Geschrieben am 1. November 2021 von für Crimemag, CrimeMag November 2021

Markus Pohlmeyer: 11/21 (Gedichte)

Rückkehr nach Corona

1

Erinnerung

Unsere Städte waren Lärm.
Es kehrte zurück, was
Wir draußen vernichtet hatten:

Stille,
Unterbrochen nur vom
Rauschen eines Blattes, von
Des Vogels Sang, vom:
Und dem Licht
Des Mondes. Alles
So Still.

Jetzt kehren wir zurück,
Lärmend.

2

Venedig, memoria

Wir tanzten.
Die Stadt stand
Wie auf einem Spiegel.
Als der Mond seine
Melancholia
In die Wasser
Gleiten ließ: Lichtperlen
An meinen schwarzen Händen.

3

Nachdenklich

Selbst die Leere zwischen
Planeten, Sternen und Galaxien,
Die Leere selbst in den Atomen
Ist
Voller Geometrie

4

Haiku

Sommerabend –
Dieser Schwarm Dohlen:
Wehende Blätter im Wind.

Ich musste lernen,
Dass Raum zeit ist
Und Zeit raum.

In Ellipsen kreisen
Die Planeten gerade
Um die Sonne.

5

Immer wieder

Schlagen Legionäre
Nägel in das Kreuz,
Heute, morgen,
Hier und dort, um
Imperien zu befestigen.

Irgendein dummer Idiot
Rennt wieder mit der Knarre
Durch den Bildschirm und glaubt,
Die Welt beherrschen zu müssen.

Tausende von Pflegekräften hätten
Gekündigt. Man frug mich, ob ich wüsste,
Wie die Corona-Situation in Indien wäre.
Zu Weihnachten kann es Engpässe
Bei den Geschenken geben.

6

Eine dänische Wiese

Dieser solitäre Baum dort
In einem herbstlichen Feld.
Mähdrescher lärmen, so
Laut sind Brötchen und Kuchen.
Regenwolken dräuen,
Schwalben jagen tief.
Ein solitärer Baum, bald den
Winterwinden ausgesetzt,
Wird er weinen Schnee.

7

Markus aus Fulda in Flensburg,
wieder auf dem Campus

Kollege: „Los, sag was Hesse!“
Markus: „Moin!“

Auf einem Flur, Kollege berührt
Vorsichtig meinen Oberarm:
„Bist du echt?“

8

Manchmal

Manchmal möchte ich einfach
Nur vergessen dürfen
So wie
Ein sterbendes Blatt
An einem herbstlichen Baum.

9

Erkenntnis

„Es gab vier große Enttäuschungen in meinem Leben.“
„Nur vier?“
„Okay, im Detail waren es viertausend …“

10

Dieses Gedicht hier

Erklärt Nichts,
Will Nichts,
Muss Nichts,
Darf Nichts.

11

Vertane Chancen

Falls es eine galaktische Bibliothek gibt,
Wird der Eintrag für „Menschheit“ so
Lauten: Massenmörder, die einen ganzen
Planeten aus Gier und Dummheit
Vernichtet haben. Mehr wäre nicht
Zu vermerken. Kapitel Ende.

12

Der September ist Abschied

Mein Ich fühlt sich an, als
Hätte es einen Körper.
Der September ist ein Portal.
Säulen, verwittert, gebrochen,
Noch beschienen vom
Sommer, auf der einen Seite,
Dahinter, Farbenschönheit, die
Den Tod versteckt.
Ich weiß, dass ich ein
Herz habe.

13

Ach

Geräuschen lauschte
Ich in einer verhallenden,
Versickernden Ferne. Plötzlich
Sind sie hier
Bei mir, in vielen Farben:
Das mähdrescherschwer
Herbstfeld. Der Baum, noch
Tausendgrün, wie eine versteinerte
Fontäne in den sonnenleichten Himmel.
Morgens Nebel, die wie Erinnerungen
In meiner Seele aufsteigen.
Und
Späte Rosen im
Purpurnen Abschied,
Bis ich anfange zu träumen.

14

September

Morgens Regen, abends Regen
Tag und Nacht gleich
Leben wie Tod

Heute an der Universität
Dann Spülmaschine ausräumen
Was mache ich nach meinem Tod

Ein kleiner Käfer sonnt sich
An meinem Fenster Wir beide
Schauen auf die weinroten Blätter

15

Wind

Manchmal dacht’ ich,
Dasss …,
Ach, was soll’s.

16

Abendstern, aufziehend

In der Abenddämmerung
Fließen schwarze Vogelschwärme
Hin und her. Ich kann nicht fliegen,
Aber gehen möcht’ ich, geh’n mit ihnen
In die Dunkelheit.

17

Die herbstliche Sonne
Wiegt schwer, schwerer
Als Gold und Glück

Ich habe mich heute verabschiedet,
Doch –
Von wem?

Das vollkommene Gedicht?
Blablabla.
Wirf einen Stein in den Teich!

Schwarzer Mond
Versteckt sich
Hinter weißem Geäst

Ich falte Kraniche
Aus Licht
Dies Papier blendet mich

18

Drei Gs

Gier
Geiz
Geld

19

Auf dem
Alten Friedhof

Moosgrüne
Gräber
Kupfern
Wie
Manch
Kirchdach
Hauch
Alles
Windhauch
(Buch Kohelet)

20

Ein Traum
im Sommer

Am Hafen stand ich,
Eingeschneit alles, alles Winter,
Wärmende Lichter der Häuser,
Schnee,
Sah Spuren in diesem
Weiß,
Wie schön, dacht’ ich,
War, war doch diese
Welt,
Die wir zerstört haben,
Ich setze mich nieder,
Neben
Eine Buddha-Figur und
Will schlafen, nie mehr
Aufwachen.
Als ich aufwachte,
Schien die Sonne, ich
Ging zum Hafen,
Fand aber meiner
Spuren nicht mehr.
Und auch keinen
Buddha.

21

Wüste

Draußen regnet es.
Ich gehe durch eine Wüste.

Draußen regnete es. Ich machte mich so klein
In der Wüste, dass ich morgens Tautropfen trinken konnte.

Ich werde immer durch diese Wüste
Gehen. Und draußen wird es regnen.

22

In einem Kaufhaus

So ist unsere Welt: ein überfülltes,
Stickiges Kaufhaus, vollgepackt mit
Luxusartikeln. Wir alle stehen auf Rolltreppen,
Wir fahren dieselben Rolltreppen hinauf, hinab,
Dürfen sie nur verlassen, um etwas zu kaufen,
Und auch dann dürfen wir kaum innehalten, sondern
Müssen schnell auf die enge Rolltreppe zurück.
Immer mehr Menschen. Immer sinnlosere Dinge
Zu kaufen, immer weniger Luft. Vor der
Tür: Überflutungen, Eis- oder Wüstenwelten,
Je nach Ausgang. Durch den wir nicht
Gehen dürfen. Haltet nicht inne! Kauf, kaufe
Kaufen!

23

Rückkehr nach Corona
Oder eines Philosophie des NICHTs

Nichts gelernt
Nichts vorbereitet
Seht zu wie ihr das alleine schafft

Die Nicht-Zuständigkeit klären
Die Nicht-Verantwortlichkeit markieren
Das Nicht-Formalisierte ignorieren

Nicht die Wege ändern,
Nicht nicht zum Alten zurück
Mit Vollgas in die (Selbst)Ver-Nicht-ung

24

Es sind
Die Menschen

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine weit über hundert Texte und Essays bei uns hier.

Während der Corona-Pandemie schrieb Markus Pohlmeyer (nicht nur) für uns Gedichte – seine Corona-Zyklen.
Sein Poetischer Werkstattbericht zu den „Corona“-Zyklen

Die einzelnen Lieferungen: Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6Teil 7Teil 8Teil 9Teil 10. Teil 11, Folge 12 hier.
Seine Shut Down Haikus hier.

Im Frühjahr 2021 erschienen: Markus Pohlmeyer: Als ich zu den Sternen ging. Dritter Teil. Die Corona-Zyklen I-VI. Gedichte. Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, Bd. 22, 1. Aufl., Hamburg 2021.

Tags : ,