Ich schlief bis mittags und blieb bis vier Uhr morgens auf. Meine Kurzgeschichten hatten Titel wie „Das Leiden“, „Geständnis“, „Die Vergewaltigung von Mr. Paton“, „Schwein“ und „Isolation“. Ich hatte mein Studium beendet und mich für eine Promotion über Muriel Spark beworben. Ihre Geschichten waren voller übernatürlicher Elemente, schauriger Orten, böser Satire und Teufeleien. Doch sie war eine so elegante, subtile und prägnante Schriftstellerin, dass Kritiker das Dunkle, das direkt unter der schimmernden Oberfläche ihrer Prosa lag, lieber ignorierten. Auch von ihr lernte ich.

Eines Tages wurde mir in einem Brief mitgeteilt, dass ich den zweiten Preis in einem Kurzgeschichtenwettbewerb gewonnen hätte, der von der Tageszeitung Scotsman ausgeschrieben schiff1worden war. Sie wollten die Geschichte drucken und mir ein wenig Geld dafür geben. Sie hieß „Das Spiel“ und handelte vom letzten Tag der Existenz einer Schiffswerft. (Ich habe keine Ahnung, woher diese Idee kam). Ungefähr zur selben Zeit wurde eine andere Kurzgeschichte zur Veröffentlichung vom Magazin New Edinburgh Review angenommen und zwei weitere von der BBC, um sie im Radio zu senden. Eine Geschichte über einen Cop, der bei einem Fußballspiel patrouilliert, wurde in einer Sammlung mit dem Titel New Writing Scotland veröffentlicht. Im August 1984 gewann ich einen Kurzgeschichtenwettbewerb, der von einem lokalen Radiosender organisiert worden war. Peter Ustinov stellte mich als Preisträger vor.

Heilige Scheiße, dachte ich. Es war bestimmt nur eine Frage der Zeit, bis mein erster Roman von einem Verlag veröffentlich wurde.

Das dunkle Herz der Schuld von Ian Rankin

Ahh, mein erster Roman. Er hieß Summer Rites und war eine schwarze Komödie über ein Hotel im schottischen Hochland. Er fand nie einen Verlag, doch ich saß bereits an meinem nächsten Buch, Das dunkle Herz der Schuld.

Nachdem ich mir den Ratschlag „schreib über das, was du kennst“ zu Herzen genommen hatte, siedelte ich diesen Roman in einer (leicht getarnten) Version meines Heimatorts an. Er fand einen kleinen Verlag in Edinburgh, der ein paar hundert Hardcover druckte und vielleicht siebenhundert Taschenbücher, die sich schlecht verkauften und makuliert wurden.

In der gleichen Woche, in der ich den Vertrag für Das dunkle Herz der Schuld unterschrieb, hatte ich die Idee für einen weiteren Roman, der diesmal in Edinburgh spielte, dem gruseligen Edinburgh, über das ich an der Universität gelesen hatte, doch ganz im Hier und Jetzt angesiedelt, und in dem folgende Person vorkam:

„Männlicher Held (Polizist?)“

Am 19. März notierte ich in meinem Tagebuch „Ich habe noch kein Wort geschrieben, doch es ist alles in meinem Kopf, von Seite eins bis ungefähr Seite zweihundertfünfzig.“ Am 24. März schrieb ich die ersten vier Seiten und gab ihnen den Arbeitstitel Knots and Crosses. Am 4. Juli war der erste Entwurf fertig, doch aus irgendeinem Grund begann ich mit dem zweiten nicht vor dem 18. September. Ich tippte die ersten überarbeiteten Seiten ab, als, wie es ebenfalls in meinem Tagebuch steht, mein damaliger Mitbewohner, Jon Curt, vorschlug, in den Pub zu gehen, wo er arbeitete. Der Pub hieß Oxford Bar: „angenehm unprätentiös und bis zwei Uhr morgens geöffnet“. Es sollte ein paar Jahre dauern, bis die Oxford Bar in einem Rebus-Roman auftauchte (ich dachte damals, Bars, Straßen etc. in Geschichten sollten ebenfalls erfunden sein), doch ich war froh, sie gefunden zu haben.

In Bezug auf das, was ich weiter oben geschrieben habe, habe ich mich wohl einer wiederholten Lüge schuldig gemacht. Jahrelang erzählte ich den Leuten, dass ich Verborgene Muster in der Wohnung in der Arden Street geschrieben hätte, direkt gegenüber der Straße, wo Rebus noch immer wohnt. Doch ich verließ die Arden Street im Sommer 1985 und zog bei zwei Studenten (Jon war einer von ihnen) auf der anderen Seite der Stadt ein. Das bedeutet, dass Verborgene Muster Jekyll und Hyde noch näher ist, als ich dachte, da es zum Teil südlich der Princes Street und zum Teil nördlich davon geschrieben wurde.

 

flussWeil mein Roman Das dunkle Herz der Schuld veröffentlicht werden sollte, war eine Agentin gekommen, um zu fragen, ob ich noch an etwas anderem arbeitete. Sie fand, wir sollten Kopien von Verborgene Muster an fünf Verlage in London schicken: Bodley Head, Collins, Century-Hutchinson, Andre Deutsch und William Heinemann. Schließlich bekamen wir eine einzige Zusage – von Bodley Head. Doch mehr brauchten wir nicht, und was mich besonders begeisterte, war, dass ich denselben Verlag hatte wie Muriel Spark – zumindest für eine Weile.“

Mein letzter Tagebucheintrag 1985 lautete: „Von Jahr zu Jahr wird es besser.“

Als das Buch schließlich veröffentlich wurde, am 19. März 1987, schien es jedoch weniger Aufmerksamkeit zu bekommen als sein Vorgänger. Bodley Head gab überhaupt kein Geld für Werbung aus und schaltete weder Anzeigen noch verschaffte er einem Interviews mit Zeitungen oder Magazinen. Das Buch kam heraus und verschwand wieder, ohne dass wirklich jemand Notiz davon genommen hätte. Es kam nicht in die engere Wahl für den First-Novel-Award der Crime Writers Association (den in dem Jahr Denis Kilcommons gewann), obwohl die CWA fragte, ob ich Mitglied werden wollte. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich mir der hässlichen Wahrheit bewusst: Während ich versuchte, „den großen schottischen Neo-Gothic-Roman“ zu schreiben, war aus mir irgendwie ein Krimiautor geworden. Nicht dass mir das schlaflose Nächte bereitet hätte. Ich hatte der Figur mit Namen Rebus Lebewohl gesagt und machte weiter mit einem Spionageroman mit dem Titel Der diskrete Mr. Flint.

Es sollte zirka noch zwei Jahre dauern, bis mein Lektor sich räusperte und mich fragte, was eigentlich mit John Rebus passiert sei.

„Ich mochte ihn, und ich glaube, Sie könnten mehr aus ihm machen …“

Mit dem Räuspern wollte er mir wohl vermitteln, dass Der diskrete Mr. Flint nicht mehr Erfolg hätte als Verborgene Muster, das Krimigenre jedoch einen erneuten Versuch wert sei.

In der Rückschau war die Meinung des Lektors von unschätzbarem Wert, doch auch die Götter schienen Rebus wohlgesonnen zu sein. Ein Fernsehproduzent hatte an dem ersten Roman Interesse gezeigt. Er hatte mit einem Schauspieler (bekannt für seine Rolle in einer beliebten Soap) eine neue Firma gegründet und suchte nach einem vielversprechenden Projekt. Im Erfolgsfall wäre die Handlung von Verborgene Muster nach London verlegt worden (wegen des englischen Akzents des Schauspielers), und das wäre dann vielleicht das Ende meiner Schöpfung gewesen. Jedenfalls verschwand meine Agentin mitten in den Verhandlungen, und der Deal kam nicht zustande. (Keine Sorge, ein paar Jahre später tauchte sie wieder auf.)

rankin1186492008Mit Das zweite Zeichen bekam Rebus eine zweite Chance. Im Titel (im Original: Hide and Seek) steckt der Name Hyde – und tatsächlich war der Arbeitstitel des Buches Hyde and Seek. Es folgte ein Roman, in dem ich Rebus nach London zerrte (wo ich damals lebte), damit er es genauso hassen konnte wie ich. Doch der Schaden war bereits angerichtet: mit drei Büchern hatte ich eine Reihe produziert. Und solange Inspector Rebus sich als zufriedenstellendes Vehikel für meine Nachforschungen über das aktuelle Schottland erwies, würde diese Reihe fortgesetzt. Ich hoffte nur, dass die Leserschaft mitziehen würde.

IV

So kam Rebus also her? Nun, offensichtlich aus meinem Unterbewusstsein, aus dem Kopf eines jungen Mannes, der voller Geschichten und Pläne war. Doch auch voller Bücher, die ich gelesen hatte, und dann gab es noch die Stadt, die ich zu meiner Heimat gemacht hatte, und das Blut, das ihre Wege und Straßen getränkt hatte. Trotzdem kommt es mir noch immer so vor, als wäre er wie ein Blitz aus heiterem Himmel aufgetaucht. Ich habe mir Fotos von mir in meinem Studentenzimmer in der Arden Street angeschaut und in den Tagebüchern von damals gelesen, um Hinweise zu finden. Die Notizen, die ich mir gemacht hatte, bevor ich mit dem Schreiben des Romans begann, waren nicht sehr erhellend. Ich betrachtete das Buch als „metaphysischen Thriller“, verwandte jedoch wenig Zeit auf die Entwicklung von Rebus’ Figur. Ich wollte, dass die Geschichte zahlreiche „Puzzle und Wortspiele“ enthielt, wollte sie „sehr visuell“ haben und beschloss, sie in der dritten Person zu schreiben: „Ich brauche nicht zu tief in die Gedankenwelt der Hauptfigur einzutauchen.“ Rebus sollte mehr eine Chiffre als ein dreidimensionales menschliches Wesen sein. Nach dem Wiederlesen von Verborgene Muster meine ich sagen zu können, dass die Distanz des Lesers zu Rebus in diesem Buch größer ist als in jedem anderen, das folgte. Dafür gibt es einen guten Grund: Ich wollte, dass Rebus in der Vorstellung des Lesers selbst ein potenzieller Verdächtiger ist. Deshalb die kurzen Rückblenden, die Hinweise auf etwas Schreckliches in seiner Vergangenheit und das „verschlossene Zimmer“ in seiner Wohnung. Irgendwann erdrosselt er beinahe eine Frau, die ihn in ihr Bett mitgenommen hat.

Wirklich sympathisch.

Durch reine Willenskraft bleibt Rebus jedoch auf Spur und nimmt eine so klare Gestalt an, dass sich Fans sogar Sorgen um seine Gesundheit machen und, wenn sie mich treffen, feststellen müssen, dass ich Rebus nicht das Wasser reichen kann. Ich bin nicht so beschädigt wie er, nicht so komplex oder so gefährlich. Ich bin nur der Kerl, der seine Geschichten zu Papier bringt. Früh wurde mir klar, dass ein Ermittler einen großartigen Kommentator des Weltgeschehens abgibt. Er hat Zugang zu den Mächtigen im Land, zu Politikern und Oligarchen, aber auch zu Junkies und kleinen Dieben. Indem ich Bücher über Edinburgh schrieb, konnte ich die Stadt (und die Nation, deren Hauptstadt es erneut ist) aus sämtlichen Blickwinkeln durch Rebus’ Augen betrachten. Ich hatte auch Glück – es gab keine Krimitradition in Schottland, also konnte ich meinen eigenen Weg beschreiten. Und damals gab es keine Kriminalromane, die im Edinburgh von heute angesiedelt waren, was bedeutet, dass ich eine Zeit lang keine Konkurrenz hatte.

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Ich hatte auch Glück damit, dass Edinburgh und Schottland sich noch immer auf interessante Weise verändern, was mir zahlreiche Plots liefert, während ich ihre Geheimnisse und Mysterien nur nach und nach preisgebe. Ich lebe, mit Unterbrechungen, seit beinahe dreißig Jahren in der Stadt, und sie überrascht mich noch immer. Unterirdische Straßen und Räume harren ihrer Entdeckung. Archäologische Grabungen im Schloss bringen neue Erkenntnisse ans Licht. Lang vergessene Exponate in den verschiedenen Museen erzählen ihre ganz eigenen Geschichten. Als Thema ist die Stadt unerschöpflich. Es ist vor allem eine Stadt der Worte. Wo sonst auf der Welt könnte man einen Bahnhof finden, der nach einem Roman benannt wurde (Waverley) und ein riesiges Gebäude im Stadtzentrum, welches das Werk seines Autors feiert (das Scotts Monument)? Robert Louis Stevenson erweckte mit seiner Vorstellungskraft seine Heimatstadt zum Leben. Arthur Conan Doyle wurde hier geboren. Muriel Spark wuchs hier auf. Robert Burns machte sich hier einen Namen. James M. Barrie war hier Student. Ganz zu schweigen von Leuten wie Carlyle und Hume. Bis hin zu Zeitgenossen wie J.K. Rowling, Irvine Welsh und Alexander McCall Smith.

Rebus besteht ebenfalls aus Worten – Millionen -, weshalb Sie vielleicht glauben, dass ich genau weiß, wie er tickt, doch er überrascht mich noch immer, was gut zu einem Mann passt, dessen Name „Puzzle“ bedeutet. Seit zwanzig Jahren lebt er bereits in meinem Kopf, doch manchmal fühlt es sich an, als lebte ich in seinem. Als mich vor einiger Zeit ein Psychoanalytiker bei einem Bücherfest interviewte, fragte er, ob Rebus den Bruder repräsentiere, den ich nie hatte, oder vielleicht das Abenteuerleben, das ich nie führen würde. Meine Eltern hatten beide im Zweiten Weltkrieg gedient (mein Vater in Fernost). Eine meiner Schwestern heiratete einen Ingenieur der Royal Air Force und verbrachte danach einen Großteil ihres Lebens damit, die Welt zu bereisen. Als Junge schrieb ich einmal an die Armee und bat um Informationen über die Aufnahme. Doch ich war geradezu lesewütig, und alle meine Abenteuer fanden in meinem Kopf statt.

Vielleicht hatte der Psychoanalytiker recht; vielleicht ist Rebus tatsächlich eine Erweiterung meiner Persönlichkeit – indem er all die gefährlichen Dinge tut, zu denen ich zu ängstlich bin, Regeln bricht und sich über Konventionen hinwegsetzt, in Kämpfe verwickelt wird und mit dem Gesetz in Konflikt kommt und manchmal sogar in Lebensgefahr gerät. Ein paar Kritiker sind zu dem Schluss gekommen, dass Dr. Jekyll und Mr. Hyde ein Buch über den kreativen Prozess und die Trennung von rationalem Verstand und dunklen Fantasien ist, die wir verbergen. In diesem Falle wäre Rebus mein Hyde, der als Naturgewalt agiert, das Unsagbare ausspricht und Dinge tut, dich ich selbst niemals über mich bringen würde – obwohl ich mir gut vorstellen konnte (und kann), sie zu tun.

Sir Winston Churchill hat über Russland einmal gesagt „Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium.“ Das Gleiche gilt meines Erachtens für Schottland und Edinburgh.

Und für Inspector John Rebus.

Ian Rankin

Hier geht es zur Homepage des Autors (englisch), hier zur deutschen. Präsenz bei seinem deutschen Verlag hier.
Vom 30. Juni bis zum 2. Juli 2017 werden in Edinburgh 30 Jahre Rebus mit einem „RebusFest“ gefeiert, einem eigenen Buchfestival, Informationen hier.

Am 13.  März erscheint Ein kalter Ort zum Sterben (Deutsch von Conny Lösch), Hardcover, 480 Seiten, bei Goldmann.
Ian Rankin ist demnächst in Deutschland, und zwar im Rahmen der litCologne 2017 und des Krimifestivals München, und präsentier „Ein kalter Ort zum Sterben“:
14.03.2017         Anatomische Anstalt/Sektionshörsaal, München, Beginn 20:00 Uhr
15.03.2017         MS RheinEnergie/Literaturschiff, Köln, Beginn 19:30 Uhr

„John Rebus“ aus „The Lineup – The World’s Greatest Crime Writers Tell the Inside Story of Their Greatest Detectives“. Hrg. Otto Penzler, Little Brown & Company, New York 2009. Deutsche Übersetzung von Susanna Mende, die überhaupt für dieses Projekt sehr aktiv ist.
Siehe aus dieser Reihe auch bei CrimeMag:
Michael Connelly über Harry Bosch
Lee Child über Jack Reacher

Schlafende HundeInspector Rebus 19 von Ian Rankin

Schlafende HundeInspector Rebus 19 von Ian Rankin

REBUS von Ian Rankin

REBUS von Ian Rankin

Ein Rest von SchuldInspector Rebus 17 von Ian Rankin

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