Geschrieben am 13. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Berlinale 2024 – ein Vorbericht von Katrin Doerksen und Thomas Groh

Am Donnerstag 15. Februar 2024 beginnen die 74. Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Unsere Filmkritiker Katrin Doerksen (kdo) und Thomas Groh (thg) sind live vor Ort und berichten in Tagebüchern vom Festivalgeschehen. Wie in kaum einem Jahrgang zuvor ist die Berlinale in diesem Jahr von Personalien, Skandalen und Aufregern überschattet – ob es nun um die unrühmliche Demontage des künstlerischen Leiters Carlo Chatrian ging, um die dubiose „Strike Germany“-Kampagne, in deren Zuge einige Künstler ihre Arbeiten aus dem Programm abzogen, oder die Ungeschicktheit des Festivals im Zusammenhang der AfD-Affäre. Und wie es überhaupt weitergehen soll mit dem Publikumsfestival unter den internationalen A-Festivals wird auch schon wieder diskutiert. 

Die eigentlichen Stars des Festivals bekommen dabei am wenigsten Aufmerksamkeit: die Filme. Und auch wenn man bestens darüber streiten kann, in welche Richtung dieser riesige Apparat namens Berlinale in Zukunft gehen soll, steht eine Sache fest: Auch unter den knapp 200 (von einstmals irgendwo um die 350) Filmen des Festivals gibt es immer noch genügend Entdeckungen und Großartigkeiten, dass man sich ein schönes, aufregendes Festival zusammenstellen kann, mögen notorische Meckerhanseln am Großen und Ganzen des Festivals (ja ohne weiteres auch: berechtigt) herumzumäkeln haben.

Bereits seit Mitte Januar zeigen die Nebensektionen des Festivals weite Teile ihres Programms in Vorab-Pressevorführungen. Unser Festivalteam war natürlich oft mit am Start – und liefert ihnen hier eine handverlesene Liste mit wärmsten Empfehlungen für den Kartenvorverkauf. 

Mögen die Spiele beginnen!

Giuseppe Quatriglio 1954, in: Il cassetto segreto, ITA, CHE 2024, Regie: Costanza Quatriglio – Berlinale Forum 2024 © Fondo Giuseppe Quatriglio

Il cassetto segreto (The Secret Drawer) von Costanza Quatriglio

Forum, 132 Minuten

Costanza Quatriglio vermacht den Nachlass ihres verstorbenen Vaters der zentralen Regionalbibliothek Siziliens: Bücher, Artikel, Notizen, Briefe, Fotos, Filme aus einem beinahe 80 Jahre währenden Journalistenleben. Giuseppe Quatriglio reiste als Korrespondent um die ganze Welt, interviewte Künstler, fotografierte Politiker, dokumentierte Naturkatastrophen und kehrte letzten Endes immer wieder in das Haus nach Palermo zurück, wo nun ein Heer aus Bibliothekaren und Archivaren versucht seiner Hinterlassenschaften Herr zu werden. Il cassetto segreto ist das Denkmal einer Tochter für ihren bewunderten Vater, aber auch ein Stück europäische Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts sowie eine Liebeserklärung an all jene, die unermüdlich daran arbeiten Geschichte zu konservieren, systematisieren, lebendig zu halten. (kdo)

Henry Fonda for President, AUT, DEU 2024, Regie: Alexander Horwath – Berlinale Forum 2024 © Mischief Films/Medea Film Factory/Michael Palm

Henry Fonda For President von Alexander Horwath

Forum, 184 Minuten

Was, wenn bei den US-Präsidentschaftswahlen 1976 Henry Fonda angetreten wäre? Ausgehend von einer fixen Idee der Sitcom Maude, die Fonda damals in einer Episode zum Wunschkandidaten der Protagonistin deklarierte, zeichnet der ehemalige Direktor des Österreichischen Filmmuseums Alexander Horwath ein Porträt seines Lieblingsschauspielers, das von dessen aus Holland eingewanderten Vorfahren über seine legendären Filmrollen Verbindungslinien bis zum Irokesenschnitt des Taxi Drivers und den Reden Ronald Reagans zieht. Henry Fonda For President wird dabei selbst zum Argument für die Form des filmischen Essays. In rein schriftlicher Form wäre seine Argumentation manchmal wohl schwer nachzuvollziehen. Aber in dem Moment, in dem man selbst noch einmal Fondas entschlossenen Gang in Früchte des Zorns auf der großen Leinwand sieht, die schockierend babyblauen Augen als Bösewicht bei Leone, den Schweiß auf seiner Stirn in Fail Safe, geht man jeden von Horwaths Gedankengängen mit. (kdo)

Birgit Minichmayr in: Mit einem Tiger schlafen, AUT 2024, Regie: Anja Salomonowitz – Berlinale Forum 2024 © coop99 Filmproduktion

Mit einem Tiger schlafen von Anja Salomonowitz

Forum, 107 Minuten

Maria Lassnig muss eine schwierige Person gewesen sein – und das Letzte, was dieses Biopic über die österreichische Malerin will, ist, diesen Eindruck glattzuschleifen. Trotzdem betrachtet es sie mit Zärtlichkeit und Feingefühl. Birgit Minichmayr spielt Lassnig in den verschiedensten Phasen ihres Lebens, ohne dass dabei viel Energie auf ihre Maske oder auch nur die realistische Darstellung verschiedener historischer Epochen verschwendet würde. Das Ergebnis ist eine Art Verfremdungseffekt, unterfüttert noch von magisch-realistischen Einsprengseln, die unter anderem Ameisen und Tiger zu ihren Verbündeten in einer männerdominierten Welt machen. Kurz: Mit einem Tiger schlafen verhält sich zur gängigen Biopic-Formel wie Maria Lassnig selbst zur Schickimicki-Kunstszene. (kdo)

Para in: Gokogu no Neko | The Cats of Gokogu Shrine, JPN 2024, Regie: Kazuhiro Soda – Berlinale Forum 2024 © Laboratory X, Inc.

Gokogu no Neko (The Cats of Gokogu Shrine) von Kazuhiro Soda

Forum, 119 Minuten

Der japanische Dokumentarfilmemacher Kazuhiro Soda hat einen Grundsatz: Nichts auf der Welt ist langweilig. Unter diesem Motto hat er bereits die Austernfarm in seinem Heimatdorf Ushimado an der japanischen Inlandsee porträtiert, einen observational film über die Überalterung seiner Nachbarschaft gedreht und widmet sich nun den wilden Katzen, die den örtlichen Shinto-Schrein bevölkern. Das ist einerseits genau der zweistündige cat content, den man sich von einem Film mit Katzen im Titel erhofft. Andererseits versteht es Soda, seine zurückhaltende Beobachterposition stets genau im richtigen Moment zu verlassen, um den Menschen ihre Geschichten zu entlocken: Freiwillige, die sich mit den Katzen zugleich um ihre eigene mentale Gesundheit kümmern, Schulkinder auf Wandertag, Rentner, die schon zu Kriegszeiten zu diesem Schrein kamen. Am Ende von The Cats of Gokogu Shrine bleibt ein warmes, optimistisches Gefühl – für alle Spezies gleichermaßen. (kdo)

Der unsichtbare Zoo, DEU 2024, Regie: Romuald Karmakar – Berlinale Forum 2024
© Pantera Film GmbH

Der unsichtbare Zoo von Romuald Karmakar

Forum, 178 Minuten

Der Zürcher Zoo gilt als einer der besten der Welt. Aber wie funktioniert so eine gigantische Maschinerie? Welche Apparatur muss laufen, dass man rumgammelnden Affen beim Rumgammeln beobachten kann? Und wie wird aus dem Zoo klassischen Zuschnitts jener „unsichtbare Zoo“, der er werden will: eine Art perfekte Simulation der natürlichen Lebensumstände der Tiere? Romuald Karmakar folgt solchen Fragen in seinem Essayfilm mit neugierig-distanziertem Blick: Anders als The Cats of Gokogu Shrine (s.o.) bleibt seine Kamera am Geschehen (zumindest weitgehend) unbeteiligt, kadriert und strukturiert dafür aber umso mehr, wenn er Bilder lange hält und Zeit und Arbeitsabläufe als solche dokumentiert. Karmakar schont sein Publikum nicht (ein Zebra muss aus tragischen Gründen getötet und ausgeweidet werden), zeigt aber auch leisen Humor. Ein Film für Neugierige, die ihren Blick in Bildern gerne schweifen lassen. Ein Film, den man in der ersten Reihe des Kinos sehen muss, weil er davon gewinnt, wenn man seinen Kopf beim Erkunden der Bilder bewegen muss. (thg)

Josef Hader, Birgit Minichmayr in : Andrea lässt sich scheiden, AUT 2024, Regie: Josef Hader – Berlinale Panorama 2024 © wega film

Andrea lässt sich scheiden von Josef Hader

Panorama, 93 Minuten

Ich bin ganz ehrlich: Ich liebe Josef Hader – aber sein Regie-Debüt Wilde Maus von 2017, damals unnötig in den Konkurrenzdruck des Berlinale-Wettbewerbs gehoben, kam über den Status eines ersten Gehversuchs für mich nicht hinaus. Um wieviel gereifter und souveräner ist da nun die Tragikomödie Andrea lässt sich scheiden. Es ist neben Mit einem Tiger schlafen (s.o.) die zweite Hauptrolle für die wunderbare Birgit Minichmayr in diesem Festival. Sie spielt die österreichische Provinz-Polizistin Andrea, die sich aus nichts als besten Gründen von ihrem Ehemann scheiden würde, wenn sie diesen nicht unter denkbar ungünstigen Bedingungen zu Tode gefahren hätte. Dass sie Fahrerflucht begeht, macht die Sache nicht besser. Wie umgehen mit der Schuld? Wie umgehen damit, dass die Sache auch noch einem Kleinstadtlehrer (mit souveränem Timing von Hader selbst gespielt) in die Schuhe geschoben und dieser wieder seinem eben erst überwundenen Alkoholismus anheim fällt? Hader erzählt auf gut österreichisch: präzise in den filmischen Mitteln, hart in der Konstruktion der Bredouillen – aber mit unendlich viel Liebe zu seinen Figuren, die gefangen sind in einer Welt, an der man nur verzweifeln kann. Ein Kinderchor zu Beginn singt ein Loblied auf die Heimat. Nichts läge Hader ferner, als in diesen Chor miteinzustimmen. (thg)

Mišel Matičević in: Verbrannte Erde, DEU 2024, Regie: Thomas Arslan – Berlinale Panorama 2024 © still: Reinhold Vorschneider / Schramm Film

Verbrannte Erde von Thomas Arslan

Panorama, 101 Minute

Um 2010 wendete sich die sogenannte „Berliner Schule“ dem Genrefilm zu. Den überzeugendsten Entwurf legte Thomas Arslan mit Im Schatten vor, eine aufs Allerwesentlichste skelettierte, dabei hochkonzentrierte Miniatur: Ein Profi (Trojan, gespielt von Mišel Matičević) kommt aus dem Bau, will seinen Anteil, sucht sich das nächste Ding, plant es, zieht es durch – und landet prompt in einer Schlangengrube aus Intrigen und Verrat. Kein Gramm Fett trägt dieser Film auf seinen Rippen, dazu der wabernde Ambient von Geir Jenssen und Berlin als einziger Nicht-Ort, den sich das Kapital längst einverleibt, verdaut und wieder ausgespien hat: ein kalter, fokussierter Thriller – in seiner Aussparung von jeglichem Exzess und spielerischem Überschuss vielleicht auch so etwas wie eine Art Anti-Dominik-Graf-Film. Und nun, oh Freude, tatsächlich eine Fortsetzung: Trojan ist wieder da, in Wirklichkeit wie im Film sind 14 Jahre vergangen. Er wirkt ausgebrannt, resignativ. Die Welt ist eine andere geworden, Berlin ist eine andere Stadt geworden, mehr denn je: Late Capitalism Noir. Vor den Insignien eines sich verpanzerten Kapitalismus prügeln sich die Elenden um die letzten Kröten – starkes Bild! Im Mittelpunkt diesmal: ein Kunstraub. Aber eigentlich geht es erneut nur um eins: die Gier des Menschen und wie sie ihn zunichte macht (und vielleicht: Wie die Liebe ihn vor sich selber rettet). War Im Schatten schon großartig, wirkt er nun wie ein Versprechen – und Verbrannte Erde wie dessen Einlösung. Essenziell! (thg)

Hokuto Matsumura, Mone Kamishiraishi in: Yoake no subete | All the Long Nights, JPN 2024, Regie: Shô Miyake – Forum 2024 © Maiko Seo/2024 All the Long Nights Film Partners

All the Long Nights von Shô Miyake

Forum, 119 Minuten

Ein flüchtiger, milder Film aus nichts als Alltag. Und dann doch wieder nicht: Zwei Menschen umkreisen einander, beide mit ausgeprägten Macken. Niedlich-skurril ist dabei nichts, die Sonderbarkeiten verlaufen sich im Beiläufigen, nicht im demonstrativ Ausgestellten. Zwei Menschen mit Macken also, die einander und ihre Macken kennenlernen und sich gegenseitig stützen, mal im Größeren, mal mit kleinen Gesten. Eher aus Respekt denn aus romantischer Zuneigung. Kino als Ruheoase – kein Aktualitätendruck, kein Zwang zur Positionierung, keine Filmkunst-Akrobatik. Aber: Jede Menge sonniger Farben und angenehme Unschärfe – gedreht wurde auf analogem Filmmaterial. Und die Flüchtigkeit dieses Films spiegelt sich im flüchtigen Eindruck dessen, wie Kino einmal ausgesehen hat, wie selbstverständlich es uns war – und was wir an Schönheit durch den Digitaltriumpf verloren haben. (thg)

Republic, SGP, CHN 2023, Regie: Jin Jiang – Berlinale Forum 2024 © Levo Films & Jin Jiang

Republic von Jiang Jin

Forum, 107 Minuten

In Eryangs kleiner Bude falten sich Raum und Zeit auf: Im Grunde ist das ein kleiner Bretterverhau mit einem Hochbett – aber in ihm befindet sich eine ganze Welt. Fast die ganze Laufzeit dieses Dokumentarfilms befinden wir uns in diesem in irgendeiner chinesischen Großstadt gelegenen, wild ausstaffierten Zimmer – mitunter fragt man sich, wie man hier noch einen Kameramenschen untergebracht hat: Wir bewegen uns hier auf vielleicht vier Quadratmetern, wenn es hochkommt – und keine Einstellung ist langweilig. Leute kommen, reden, philosophieren, kiffen, kochen, essen, machen Musik. Das Brett vor Eryangs Zimmer steht allen offen. Eryang selbst? Ist ein chinesischer Slacker, Musiker, Philosoph mit teils himmelschreiend naiven, teils kruden Ansichten, aber einem Herzen aus Gold. Auf engstem Raum versammelt er die Popkultur des Westens, die Politik Chinas in seinem Zimmer.  Ein Computer ist sein Tor zur Welt, sein Tor zur Musik. Eryang ist vielleicht ein Prototyp des chinesischen Hippies: Zu faul, um zur Arbeit zu gehen, aber ein großer Fan der Schriften von Xi Jinping, stets auf der Suche nach der kosmischsten der kosmischen Erkenntnisse. Und ein Meister darin, wie man per App Kredite einholt, um andere Kredite zu tilgen. Den Rest erledigen die Eltern. Eine faszinierende Miniatur, ein roher Splitter Wirklichkeit aus einer uns oft unzugänglichen Welt. (thg)

Deda-Shvili an rame ar aris arasodes bolomde bneli | Mother and Daughter, or the Night Is Never Complete, GEO, FRA 2023, Regie: Lana Gogoberidze – Berlinale Forum 2024 © 3003 Film Production

Mother and Daughter, or the Night Is Never Complete von Lana Gogoberidze

Forum Special, 89 Minuten

Lana Gogoberidze, geboren 1928, zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen des georgischen Autorenkinos. Ihre Mutter Nutsa Gogoberidze hob damals den georgischen Film quasi aus der Taufe. Mit diesem Essayfilm begibt sie sich auf die Spurensuche nach ihrer Mutter, ihrer Kunst, ihrer Rolle in der georgischen Geschichte. Es geht um Material, verschüttete Geschichte(n) – und um die Repressalien, die die Mutter unter Stalins „großem Terror“ zu erdulden hatte. Eine Filmgeschichtserkundung in Wehmut, mit teils atemberaubendem Filmmaterial – und im trauernden Gedenken an die Versprechen des 20. Jahrhunderts (Kultur, Zivilisation, Europa) und deren brutaler Niederschlagung unter den Diktaturen. (thg)

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