Geschrieben am 1. Juli 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2022

Markus Pohlmeyer: Orpheus und Euridike. Variationen

1

Photosynthese und Quantenphysik
Licht, Leben … Ich …

Wir verstehen kaum die Poesie des Lebens,
Aus der sich unsere Texte und Geschichten weben.

Eine Supernova … und wir wurden denkender
Sternenstaub, dass wir uns erforschten.

Wie viele Multiversen haben
Unsere Gedichte schon gebaut?

Galaxien über Galaxien:
Wie funkelnde Diamanten, auf schwarzen Samt,

Texte am Webstuhl
Der Zeit und Gravitation.

Relativitätstheorie und ein Sternenabend:
Meine Zeitmaschinen. Ich reise zurück,

Woher ich kam. Gut, einen Blick
Nach Hause zu erhaschen.

2

Der Baum ist nicht Hitler-Deutschland,
Die Schwalbe nicht Putin-Rußland,
Das Kind nicht der Dreißigjährige Krieg,
Und jenes lachende Mädchen nicht ein Schleier.

3

Möglicherweise
Kannst du dies nie lesen.
Lebst du noch?
In meiner Erinnerung
Wirst du immer sein,
Wie du warst.
Keine Zeit, kein Altern,
Keine Scheidung, kein Streit,
Vor allem kein Kampf
Um die Kinder,
Keine Krankheit, keine Kälte,
Kein Haß, keine Enttäuschung,
Nur Schönheit, Schönheit,
Und Unvergänglichkeit,
Selbst nach dem Feuertod der Erde
Oder dem Erkalten der Sterne.
Selbst wenn ich nicht mehr bin.
Eingeschrieben in die Raumzeit
Dies kleine Gedicht –
(Das ganz schön pathetisch
Seine Reichweite überschätzt,
Aber Gedichte dürfen das:
Immer schon ein wenig hinter
Allen Grenzen sein.)
Irgendwann / in dieser Hoffnung /
Dass du es liest / Und auch /
Wenn du es nie liest /
Gedenke fühle und spür’ /
Dass ein namenloser / unbekannter
Stern / dich liebt. / Dort oben /
Und aus den Tiefen der Zeit.

4

Der Raum ist zu vermessen
Nach Stunden, Minuten und Sekunden.
Gestern versammelte ich viele Jahre
In meinem Namen. So viele Schichten …
Welche Fossilien fände ich von was
In meinen Seelen?

Hier und dort ist Zeit,
Oben auf meinem verstaubten Bücherregal,
Unten auch in den Kontinentalplatten,
In meiner DNA, deren Ahnen
Irgendwann vor 3,5 Milliarden Jahren
Anfingen, molekulare Texte
Zu dichten.

5

Der Baum macht, dass ich atmen kann,
Die Vögel verzaubern mit ihrer Musik,
Dieser kleine Junge bedeutet Zukunft,
Und jenes lachende Mädchen darf einfach
Zur Schule gehen.

6

Klimawandel:

Nun sind wir alle, ausnahmslos alle,
Verantwortlich geworden …
Und durch unsere Lebensstile verdächtig.
Aber: Wo und wie mache ich selbst
Mich auf den Weg? Schwer auszuhalten …

Ich solle mir, da ich an einer Universität
Lehre, ein standesgemäßes Auto
Anschaffen. Moment, irgendwie
Ist mir da der logische Zusammenhang
Nicht klar. Noch ein größeres Auto, noch ein
Luxushaus, noch ein Segelboot,
Vielleicht noch einen da Vinci?,
Nur um durch Äußerlichkeiten den
Mitmenschen die eigene,
Eingebildete Überlegenheit
Zu demonstrieren?

Und es soll
Ein Städtchen geben, wo Draußensein
Mittlerweile nur dann noch sozial erlaubt
Wäre, wenn Hundchen mit Frauchen und
Mit Männchen spazierengehe.

Und plötzlich erkannten sie, dass dieser Planet
Nicht ewig plünderbar sei, („plötzlich“
Kling gut: bekannt ist das schon seit
Jahrzehnten), mehr noch,
Dass wir uns dadurch selbst vernichten.
War schon längst der Weltuntergang? Vor
Kurzem? Gestern? Oder warten wir gemütlich
Auf den nächsten Supervulkan, der würde
Uns viel Arbeit abnehmen. Und in der
Zwischenzeit
Machen wir einfach weiter … Jetzt sind wir
Alle bedrohlich geworden und bedroht, alle.
Unfähig, planetar zu denken. Rückfälle
In Nationalismus und grenzüberschreitende
Dummheiten – dank der Sozialen Netzwerke.
Machotum und Patriarchat als letzte Sinngebung,
Frauen und Kinder verachtende Religionen
(steuersubventioniert in manchen Ländern),
Krankmachende Ideologien, Förderung der
Rüstungsindustrie, Raubtierkapitalismus,
(selbst)mörderische Kriege.
„Lager“ würde man jetzt „berufliche
Fortbildung“ nennen etc. … ich bin so
Müde, müde und diese Aufzählungen so leid,
Denn

Sie ändern nichts.

7

Am liebsten lebe ich
Im Reich der Toten:
Wo Kunst,
Musik und
Lyrik
Herrschen, ohne
Herrscher zu sein.

Muss ich
Dann wieder
Zurück zu
Den Menschen, –

Das bedeutet nicht:
Hinauf, sondern
Hinab, –

8

Eurydice

Ich möchte mich in einem Gedicht verstecken,
Dort kommen Baum und Vogel und mein Ich
Zusammen, das wieder Kind werden kann und lacht …
Und auch jenes ferne Ich gehört dazu,
Das einst sterben muss, so wie ein Baum
Blätter verliert und eine Nachtigall verstummt.
Aber wir sind in deiner Erinnerung geborgen,
In dir, unserem Gedicht. Alles bist Du.

9

Der Fährmann wollte nur ein Gedicht.

10

Nacht

Puhhh
Ich bin spät dran
Gerade noch erreich’ ich
Die Mondbarke,
Es zischeln schon
Die Urschlangen.

Am Morgen

Meine Hand
An der Kaffeetasse,
Ich rühre den Löffel:
Milchstraßen.

11

Wenn ich durch die Unterwelt
Gehe, halt – he du, ja du!,
Wie war das so, als
Massenmörder zu sterben?
Die Sache mit dem Gewissen?
Oder siehst du dich immer noch
Auf dem Zarenthron sitzen?
Und wie ein
Byzantinischer Patriarch
Dir Weihrauch zuwedelt
Und dich anbetet?

12

Immer wenn Göttliches
Mit Menschlichem
(Konkret mit Männern)
In Kontakt kommt,
Dann wird es missBRAUCHt,
Zu Geld geMACHT oder geKREUZigt.

13

Es wurde zu lange zu vieles
Verdrängt … wegschauen, wegducken,
Blablabla, formale Richtigkeit usw.,
Vertuschen. Den schönen Schein
Bewahren, damit der Rubel rollt.
Gewinnmaximierung.
Alles muss umsonst sein.
Und irgendwann ist auch
Alles umsonst gewesen.
Gewinnoptimierung
Auf allen Ebenen.
Marode Schulen,
Ideologisch und infrastrukturell
Ruinierte Universitäten.
Dem Wahren, Schönen,
Guten verpflichtet?
(Lieber Platon, wo
Lebst du denn?)
Krankenhäuser ausgeblutet.
Zwangsneurotisch
Die schwarze Null,
(Eher ein
Schwarzes Loch für Geld),
Und dann
Zwangsneurotisch
100 Milliarden rausgehauen:
Zu den Waffen!
Für jeden Euro
Eine Galaxie,
100 000 Millionen,
Unsere Schulden
Sind ein Maß unserer Schuld …
Egal, bezahlt doch sowieso
Die Zukunft.
(Und welche bitte?)
Verdrängen, wegschauen,
Verstuschen, Verdrängen …

14

Seit Jahren suche ich
Den Notausgang aus dieser
Welt. Nichts gefunden.
Meine Wut …
Ich bin nicht
Mit dieser Welt
Einverstanden.

Einverstande
Mit dieser Welt
Bin ich nicht.
[…]
Seit Jahren suche ich
Den Notausgang aus dieser
Welt. Gefunden? Nichts …

15

Wie wäre das?
(Hier denkt ein kleiner Mensch …)
Hinter dem Ereignishorizont:
Steht da die Zeit still? Ist das
Überhaupt noch Zeit?
Wo wäre „da“?
Und wenn ich
Hinter dem Ereignishorizont
Stünde, merkte ich denn,
Wenn dieses Universum
Schon nicht mehr wäre?
Gäbe es mich dann
Immer noch, für immer?,
Auch wenn dieses Universum
Schon lange
Nicht mehr ist?

16

Ich möchte so gern deine Schönheit singen,
Ein Licht auf der Totenbahre der Geschichte,
Von deiner Freundschaft und Empathie,
Ein Licht auf der Totenbahre der Geschichte,
Singen von deiner Güte und Achtsamkeit,
Ein Licht auf der Totenbahre der Geschichte

17

Nach Horaz

Mir ist zuwider Luxus und
Prunk und all das Gedöns.

Liebste, laß ab, die Rilke-Rose
Zu suchen, wo sie spät den
Herbst erträumt.

Lieber schenke mir deine
Zeit, bevor Schnee
Vergilbte Blätter und
Uns begräbt.

Liebe, prunklos,
Schmucklos,
Das war, was
Orpheus in die
Unterwelt trug.

Nicht, dass er sang,
Wie man sagte,
Auf dem Weg
Dorthin, nein,
Er stand schweigend
Und stumm vor der
Totengöttin.
Und in diesem Schweigen,
Das wusste sie, vermochte
Er alles.

Ein Flüstern:
Eurydice.

Wie Vögel flogen die Blätter
Auf, wieder an die Äste,
Die Verstorbenen stiegen von
Den Scheiterhaufen herab und
Eurydice ging in den Tag.

Ein seltsames Gedicht …
Irgendwie aus dem Rahmen gefallen –
So wie ich. Ich weiß, wie die
Geschichte ausgeht.
Seit Ewigkeiten.

Liebste, laß uns
Die letzte Rose hier
Suchen, wo spät den
Herbst erträumen wir.

18

Ich werde nichts hinterlassen,
Meine Spuren werden verwischt
Von den Gezeiten des kosmischen Ozeans.
Meine Gedichte bleiben nicht.
Oder doch nur so lange,
Wie es Menschensprache gibt?
(Aber wer soll das Zeug hier lesen oder übersetzen?)
Oder doch so lange,
Bis die Sonne zum aufgeblähten Planetenfresser wird?
(Auf einer gewissen Ebene in diesem Kosmos
Scheint alles bedeutungslos.)

Ich hatte gehofft, wir würden zu den Planeten und
Sternen aufbrechen: aber Vollidioten zerbomben
Hoffnung und Zukunft. Die einen morden,
Die anderen füllen sich die Taschen, die
Einen müssen deshalb hungern, die anderen
Jubeln über volle Auftragsbücher usw.

Vielleicht ist es gut, dass wir nicht
Die kosmische Bühne betreten.
Verdient hätten wir es nicht.
Und wenn sich dieser Planet von uns
Erholt haben wird: macht es besser,
Die ihr nach uns kommt.
Macht es besser!

19

Orpheus

Doch in der Unterwelt
Da will ich bei Dir sein,
In deiner Einsamkeit,
In deinem Schmerz,
Wenn wir nur Schatten
Sind von einstiger
Schönheit,
Traurig und krank …,
Dann will ich
Bei dir sein,
Deine Geisterhand
Halten oder deine
Hand halten im
Geiste, so wie wir
Schatten es tun.
Wisse,
Ich bin dann da.

20

Licht und Wind wehen
Weiße Schaumkronen,
Wehen Venus
Vom Meere, dem blauen,
Herüber ins Erblühen,
Ans Land.
Dies Wehen,
Das goldene Haare
Fließen macht.

Dein Blick zurück,
Von Schmerz und Sehnsucht:
Ich verstehe Dich! Und
Noch spüre ich, als stündest
Du mit deiner Leier – ,
Als stehst
Du immer noch vor mir.

Ich bleibe,
Bleibe
In der Muschelhand
Des Malers,

Du gehst,
Du verwehst
Im goldenen Winde,
Wie eine Welle,
Die leise
Am Strand der
Zeit zer-
bricht.

Wie eine Saite
Verklingend klang,
Die zuvor
Im Singen
Welten schuf.
Wir lebten
In deinen
Klängen.

Dort
Warte ich
Auf dich.

Dort.

Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte und Gedichte bei uns hier.
Jüngst u.a. bei uns von ihm erschienen: Wozu dichten: Markus Pohlmeyer über Horaz

Während der Corona-Pandemie schrieb Markus Pohlmeyer (nicht nur) für uns Gedichte – seine Corona-Zyklen. Sein Poetischer Werkstattbericht zu den „Corona“-Zyklen

Die einzelnen Lieferungen: Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6Teil 7Teil 8Teil 9Teil 10Teil 11Folge 12 hier.
Seine Shut Down Haikus hier.

Rückkehr nach Corona (1) hier.
Rückkehr nach Corona (2) hier.
Rückkehr nach Corona (3) hier.

Im April 2022 erschien bei uns eine Fortschreibung: Tristia ex mari Baltico

Im Frühjahr 2021 erschienen: Markus Pohlmeyer: Als ich zu den Sternen ging. Dritter Teil. Die Corona-Zyklen I-VI. Gedichte. Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, Bd. 22, 1. Aufl., Hamburg 2021.

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