Geschrieben am 21. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Thomas Groh: Berlinale-Log (2)

Thomas Groh und Katrin Doerksen gehören zum kleinen Kreis der (nicht nur von uns) hochgeschätzen jüngeren Filmkritiker im Land – wir freuen uns sehr, dass sie für uns die Berlinale beobachten und in lockerer Folge davon berichten. – Schauen Sie gerne wieder vorbei. Ihr gemeinsamer Vorbericht für 2024 hier. Katrins Logbuch #1 (Zwischen Bußgang und Befreiungsschritt liegt manchmal nur ein Gegenschuss) hier, ihr Logbuch #2 hier nebenan. Zu Thomas Grohs Berlinale-Log (1) geht es hier.

Des Teufels Bad, R: Veronika Franz & Severin Fiala, Berlinale Wettbewerb © Ulrich Seidl Filmproduktion / Heimatfilm

Mit den roten Fäden auf so einem Festival ist es manchmal so eine Sache. Manchmal ergeben sich die großen Linien, die großen Perspektiven, wenn die Welt durch das KIno ein bisschen klarer wird, wenn die Filme unter- und miteinander korrespondieren und in solchen Momenten ein Festival mehr ergibt als die Summe seiner Teile.

Und manchmal ist es auch einfach nur die kuriose Beobachtung, dass das deutschsprachige Wettbewerbskino den Sex in Löffelchenstellung für sich entdeckt hat. Wobei sich eine gewisse Dramaturgie verfolgen lässt: War in Andreas Dresens ansonsten völlig indiskutablem “In Liebe, Eure Hilde” der Löffelchensex noch leidenschaftlich, kommen Lars Eidinger in Matthias Glasners Gratwanderung “Sterben” bereits erste Zweifel, sodass die Sache zum Abbruch mangels Konzentration kommt. Völlig disparat schließlich der Löffelchensex in Veronika Franz’ und Severin Fialas mit den Mitteln des Horrorfilms hantierendem, Mitte des 18. Jahrhunderts angesiedeltem Alpen-Psychodrama “Des Teufels Bad”.

Die junge Agnes (Anja Plaschg) wurde da gerade zwangsvermählt mit dem bärigen Wolf (David Scheid), die Waldhütte, die er für beide (und ohne ihr Wissen) gekauft hat, ist wahrlich Horrorschau und dennoch will die katholisch brave Agnes ihrem Manne eine gute Frau sein und also den Beischlaf offerieren, auf dass gesunder Nachwuchs kommen möge. Wolf allerdings mag seine Frau im Bett nicht ansehen, zwingt sie barsch in den Löffel, dreht mit der Hand ihr Gesicht weg und versucht, zu Agnes’ sichtlicher Verwirrung, durch schroffe Masturbation sich soweit in die Lage zu versetzen, um die Sache hinter sich zu bringen, nur um sich wenig später unverrichteter DInge und ohne eine weitere SIlbe darüber umzudrehen. Was man bis dahin nur mit gutem Grund vermuten konnte und was der Film auch im Weiteren nie konkret ausspricht, obgleich es an weiteren Hinweisen nicht mangelt: Wolf zieht es insgeheim zu Männern.

Darin liegt für Agnes in dieser von Volksfrömmifkeit geprägten Welt, die für derlei keinen Begriff kennt und im Großen und Ganzen eine repressive Moral pflegt, die Crux: Wohlgefällig dem Herrngott Nachwuchs zu schenken, eine duldsame Ehefrau zu sein, wird zur Aufgabe, an der sie in jeder Hinsicht zerbricht. Zumal diese Welt für sie ohnehin zu klein ist: Wolfs Schwiegermutter (Maria Hofstätter, im Panorama auch zu sehen in Josef Haders “Andrea lässt sich scheiden”) führt ein strenges Regiment einer eisern-barschen Matriarchin, wie sie wohl jede Schwiegertochter, die sich nicht genug vorkommt, fürchtet. Es ist eine Welt aus harter Arbeit, bissigen Zurechtweisungen und nichts als Freudlosigkeit. Eine wie Agnes, mit ihrer lichten Freude an der Natur, kann da nur untergehen, wie von Franz und Fiala nach allen Regeln der horriblen Kunst geschildert.

Franz und Fiala, seit “Ich seh, ich seh”, ein zentrales Doppelgestirn am Firmament des europäischen Horrorfilms mit künstlerischem Anspruch, tauchen in Mühsal und Textur dieser der Natur abgetrotzten Lebenswelt tief ein. Ihren auf historischen Aufzeichnungen beruhenden Stoff setzen sie auf handwerklich höchstem Niveau und mit einer großen Freude an der Wucht einschlägiger Genre-Partikel um: Schön grob körperlich und schroff geht es hier mitunter zu. Da fließt auch mal der Eiter, da verwest auch mal ein Kopf, da darf der Schangel in Wahnsequenzen schangeln.

Lange bleibt in der Schwebe, ob dieser hochgradig atmosphärisch inszenierte FIlm nicht vielleicht doch in ein typisches Hexenfilm-Szenario umschlagen könnte (immerhin fanden letzte Exzesse dieser Art in etwa in der Zeit statt, in der “Des Teufels Bad” spielt): Spuren dieser Art sind reich ausgelegt – Agnes sammelt kleine Tierleichen, die sie wie einen Schatz hütet, übt nebenbei eine Art Fruchtbarkeitsritual aus, bei dem man stets fürchtet, er fliege auf und werde als Ursache der Unfruchtbarkeit ihrer Ehe mit Wolf gegen sie verwendet. Doch Franz und Fiala sind einen Schritt weiter als das Publikum, rücken das Geschehen – nach Bachtin’schem Karneval blutrünstiger Art – in einen anderen historischen Kontext, der weit weniger geläufig ist als die (ohnehin mit MIssverständnissen überlagerte) Hexenverfolgung, ohne es jedoch an volksfrömmelnden Abgründen missen zu lassen.

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Gloria, R: Margherita Vicario, Berlinale Wettbewerb © tempesta srl

An der Kirche schwer trägt auch Margherita Vicarios ebenfalls im Wettbewerb gezeigter “Gloria”, der knapp 50 Jahre nach “Des Teufels Bad” etwas weiter südlich vor den Toren Venedigs spielt. Wie “Des Teufels Bad” erzählt auch “Gloria” im feministischen Grundgestus von einer Geschichte übergangener Frauen – doch wo “Des Teufels Bad” künstlerisch integer und erhaben ist, gibt “Gloria” sein Sujet zugunsten zweifelhafter Zugeständnisse preis.

An einer kleinen Kirche spielt eine Gruppe junger verwaister Frauen, die in die Obhut der Kirche gekommen sind, unter dem, naja, “Dirigat” eines wüst von sich selbst überzeugten Pfarrers. Zwei Ereignisse bringen die Verhältnisse in dieser kleinen Welt aus Hofmauern und Kirchenräumen durcheinander: Der Papst kündigt einen Besuch in einem Monat an, außerdem kommt eines dieser neuartigen Klaviere in diese noch ganz im 18. Jahrhundert steckenden Welt.

Im MIttelpunkt des Geschehens steht Teresa (Galatéa Bellugi), eine Art Wesensverwandte von Aschenbrödel aus dem tschechischen Haselnuss-FIlm: stumm, zur Dienerin verdammt, in braun-graue Klamotten gehüllt, aber mit einem ans Wunderbare grenzendem musikalischen Gespür versehen. Wenn zu Beginn die ganze Welt in ihren Ohren zu Musik wird (wo realiter doch nur im sonnendurchfluteten Hof Wäsche gewaschen wird), ist das ziemlich schau – toll inszeniert, toll montiert, von geradezu ekstatischen Überschuss.

Von diesem frühen Höhepunkt stürzt der FIlm im weitere Verlauf jedoch zusehends in Richtung Sat1-Filmfilm – “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” meets “Sister Act”: Teresa setzt dem Vivaldi-Geniekult den Italo-Schlager als feministischen Fluchtpunkt gegenüber sowie sich in der Gruppe der Waisen-Musikerinnen durch, entgeht einer schmierigen Zwangsvermählung, stürzt den gockelhaften Pfarrer von Thron und Kanzel und bringt den Papst zur Rage, am Ende kathartisch in Szene gesetzt als burleskes Fest mit Kindern, Rasseln, Herzkasper in patriarchalen Brustkörben. Kampf dem Patriarchat als infantiler Mädelsabend – dazu guter Pop. Dem eigentlich guten Anliegen des Films erweist der FIlm dabei einen Bärendienst: Gewidmet ist er allen Musikerinnen und Komponistinnen, die seinerzeit in entsprechenden Waisenhäusern untergebracht, ausgebildet und schließlich aus der Musikgeschichte getilgt wurden. Deren Musik – nicht alles ist ja verloren, manches liegt in den Archiven – hört man allerdings kaum und wo sie sich die Musik der Männergenies angeeignet haben, werden sie durch sentimentale Schlager verdrängt.

Wer aus dem Kinosaal kathartisch geläutert und mit guter Laune verlässt, gerade und auch, weil es im eigenen Leben an patriarchalen Zumutungen nicht mangelt, dem sei’s gegönnt. Mehr gegönnt sei ein Film, der sein Publikum ernst nimmt und sein historisches Sujet nicht auf dem Altar der arthausverbrämten Trivialschmonzette opfert.

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Sasquatch Sunset, R: David & Nathan Zellner, Berlinale Special © Sasquatch Sunset

Dann vielleicht doch nochmal lieber zurück zum Sex. Der ist nämlich auch in “Sasquatch Sunset”, dem neuen Streich der auf höheren Blödsinn abonnierten Zellner-Brothers, eine Sache, die nicht immer zur vollen Zufriedenheit gelingt. Nur dass es in diesem Fall eben Sasquatchs – gerne auch “Bigfoots” genannt – sind, die hier die zumindest sprichwörtlich die Hosen runter- und aus dem naturerhabenen Beginn in den weiten Wäldern Kaliforniens die Pathos-Luft rauslassen: Der übellaunige Patriarch (gespielt von Nathan Zellner) selbst begattet hier grunzend und a tergo Mama Bigfoot (Riley Keough), derweil der Rest der Familie (einmal Indie-Star Jesse Eisenberg, Familienverhältnis zum Rest der Sasquatchs eher unklar, sowie als Sohnemann Christophe Zajac-Denek) das Geschehen fassungslos beäugt. In vier Kapiteln (Frühling, Sommer, Herbst, Winter) erzählt “Sasquatch Sunset” von der letzten großen Wanderschaft dieser Bigfoots, die – ob wegen Wildkatzensex im Fliegenpilzrausch oder wegen Jux und Dollerei auf einem Baumstamm – allmählich weniger werden.

Pathos und Kreatürlichkeit liegen hier nahe beisammen. Es wird gevögelt, geschissen, gepopelt, gepisst und gekotzt. Es wird die Natur bestaunt und zu zählen gelernt. Nicht alles fügt sich zusammen, aber in dem, wie in diesem FIlm vieles drunter und manches drüber geht, liegt viel Freude. The Octopus Project spielen dazu einen Soundtrack ein, der zwischen Ambientkunst, Naturerhabenheit und atmosphärischem Dungeon Synth (hier in der Sasquatch-Variante, es gibt schließlich auch Dinosaurier-Dungeon-Synth) die große Transzendenz-Poesie sucht, die die Zellners in ihren oft epischen Bildern immer wieder mit großer Ernsthaftigkeit erst suchen, um sie mit noch größerer Freude zu zertrümmern. Es ist ein kleines bisschen so, als hätte Werner Herzog in den Wäldern Kaliforniens eine nach den letzten kosmischen Dingen suchende Sexkomödie gedreht. Nur eben mit Sasquatchs.

Braucht man das im Leben? Vermutlich wirklich nicht. Aber die Welt wird schöner und reicher dadurch, wenn man weiß, dass es das gibt. Und dass es jemand mit allem Ernst und allem Schalk in die Welt gesetzt hat.

Thomas Groh

Siehe auch:
Berlinale 2024 – Ein Vorbericht von Katrin Doerksen und Thomas Groh
Thomas Groh: Berlinale-Log (1)
Katrin Doerksen: Berlinale 2024 – Logbuch #1 und Logbuch #2.

Berlinale 2023: Katrin Doerksens Berlinale-Vorbericht für 2023 hier
Ihr Berlinale-Tagebuch #1 2023 für hier und # 2 hier.

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