Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Markus Pohlmeyer – Gedichte: Tristia ex mari Baltico

Den Menschen, die aus
Und vor Russland fliehen

I

Ich war

Einst

Werde sein

Einst

Werde gewesen sein

II

Kierkegaard[1]

Da spricht jemand
In seinem Buch
Von einer Liebe,
Die liebt mit dem
Bewussten Risiko,
Nie, nie erwidert werden
Zu können, und die
Nicht anders kann,
Dass sie rein gar nichts
Zurück will.
So gibt es für
Das Du
Keine größere
Freiheit.

III

Vergil[2]

Vergil, geleite
Du Meine Seele
Der du weinst mit

Den Zerbrochenen
Und
Den Zerbrechenden

Geleite du meine Seele
Durch die Tränen der Welt
Durch Tränen um die Welt

Mich

IV

Persius[3]

Lehre mich diese Welt zerreißen
Mit Versen! Wer war denn so irre und gab
Irren Atomwaffen, wer lässt immer wieder
Massenmörder an die Macht, wer verdrängt
Dauernd Realität und notwendige Veränderung,
Wer lässt zu, dass Lüge sich wie ein erstickendes
Netz um den Planeten legt, bis die Meere
Leer gefischt und die Regenwälder wüst und öde?
Ich suche Fugen im medialen Marmor,
Um meine Gedichtfetzen darin zu verstecken
Und meine Verzweiflung.

V

Eine baute Flöten,
Speere ein anderer,
Einer schnitzte Mammuts,
Ein anderer jagt sie.

VI

Tibull[4]

Sei so gut
Und
Lass mich geh’n,
Ich komme wieder
Nur heut’ nicht mehr,
Bin da, wo
Selbst der Traum
In meinem Traume
Mich nie fände,
Ich will ja zurück,
Doch lass mich nun,
Und vielleicht, vielleicht
Werde ich gefunden haben
Einen Vers dann, den
Ich dir mitbringe
In dem du mir
Wie Abend- und Morgenstern,
Um mich zu umarmen,
Erwachst und entgegen eilst

VII

Mal so nebenbei

Heute, Sonntag, morgens:
In den Nachrichten
Zuerst Corona, dann
Der Kriegsverbrecher,
Und kurz
Vor der Bundesliga:
Ein neuer Hitzerekord
In der Antarktis.

Zukunft verzockt,
Zerbombt, erstickt.

Wem noch vertrauen?
Der Metapher namens Gott?
Seiner Katholischen Kirche?

Nation, Kolonisation,
Eingebildet, übergriffig:
Männer mit Maschinenpistolen
Meucheln machtgeil.

Profiteure plündern sich
Plappernd über den Planeten.

Religiöse Fanatiker vernichten
Rigoros und radikal ganze Staaten.

Die Alliterationen fließen.
In roten Strömen. An Stahl
In Trauer hinab.[5]

Die Frauen unter dem Kreuz.
Auf dem fliehenden Bahnhof,
Wo Menschenhändler …

Warum was ändern?
War doch immer so!
War doch so schön!
War doch so schön billig.

Ganz tief unten und schon
Immer der Vater der Lüge:
Unter spiegelnden
Medienoberflächen.

Und vergib uns unsere
Schulden, mit denen wir spätere
Generationen fliehen,

Ertränken und verdursten
Lassen. Und gib uns
Unser’ täglich’ Party!

VIII

Nachschrift

Der Kriegsverbrecher
Lehrt uns Furcht und Zittern.
Entweder – Oder:
Entweder erobern oder alle morden.
Diese Krankheit:
Verzweifelt töten müssen.

Kann ich denn nur noch von
Augenblick zu Augenblick leben?
Was ist mein Standpunkt?
Was vermag ich als Dichter
Bewirken? Im Schweigen

Schreien? Die Lilie
In den Himmeln,
Zermalmt von Panzern.
Sanglos die Vögel auf
Dem Felde, ein Feld voller
Landminen.

Gott als Kind, vor den
Kindermördern auf der Flucht.
Gott ein Kind.

Nimm mein zerbrechliches
Gedicht: meine Tränen
Wurden weinend Worte

Für das Kostbarste
Auf der Welt:

Du

IX

Ich werde mich sehen

Schlafen und sterben

Ich sehe mich

Stern werden,
Element und Molekül,
Das Licht der Welt
Erblicken, schreiend
Und staunend.

Ich sah mich
Leben und sterben.

Einst.

Epilog

Ich sitze abends
Vor meinem Fenster
Und schaue auf die Stadt
In den Häusern Lichter
Orange blau und weiß
Die Lichter gehen aus
Eins nach dem anderen

Es bleibt der schwarze Wind
In schwarzen Zweigen
Es bleibt das Leuchten
Vergangener Sterne
Es bleibt Erinnerung
Dinge sind hier die schon
Längst nicht mehr sind

Die Lichter gehen wieder an
Eins ums andere
Orange blau und weiß

Mein Platz ist leer
Niemand sitzt mehr
An meinem Fenster


[1] Dän. Schriftsteller, Theologe und Philosoph

[2] Röm. Dichter, begleitet ‚Dante‘ in der Göttlichen Komödie.

[3] Röm. Satiriker

[4] Römischer Liebeselegiker.

[5][5][5] Versuchen Sie das einmal laut und so zu lesen: Stah=lin.

Anm. d. Red: Während der Corona-Pandemie schrieb Markus Pohlmeyer (nicht nur) für uns Gedichte – seine Corona-Zyklen. Sein Poetischer Werkstattbericht zu den „Corona“-Zyklen

Die einzelnen Lieferungen: Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6Teil 7Teil 8Teil 9Teil 10Teil 11Folge 12 hier.
Seine Shut Down Haikus hier.

Rückkehr nach Corona (1) hier.
Rückkehr nach Corona (2) hier.
Rückkehr nach Corona (3) hier.

Im Frühjahr 2021 erschienen: Markus Pohlmeyer: Als ich zu den Sternen ging. Dritter Teil. Die Corona-Zyklen I-VI. Gedichte. Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, Bd. 22, 1. Aufl., Hamburg 2021.

Tags : ,