Geschrieben am 17. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Katrin Doerksen: Berlinale 2024 – Logbuch #1

Zwischen Bußgang und Befreiungsschritt liegt manchmal nur ein Gegenschuss

Zwischen Arbeitswelt und Privatleben des irischen Kohlenhändlers Bill Furlong liegt ein schmaler Flur und ein jeden einzelnen Abend mit Präzision ausgeführtes Ritual. Bevor Bill sich zu seiner Frau und den fünf wohlgeratenen Töchtern in den warm erleuchteten Wohnbereich begibt, verschwindet er in der vom Flur abgehenden Gästetoilette, zieht Bürste und Kernseife aus einem Schränkchen und beginnt sich die Hände zu waschen. Innerhalb von Minuten verwandelt sich klares Wasser in schmutzige Brühe und nicht erst, als Bills Schrubben im Verlauf des Films immer obsessiver wird, drängt sich die religiöse Symbolik auf: Der Eigenbrötler, der von Kohlenstaub Geschwärzte, der erst nach innerlicher und äußerlicher Reinigung wieder seinen Platz im Schoß der Gemeinschaft einnehmen darf.

Aber in letzter Zeit scheint die rituelle Säuberung ihren Zweck nicht mehr zu erfüllen. Bill sei nicht er selbst, sorgt sich seine Frau, er sei schweigsam und in sich gekehrt. Er müsse endlich wieder eine Nacht durchschlafen, diese Grübelei sei schließlich für niemanden gesund. Das erste Drittel des Eröffnungsfilms der Berlinale 2024, Tim Mielants’ Small Things Like These (nach dem gleichnamigen Roman der Irin Claire Keegan, die auch die Vorlage zu einem der nach Meinung Vieler stärksten Filme des vergangenen Jahres lieferte – The Quiet Girl), lässt ehrlich gesagt Schlimmes befürchten: Ein schweigsam brütender Mann, zugegeben perfekt besetzt mit dem nur halbherzig seiner Oppenheimer-Aura entledigten Cillian Murphy, dem sich irgendeine höhere Wahrheit offenbart, für den all die drohnenhaft funktionierenden Frauen um ihn herum zu schlicht sind. Aber es ist dann doch komplizierter.

Beim morgendlichen Ausfahren der Kohlen wird Bill wiederholt Zeuge fragwürdiger Szenen im örtlichen Konvent: Immer wieder trifft er dort auf verängstigte, verstörte, im Kohlenschuppen eingesperrte junge Frauen – und muss unweigerlich an seine eigene Mutter denken, die, alleinerziehend mit ihrem kleinen Sohn von weiten Teilen der Gesellschaft ausgestoßen, eines viel zu frühen Todes starb. Doch bei den Nonnen sowohl als im Dorf und seiner eigenen Familie stößt Bill auf eine undurchdringliche Mauer des Schweigens.

Cillian Murphy in Small Things Like These, R: Tim Mielants, IRL, BEL 2024, Wettbewerb © Shane O’Connor

Wer die Geschichte der irischen Magdalenenheime nicht kennt, wird nach Small Things Like These womöglich in ein Wikipedia-Loch fallen, denn Tim Mielants interessiert sich nicht dafür den Skandal – kurz gesagt ein Menschenhandelsring in Katholischer Hand – in all seinen abscheulichen Details aufzuarbeiten. Er belässt es bei Andeutungen, bei Bills unterschiedlich interpretierbaren Beobachtungen, die doch eines deutlich zeigen: In seiner beklemmend kleinen Welt hat ein Aufmucken gegen die umfassende Macht der Kirche relativ einfach absehbare Konsequenzen für ihn und seine Familie. Eine Szene lässt daran keinen Zweifel offen, in der Emily Watson als Mutter Oberin mit ihrer durch den eng sitzenden Nonnenschleier betonten Krötenhaftigkeit eine 1a Version von Marlon Brando in Der Pate abliefert. Small Things Like These ist kein Film darüber, wie ein Mann sich gegen etwas auflehnt, sondern über den inneren Prozess, eben all diese kleinen Dinge, die ihn letztlich dazu bringen seinem eigenen Unbehagen zu vertrauen und Verantwortung zu übernehmen. Als solcher wird der Film wahrscheinlich nicht als Festival-Highlight in Erinnerung bleiben, dafür ist er auch einfach ein wenig zu konventionell gemacht. Aber er ist definitiv eine erfreuliche Abwechslung von den oftmals bemüht schrillen Ensemblekomödien, auf die die Berlinale gern für ihre Eröffnungen zurückgreift, wenn gerade kein neuer Wes Anderson zu haben ist.

Lily Farhadpour und Esmail Mehrabi in: Keyke mahboobe man | My Favourite Cake, IRN, FRA, SWE, DEU 2024, R: Maryam Moghaddam & Behtash Sanaeeha, Wettbewerb © Hamid Janipour

Alle Emotionen, die im Eröffnungsfilm verwehrt bleiben, treffen dafür in My Favourite Cake mit voller Breitseite. Dabei erzählt der Film des iranischen Regieduos Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha, denen die Reise zum Festival von den Mullahs verboten wurde, im Kern eine minimalistische, kammerspielartige Geschichte ohne große politische Gesten oder Statements. Die 70-jährige Mahin (Lily Farhadpour) sitzt in ihrer großzügigen Teheraner Wohnung ihr Leben ab, seit der Ehemann verstorben und die Tochter nach Europa gezogen ist. In einem Restaurant für Rentner bemerkt sie eines Tages den Taxifahrer Faramarz (Esmail Mehrabi), der ebenfalls allein lebt, und wagt ihn anzusprechen. Spontan verbringen die beiden einen unvergesslichen Abend. Nur Bestand kann dieses Glück in einem derart repressiven Staat nicht haben.

Eine junge Frau, die Mahin in einer Szene vor der Festnahme durch die Sittenpolizei bewahrt, findet, immerhin beträfen die strengen Regeln sie als ältere Frau nicht mehr ganz so sehr. My Favourite Cake zeigt jedoch sehr deutlich, was das Leben im Iran für jene Generation bedeutet, die sich noch an die Zeit vor den Mullahs erinnert. Mahin spricht darüber, wie sie sich für Tanzabende aufbrezelte, wie tief die Ausschnitte waren. Allein in dem einfachen Satz, dass sie noch immer am liebsten die Oldies höre, steckt ein gewisses Maß an Subversion. Später tanzt sie mit Faramarz zu einem Lied durch die Wohnung, das mir wegen seiner Ausgelassenheit im Ohr bleibt. Das Internet verrät, dass „Daro Va Nemikonam“ ein Hit von Fereydoun Farrokhzad war, einem bekannten iranischen Entertainer und Politikwissenschaftler, der nach 1979 gezwungen war seine Heimat zu verlassen und ins Exil nach Deutschland ging, wo er sich aus der Ferne weiter für einen säkularen Staat engagierte. 1992 wurde er im Auftrag des Regimes in seinem Haus in Bonn ermordet und liegt dort bis heute auf dem Nordfriedhof. Eine schöne Verbindung, dass ausgerechnet seine Musik dieses Jahr laut durch deutsche Kinos schallen wird. Am besten: dazu tanzen.

Gael García Bernal in: Another End, ITA 2024, R: Piero Messina, Wettbewerb © Matteo Casilli / Indigo Film

Im Wettbewerb der Berlinale gibt es noch ein zweites vom Schicksal unvorbereitet zusammen geführtes Paar, das noch eine einzige gemeinsame Nacht vor sich hat. Piero Messinas Science-Fiction-Melodrama Another End geht von einer faszinierenden Prämisse aus: Nachdem Menschen verstorben sind, lässt sich ihr Bewusstsein zeitweilig in den Körper anderer Personen einsetzen, die so den Trauernden die Möglichkeit geben sich in Ruhe von ihren Geliebten zu verabschieden. In diesem Fall ist es Sal (Gael García Bernal), der seine Ehefrau in einem Autounfall verloren hat und die zweite Chance in Gestalt einer neuen Frau (Renate Reinsve) nutzen will. Another End ist ein Film voller interessanter Einfälle und Fragestellungen, aber er nutzt auch eine Handvoll Tropen, mit denen ich mir – zumal im Jahr 2024 – einen bewussteren Umgang wünschen würde. Reinsve etwa, die seit ihrem Erfolg in Joachim Triers The Worst Person In The World ohnehin auf den Rollentypus moderner Manic Pixie Dream Girls abonniert scheint, ist auch hier im Kern die Standardfigur der Hure mit dem Herz aus Gold. Und dann dieser Hang scifi-angehauchter Filme zu in kalten Blautönen ertränkten Bildern. Da wünsche ich mir den das Auge und die Seele wärmenden Look von Eternal Sunshine of the Spotless Mind zurück.

Rona (Saoirsa Ronan) in The Outrun, GBR, DEU 2024, R: Nora Fingscheidt, Panorama © The Outrun

Großbritannien ist eine Insel vor Europa, die Orkneys sind eine Inselgruppe vor Schottland, Westray ist eine Insel vor den Orkneys und Papay eine Insel vor Westray. Besuchst du am letzten Ende des Kontinents den einzigen kleinen Gemischtwarenladen, steht aber auch dort der Alkohol flaschenweise aufgereiht hinter der Theke, ein stets allgegenwärtiger Sirenengesang.

Rona (Saoirse Ronan) nimmt ihre Probleme mit, wo auch immer sie geht und steht: Die Ausbrüche ihres bipolaren Vaters, die Flucht ihrer Mutter in die Religion, schließlich ihren eigenen Alkoholismus. „Ich kann nüchtern einfach nicht glücklich sein“, wird sie ihrem Bekannten aus der Entzugsgruppe einmal gestehen. Da hat sie bereits einen in den Sand gesetzten Karrierestart hinter sich, eine böse Trennung, zerbrochene Freundschaften, die mit knapper Not geglückte Flucht vor einem Vergewaltigungsversuch, schließlich den kalten Entzug. Nach dem Ende des Therapieprogramms sieht Rona keine andere Möglichkeit als London hinter sich zu lassen und den Rückweg in die Heimat anzutreten: Die Hauptinsel der Orkneys zunächst, doch selbst die bietet nicht die Abgeschiedenheit, die Rona sucht. Es muss Papay sein, ein stürmisches Eiland mit knapp sechzig Einwohnern, darauf ein gedrungenes Häuschen mit Ofen, nicht weit entfernt von den Klippen, an denen unablässig die weiße Gischt explodiert.

The Outrun aus der Sektion Panorama ist ein Herzensprojekt von Hauptdarstellerin Saoirse Ronan, eine Adaption der gleichnamigen Memoiren von Amy Liptrot, die gegen Ende des Films selbst kurz auf einem Foto zu sehen ist. In Nora Fingscheidt hat sie dafür eine Regisseurin gefunden, die sich mit weiblichen Ausnahmezuständen bestens auskennt. Die Assoziation drängt sich geradezu auf, in Rona eine erwachsene Version der ebenfalls wasserstoffblonden Helena Zengel zu sehen, die in Fingscheidts großartigem Systemsprenger wütet.

In The Outrun gelingt es ihr ebenso mühelos ihr Publikum bei der Stange zu halten: Fingscheidt erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern in unvermittelten Zeitsprüngen, auf die manchmal nur Ronas wechselnde Haarfarben einen sicheren Hinweis geben. Mit fortschreitender Laufzeit nimmt schließlich das spezifisch Orkadische immer größeren Raum ein, verwurzelt den Film kulturell und verleiht ihm zugleich größere gestalterische Freiheit. Da ist das meist unerbittliche Wetter, die im Wasser dümpelnden Seehunde, die seit Jahrhunderten Sagen um die Kelpies füttern, der Entstehungsmythos, demzufolge die Inseln nichts weiter sind als die ausgeschlagenen Zähne eines Monsterwurms.

In ihrer Zeit auf den Orkneys arbeitet Rona für eine Vogelschutzorganisation, die versucht Brutstätten des bedrohten Wachtelkönigs auf den Inseln nachzuweisen. Parzelle für Parzelle, die sie absucht, füllt sich ihre Landkarte mit schwarzen Kreuzen, der Vogel lässt sich nirgends blicken. Es ist genau dieser konzentrierte Blick für die Geschichte eines Individuums, für die genaue Beschaffenheit eines klar umrissenen Ortes, die einen am Ende den Blick wieder weiten lässt für die Schönheit der Welt.

Chao in: Gokogu no Neko | The Cats of Gokogu Shrine, JPN 2024, R: Kazuhiro Soda, Forum © Laboratory X, Inc.

Ushimado erinnert an den kleinen Ort aus Hayao Miyazakis Animationsmeisterwerk Ponyo: Ein an die japanische Inlandsee grenzendes Dorf, an dessen betoniertem Ufer ältere Herren stehen und angeln. Eine Straße windet sich die Küste entlang, dahinter landeinwärts gedrungene Häuschen. Es gibt ebenfalls einen Hügel im Zentrum, nur liegt oben drauf nicht das örtliche Altersheim. Stattdessen führt eine steile Treppe zum Gokogu-Schrein, einem altehrwürdigen Shinto-Tempel, der seit Jahrzehnten von wilden Katzen bevölkert wird. Folgen wir also dem Shinto-Glauben, demnach jedes Wesen, jede Pflanze und sogar jeder Gegenstand auf der Welt beseelt ist, dann lässt sich wohl mit Fug und Recht behaupten, dass die Katzen des Gokogu-Schreins nichts geringeres sind als Götter.

Wer mit den Filmen Kazuhiro Sodas vertraut ist, der dürfte Ushimado wiedererkennen: In Oyster Factory porträtierte er dort 2015 den wichtigsten Wirtschaftsfaktor, die örtliche Austernfarm, und in Inland Sea 2018 die Überalterung der wenigen verbliebenen Einwohner. The Cats of Gokogu Shrine macht den Eindruck, als gäbe es inzwischen wieder mehr Leben in Ushimado, es ist an einer Stelle sogar die Rede davon die Katzen gezielt zu nutzen um über die sozialen Medien Touristen anzuwerben. Täglich besuchen die unterschiedlichsten Menschen die Tiere: Freiwillige füttern sie und fangen sie ein, um Kastrationen vorzunehmen. Schulkinder spielen mit den Kitten und wieder andere halten Abstand von den Katzen, pflegen lieber die Bäume rund um den Schrein und bepflanzen die Treppe. Gelegentlich kommt es auch zum Streit zwischen beiden Parteien, wenn sich etwa die Pflanzenfreunde über den Dreck der Tiere ärgern.

Genau das ist aber der Punkt in The Cats of Gokogu Shrine: Dass Menschen zusammenkommen, sich gemeinsam engagieren, reden, diskutieren, manchmal einig in ihrer Uneinigkeit. Kazuhiro Soda stellt seinen Werken die Bezeichnung „observational film“ voran, aber eine unbemerkte fly on the wall bleibt er selten. Vielmehr helfen sein Instinkt, Neugier und emotionale Intelligenz ihm dabei, in den richtigen Momenten mit den Leuten in die Interaktion zu gehen, ihnen Geschichten und Anekdoten zu entlocken. Eine ältere Frau beginnt mit ihm über Fotografie zu fachsimpeln, ein Mann erzählt von seiner Kindheit im Krieg, andere berichten, dass die Katzen im Schrein einen wichtigen Ausgleich für ihre mentale Gesundheit darstellen. Und dann ist da eine Teenagerin, die Soda für eine Hausaufgabe über seinen Beruf interviewt. Sie fragt, ob man irgendeine Art Abschluss oder Zertifikat brauche, um wie er Filme zu drehen und er verneint, lacht dabei leicht verschämt. Ihre Niedrigschwelligkeit ist aber genau die Stärke von Kazuhiro Sodas Filmen. Er ist der sprichwörtliche Mann mit der Kamera.

Stephen Fry, Lena Dunham in: Treasure, R: Regie: Julia von Heinz, DEU, FRA 2024, Berlinale Special © Anne Wilk

Es ist erstaunlich, dass ein Film mit einer so hochinteressanten Ausgangskonstellation derart stecken bleiben kann. Lena Dunham und Stephen Fry spielen im Berlinale-Special-Beitrag Treasure ein New Yorker Vater-Tochter-Paar, das im Jahr 1991 nach Polen reist, um dort der Geschichte ihrer jüdischen Familie auf den Grund zu gehen. Als Holocaust-Überlebender und seine einzige Nachkommin repräsentieren Edek und Ruth zwei Generationen, die der Vergangenheit auf fundamental verschiedene Weise begegnen: Während Edek es sich zur Aufgabe macht zu vergessen und sein Leben mit Freude und Unbeschwertheit zu füllen (das alles selbstverständlich zum Preis nie aufgearbeiteter Traumata), will seine Tochter Antworten; recherchiert wie besessen die historischen Fakten und Zeitzeugenberichte, die ihr Vater nicht bereit ist mit ihr zu teilen.

So weit zur inhaltlichen Ebene, die aktuell relevanter kaum sein könnte. Auf stilistischer Ebene läuft hingegen so ziemlich alles schief, angefangen mit der fehlenden Chemie zwischen Dunham und Fry. Das Drehbuch macht es ihnen aber auch nicht leicht, verpackt jede noch so nachvollziehbare Emotion der Figuren in unterkomplexe Aussagesätze und versucht seine Schwerfälligkeit dann mit einem schrulligen Humor auszubalancieren, der in den meisten Fällen einfach nur tone deaf wirkt. Der Ansatz ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, schließlich basiert Treasure auf dem semi-autobiografisch inspirierten Roman Zu viele Männer von Lily Brett. Aber auch sonst kann sich die deutsche Regisseurin Julia von Heinz (Ich bin dann mal weg) nicht zwischen den Registern entscheiden, schwankt permanent unbeholfen zwischen Sentimentalität und Albernheit. Ein völlig konfuser Film, der – und das ist das Ärgerlichste – letztlich nichts Konstruktives zur dringend nötigen Erinnerung an den Holocaust beizutragen hat.

Johannes Hegemann, Liv Lisa Fries, in: In Liebe, Eure Hilde, DEU 2024, R: Andreas Dresen, Wettbewerb © Frederic Batier / Pandora Film

Am Tag nach der Pressevorführung von Treasure lege ich mich fest: Dieser Berlinalejahrgang legt insgesamt einen starken Auftakt hin, aber mit der Aufarbeitung des sogenannten Dritten Reichs hat er es leider nicht so. Andreas Dresens Wettbewerbsfilm In Liebe, Eure Hilde erweist sich als absoluter Tiefpunkt. Liv Lisa Fries spielt die Widerstandskämpferin Hilde Coppi, die wie ihr Ehemann Mitglied der Roten Kapelle war, 1942 schwanger mit ihrem Sohn Hans verhaftet und 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet wurde. Dresen erzählt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen: Während die eine ihr Martyrium im Frauengefängnis bis zur Enthauptung durch das Fallbeil verfolgt, geht die andere in der Zeit zurück und arbeitet sich durch die Liebesgeschichte bis zum Kennenlernen von Hilde und Hans. Und was ist nun das Problem? Tja, wenn ein deutscher Film über die Nazis auf eine verdrehte Weise kippt und zum perversen Feelgood-Movie wird. Dafür ist In Liebe, Eure Hilde das reinste Paradebeispiel.

Was legt sich Dresen ins Zeug, damit wir bloß mitfühlen und leiden mit diesem in die Liebe verliebten Paar. Hart am Kitsch kratzende Liebesszenen und Sommerimpressionen am Lehnitzsee wechseln sich ab mit endlosen Großaufnahmen weinend schmerzverzerrter Gesichter. Noch mehr Freude bereitet es diesem Film nur, nach den weichen Herzen in den bösen Nazifiguren zu fahnden: Ein sadistischer Gefängnisarzt, der Milde mit Kolleginnen walten lässt, ein Pastor, in dessen feuchten Dackelaugen das Gewissen aufblitzt, eine Gefängniswärterin mit eindeutigen Ilsa-She-Wolf-Of-The-SS-Vibes, letzten Endes erweicht von Hildes Mutterliebe. Am meisten macht das Holocaust-Gedenken eben doch Spaß, wenn sich deutsche Opfer beweinen lassen. Ausgerechnet im selben Monat, in dem mit Jonathan Glazers Zone of Interest ein unerbittlicher Film über die Täterperspektive in die Kinos kommt, einen Film wie In Liebe, Eure Hilde vorzulegen, wäre mir ernsthaft unangenehm.

Katrin Doerksen, 17.02. 2024

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