Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Markus Pohlmeyer: Corona 11

1

Ambiguitas
Und selbst wenn der Teufel die
Wiederherstellung der Grundrechte
Fordern sollte, würde ich ihm zustimmen:
Der Sache nach, auch wenn mir sehr bewußt ist,
Dass er immer eine andere Agenda hat.

2

Chiasmus
Manche opfern bewusst ihr Leben für Demokratie.
Andere geben mal so ihre Demokratie auf, nur um zu überleben.

3

Hyperbaton

Verantwortungs-
Das wird doch schon längst jemand gemacht haben müssen?
Da wäre doch ein anderer/eine andere zuständig gewesen!
Das hätte doch schon längst jemand anderes zuständig gemacht
Haben gewesen sein müssen. „Ich dachte, da hätte jemand mitgedacht.
Oder die Arbeit erledigt.“ Es muss einfach transparenter werden, diese Arbeits-
-delegation.
(Wie war der geschätzte Schaden: 20 Milliarden?)

4

Rhetorische Fragen
Nach mehreren Totalschäden
Intellektueller und demokratischer Art:
Soll sich das Virus
Tot lachen?
Wäre das die Strategie?

5

Corona
Wäre die Gelegenheit gewesen,
Eine Politik für alle …,
Wäre gewesen
Für die Demokratie
Ein Glanzstück wie zuvor nie
Und das des Parlamentarismus.
(Nein, nicht des Lobbyismus!)
Dagegen:
Wegen
Des Versagens weniger
Und der Interessen einiger
Wurden, werden geopfert
Zu viele bestraft.

6

Metaphern
Oder die Kunst,
Sich zu verfahren

Die steilste Abkürzung geht so:
Über die holprige Straße des Versagens
Via Brückeninkompetenz
In den Tunnel der Vertuschung

7

Haiku
April
Morgens
Schnee auf den Dächern
Wie unerwartet dies
Vergängliche

8

Glasscherben

Die ersten Vögel singen.
Ich führe seit Monaten
Nur noch innere Gespräche.
Im Spiegel ein Anderer,
Zersplittert …

9

Corona-Helfershelfer/innen.

Jubeln tun sie, z.B.
Über Milliardengewinne,
(Lob dem Steuerzahler.)

Ja genau, leugnen wir’s einfach.
(Das mutiert aber fröhlich weiter.
Tödlich solch gewählte Dummheit.)

An die wichtigsten Stellen
Werden höchsthöher befördert
Die Besten der Allerbesten,
Die maximalst Erfahrung darin haben
(… heftigst Sachen an die Wand zu fahren).

10

Poetik

Meine Welt: nicht die des reinen Seins, keine Ekstase ins nichtende Nirgendwohin eines raunenden Umpfblablas. Meine Welt ist banal: Rohr im Bad verstopft, Staubsaugerbeutel voll. Woher bekomme ich neue Hosen? Wieder Online-Lehre in Endlosschleife. Heroisch weitermachen auf meiner kleinen Insel der Isolation … (Doch da gibt es ab und zu diesen Goldglanz namens Gedicht, welches alle einlädt zu kommen, auch ein ekstatisches Sein, das wirklich, wirklich unwirklicher scheint als meine Waschmaschine und zudem nicht sehr hilfreich ist. Aber dennoch, Gedicht sollten Gastgeber sein; und keinesfalls unkritische, aber frei von Diktatur und Zensur (Oh, vor diesem Gestus der Freiheit haben Zensierende und Diktatoren immer unglaublich Angst.) Frei und unabhängig davon, welche Ideologie sich gerade wieder einmal gewinnbringend und interessengeleitet zur herrschenden Meinung erklärt hat. Ja, selbst Gespenster und Monster finden ihre Plätze in Gedichten, von denen sie auch als solche benannt werden müssen, wenn allzu viele sie verdrängen. Verdrängen: Da draußen, in der Welt der schmelzenden Gletscher, Autos, geilen Partys, Atomwaffen, sterbenden Regenwälder, Schimpansen-Wahlkämpfe (im Medial-gefärbten-Politik-Märchenland-Dschungel) und Corona-Viren. Gedichte kennen keine Gnade, Gedichte kennen alle Gnade der Welt. Ich kann mich nicht vor ihnen verstecken. Muss es auch nicht, denn bei ihnen bin ich zu Hause. Und jetzt an meinem Herd. Eine kleine Ganesha-Figur, Elefant mit dickem Bauch, steht lächelnd neben meinem Computer, den ich jetzt runterfahre – auch eine Geste der Freiheit.)

11

PS: Gute Gedichte können auch über
Sich selbst lachen, sich selbst
Durchstreichen, denn sie sind nie das
Letzte Wort in einer Sache, aber
Bisweilen das schönste (auch
Wenn es wehtut und tieftraurig sein mag).

12

Mögliches Schild an einer europäischen Grenze
Vorsicht, Hochinkompetenzgebiet!
Betreten nur mit negativem IQ-Test erlaubt.

13

Vorbereitungen auf eine
Mögliche Pandemie?
Hätt’ ja Geld gekostet.
Aufstockung der Intensivstationen:
Hätt’ ja Geld gekostet.
Behebung des Pflegemangels!
Hätt’ ja Geld gekostet.
Digitalisierung?
Hätt’ ja Geld gekostet.
Sanierung der Infrastruktur von
Schulen und Universitäten:
Hätt’ ja Geld gekostet!

Jetzt kostet es ‚nur‘
Leben, Existenzen, Kultur,
Zukunft und Hoffnung …

14

April

Schneesturm, Hagel,
Regen, Sonne:
Alles da, alles hier,
Alles damals, alles nun
– so wie
Manchmal in
Nur einem Vers.

15

Bittere Kälte in den Nächten,
Klar das fahle Mondenlicht.
Zwischen mir und dem Kosmos
Nur eine Wolldecke
Und dieses Etwas, das aus
Neuronen und Geschichten
Besteht. Nenne mich: Ich.

16

Maria von Magdala

Wie sich an jemanden erinnern,
Der schon so lange gegangen ist?
Mit dem Geist der Freundschaft
Jahrtausende in die Vergangenheit,
In die Zukunft überbrücken?
Mit diesem Geist all die unaushaltbaren
Widersprüche aushalten: Verletzungen,
Einsamkeiten, Scheitern, Tod.
Wie auch zu wissen,
Dass sie auf dich wartet, zwischen
Deinen Gräbern und ihrer Trauer, dass
Sie noch wartet, wenn die anderen
Dich aufgegeben haben. Wenn
Die Abenddämmerung und die
Abschiede gekommen sein werden,
Dass sie deinen Geist, dein Wesen
Mitnehmen wird in ein
Ungewisses Morgen –
In ihrem Herzen dein Herz.

17

Internationale Raumstation

Ihr könntet sein:
Tor zu den Himmeln
Der einen Menschheit.
Doch
Gedenket der Kainssteine
Und der Nabelschnur,
Die aus Eden führt,
Und der Drachen.
Hinab? Hinauf?
Schicksal von Lehm.

18

Kleines Bestiarium

Wolkenkuckucksheim
Affentheater

Schneckenhäuser
Saustall

19

Oh, als ob es erst seit
2020
Intensivstationen gäbe.

Wie schrecklich demokratisch
Dieses Virus und gemein, uns
Daran zu erinnern, alle sterblich
Zu sein – trotz der narkotisierenden
Konsumorgie. Ausnahmslos alle.

Plötzlich zerbricht
Der Stillstand: Wieder da eine
Vermisste, verspielte Vergangenheit, eine
Auszuhaltende Gegenwart, eine
Zukunft, offen.

Und bitte, ja, Überleben ist wichtig; aber meine Sorge: Wenn wir aus Angst die Grundrechte über Bord werfen – wie wollen wir nach Corona leben, in welcher Gesellschaft? Und wenn die nächste Krise kommt, die kommen wird, kann womöglich mit anderen Begründungen wieder der nächste kreischende Heilbringer die Grundrechte entmächtigen. Oder irgendein nichtskönnendes Alphamännchen, als Pseudomessias plärrend, das uns in nie dagewesene Paradiese zurücklügen will. Ja, sie sind gefährlich: vor allem, weil sie uns die Illusion geben, sie übernähmen für uns, anstelle von uns die Verantwortung. Wehe, wenn wir da nicht mehr die Grundrechte verteidigen und über Bord werfen, weil es so schön bequem erschien.

20

Schumm dumm
Die dummdumm
Schumm dumm
Diedie dummdumm
Schumm dumm
Die dummmm …

(Zu summen nach A. Vivaldi: „La Follia“, opus 1/12, I. Adagio.)

Markus Pohlmeyer, der vor kurzem seinen hundersten Beitrag bei uns vorlegte, bei uns hier. Sein Corona-Zyklus: Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6Teil 7Teil 8Teil 9, Teil 10. Seine Shut Down Haikus hier.

Gerade erschienen: Markus Pohlmeyer: Als ich zu den Sternen ging. Dritter Teil. Die Corona-Zyklen I-VI. Gedichte. Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, Bd. 22, 1. Aufl., Hamburg 2021.

Tags :